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Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
17.04.2021
25
53.198
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07.12.2020 2.979
 
„Also, wenn ihr meine laienhafte Meinung hören wollt: Die sind tot!“
Es hatte nach seiner Ankunft keine halbe Minute gedauert, bis Norris mit einem bemühten Grinsen im Gesicht diesen Kommentar von sich gegeben hatte.
Adrián biss die Zähne zusammen, ermahnte sich innerlich, keinen Kommentar dazu abzugeben, Norris bloß keine Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, so geschmacklos sein Verhalten an Tatorten auch jedes Mal wieder war.
Norris war wie eine seltsame Art Vampir: Anstatt Blut schien er Aufmerksamkeit zum Überleben zu brauchen, wobei es ihm völlig gleichgültig war, ob diese positiver oder negativer Natur war.
Daher gab Adrián sich Mühe, diese - vergleichsweise harmlose - Bemerkung seines Kollegen zu ignorieren und sich für den Moment vorrangig darauf zu konzentrieren, seinen Mageninhalt bei sich zu behalten.
Es war nicht so, dass er noch nie zuvor eine Leiche gesehen hatte.
Auch wenn er praktisch frisch von der Polizeiakademie kam war ihm der Anblick von toten Menschen, auch solchen, die durch Gewalteinwirkung ums Leben gekommen waren, nicht fremd, und objektiv betrachtet war das hier wohl nicht einmal das Schlimmste, was ihm bisher untergekommen war. Er konnte sich an Unfallopfer erinnern, die nicht einmal mehr identifiziert werden konnten, von denen auch nach gründlicher Suche nicht alle Körperteile gefunden werden konnten.
Das hier jedoch war anders. Es war kein Unfall gewesen.
Jemand hatte das hier ganz bewusst getan, hatte es tun wollen, und er hatte sich nicht einfach damit zufriedengegeben, seine Opfer zu töten.
Wieder hörte Adrián hinter sich Norris’ Stimme: „Immerhin musste die Kleine dem Tod wohl nicht - ins Auge sehen!“
Es folgte ein Lachen, und nun fuhr Adrián doch herum, funkelte seinen Kollegen an, öffnete den Mund um ihn anzublaffen, er solle seine respektlosen Kommentare gefälligst runterschlucken und am Besten daran ersticken - aber jemand kam ihm zuvor.
„Wenn Sie Ihre pseudo-lustigen Sprüche nicht auf der Stelle unterlassen, dann sorge ich dafür, dass Sie auf der Stelle diesen Tatort verlassen!“
Es war Wendy Elliot, die sich, genau wie Adrián, zu Norris gewandt hatte und diesen nun gereizt anfunkelte. Die Kriminaltechnikerin ging ihm gerade einmal bis zur Schulter, dennoch hob Norris abwehrend die Hände und setzte das schiefe Grinsen auf, das er immer zur Schau trug wenn ihm etwas unangenehm war.
„Schon gut, schon gut, Lady. War doch nur Spaß.“
Leere Worte, die Elliot nicht im Geringsten zu beeindrucken schienen.
„Ganz davon abgesehen, dass das hier ein Tatort und damit nicht der richtige Platz für ihre Späße ist, ist es für mich eine Voraussetzung für Spaß, dass etwas witzig ist. Das, was sie hier von sich geben, ist aber einfach nur geschmack- und respektlos. Ich weiß nicht, ob Sie der Meinung sind, dass sie eine Art witziger Side-Kick in einer TV-Serie sind, aber ich kann Ihnen sagen, sie sind weder das eine noch das andere. Also machen Sie Ihre Arbeit und behalten Sie ihre Kommentare für sich!“
Einen Moment lang glotzte Norris sie perplex an, dann presste er die Lippen zusammen und wandte sich ab, stapfte in Richtung Wohnungstür und verschwand auf dem Gang, um wohl einen der Nachbarn zu befragen, wie es von vornherein sein Job gewesen war.
Adrián glaubte, ihn im Vorbeigehen „Dämliches Weibsbild!“, murmeln zu hören, und er war sich sicher, dass Elliot es ebenfalls vernommen haben musste, doch falls dem so war ließ sie es sich nicht anmerken.
Sie würdigte Norris keines Blickes mehr und wandte ihre Aufmerksamkeit stattdessen wieder ihrer Arbeit zu.
Das tat auch Adrián, auch wenn sein Magen erneut ein empörtes Gurgeln von sich gab, als er die Leichen genauer betrachtete.
Die Mitglieder der Familie Nelson, denen auch diese Wohnung gehörte - nun, gehört hatte wohl, genau genommen - befanden sich alle drei an der langen Wand des Raumes, gegenüber der Haustür.
Alleine deshalb hätte man sie nur schwer übersehen können, es war dem Mörder nicht darum gegangen, seine Tat zu verbergen. Im Gegenteil.
Der Anblick des kleinen Mädchens war, paradoxerweise, noch am Leichtesten zu ertragen.
Die Tatsache, dass sie schätzungsweise erst sechs oder sieben Jahre alt gewesen war, machte ihren Tod zwar umso schrecklicher, doch zumindest hatte sie vermutlich nicht großartig leiden müssen.
Zumindest, wenn man davon ausging, dass ihr die Augen erst nach ihrem Ableben entfernt worden waren.
Adrián hoffte, dass dem so war.
Die Todesursache, mutmaßlich bisher, war in ihrem Fall ein Schuss gewesen, der direkt in ihren Hinterkopf gegangen war. Sauber und gezielt. Das unterstützte die Vermutung, dass die Augäpfel postum entfernt worden waren... der Mörder hatte nicht gewollt, dass das Mädchen litt.
Bei den beiden Erwachsenen war das offensichtlich nicht der Fall gewesen.
Auch hier stand die Todesursache natürlich noch nicht mit Sicherheit fest, eine Einschussstelle jedoch hatte bisher noch niemand an den Körpern entdeckt. Das würde sich möglicherweise ändern, sobald sie richtig untersucht werden konnten, was sich aktuell noch schwierig gestaltete, da die Sicherung der Spuren an den Körpern noch nicht abgeschlossen war.
Somit hatten alle Anwesenden bisher nur die Vorderseite der beiden Leichen gesehen, die blutüberströmt und kopfüber an der Wand lehnten.
Mr. und Mrs. Nelson waren an den Schultern und an den Beinen mehrmals mit Klebewand umwickelt und so an der Tapete befestigt worden, aufrecht und mit an den Körper gedrückten Armen und Beinen.
Und ich scheitere schon daran, meine Poster so anzubringen, dass sie nicht nach fünf Minuten wieder runter fallen, schoss es Adrián durch den Kopf als er die Szenerie noch einmal betrachtete, und gleich darauf schämte er sich für diesen Gedanken. Er kam sich vor wie Norris, auch wenn er den Mist, der ihm spontan in den Kopf kam, zumindest nicht laut aussprach.
Jedenfalls, bisher hatte man die beiden Körper noch nicht ausführlich untersucht, trotzdem ging wohl niemand davon aus, dass den beiden ein so gnädiger Tod wie der durch eine Kugel gewährt worden war.
Das Mädchen hatte auf eine morbide Art friedlich gewirkt, wie sie dagelegen hatte, die Arme ausgebreitet als wollte sie einen Schneeengel machen, das augenlose Gesicht zur Seite gewandt, weg von ihren Eltern. Wäre da nicht das Blut gewesen, hätte man annehmen können, sie würde bloß schlafen.
Der Anblick der Erwachsenen hingegen hatte absolut nichts friedliches an sich.
Sie waren lediglich mit ihren Unterhosen bekleidet, die restlichen Klamotten, die sie wohl getragen hatten, sagen sorgsam zusammengefaltet auf dem Sofatisch.
Es bestand kein Zweifel daran, dass der Großteil des Blutes an der Wand, auf dem Boden und auf dem Teppich von ihnen und nicht von ihrer Tochter stammte.
Beiden war mit augenscheinlich chirurgischer Präzision der Brustkorb geöffnet worden. Zertrümmerte Rippen ragten aus der Öffnung, die durch das Beiseiteklappen der Haut entstanden war und den Blick freigab auf das Innenleben des menschlichen Körpers, wie es wohl in einem Anatomiebuch hätte abgebildet sein können.
In beiden Fällen sah es aus, als wären die Lungenflügel achtlos beiseite geschoben worden, um an das zu kommen, was dahinter lag, das lebenswichtige Organ zu ergreifen und es aus dem Brustkorb zu entfernen...
Die zwei Herzen, die man direkt vor den Gesichtern der beiden Leichen auf dem Boden liegend gefunden hatten, waren bereits eingepackt worden und befanden sich vermutlich auf dem Weg ins Labor.
