Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Niemand

von Auriel181
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Bofur Fili Gandalf Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
03.11.2020
19.04.2021
33
100.982
21
Alle Kapitel
36 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
03.11.2020 1.141
 
Niemand erwachte, als sie an der Schulter gepackt und unsanft auf ihre Füße gezerrt wurde.

Noch ehe sie die Augen öffnete, wusste sie, wer da vor ihr stehen würde.

Und tatsächlich: Schon erklang die schnarrende, keifende Stimme Bhugas, die von ihr verlangte, ihr faules Hinterteil zu heben und dem Großork sein Frühstück zu bringen.

Niemand seufzte innerlich auf, doch tat sie rasch, wie ihr geheißen. Sie wusste, dass Schläge sonst unvermeidlich waren.

So viel hatte sie bereits gelernt, in ihrem kurzen, gefährlichen Leben inmitten der Goblins in Goblin-Stadt.

Sie richtete rasch ihren groben Kittel, der aus der Haut irgendeines Tieres gemacht worden war, dass die Jäger manchmal in den Bergen fanden, dann beeilte sie sich, nebenan in die Küchen zu kommen.

Sie hatte kein eigenes Quartier. Keiner der Sklaven hatte dies. Stattdessen wurde ihnen irgendein Fleck Boden in der Nähe ihrer Arbeitsstatt zugewiesen, wo sie die wenigen Stunden Schlaf verbringen konnten, die sie bekamen.

Niemand beschwerte sich nicht. So war das nun einmal das Leben.

Die Goblins herrschten und die Sklaven dienten.

In der Küche bekam sie von einem schlecht gelaunt aussehenden Goblin ein Tablett mit halb vergammeltem Fleisch und einem Becher Ork-Bier gereicht, die Leibspeise des Großorks.

Sie nahm das Tablett entgegen, ohne den Blick zu heben. Goblins mochten es nicht, wenn Sklaven ihnen in die Augen sahen. Oder besser gesagt, auf sie herab sahen.

Niemand war immer schon ein wenig größer als die meisten Goblins gewesen und auch stärker gebaut. Ihre Herren mochten das nicht, was sie auch immer wieder deutlich zu spüren bekam.

Schläge, Tritte und Schimpfworte waren bei ihr an der Tagesordnung.

Sobald sie das Tablett entgegengenommen hatte, wandte sie sich raschen Schrittes zum Quartier des Großorks. Dabei hielt sie den Blick züchtig gesenkt und achtete darauf, in niemanden hinein zu laufen.

Sie kannte den Weg beinahe auswendig, schließlich lief sie ihn seit mehreren Jahren. Die Brücken schwankten unter ihrem Gewicht, doch Niemand hatte schon lange gelernt, das Schwanken mit ihrem Körpergewicht auszubalancieren. Auf einer der Brücken das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen hatte schon so manchem Sklaven und auch einigen Goblins den Tod gebracht.

Beim Quartier des Großorks angekommen, wartete sie ergeben, bis die beiden Wachen ihre Ankunft gemeldet hatten.

Erst dann trat sie ein.

Sie fand den Großork aufrecht in seinem Bett sitzend vor. In der Hand hatte er seinen Knochenstab mit der scharfen Spitze. Er hatte die Augen geschlossen und summte ein schauriges Lied. Den Stab schwang er dabei wie einen Zeigestock. Niemand hielt respektvollen Abstand. Sie kannte die Schärfe des Stabes bereits zur Genüge. Narben auf ihrem ganzen Körper zeugten davon.

Es dauerte eine Weile bis der Großork sie bemerkte. Er öffnete ein Auge, dann grunzte er und bedeutete ihr, näher zu treten. Ohne Scheu trat sie näher, das Tablett in der Hand, die Augen starr auf den Boden gerichtet.

Sie spürte den Blick des Großorks auf ihrem Körper ruhen. Sie wusste, dass er trotz seiner Größe, die es ihm unmöglich machte, mit einem Sklaven zu verkehren, sie trotzdem anziehend fand.

Was genau es war, das er an Sklavenkörpern mochte, wusste sie nicht. Die Goblins hatten ihr und den anderen Sklaven oft genug zu Verstehen gegeben, wie abstoßend sie sie fanden.

Der Großork lachte hämisch, dann bedeutete er ihr, das Tablett vor ihm auf das überdimensionierte Bett zu stellen.

