Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
10.04.2021
24
49.061
4
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
04.11.2020 1.928
 
Es war kalt.
Warum musste es so kalt sein?
Die Kälte allein wäre vielleicht gar nicht so schlimm gewesen; nicht angenehm, aber zu ertragen, wenn sie sich auch eher nach einer eisigen Dezembernacht anfühlte als nach einem Spätabend im Oktober. Schlimmer aber war der Regen.
Schon als er heute Morgen aufgewacht war, mit schmerzenden Rücken und im Schlaf ungesund verdrehten Beinen, hatte es geregnet, und im Laufe des Tages hatte es nur wenige kurze Zeitepisoden gegeben, in denen kein Wasser vom Himmel gefallen war.
Er hatte versucht, sich an möglichst trockenen Plätzen aufzuhalten, doch das taten natürlich die meisten Leute, sodass er die Wahl gehabt hatte, halbwegs trocken zu bleiben, dafür jedoch eine durch zu viele Menschen ausgelöste Panikattacke zu riskieren, oder aber, sich dem ungemütlichen Wetter auszusetzen, aber zumindest seine Ruhe zu haben. Seine Wahl war auf Letzteres gefallen, und so war er nun, knappe zwölf Stunden später, in denen aus dem anfangs leichten Nieselregen ein typisches, herbstliches Unwetter geworden war, bis auf die Knochen durchnässt.
Sein Mantel klebte an seinem Körper, genau wie das Shirt und die Hose, die ihm beide viel zu weit waren, seine Haare hingen ihm in nassen Strähnen ins Gesicht, er zitterte. Bereits vor einer ganzen Weile war Müdigkeit in ihm hochgekrochen, das Bedürfnis, sich einfach hinzulegen und die Augen zu schließen, aber er hatte es bekämpft.
Noch nicht.
Nicht, dass er ein bestimmtes Ziel gehabt hätte; zwar war in ihm die leise Hoffnung vorhanden gewesen, vielleicht noch etwas halbwegs anständiges zu Essen auftreiben zu können, doch wirklich geglaubt hatte er es nicht. Er war ziellos durch die Straßen gestreift, zunächst entlang am Silversteam River, später dann weiter ins Zentrum der Eastside. War nur wenigen Menschen begegnet, von denen keiner dazu bereit gewesen war, ihm ein, zwei Dollar zu geben. Als wäre es ihm nicht ohnehin jedes Mal unangenehm genug, jemand Fremdes nach Geld zu fragen, auch wenn er dabei nicht mit angewiderten Blicken und abfälligen Kommentaren bedacht wurde.
Heute waren die Leute ganz besonders schlecht gelaunt gewesen – wer konnte es ihnen verübeln bei solch einem Wetter, auch wenn die meisten im Gegensatz zu ihm eine warme, trockene Wohnung hatten, in die sie zurückkehren konnten – und nachdem ihm ein bulliger, glatzköpfiger Typ mit gerötetem Gesicht, bei dem er nicht einmal in Betracht gezogen hätte ihn anzusprechen, Schläge angedroht hatte, hatte er beschlossen, es für heute gut sein zu lassen. Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, in einem Laden eine Kleinigkeit zu essen mitgehen zu lassen, aber auch diese Idee hatte er verworfen. So geschwächt, wie er durch den Regen und die Kälte bereits war, hätte er kaum schnell genug weglaufen können, wenn es nötig gewesen wäre, ein Risiko, das er nicht bereit gewesen war, einzugehen. Nicht, bloß um zu verhindern, dass er für einen Tag nichts zu essen hatte; das war er gewohnt.
Vielleicht würde das Wetter morgen schöner werden, dann wären auch die Leute besser gelaunt, großzügiger im Umgang mit ihren Geldbeuteln… doch bis dahin musste er es erst einmal schaffen, ohne zu erfrieren.
„Sei nicht so überdramatisch“, murmelte er, zog den durchnässten Mantel enger um sich, als würde das irgendetwas bringen. „Wie soll das erst im Winter werden, wenn du dich jetzt schon so anstellst…“
Eine hervorragende Frage, auf die er keine Antwort wusste. Sicher war ihm damals, als er seine Entscheidung getroffen hatte, das, was er zuvor sein ‚Zuhause‘ genannt hatte, zu verlassen, klargewesen, dass das Leben auf der Straße hart werden würde. Wind, Regen, Hunger, andere Menschen, die ständige Aufmerksamkeit nötig machten, und eben die kalte Jahreszeit, die früher oder später auf ihn warten und ihre eisigen Hände nach ihm ausstrecken würde. Ein kleiner, naiver Teil hatte in ihm hatte vielleicht gehofft, dass ihm bis dahin noch genügend Zeit blieb, dass er es in den Monaten bis zum Winter geschafft hätte, sich etwas aufzubauen, was zumindest Ähnlichkeit mit so etwas wie einem geordneten Leben haben würde; eine feste Unterkunft, ein Job in einem Supermarkt oder sonst wo, der ihm regelmäßige Nahrung ermöglichen würde… und vielleicht sogar, mit diesem verdammten Zeug aufzuhören.
Ja. Das war wirklich naiv gewesen. Um fair zu sein, er wäre bereits mit einem dieser Dinge zufrieden gewesen, immerhin wäre es ein Anfang gewesen, aber nicht einmal das war ihm gelungen. Alleine am Leben zu bleiben und sich irgendwie durchzuschlagen hatte bereits seine gesamte Kraft beansprucht, da war kein Platz mehr gewesen für irgendwelche Lebensplanung. Also würde ihm kaum etwas anderes übrig bleiben, als auch den Winter im Freien zu verbringen, weiterhin auf den Straßen der Stadt durchzukommen, trotz Schneefall und ausgekühlten Böden, vor denen die dünnen Decken, die er in seinem Rucksack mit sich herumtrug, ihn nur bedingt schützen würden.
Er sollte jetzt nicht daran denken. Gedanken an den Winter würden nur dafür sorgen, dass er sich noch verzweifelter fühlte, als er ohnehin schon war, und es brachte doch nichts.
Ein weiteres, starkes Zittern durchfuhr seinen Körper. Kurz dachte er darüber nach, sich zwischen die Mülltonnen zu setzen, die in der Gasse, die er soeben passierte, an den Hauswänden aufgestellt waren, die Utensilien und das letzte bisschen Pulver aus seiner Tasche zu holen, und so dafür zu sorgen, dass ihm zumindest für eine Weile ein wenig wärmer wurde.
Zwei Gründe sorgten dafür, dass er es nicht tat.
Erstens war da das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte, schon damals, als er mit den Planungen für seine Flucht begonnen hatte: Kein Konsum, solange er den Drang danach noch irgendwie kontrollieren konnte. Das war wohl kein sehr hoher Anspruch, nichts, womit man eine Sucht ernsthaft bekämpfen konnte, aber doch wohl besser als nichts.
Der zweite Grund dafür, dass er diesem zwar noch nicht allzu drängenden, aber dennoch deutlichen Verlangen nach ein wenig Entspannung nicht nachgab, war, dass er in diesem Moment registrierte, dass ihm gar nicht mehr kalt war. Ja, er zitterte noch immer, und er merkte die Nässe auf seiner Haut, aber er fror nicht mehr. Viel mehr fühlte es sich an, als würde sein Körper glühen, als würde er von innen heraus überhitzen wie ein Ofen, den man zu weit aufgedreht hatte…
War das nicht, was passierte, wenn man im Begriff war, zu erfrieren? Leute, deren Körpertemperatur bereits stark abgefallen war, fingen an, zu schwitzen und begannen infolgedessen, sich auszuziehen, da sie überhaupt nicht mehr in der Lage waren, klar zu denken?
„Ja, sicher. Das klingt kein bisschen überdramatisiert!“
Vielleicht war es das. Andererseits aber wusste er, dass es nicht wirklich kalt sein musste, um zu erfrieren, sondern dass es ausreichte, wenn man bei relativ geringen Temperaturen in nassen Klamotten durch die Gegend lief. Und nass war bei dem Zustand seiner Kleidung wohl noch untertrieben. Aber trotzdem. Leute, bei denen die Temperatur so weit gesunken war, dass sie in diesen Zustand der Kälteidiotie verfielen, waren allgemein nicht mehr in der Lage, noch irgendwie klar zu denken, geschweige denn, sich ihres eigenen Zustands bewusst zu sein. Welcher Mensch, der zumindest teilweise noch bei Verstand war, würde sonst auf die Idee kommen, sich in den schneebedeckten Wäldern von Sibirien oder Alaska oder sonst wo all seiner Kleider zu entledigen? Und wieso dachte er überhaupt über so etwas nach? Er würde nicht erfrieren! Nun, zumindest jetzt noch nicht.
Fakt war jedoch: Ihm war warm. Nein, nicht bloß warm, sondern geradezu heiß. Und dennoch zitterte er, so als hätte sein Körper selbst noch nicht verstanden, dass die Kälte verschwunden zu sein schien, was objektiv wohl auch der Wahrheit entsprach, subjektiv jedoch einfach bloß verwirrend war.
„Ich bekomme Fieber“, war der nächste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, und dieser war bloß bedingt weniger beängstigend als der daran, zu erfrieren. „Ich bekomme eine Grippe, oder eine Lungenentzündung, oder… keine Ahnung, ist auch egal, auf jeden Fall wird es mich ziemlich schwächen, und ich kann mir keine Schwäche leisten; scheiße, wieso bin ich den ganzen Tag im Regen herumgerannt, das war dumm, das war so dumm, wieso…“ Seine Gedanken jagten immer schneller durch seinen Kopf, wurden immer wirrer, lauter, schienen ihn anzuschreien, ihn gleichzeitig zu lähmen, als wäre es ihr Ziel, ihn in den Wahnsinn zu treiben… und dann, plötzlich, deutlicher und klarer als all die anderen Dinge, die in seinem Hirn grade durcheinander rasten, erklang diese Stimme, die mehr war als bloß das einfache Produkt seiner Vorstellungskraft.
„Willst du jetzt auch noch panisch werden? Denkst du, dass dich das irgendwie weiterbringt?“
„N…nein…“, krächzte er, die Worte unbewusst laut aussprechend, obwohl er wusste, dass das nicht nötig war. Was für eine dämliche Frage; war jemals eine Person der Meinung gewesen, dass Panik einen weiterbrachte?
Die Stimme fuhr fort, noch eine Spur eisiger als zuvor: „Dann reiß dich zusammen! Du erfrierst nicht, und du wirst auch nicht krank! Trotzdem solltest du langsam wirklich zusehen, dass du irgendeinen trockenen Platz findest, an dem du dich ein bisschen aufwärmen kannst!“
„Ein Platz zum Aufwärmen, ja sicher, sonst noch irgendetwas?“ Dieses Mal hatte er nicht laut gesprochen, aber selbst seine Gedanken klangen sarkastisch. Er könnte sich vielleicht in irgendeinen Hauseingang zurückziehen, aber Wärme spenden würde ihm das wohl kaum, und die Chance, etwas zu finden, mit dem er ein Feuer machen konnte, war nach einem solchen Regentag wie heute ebenfalls verschwindend gering.
Der Tonfall der Stimme war nun nicht weniger sarkastisch: „Natürlich wären Klamotten zum Wechseln, eine heiße Dusche und ein warmes Bett noch besser! Ich denke aber kaum, dass wir damit in absehbarer Zeit rechnen können, oder?“
„…Nein…nein, ich denke nicht.“
Diese Erkenntnis, obgleich nicht grade neu, machte ihn müde. Das war zwar mit Sicherheit nicht das Ziel der Stimme gewesen, doch es war nun einmal so, die Erschöpfung, die bereits seit Stunden hintergründig vorhanden gewesen war, wurde auf einen Schlag deutlicher, so, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Am liebsten hätte er sich hier und jetzt zu Boden sinken lassen, vollkommen gleichgültig, dass er sich mitten auf dem Bürgersteig an einer mittelmäßig stark befahrenen Straße befand, was nicht gerade einen geeigneten, geschweige denn sicheren Ort zum Ausruhen darstellte.
Das sah auch die Stimme so. „Geh weiter!“, herrschte sie ihn an, und er gehorchte, wenn auch nicht für lange. Die nächste Ecke, um die er bog, gab den Blick frei auf eine schmalere Straße, breiter als eine Gasse, aber definitiv keine Hauptverkehrsroute, in der sich überdachte Hauseingänge aneinanderreihten, die zwar nicht vor der Kälte, aber zumindest doch vor dem Regen ein wenig Schutz boten.
Trotz der mit jedem Schritt anwachsenden Erschöpfung, dem unangenehmen Gefühl durchnässter Kleidung auf seiner Haut und dem Zittern musste er lächeln. Das war besser als nichts, seine Ansprüche waren nicht sonderlich hoch.
Die Stimme knurrte in seinem Kopf, schien jedoch kein ernsthaftes Interesse daran zu haben, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, und so wählte er einen Hauseingang, dessen Überdachung ein wenig ausladender war als die der anderen, öffnete den Reisverschluss seines Rucksacks und zog seine beiden Decken heraus. Legte eine auf den zwar feuchten, aber nicht komplett nassen Boden, setzte sich darauf, zog nach kurzen Zögern seinen Mantel aus und legte sich die andere Decke um die Schultern.
Er hatte nicht wirklich vor, die Nacht hier zu verbringen. Wenige Leute reagierten erfreut, wenn sie einen schlafenden Obdachlosen vor ihrem Haus vorfanden, und mit Sicherheit würden ein paar Bewohner noch an ihm vorbei wollen, wenn sie von der Arbeit oder woher auch immer kamen.
Er wollte sich nur ein wenig ausruhen. Wieder zu Kräften kommen, ein wenig entspannen. Sofern das unter diesen Umständen eben Möglich war. Ein paar Minuten, maximal eine halbe Stunde, ungefähr, Zeit war nichts, was wirklich…
Er schaffte es nicht mehr, den Gedanken zu Ende zu bringen, bevor ihm die Augen zufielen und er in einen unruhigen, aber dennoch tiefen Schlaf fiel.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast