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Niemand

von Auriel181
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Bofur Fili Gandalf Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
03.11.2020
22.04.2021
34
108.696
22
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08.04.2021 2.271
 
Dieses Mal ging Niemand so weit, dass sie sich sicher sein konnte, dass sie keiner fand. Sie wollte keinen von ihnen sehen. Sie alle hatten sie und ihre Gemeinschaft verraten. Als die Zwerge Thorins Ratschluss akzeptiert hatten, seine Taten hingenommen hatten obwohl sie wussten, wie falsch und grausam diese Taten waren, hatten sie etwas zerbrochen. Das Band, das die Gruppe einst zusammengehalten hatte, war dünn geworden in den letzten Tagen. Und nun war es endgültig zerbrochen.

Niemand suchte sich eine kleine Kammer, ganz am hinteren Ende des Königreiches. In ihr befanden sich nur ein Bett und eine kleine Truhe. Keine Sessel, keine Tische, keinerlei Schmuck an den Wänden oder am Fußboden. Durch einen kleinen Schacht in der Decke fiel genügend Licht, um die Kammer spärlich zu beleuchten. Niemand hatte aus ihren früheren Fehlern gelernt und schüttelte die Decke und den Polster sowie die Matratze erst einmal ordentlich aus, bevor sie sich in das schmale Bett legte.

Am Anfang versuchte sie sich mit der Frage zu beschäftigen, wem diese Kammer wohl einst gehört haben mochte. Einem Diener vielleicht oder sie war als Raum für niedere Gäste gedacht gewesen. Doch diese Fragen konnten sie nur kurz beschäftigen. Zu bald schon wanderten ihre Gedanken wieder zurück zu ihren Freunden und was sie wohl gerade taten. Die Zwergin machte sich keinerlei Illusionen darüber, was ihre Taten vollbracht hatten. Die Zwerge würden Thorin weiterhin blind folgen, wenn nötig bis in den Tod. Wobei der vielleicht früher kommen würde als geplant. Niemand hatte die Armee gesehen, die sich auf der Ebene befunden hatte. Wenn die Menschen und Elben nicht bekamen, was ihnen zustand, würden sie die Zwerge angreifen und zwar so lange, bis keiner von ihnen mehr am Leben war.

So endete nun also ihre Reise. Ausgezogen mit dem Ziel, den Berg zurückzuerobern fielen sie nun in einer Schlacht, die so einfach hätte vermieden werden können. Wenn nur Thorin nicht so stur wäre.

„Nein, nicht Thorin. König unter dem Berg. Thorin gut, König grausam. Thorin Zwerg, König Monster“, erinnerte sich Niemand leise selbst. Thorins Gesicht tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, Thorin wie er einst gewesen war, lachend am Feuer mit seinen Freunden sitzend. Dann das Gesicht des Königs unter dem Berge, hart und grausam.

Sein Bild wurde verdrängt von dem lächelnden Antlitz von Fili. Niemand vermisste ihren Gefährten schon jetzt. Schon eine Stunde von ihm getrennt zu sein, schmerzte mehr als es die Peitschenschläge der Goblins je hätten tun können.

Tränen formten sich in den Augen der jungen Zwergin, doch sie wischte sie nicht fort. Stattdessen öffnete sie ihre Mund und ließ die Worte, die sich in ihrem Herz geformt hatten, frei.

Es war ein Lied über die Vergänglichkeit. Sie sang darüber, wie schnell schöne Zeiten vergehen konnten und wie man erst erkannte, was man hatte, wenn es vorbei war. Sie sang von Verlust und Veränderung, vom Vermissen und vom Verlieren. Sie sang mit all der Trauer, die sich in ihrem Herzen befand und ihr Lied stieg hinauf, verteilte sich durch die Räume bis in die hintersten Winkel des Berges, bis es schien, dass der Berg selbst zu weinen begann. Tränen strömten der Zwergin nun frei über das Gesicht und fielen auf das Kissen unter ihrem Kopf, machten es feucht und schließlich nass. Sie sang so lange, bis sie keine Stimme mehr hatte und noch länger. Die Trauer in ihrem Herzen war nicht enden wollend und so war auch ihr Lied.