Er kannte Niemand gut. Schon seit Jahren war sie es, die ihm seine Mahlzeiten ans Bett brachte. Niemand sonst war stark genug, die riesige Menge Essen alleine zu tragen, die er jeden Tag verschlang.

Ihre Stärke war ein weiterer Grund, warum die anderen sie verabscheuten.

Sie stellte das Tablett an seinen Platz, dann trat Niemand einen Schritt zurück und wartete respektvoll, ob er sie entließ.

Doch heute ließ sich der Großork Zeit.

Schlingend und schnaufend verschlang er das halbverschimmelte Fleisch und spülte es mit einem großen Schluck Bier nach.

Als er fertig gegessen hatte, stieß er einen gigantischen Rülpser aus und lehnte sich zufrieden in seinem Bett zurück.

Ein Auge richtete sich wieder auf sie.

„Ich habe heute ein neues Lied komponiert“ informierte er die Sklavin.

Er hob erneut den Stock und hob erst zu summen, dann zu singen an. Es war ein Lied über die Heimat der Goblins und welche Grausamkeiten dort tagtäglich passierten.

Das Lied war schauerlich anzuhören und obwohl Niemand die Sprache der Goblins gewohnt war, musste sie dagegen ankämpfen, sich die Hände auf die Ohren zu pressen.

„Es ist sehr gelungen, eure Großhaftigkeit“ meinte sie schlicht und der Großork nickte zufrieden.

„Eine meiner besten Kompositionen“ Noch ehe er weitersprechen konnte, wurde auf einmal die Tür aufgestoßen.

Niemand konnte nicht verhindern, dass sie einen kurzen Blick auf den Goblin warf, der soeben eingetreten war. Es war Pash, eine der beiden Wachen vor der Türe.

Er verbeugte sich tief vor dem Großork. Als er den bösen Blick sah, mit dem der Großork ihn ansah, verbeugte er sich noch tiefer, so dass seine Nase beinahe den Boden berührte. „Verzeiht mir, mein Herrscher, dass ich Euch zu so einer unpassenden Zeit störe. Doch die Wachen melden, dass Eindringlinge an unserer Tür gefunden wurden.“

„EINDRINGLINGE?“ polterte der Großork sofort los und schwang seine massive Keule, der Pash nur knapp entging. Niemand blieb stumm in ihrer Ecke stehen, zu verängstigt, dass jemand auf sie aufmerksam werden würde.

„WER WAGT ES, IN UNSERE HEIMAT EINZUDRINGEN?“

„Wie es scheint, sind es Zwerge, Eure Großartigkeit“ meinte Pash und konnte ein leises Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken.

Von einer Sekunde auf die andere beruhigte sich der Großork. Ein merkwürdiger Ausdruck trat in sein Gesicht, eine Mischung aus Berechnung und hämischer Freude.

„Zwerge? Wie interessant...“ murmelte er leise vor sich hin. Dann schnippte er einmal mit den Fingern, woraufhin eine Schar kleiner Goblins unter seinem Bett hervor kroch und sich davor auf den Boden legte, so dass der Großork sie wie eine Stufe benutzen konnte, um aus seinem Bett aufzustehen.

„Dann wollen wir unsere Gäste einmal begrüßen“ spottete der Großork, nicht achtend auf das Quietschen und Kreischen der Goblins, die unter seinen massiven Füßen zermalmt wurden.

Niemand wagte es kaum zu atmen. Sie hoffte, dass die Goblins den Raum bald verließen, so dass sie unbemerkt in die Küche zurück schleichen konnte, wo sie den Tag damit verbringen würde, Töpfe zu schrubben und Fleisch zu zerkleinern.

Doch das Schicksal war ihr nicht gnädig. Als ob es das je gewesen wäre.

Gerade als der Großork das Zimmer verlassen wollten, drehte er den Kopf, so dass sein Blick durch Zufall auf Niemand fiel.

Ein spekulativer Ausdruck trat auf sein Gesicht, dann grinste er.

„Du da!“ Er zeigte mit seinen schwieligen Fingern auf die Sklavin, die sich nur durch ihre ganze Willenskraft dazu bringen konnte, nicht zu zittern. Niemand trat einen Schritt vor.

„Du kommst mit mir...“ grinste der Großork. Er befahl zwei der anwesenden Goblins, die Sklavin unsanft an den Armen zu packen und sie mit sich zu zerren.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast