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Niemand

von Auriel181
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Bofur Fili Gandalf Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
03.11.2020
17.05.2021
41
138.453
22
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Dieses Kapitel
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05.04.2021 3.645
 
Im Folgenden fettgeschriebene Zitate sind der Filmreihe Der Hobbit- Die Schlacht der fünf Heere, Jackson Peter. Warner. Bro. Pictures. Neuseeland 2014 entnommen.



Als Niemand am nächsten Tag die Augen aufschlug, war sie allein in dem großen Himmelbett. Schlaftrunken langte sie an die Seite, wo ein Teil von ihr erwartete Fili vorzufinden, doch alles was sie fand war eine kalte, leere Stelle. Verwundert öffnete Niemand die Augen einen Spalt, um zu sehen, ob er vielleicht einfach weiter weg lag, aber sie war in dem Bett vollkommen allein. Als sie sich aufsetzte und die Augen rieb, fand sie heraus, dass er auch nicht im Raum war. Gähnend setzte sich Niemand nun vollkommen gerade hin, wobei ein scharfer Schmerz ihren Unterleib durchfuhr. Niemand stöhnte leise auf und legte ihre Hand auf ihren Unterleib. Als sie ihre Beine bewegte, konnte sie eine klebrige Flüssigkeit fühlen, die an ihren Unterschenkeln klebte. Die Zwergin erschrak. Blutete sie etwa? Hatte sie sich irgendwie verletzt in der Nacht ohne dass sie es bemerkt hatte? Besorgt schlug Niemand die Decke zurück, um ihren Körper genauer zu untersuchen, doch zu ihrer Erleichterung befand sich nur ein sehr kleiner Blutfleck auf dem gräulichen Laken unter ihr und auch ihre Beine waren nicht blutig. Die klebrige Flüssigkeit stellte sich als eine milchige Substanz heraus, die an ihren Beinen klebte.

Mit diesem Anblick kamen die Erinnerungen an die vorige Nacht zurück und was zwischen ihr und Fili vorgefallen war. Die Zwergin ließ sich rückwärts auf das Bett fallen und schloss die Augen. Zufrieden summend ließ sie noch einmal jeden einzelnen Moment vor ihrem geistigen Auge Revue passieren. Von dem Moment an, wo sie die Kammer betreten hatten bis hin zu der Minute, wie sie in seinen Armen eingeschlafen war. Ein Schauer durchfuhr Niemands Körper, als sie an das überwältigende Gefühl dachte, das sie durchströmt hatte, als er in sie eingedrungen war. In diesem Moment waren sie verbunden gewesen, so richtig verbunden.

Die Zwergin öffnete ein Auge, als sie die Tür quietschen hörte. Jemand trat ein. Niemand stützte sich auf den Ellbogen ab, um ihren Besucher zu sehen und war nicht weiter überrascht, als sie Fili vor sich stehen sah, in der Hand einen Wasserschlauch, eine Scheibe Brot und etwas Trockenfleisch. In der anderen hielt er eines ihrer neuen Kleider, blau dieses Mal. Er lächelte, als er sah, dass sie wach war. „Guten Morgen“, murmelte er sanft, als er sich zu ihr auf das Bett setzte und die Sachen neben sie legte.

„Guten Morgen“, antwortete Niemand zufrieden.

„Wie geht es dir?“ fragte Fili und fuhr ihr mit seinen Fingern über das kurze braune Haar. Die Zwergin summte zufrieden, sie genoss seine Geste. „Sehr, sehr gut jetzt.“

„Kein Bedauern? Nichts, dass du bereust?“

Er musste es nicht aussprechen, Niemand wusste auch so, worauf er anspielte. Sie schüttelte den Kopf. „Nichts bereuen. Zu schön um zu bereuen.“ Fili lachte. Dann erst schien er zu bemerken, dass sie fast völlig nackt vor ihm lag. Als sie sich wieder auf das Bett hatte fallen lassen, war die Decke zur Seite gerutscht und Niemand hatte sie noch nicht wieder über ihren schlafwarmen Körper gezogen.