Ihr ganzes Klagelied handelte nur von einer einzigen Frage: Warum?



Irgendwann jedoch gingen Niemand die Worte aus. Sie hatte sie alle aufgebraucht. Es war nichts mehr in ihr, das sie noch hätte sagen können. Einsam und vollkommen allein lag Niemand in der leeren Kammer in dem kalten Bett, ihren Kopf auf das nasse Kissen gelegt und fühlte in ihrem Herzen, dass es vorbei war. Ihre Zeit mit den Zwergen war vorbei.

Ihre Gemeinschaft war zerbrochen, zerstört durch die Blindheit der Zwerge und die Bereitschaft, ihrem König bis in den Tod zu folgen, egal wie unnötig und falsch das war.

Thorin, der Zwerg, dem sie einst gefolgt war, der ihr seinen Mantel geschenkt hatte und ihr einen Platz in seinem Stamm gegeben hatte, war tot. Nichts hielt sie mehr hier.

Kurz blitzte ein Bild von Fili vor ihrem Auge auf, wie er sie angesehen hatten, als sie sich geliebt hatten. So voller Vertrauen in sie, in das Versprechen, dass sie immer bei ihm bleiben würde. Es zerriss ihr das Herz, ihr Versprechen nun brechen zu müssen, doch hatte er sein Versprechen nicht zuerst gebrochen? Er hatte sie verlassen, als auch er nichts getan hatte, um den Wahnsinn seines Onkels zu stoppen, obwohl er genauso wie sie wusste, dass es falsch war. Er hatte sie allein gelassen, als sie als einzige versucht hatte den Gefährten zu zeigen, welcher Wahnsinn sich Thorins bemächtigt hatte.

Niemand stand auf. Ihre Tränen waren getrocknet, ihr Blick klar, ihre Schritte entschlossen.

Immer einen Fuß vor den anderen setzend verließ sie erst die Kammer, dann die Hallen, dann die Gemeinschaft und ganz am Ende sich selbst. Sie ließ die Zwergin zurück und wurde zu Niemand, einem Wesen, das keinem außer sich selbst gehörte. Sie war jetzt Niemand, kein Zwerg, kein Elb, kein Mensch. Sie war niemand.



Sicheren Schrittes näherte sich Niemand der Mauer, die kalt und bedrohlich vor ihr aufragte. Es war noch hell, es konnten also nicht mehr als zwei, drei Stunden vergangen sein, seit sie ihre Gefährten verlassen hatten.

Die Zwerge sahen überrascht auf, als sie Niemand erblickten. Keiner suchte heute nach dem Arkenstein. Vielleicht hatte der König unter dem Berg die Suche aufgegeben, vielleicht hatten sie auch endlich eingesehen, wie sinnlos ihre Suche war. Niemand kümmerte es nicht.

Es kümmerten sie auch die Fragen, die Rufe nicht, die um sie ertönten, als sie die Stufen erklomm, die zur Mauer hinauf führten. Sie sah Gesichter vor sich auftauchen, sah braune Haare, schwarze Haare, graue Haare, rote Haare, blonde Haare… Doch Niemand kümmerte es nicht.

Oben angekommen sah sie eine Zeit lang auf die Ebene hinab, die nun frei war von Soldaten. Verlassen lag die Ebene da, verlassen wie sie.

Immer noch trug Niemand nur das dünne Kleid, das sie vor Ewigkeiten einmal bekommen hatte. Damals, als sie noch Teil einer Gemeinschaft gewesen war. Damals, als sie noch eine Zwergin gewesen war.

Hände griffen nach ihr, wollten sie von der Mauer fortziehen, doch Niemand schüttelte sie ab. Eine neue Kraft hatte von ihr Besitz ergriffen. Keiner wäre jetzt noch in der Lage sie aufzuhalten. Niemand sah sich um und entdeckte ein Seil, das an einen eisernen Ring geknotet worden war. Es schien lang genug zu sein. Wortlos trat sie auf das Seil zu und nahm es in die Hand. Die Rufe wurden nun lauter. Sie riefen ihren Namen, riefen die Zwergin, die sie einst gewesen war, doch Niemand kümmerte es nicht. Stumm ließ sie das Seil über die Mauer gleiten.

