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Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
17.04.2021
25
53.198
4
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Dieses Kapitel
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09.11.2020 1.870
 
Was war bloß los mit diesem Typen? Wieso bestand er so sehr darauf, ihm zu helfen?
Jonny war im Grunde von dem Augenblick an irritiert gewesen, in dem er aus dem Schlaf gerissen worden war, obwohl in den ersten Sekunden die Angst davor, von jemandem mit weitaus weniger freundlichen Absichten angegriffen zu werden, noch überwogen hatte.
Allerdings war ihm ziemlich schnell klargewesen, dass von diesem Kerl keine wirkliche Gefahr ausging, auch, wenn er natürlich trotzdem wachsam geblieben war, alles andere wäre leichtsinnig und dumm gewesen.
Mittlerweile allerdings war Jonny einfach nur noch verwirrt. Freundlichkeit war nicht grade etwas, womit er in den letzten Jahren seines Lebens viel Erfahrung gemacht hätte. Schon gar nicht, ohne dass die andere Person im Gegenzug irgendetwas erwartete - eine Gegenleistung, einen Preis, den er für ihre Unterstützung zu zahlen hatte, und eigentlich war das immer etwas gewesen, das Jonny absolut nicht gefallen hatte.
Bei diesem Typen jedoch schien das anders zu sein. Natürlich, so etwas war nach solch kurzer Zeit nicht mit Sicherheit zu sagen, und Jonny würde ganz sicher nicht den Fehler begehen, ihn möglicherweise zu unterschätzen und ihm zu vertrauen.
Nein, bestimmt nicht. Diesen Fehler würde er bestimmt kein zweites Mal in seinem Leben machen.
Und dennoch… der Gedanke daran, ins Warme zu kommen, raus aus dieser furchtbaren Kälte, die seinen Körper ertauben ließ und es ihm schwer machte, klar zu denken, war wirklich ausgesprochen verlockend.
„Du solltest nicht mal daran denken!“ Die Stimme war wieder da, noch schärfer und bissiger als vorhin, was nicht sonderlich verwunderlich war. Eigentlich war Jonny überrascht, dass sie sich erst jetzt meldete. Er unterdrückte ein Seufzen, zog die halb durchnässte Decke enger um sich, als würde ihm das irgendwie dabei helfen, nachzudenken, eine vernünftige Entscheidung zu treffen.
„Was gibt es da groß zu überlegen?“, blaffte die Stimme ihn an. Verdammt, manchmal hasste er ihre Anwesenheit wirklich abgrundtief.
War es denn wirklich so unvernünftig, darüber nachzudenken, das Angebot anzunehmen? Es ging schließlich nicht darum, spontan irgendwo einzuziehen oder dergleichen; dieser Typ - Robin, wie er sich vorgestellt hatte - bot ihm lediglich einen Ort an, an dem er sich etwas aufwärmen konnte. Wieder zu Kräften kommen. Das konnte doch nicht verkehrt sein, im Gegenteil. Viel mehr wäre es doch leichtsinnig, in von Regen vollgesogenen Klamotten und durchgefroren hier draußen zu bleiben und zu riskieren, sich eine Lungenentzündung einzufangen, oder zumindest eine Erkältung, um nicht gleich vom Schlimmsten auszugehen.
Eine Erkältung wäre schon problematisch genug, alles, was einen schwächte, war problematisch, konnte bedeuten, dass man nicht in der Lage war, sich zu verteidigen, schnell genug wegrennen zu können, oder anderweitig zu verhindern, dass man zum Opfer von Leuten wurde, die einem nicht grade wohlgesonnen waren. Man konnte sich Schwäche nicht leisten, wenn man hier draußen überleben wollte. Also, war es, logisch betrachtet, nicht die bessere Entscheidung, mit Robin mitzugehen als hier draußen eine Krankheit in Kauf zu nehmen?
So überzeugend Jonny selbst diese Schlussfolgerung auch fand, die Stimme schien anderer Meinung zu sein.
„Dann such dir irgendwo ein offenes Kellerfenster, oder eine Brücke unter der es trocken ist! Du wirst schon zurecht kommen, auch ohne Hilfe!“ Das Wort ‚Hilfe‘ klang bei ihr so, als handele es sich dabei um ein ganz besonders widerliches Insekt.
Jonny wusste, warum das Ding, das viel mehr war als ein bloßer Gedanke, der ihm ab und an in den Kopf kam, sich derart sträubte. Er wusste es, und er verstand es, und das war im Grunde auch das Komplizierte daran, denn es bedeutete, dass er es nicht einfach ruhigen Gewissens ignorieren und als Paranoia abstempeln konnte. Er konnte es nicht bloß beiseite schieben, denn es gab einen Grund dafür, dass es da war und derart auf ihn einredete, versuchte, ihn davor zu bewahren, einen Fehler zu begehen.