Der Zwerg räusperte sich, dann sah er demonstrativ zu dem blauen Kleid, das er ihr gebracht hatte. „Ich dachte mir, du willst vielleicht ein neues Kleid anziehen. Das alte ist sicher ganz verknittert.“

Niemand nickte, entzückt von seiner netten Geste. Sie sah zu ihrem Gefährten und als sie ihn vor sich sitzen sah, den Blick angestrengt von ihrem nackten Körper abgewandt, trat ein Funkeln in ihre Augen.

Sie seufzte schwer. „Du also wollen, dass ich mich ziehen an, weil du mich nicht so sehen wollen? Bei Nacht, dunkel, es ist schön aber bei Tag nein? Ich denn wirklich so hässlich?“ sprach sie mit einer derart leidenden Stimme, dass sich Fili erschrocken zu ihr umdrehte. „Niemand, nein, ich…!“ Doch dann sah er ihr Grinsen, das sie einfach nicht unterdrücken konnte und er verengte leicht die Augen. „Was veranlasst dich denn zu der Annahme, dass ich dich bei Tag nicht sehen will?“ meinte er gefährlich leise.

„Du wollen, ich ziehen Kleid an. Also dann ich ziehen Kleid an“, antwortete Niemand dramatisch, dann machte sie Anstalten, nach dem Kleid zu greifen, das zwischen ihr und Fili auf dem Bett lag. Doch der Zwerg war schneller. Mit einer raschen Geste hatte er das Kleidungsstück genommen und es außerhalb ihrer Reichweite auf das Bett geworfen. Dann kletterte er auf das Bett, so dass sich sein Körper nun knapp über ihrem befand. Niemand erkannte, dass es einen ganz anderen Reiz hatte, sich bei Tag so nahe zu sein, wie sie es gestern Abend gewesen waren. Sie konnte nun jedes Gefühl in seinen Augen sehen, jede Bewegung seiner Muskeln unter dem blauen Hemd, das er trug, sehen.

„Wenn ich recht so darüber nachdenke, dann finde ich, dass du mir ohne Kleider doch besser gefällst“, grinste er, dann drückte er seine Gefährtin einen Kuss auf den Mund.



PG18


Niemand wollte nach ihm greifen, wollte sein Gesicht näher zu sich ziehen, aber er ergriff nur ihre Handgelenke und hielt sie über ihrem Kopf mit einer Hand fest. Obwohl Niemand ihren ganzen Körper anspannte und alle Muskeln einsetzte, schien es für ihn ein leichtes zu sein, ihre Hände festzuhalten. Mit dem Zeigefinger seiner freien Hand wackelte er einmal vor ihrem Gesicht herum. „Nein, dieses Mal nicht. Dieses Mal hilft dir deine Sturheit nicht, dieses Mal spielen wir nach meinen Regeln.“

Die Zwergin gab einen protestierenden Laut von sich, gleichzeitig aber durchfuhr ein Schauer ihren Körper und ihre Augen begannen zu funkeln.

„Das nicht sein gerecht“, warf Niemand Fili vor, doch der Zwerg zuckte nur mit den Schultern, dann lachte er erneut. „Das Leben ist nicht immer gerecht, hat dir das noch keiner gesagt?“ Dann beugte er sich hinab und küsste sie, hart und fordernd auf den Mund. Ein Feuer entstand in Niemands Bauch, das angeheizt wurde, als er begann, sich küssen und streichelnd einen Weg von ihrem Gesicht bis zu ihrem Oberkörper zu bahnen. Er verharrte lange Zeit dort, brachte Niemand mit seinen Berührungen an den Rand des Wahnsinns, bevor er noch ein wenig weiter hinunter wanderte. Er drückte einen Kuss auf ihren Bauch, dann kam er wieder zu ihrem Gesicht. Das Gesicht der Zwergin war gerötet, ihre Augen geschlossen. Sie biss sich auf die Unterlippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Fili legte eine Hand an ihre Wange, so dass sie die Augen öffnete und ihn ansah. Ihre Augen waren dunkel und verhangen, ihre Stimme heiser.