Einmal nur drehte sich Niemand um, sah in die Gesichter der Männer, die sie einst gekannt hatte. In den Gesichtern stand Unglauben, Trauer, Unverständnis, Schmerz. Und Tränen. Ihr Herz, das Herz der Zwergin, die sie einst gewesen war, war schwer, als sie in das Gesicht des Zwerges sah, den sie vor einer Ewigkeit geliebt hatte. Niemand senkte den Kopf. Sie legte das Herz der Zwergin ihm auf den Boden. Anschließend drehte sie sich wieder um, ergriff das Seil und begann, sicheren Schrittes die Mauer herabzusteigen.

Erneut erklangen Rufe, doch keiner folgte ihr. Vielleicht erkannten sie, dass die Zwergin verschwunden war, als hätte es sie nie gegeben. Es gab jetzt nur noch Niemand.

Und Niemand war allein.



Niemand ging nicht in die Stadt der Menschen und auch nicht in das Lager der Elben. Stattdessen ging sie, bis sie das Ufer des Sees erreicht hatte. Dort ließ sie sich auf dem Boden nieder, der immer noch mit dieser seltsamen weißen Masse bedeckt war, die sich kalt und feucht unter ihrer Haut anfühlte und dessen Name sie nicht wusste. Sie hatte nun keine Möglichkeit mehr zu erfahren, was das war und wie es hieß. Dieser Gedanke erfüllte sie mit Trauer, doch er zeigte ihr auch, wie ihr neues Leben nun aussah. Wie Niemands Leben aussah. Niemand war allein. Es lag nun an ihr, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie musste ihr Leben allein meistern, denn sie konnte sich nicht mehr auf andere verlassen.

Doch das kümmerte Niemand nicht. Niemand war stark, denn Niemand war allein.



Niemand wollte summen, um ihre Einsamkeit ein wenig zu lindern, doch Niemand konnte nicht summen. Niemand summte nicht, denn Niemand sprach nicht. Niemand hatte keine Worte.

Wortlos begann Niemand Stöcke zu sammeln, um ein Feuer in Gang zu bekommen. Das meiste Holz, das sie fand, war feucht und würde stark rauchen, doch das kümmerte sie nicht. Keiner würde kommen und sie suchen.

Unter einem Baum fand Niemand schließlich genug trockenes Holz, um ein Feuer zu entzünden. Als die Flammen stark genug waren, legte Niemand das feuchte Holz darauf, immer ein Stück nach dem anderen, damit die Flammen nicht erstickten. Als Niemand durstig wurde, trank sie etwas von dem eiskalten, aber klaren Wasser des Sees. Das Wasser füllte ihren Magen und vertrieb den Hunger. Irgendwann würde sie entweder jagen gehen müssen oder versuchen, Vorräte von den Menschen oder Elben zu besorgen. Sei es durch Bitten oder durch Stehlen.

Niemand ließ das Feuer den ganzen Tag über brennen und auch die ganze Nacht. Sie döste nur hin und wieder, denn sie wusste, wenn das Feuer erlosch, dann würde sie in ihrem dünnen Kleid erfrieren. Schon jetzt ergriff die Kälte ihre Hände und Füße, egal wie sehr sie sie auch aneinander rieb und an das Feuer hielt.

Als der erste Tag zu grauen begann, fiel Niemand in einen leichten Schlaf, unfähig, noch länger wach zu bleiben. Als sie wieder erwachte, war das Feuer fast erloschen und ihre Hände und Füße zu Eis gefroren. Hastig legte Niemand noch ein paar Holzscheite auf das Feuer, doch es war zu spät. Die kleinen Flammen erloschen, nur ein wenig Rauch stieg noch in den Himmel. Niemand fluchte, dann versuchte sie, mit zwei Steinen erneut das Feuer in Gang zu bekommen.

„Naur Nartha“ erklang eine tiefe Stimme neben ihr und ein Funken erschien, der auf die feuchten Holzstücke übersprang und sie zum Brennen brachte. Erleichtert hielt Niemand ihre vor Kälte schmerzenden Gliedmaßen an das Feuer. „Was tust du hier?“ fragte sie auf Orkisch, denn sie wusste, dass ihr Gegenüber sie verstand.

„Ich bin hier, weil ich die Menschen von Seestadt und die Elben aus dem Düsterwald warnen muss. Orkarmeen sind auf dem Vormarsch und werden in wenigen Tagen hier eintreffen. Wenn du allerdings meinst, was ich hier mache, nun dann. Meine Reise war lang und beschwerlich, ich sah das Feuer und wollte die Gelegenheit nutzen, mich aufzuwärmen, bevor ich den Elben und Menschen gegenüber trete.“

Er schwieg eine Weile und wärmte sich genauso wie Niemand am Feuer, dessen Flammen hoch und heiß loderten und die Kälte bald aus Niemands Knochen vertrieben hatten.

„Doch die Frage ist wohl eher: Was machst du hier?“

Niemand hatte diese Frage erwartet und so war sie nicht weiter überrascht. „Ich habe erkannt, dass ich nicht bin wie sie. Ich kann keinem Gefolgschaft leisten, der in seinem Wahnsinn die Wahrheit nicht sieht.“

„Thorin Eichenschild ist nicht mehr er selbst. Er weiß nicht mehr, was er tut“, kam die Antwort.

Niemand nickte. „Ich habe es versucht Gandalf, ein ums andere Mal. Ich habe es bei allen versucht, doch keiner wollte hören.“

„Thorin ist ihr König. Nie hat er sie fehlgeleitet. Es ist schwer, Fehler in jemandem zu sehen, der bisher keine hatte.“

„Sie wollen nicht sehen. Sie lassen sich blenden von dem Schein des Goldes. Sie alle kennen die Wahrheit. Sie wissen, dass Thorin nicht mehr er selbst ist. Doch sie folgen ihm trotzdem. Bis in den Tod.“

„Wenn keiner sieht, ist es dann nicht an uns, ihnen die Augen zu öffnen?“

Niemand schnaubte. „Ich habe es versucht. Tag um Tag habe ich es versucht. Doch ich habe versagt.“

„Du hast nicht versagt, Niemand. Deine Taten haben den ersten Funken entfacht. Du magst es vielleicht nicht sehen, doch es ist dieser Funken, der zu dem Feuer wird, das den Drachen verbrennt.“

„Du meinst den König unter dem Berge?“ fragte Niemand sarkastisch.

„Ich meine, was ich sagte. Es ist der Drache, der Thorin zu dem macht, was er nun ist. Schon sein Großvater war von ihm besessen. Es ist das Erbe seines Hauses. Thorin hat in seinem Herzen immer gewusst, dass dieses Erbe auch in ihm schlummert. Trotzdem hat er seine Pflicht erfüllt und ist ausgezogen, seine alte Heimat zurückzuerobern.“

„Und sie zu halten. Um jeden Preis.“

„Um jeden Preis“, stimmte der Zauberer ihr zu.

„Ich will nicht, dass sie sterben Gandalf. Keiner von ihnen. Sie sind meine Freunde.“

„Jeder von ihnen?“

„Jeder von ihnen.“

„Dann komme mit mir. Komm mit und hilf mir, diesen Krieg zu vermeiden. Wir müssen uns auf den wahren Feind konzentrieren.“

„Die Feindschaft zwischen Elben und Zwergen reicht tief. So tief, dass auch die Menschen in den Strudel des Hasses hineingezogen werden. Glaubst du wirklich, dass du den Lauf der Dinge verändern kannst? Dass du stark genug bist, sie den Hass vergessen zu lassen?“

„Ich glaube, dass selbst der kleinste Stein dazu in der Lage ist, einen Berg zum Einsturz zu bringen. Er muss es nur wollen.“

„Du sprichst in Rätseln, alter Mann.“

„Du wirst es verstehen, wenn die Zeit reif ist“, sprach der Zauberer schlicht.

Niemand seufzte schwer. In ihrem Herzen hatte sie sich schon entschieden, noch bevor Gandalf den ersten Satz gesagt hatte. Doch es war für ihren Geist schwierig anzunehmen, was ihr Herz schon längst wusste.

„Dann führe den Weg, Gandalf. Ich werde dir folgen.“
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