Aber wäre es denn wirklich ein Fehler?
Es war verwirrend, so gottverdammt verwirrend!
Am liebsten hätte Jonny geschrien. Nicht unbedingt, weil es ihm bei seiner Entscheidungsfindung geholfen hätte, aber zumindest hätte es wohl diesen Druck verringert den er empfand, und der ihm das Gefühl gab, keinen wirklich klaren Gedanken fassen zu können, weil sich alles irgendwie falsch anfühlte...
Mit einem Mal fühlte er sich unendlich erschöpft. Er war müde, er war erledigt, und der Gedanke daran, frierend eine weitere Nacht in einem zwar vielleicht trockenen, aber zugigem Gebäude oder unter einer Brücke zu verbringen, fühlte sich in diesem Augenblick vollkommen unerträglich an.
Nicht so. Nicht in diesen durchnässten Klamotten. Wer wusste schon, ob er in diesem Zustand morgen überhaupt wieder aufwachen würde...
„Du übertreibst schon wieder!“, knurrte die Stimme, aber Jonny hatte den Eindruck, dass sie nicht mehr so selbstsicher klang, wie es zuvor der Fall gewesen war. Und es war nicht übertrieben!
Die Temperaturen mochten noch nicht in der Nähe des Gefrierpunktes liegen, doch um zu erfrieren war das auch gar nicht nötig, wenn man dafür eben bis auf die Knochen durchnässt war.
Und selbst, wenn das nicht der Fall wäre... vollständig bei Kräften würde er unter diesen Umständen morgen wohl kaum sein.
Also hob Jonny nun den Blick, sah wieder zu Robin, der die ganze Zeit geduldig auf eine Antwort gewartet und geschwiegen hatte. Gab sich alle Mühe, seine Stimme ruhig und weiterhin distanziert klingen zu lassen, als er nach einer Zeitspanne, die er selbst nicht einzuschätzen vermochte, auf das Vorgangs bereitete Angebot erwiderte: „Okay, gut. Meinetwegen, ich komme mit.“
Er hatte seinen Satz noch nicht beendet gehabt, da hatte Robin bereits angefangen, leicht zu Lächeln. Es war kein spöttisches Lächeln, kein herablassendes, kein wusst-ichs-doch-dass-du-auf-meine-Hilfe-angewiesen-bist-Lächeln. Das war gut. Ein solches Lächeln hätte Jonny nur schwer ertragen können.
Robin wirkte einfach nur aufrichtig erfreut.
Was für ein seltsamer Typ, schoss es Jonny durch den Kopf, während er sich erhob, sich die Decke von den Schultern zog und sie zusammenfaltete. Die Stimme, nun wieder gewohnt überzeugt von dem, was sie von sich gab, pflichtete ihm bei: „In der Tat! Aber unterschätz ihn trotzdem nicht. Denk dran: Niemand wird ohne Grund nett zu einem heruntergekommenen Straßenjungen sein! Irgendetwas wird er sich schon davon versprechen, und du solltest zusehen, dass du schon verschwunden bist, wenn er es einfordern will!“
So bedrohlich diese Worte auch klangen - Jonny wusste, dass sie der Wahrheit entsprachen. Er hatte einmal den Fehler gemacht, zu glauben, jemand würde ihm vollkommen uneigennützig seine Hilfe anbieten nicht nur das, er hatte dieser Person vollkommen vertraut.
Und dafür hatte er bezahlt.
Nein, das würde ihm nicht noch einmal passieren, dazu brauchte er keine warnende Stimme, um sich darüber im Klaren zu sein.
Bloß eine Weile aufwärmen, das war alles. Vielleicht hätte er auch Gelegenheit, zumindest seinen Mantel ein wenig zu trocknen, aber weiter reichten seine Erwartungen an diese überraschende Einladung nicht.
„Fertig?“, fragte Robin schließlich, nachdem er dabei zugesehen hatte, wie Jonny seine Decken in seinem Rucksack verstaut und sich seinen Mantel übergezogen hatte. Letzteres war keine sonderlich gute Idee gewesen, hatte Jonny doch sofort das Gefühl, noch um einiges stärker zu frieren.
Er warf Robin einen kurzen Blick zu, nickte. Am besten auch nicht zu viel Konversation. Wenn man redete, war es schwieriger, distanziert zu bleiben.