„Was willst du, Niemand?“ fragte er leise, die Antwort erahnend.

„Dass du mich berühren. Wie gestern.“ Erneut lachte Fili, ein leises Lachen, voller Erwartung und Verlangen.

„Da ist aber jemand ganz schön ungeduldig“, neckte er die junge Zwergin, deren Gesicht in den letzten Wochen eine gesunde, rosa Farbe angenommen hatte. Es erinnerte kaum mehr etwas an die Sklavin von einst. Ihre Haut war nicht mehr bleich und ihre Haare begannen langsam nachzuwachsen. Wäre da nicht ihr Sklavenhalsband gewesen, hätte man sie für einen ganz normalen Zwerg halten können. Kurz fragte sich Fili, warum sie sich nicht schon längst um das Halsband gekümmert hatten. Er würde heute dafür sorgen, dass es entfernt wurde. Es gab hier genug Werkzeug mit dem es ein Leichtes sein würde, den Metallring zu durchbrechen und sie für immer von diesem letzten Zeichen ihrer Versklavung zu befreien.

Doch für den Moment gab es wichtigeres. Wie zum Beispiel diese wunderschöne Zwergin in seinen Armen, die ihn aus verhangenen Augen ansah, schon gefährlich nah an der Klippe nur durch die Berührung seiner Lippen auf ihrer Haut. Fili lächelte, dann ließ er ihre Handgelenke los, um sich seines Hemdes und seiner Hosen zu entledigen. Niemand nutzte die so gewonnene Freiheit augenblicklich und vergrub ihre Hände in seinen langen blonden Haaren. Ihr ganzer Körper spannte sich an und drückte sich ihm entgegen, als er erneut in sie eindrang. Es brannte immer noch ein wenig, doch der Schmerz war bei weitem nicht so schlimm wie er gestern Abend gewesen war.

Fili gab ihr kurz Zeit, sich an dieses neue und doch schon vertraute Gefühl zu gewöhnen, dann begann er sich langsam zu bewegen. Niemand schloss die Augen und summte zufrieden, als sie ihren Körper seinem Rhythmus anpasste. Sie fuhr mit ihren Händen von seinem Haar über seinen Rücken bis zu seiner Brust. Sie fuhr durch die Haare, die ihm dort wuchsen, dann legte sie ihre Hände auf seine Hüfte, wo er und sie verbunden waren. Sie murmelte seinen Namen, als die Hitze in ihr immer größer zu werden begann. Als die Hitze explodierte und Niemand vollkommen einnahm, öffnete sie die Augen und sah ihren Gefährten an, ihr Blick voller Vertrauen und Verlangen. Dann hob sie ihren Kopf ein wenig und zog den Zwerg in einen tiefen Kuss, an dessen Höhepunkt er ihren Namen stöhnte und seine Hüfte noch ein letztes Mal an sie presste. Dann fiel sein Körper kraftlos hinab und er konnte sich gerade noch von ihr herunterrollen, so dass er nicht mit voller Wucht auf ihr landete.

Beide Zwerge atmeten schwer, ihre Körper summend vor Gefühlen. „Schöne Art, aufzuwachen“, grinste Niemand. Fili konnte nur zustimmend nicken. Er hatte nicht die Energie, um zu sprechen.

PG18 ENDE




Als sie sich beide etwas erholt hatten, nahm sich Niemand endlich das karge Frühstück. Durstig trank sie beinahe den gesamten Wasserschlauch leer, dann aß sie erst das Brot, bevor sie sich dem Fleisch widmete. Fili, der sich in der Zwischenzeit wieder angezogen hatte, sah ihr beim Essen zu. „Es ist leider nicht besonders viel. Aber unsere Vorräte gehen zur Neige und solange sich die Situation mit den Seestädtern nicht geklärt hat, wird sich unsere Situation nicht ändern.“

„Mauer stehen, oder?“ fragte Niemand düster und knabberte ein wenig an dem Fleisch. Fili nickte, wobei er das Gesicht leicht verzog. „Ja. Und sie wird nicht fallen, solange die Seestädter vor unserer Tür leben und ihren Anteil verlangen.“

„Thorin dumm. Blind und dumm. Er großer Zwerg, freundlich, stark aber hier einfach nur dumm. Was er will machen, wenn es geben kein Essen mehr? Essen Gold?“

„Noch haben wir genug Vorräte und somit Zeit, uns einen Plan zu überlegen“, beruhigte Fili die Zwergin. „Vielleicht sieht mein Onkel ja doch irgendwann ein, dass wir uns hier nicht ewig verstecken können.“

Niemand schnaubte nur, sagte aber nichts.

Rasch aß die Zwergin ihr Brot auf, dann zog sie das neue Kleid an. Es war weniger kompliziert zuzumachen als das grüne Kleid und sie schaffte es dieses Mal sogar allein, die Knöpfe und Bände zu schließen. Anders als das grüne Kleid reichte ihr das blaue Kleid bis fast zu den Knöcheln. Dafür war der Ausschnitt etwas großzügiger, was Niemand gefiel. Obwohl es in diesem Raum keinen Spiegel gab, drehte sie sich ein wenig im Kreis, um zu sehen, wie sich das Kleid elegant an ihren Körper schmiegte. Fili beobachtete seine Freundin lächelnd. Schließlich trat er zu ihr und zog sie in seine Arme. Er küsste Niemand sanft. „Jetzt bist du wahrlich eine Zwergin, Niemand. Keine Sklavin mehr.“ Vorsichtig berührte er den Metallreif an ihrem Hals. „Wir sollten dieses Ding endlich von deinem Hals herunterbekommen. Es soll nichts mehr an dein früheres Leben bei diesen Kreaturen erinnern.“

Niemand nickte stumm. Die meiste Zeit vergaß sie das Sklavenhalsband einfach. Sie trug es schon so lange, dass es beinahe schon ein Teil ihres Körpers geworden war, so wie ihre Hände oder ihre Füße. Manchmal spürte sie es noch, zum Beispiel wenn es regnete und das Metall unangenehm auf ihrer Haut kratzte, doch diese Momente waren rar und gingen rasch vorbei. Trotzdem kam bei seinen Worten in ihr eine starke Sehnsucht danach auf, endlich ein Leben ohne diesen Metallreif um ihren Hals zu führen. Endlich die Sklavin komplett hinter sich zu lassen und ihr neues Leben als Zwergin zu beginnen.

„Wir werden Dori fragen, ob er es kann. Ich weiß, dass er früher Juwelenschmied war. Er sollte in der Lage sein, das Band herunterzuschneiden. Werkzeuge gibt es hier sicher genug.“

Niemand summte zustimmend.



Dori stimmte sofort zu, als Niemand zu ihm kam und ihn fragte, ob er ihr helfen konnte, das Band um ihren Hals los zu schneiden. „Es sollte nicht allzu schwierig sein“, meinte der ältere Zwerg, dessen graue Haare in kunstvolle Zöpfe geflochten worden waren, die sich um seinen Kopf schlängelten. „Die Arbeiten von Goblins sind grob und nicht besonders stabil. Mit der richtigen Zange haben wir das Band bald von deinem Hals entfernt.“

Während sich der Rest der Gruppe daran machte, wieder mit der erfolglosen Suche nach dem Arkenstein zu beginnen, suchten Dori, Niemand und Fili in den verlassenen Schmiedehallen nach dem passenden Werkzeug. Vieles lag auf dem Boden verstreut, weggeworfen von flüchtenden Zwergen oder von der Wut Smaugs zerstört, doch an manchen Wänden hingen noch immer Hämmer, Meißel, Pickel und Zangen fein säuberlich aufgereiht, so als warteten sie nur auf ihre Herren, um erneut Stein und Juwelen bearbeiten zu können.

Dori wählte eine mittelgroße Zange mit scharfen Enden aus. Er ging einmal um Niemand herum, um die Stelle zu finden, an der das Band nachlässig zusammengeschmiedet worden war. Dort setzte er dann die Zange an. Ein kurzer Ruck, ein leises Quietschen, dann fiel das Band in zwei Teile geschnitten zu Boden.

Nicht wissend was sie fühlen sollte, starrte Niemand auf den Metallring herab, der so viele Jahre ihr Leben bestimmt hatte.

Das Symbol ihrer Gefangenschaft, ihres Lebens als Sklavin, zu einem Stück Metall geformt, das nutzlos zu ihren Füßen lag. Mit einem Tritt beförderte es Niemand weit entfernt in eine Ecke der Werkstatt, außerhalb ihrer Sichtweite. Die Zwergin berührte vorsichtig ihren Hals, berührte die vernarbte Haut, die sich wund anfühlte Es würde Zeit brauchen, bis ihre Haut heilte und sie würde wahrscheinlich immer Narben zurückbehalten, doch diese Narben wären nichts mehr als das: Narben. Eine Erinnerung an ihre Zeit als Sklavin. Sie würde diese Zeit, dieses Leben bei den Goblins nie ganz vergessen, aber das musste sie auch nicht, wie Niemand in diesem Moment erkannte. Sie musste nur damit leben. Diese Zeit war ein Teil ihres Lebens gewesen, aber es war nicht ihr Leben. Dies hier war ihr Leben, ihr Leben als Zwergin, als Teil der Zwerge vom Erebor. Ihr Sklavenhalsband war nur das letzte Stück gewesen, das sie von sich abgeworfen hatte wie ein altes Kleid, das nicht mehr passte.  Sie war aus dem Leben als Sklavin herausgewachsen, war größer geworden und auch stärker. Sie war nicht mehr Niemand, die Sklavin. Sie war Niemand, die Zwergin.

Niemand drehte sich zu Dori und verbeugte sich tief vor ihm. „Danke, dass du mir haben geholfen. War Zeit“, meinte sie schlicht. Der Zwerg errötete leicht. „Es war mir eine Freude, dir helfen zu können.“

Fili ergriff Niemands Hand und wollte etwas sagen, da ertönten Stiefelschritte vor der Kammer und kurz darauf erschien Kili vor dem Eingang zu der Werkstatt. Er wirkte gleichermaßen grimmig wie besorgt, als er seine Nachricht brachte. „Thorin will, dass alle zur Mauer kommen.“ Er erklärte nicht, warum oder was passiert war, sondern bedeutete seinen Gefährten schlicht mitzukommen. Als Niemand an ihm vorbei ging, ergriff Kili kurz ihr Handgelenk, dann beugte er sich zu ihr vor. „Er sagt, du sollst es tragen“, flüsterte er in ihr Ohr. Dann drehte er sich um und folgte seinem Bruder und Dori hin zur Mauer. Eine tiefe Sorgenfalte erschien auf Niemands Stirn. Was auch immer passiert war, es konnte nichts Gutes bedeuten.

Doch Niemand beschloss, Thorins Befehl nachzukommen. Bevor sie also zur Mauer ging, machte sie einen Abstecher in die Kammer, in der die Gemeinschaft und sie ihre Lager aufgeschlagen hatten. Sie fand ihren Mantel und in den Taschen ihre beiden Dolche und die Kette. Die Dolche ließ Niemand, wo sie waren, doch die Kette nahm sie heraus.

Erneut konnte Niemand nicht umhin, die Meisterhaftigkeit zu bewundern, mit der die Kette geformt worden war. Die Edelsteine schimmerten im Zwielicht der Kammer wie die Sterne selbst und als Niemand die Kette schließlich umlegte und befestigte, ergänzten sie ihren Ausschnitt perfekt. Niemand brauchte keinen Spiegel, um zu sehen, dass sie aussehen musste wie eine Königin, selbst mit dem eher einfach geschnittenen Kleid und den kurzen Haaren. Doch was war es, das Thorin mit ihrem Aussehen zu beweisen versuchte?

Es gab wohl nur einen einzigen Weg, das herauszufinden.

Als Niemand zur Mauer trat, waren alle ihre Freunde schon dort. Die Zwergin staunte darüber, wie hoch die Mauer geworden war. Die Zwerge mussten die ganze Nacht daran gearbeitet haben. Sie wirkte stabil und war tatsächlich uneinnehmbar. Sie hielt alle Feinde davon ab, den Berg zu betreten. Gleichzeitig hielt sie aber auch alle Zwerge davon ab, den Berg zu verlassen. Eine schmale Treppe führte hinauf auf die Spitze der Mauer. Langsam, da sie das Gehen in Kleidern immer noch nicht so recht gewohnt war, erklomm Niemand die Treppen.

Oben angekommen begab sie sich sofort an Filis Seite und ergriff kurz seine Hand, um sie zu drücken. Der Zwerg warf ihr ein knappes Lächeln zu. Seine Augen wurde groß, als er sah, was sie trug, doch er fing sich rasch und sah wieder auf die Ebene vor ihnen hinab. Niemand folgte seinem Blick und erstarrte.

Die ganze Ebene vor dem Berg war übersät mit Soldaten. Die meisten davon elbische Krieger in goldglänzenden Rüstungen, bewaffnet mit langen Schwertern und Bögen. Grimmig starrten sie geradeaus auf den Berg, scheinbar ohne die Zwerge zu bemerken.

Niemand entdeckte zwei Reiter, die vor dem versammelten Heer standen und ernst zu den Zwergen hinaufblickten. Einer davon war ein Mensch mit schwarzen Haaren, ein anderer ein Elb mit langen, weißblonden Haaren und einer Blätterkrone auf dem Kopf.

Bard und Thranduil“ schoss es Niemand durch den Kopf. „Die Anführer beider Völker.“



Es freut uns zu sehen, dass Ihr überlebt hat, Thorin Eichenschild. Wir fürchteten schon um Euer Leben, als der Drache den Berg verließ, um Feuer und Tod über Seestadt zu bringen.“ Niemand glaubte, einen Hauch von Bitterkeit in Bards Stimme zu erkennen, doch sein Blick blieb neutral.

Thranduils Blick hingegen war starr auf Niemand gerichtet oder vielmehr auf die Kette, die sie trug. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Mund wurde zu einer schmalen Linie. Erkenntnis dämmerte in Niemand auf und sie warf einen Seitenblick zu Thorin, dessen Fokus aber wiederum nur auf Bard lag.

Der Zwergenkönig hatte erwähnt, dass die Kette einst auf Bitten eines Königs angefertigt worden war, aber dass sein Großvater sie am Ende als zu wertvoll erachtet hatte, um sie auszuliefern. War etwa Thranduil dieser König gewesen? Hatte Thorin ihr aus diesem Grund befohlen die Kette zu tragen? Um Thranduil zu zeigen, was er nie haben konnte?

Wenn ja, dann war das ein grausamer Zug. Es gab schon genug böses Blut zwischen Elben und Zwergen, ohne dass der Anführer der Gemeinschaft die Flammen noch zusätzlich schürte.

Niemand wollte sich schon abwenden und die Mauer verlassen, doch ein harter Blick von Thorin hinderte sie daran. Er schüttelte leicht den Kopf, dann sah er wieder zu Bard. „Warum steht ihr hier vor meiner Tür?“ rief er hinab zu den beiden Männern.

Um zu holen, was uns versprochen wurde“, rief Bard zurück. Thorin überlegte kurz, dann nickte er. Mit einer Bewegung seines Kopfes bedeutete er Bard, näher zu kommen. Der König unter dem Berg verließ die Mauer und ging hinab bis zu einem kleinen Loch, das es ihm erlaubte mit Bard zu reden, der sich draußen befand. Sie sprachen zu leise, um sie verstehen zu können, doch der Tonfall ihrer Worte sagte Niemand bereits alles, was sie wissen musste. In einem Halbkreis standen die zwölf Zwerge und Bilbo hinter der Mauer und warteten ab, was geschehen würde. Anspannung stand auf den Gesichtern der Zwerge geschrieben, Trauer auf Bilbos und Ablehnung auf Niemands.

Bard stieß einen frustrierten Schrei aus und verschwand. Thorin drehte sich zu seinen Gefährten, die ihn erwartungsvoll ansahen. „Ich verhandle nicht mit Menschen, die glauben mit einer Armee in ihrem Rücken ihr angebliches Recht auf eine Belohnung durchsetzen zu müssen. An ein Versprechen, das ich nicht freiwillig gab, fühle ich mich nicht gebunden“, sprach der König unter dem Berge schlicht. Denn es war nicht mehr Thorin, der zu ihnen sprach. Thorin Eichenschild war verschwunden, hatte diesem Wesen Platz gemacht, halb Drache halb Zwerg, das sie lieber alle sterben lassen würde, als auch nur eine einzige Münze von seinem Schatz herzugeben.

Die Hoffnung, die gerade noch bei einigen Zwergen geherrscht hatte, verschwand aus den Gesichtern der Zwerge und machte einer grimmigen Akzeptanz Platz. Bilbo senkte traurig den Kopf, während seine Freunde schnaubten und leise miteinander zu diskutieren begannen. Kein einziger machte Anstalten, mit dem König unter dem Berg zu reden, um zu versuchen, ihm die Sinnlosigkeit seiner Taten begreifbar zu machen. Indem er das Angebot der Elben und Menschen ausschlug, hatte er sie alle zum Tode verdammt. Wie schon einmal, kurz nachdem sie den Goblins und den Wargen entkommen waren, sah er nicht, was seine Gefährten brauchten. Er sah nur sich und das Gold.

Und keiner tat etwas dagegen.

Mehr als alles andere schürte dies die Wut in Niemand. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und sie presste fest die Zähne aufeinander, als sie den Zwerg vor sich ansah, so stolz, so sicher, dass seine Taten richtig und gerechtfertigt waren, auch wenn es den Tod von ihnen allen bedeutete.

Noch bevor sie einer der übrigen Zwerge aufhalten konnte, trat Niemand einen Schritt vor, dass sie sich vor dem König unter dem Berge befand. Ohne ein Wort riss sie sich die Kette vom Hals und warf sie zu Boden. Klirrend zersprang das Schmuckstück. Die Edelsteine verteilten sich in alle Richtungen, kleine Funken Mondlichts, die langsam verblassten.

„Du nicht mehr Thorin. Thorin freundlich, Thorin gut. Du grausam. Du nur haben Gold. Wir sterben, doch das für dich nicht wichtig. Du kein König. Du ein Monster“, sprach Niemand und ihre Stimme war ruhig, doch kalt wie das Eis vom höchsten Gipfel des Berges. Dann spuckte sie vor Thorin auf den Boden, ehe sie sich umdrehte und wehenden Schrittes den Ort verließ, wo das Wesen, das einst Thorin Eichenschild gewesen war immer noch stand und ihr wortlos hinterher starrte.
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