„Okay.“ Robin war bereits im Begriff sich umzudrehen, hielt dann jedoch noch einmal inne. Musterte Jonny, so als wäre ihm grade noch etwas eingefallen, griff dann nach der Kapuze seiner Jacke und zog sie sich über den Kopf, hielt Jonny dann den Schirm hin, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. „Hier. Du solltest wirklich nicht noch nasser werden.“
Ein wenig perplex sah Jonny ihn an. Der Kerl irritierte ihn immer mehr. Unsicher griff er nach dem Schirm, ohne sich dabei sicher zu sein, ob er ihn überhaupt annehmen wollte, erstarrte dann in der Bewegung, zögerte. War es schon zu viel, dieses Angebot auch noch anzunehmen? Das war doch albern, es war bloß ein Regenschirm. Aber trotzdem...
Robin schien der Zwiespalt, der in Jonny herrschte, nicht entgangen zu sein. „Komm schon“, forderte er ihn auf und drückte ihm den Griff des Schirms in die noch immer ausgestreckte Hand. „Wie gesagt, es ist nicht weit bis zur Bar, und bis dahin reicht meine Jacke.“
„Ich...weiß nicht ob es noch einen Unterschied macht, ob ich noch nasser werde oder nicht...“ Verärgert registrierte Jonny, dass seine Stimme zitterte. Das war nicht wirklich verwunderlich, fand er diese ganze Situation doch reichlich überfordernd, aber trotzdem; dieser ihm völlig fremde Mann musste doch nicht mitbekommen, dass er verunsichert war! Es war nicht gut, wenn er das tat. Er könnte es ausnutzen, nein, er würde es ausnutzen, ganz bestimmt, würde versuchen, diese Unsicherheit noch zu verstärken und so zu verhindern, dass Jonny noch in der Lage war, klar zu denken, was ihm wiederum erlauben würde, Kontrolle auszuüben, und...
Da war sie wieder, diese verdammte Paranoia. Er hasste sie, hasste es, wie übertrieben panisch sie ihn wirken ließ, in welch unrealistisch-düsteren Ton sie seine Gedanken tauchte. Sie war weitaus mehr als bloße Vorsicht, ließ ihn stets das Schlimmste annehmen, und obgleich er selbst ein eher pessimistischer Mensch war, so war diese Art, die Dinge zu betrachten, schlicht fürchterlich anstrengend.
Die Person, die hier vor ihm stand und ihm grade ihren Regenschirm in die Hand gedrückt hatte, mochte ihm fremd sein, ja. Sie mochte seltsam sein, irritierend, komisch. Aber all das musste nicht bedeuten, dass sie wirklich irgendetwas Grausames mit ihm vorhatte.
„Nein, das muss es nicht!“ Wieder die Stimme. Als wäre die Paranoia alleine nicht schlimm genug. „Aber es könnte sein! Willst du wirklich den gleichen Fehler ein zweites Mal machen und mit einer fremden Person mitgehen, die dich zu sich einläd? Hast du denn nichts gelernt? Willst du wirklich riskieren, dass das alles wieder von vorne losgeht?“
Möglicherweise hätte die Stimme noch weiter gesprochen, hätte weiter auf Jonny eingeredet, ihn mit Vorwürfen verunsichert, so lange, bis er den Regenschirm von sich geworfen hätte und losgerannt wäre, so schnell, wie es ihm in seinem aktuellen Zustand eben möglich gewesen wäre, fort in die Nacht, ohne irgendein spezifisches Ziel.
Aber die Stimme kam nicht mehr dazu, noch etwas zu sagen. Denn Robin kam ihr zuvor.
„Ich will nicht hetzen“, sagte er, dabei weiterhin lächelnd, und Jonny konnte sehen, dass er nun auch ein wenig zitterte. „Aber wenn ich hier noch lange stehe, bin ich auch bald durchgeregnet. Also...kommst du?“
Dieses Mal zögerte Jonny nicht. Es brachte nichts, noch weiter hier herumzustehen und mit der Stimme und seiner Paranoia herumzudiskutieren; das würde zu keinem Ergebnis führen. Er warf sich den Träger seines Rucksacks über die Schulter und setzte sich in Bewegung, ging die steinernen Stufen hinab und trat aus dem sporadischen Schutz des Hauseingangs heraus. Blieb neben Robin stehen und sah ihn abwartend an.
Ja. Es war sinnlos, zu viel über alles nachzudenken. Und es wäre leichtsinnig, dieses Angebot abzulehnen. Die Stimme hatte unrecht, es war nicht wie damals, er würde keinesfalls noch einmal diesen Fehler machen, der letztlich überhaupt erst dafür gesorgt hatte, dass er nun hier war.
Es ging bloß um einen einzigen Abend.
Und obwohl er Robin nicht kannte, obwohl er ihn seltsam fand, wusste, dass er sich nach solch einer Zeit kein Urteil erlauben konnte, ihn nicht unterschätzen durfte - Jonny war sich sicher, dass er vor diesem Mann nichts zu befürchten hatte, was vergleichbar gewesen wäre mit dem, was damals geschehen war.
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