Dennoch bekam Adrián dieses Bild nicht aus dem Kopf... zwei Menschen, die mit weit aufgerissenen, toten Augen das Organ anstarrten, das sie vor wenigen Stunden noch am Leben erhalten hatte.
Die Erinnerung an diesen Anblick brachte Adriáns Magen wieder dazu, bedenklich zu grummeln, schnell drehte er sich weg. Er war nie der Meinung gewesen, zartbesaitet zu sein, aber das hier ging ihm an die Nieren. Oder besser, es machte ihn fertig, um keine weitere Assoziation mit irgendwelchen Organen hervorzurufen. Das würde nicht dazu führen, dass er sich besser fühlte.
Das war alles so sinnlos. So unbegreiflich. Wieso sollte jemand so etwas tun?
Es wäre gelogen, hätte Adrián behauptet, Verbrecher und ihre Taten nie verstehen zu können.
Selbst bei Mördern konnte er teilweise nachvollziehen, warum sie ihre Opfer getötet hatte, was selbstverständlich nicht bedeutete, dass er es in irgendeiner Weise guthieß.
Aber das hier?
Was für einen Grund konnte es geben, jemandem so etwas anzutun? Seinen toten Körper so herzurichten, ihm das Herz herauszureißen; ein Akt, der, wie Adrián aus diversen Fachbüchern wusste, mit nicht wenig Aufwand verbunden war.
Was brachte einen Menschen dazu, so etwas zu tun? Hass? Wut? Pure Mordlust, kombiniert mit Sadismus?
Hastig kritzelte Adrián auf seinem Notizblock herum, den er bereits die ganze Zeit über in der Hand hielt und auf dem er alle Gedanken festhielt, die ihm in den Kopf kamen.
Bisher waren es hauptsächlich Stichpunkte über den Zustand der Leichen.
Er überflog sie, kontrollierte, ob er irgendetwas vergessen hatte, war gerade zu dem Schluss gekommen, dass dem nicht so war, als neben ihm eine Stimme sagte: „Den Erwachsenen fehlen außerdem die Zungen.“
Ein wenig überrascht sah Adrián auf und musterte Wendy Elliot, die ihrerseits ihre Aufmerksamkeit seinen Notizen widmete.
„Haben Sie schon mal was von Privatsphäre gehört?“, fragte er mit einem leichten Lächeln, das die Kriminaltechnikerin zurückhaltend erwiderte.
„Nun, ich dachte, Sie möchten dass Ihre Notizen vollständig sind.“, entgegnete sie, tippte dann auf eine Stelle auf seinem Block und ergänzte: „Brustkorb schreibt man übrigens mit b hinten, und nicht mit p.“
„...Flüchtigkeitsfehler!“, murmelte Adrián hastig. Er hasste es, wenn ihm so was passierte, selbst wenn es außer ihm niemandem auffiel. „Aber noch mal zurück: Ihnen fehlen die Zungen?“
„Ja.“ Elliot nickte. „Sie sind ihnen herausgeschnitten worden. Dem Blutverlust nach zu urteilen, als sie noch lebendig waren.“
„Autsch. Und die Todesursache? Haben Sie dazu schon Vermutungen?“
„Ich bin Kriminaltechnikerin, keine Gerichtsmedizinerin. Da müssen Sie sich schon an die wenden.“
„Oh, ja. Sicher. Natürlich.“
Etwas verlegen warf Adrián einen erneuten Blick auf die Leichen. Die Münder der Erwachsenen standen weit offen, als wollten sie schreien, aber er hatte nicht so genau hingesehen dass er das Fehlen ihrer Zungen erkannt hätte.
„Wer tut so etwas“, murmelte er, eher zu sich selbst als an Elliot gerichtet. „Das ist doch...krank!“
„Nun, das würde ich nicht unbedingt sagen.“ Elliots Stimme klang nüchtern und sachlich. Entweder das Ganze ging ihr nicht im Geringsten nahe, oder sie hatte ihre Emotionen hervorragend unter Kontrolle. „Man muss nicht ‘krank’ sein, um grausame Taten zu begehen. Viele berüchtigte Serienmörder wurden von Psychiatern für zurechnungsfähig befunden, und ein Großteil der Menschen, die wirklich unter psychischen Krankheiten leiden, würden niemals etwas Derartiges tun. Ich denke, es ist mehr eine Art Schutzreflex, so etwas als ‘krank’ zu bezeichnen. Weil man sich damit von so etwas abgrenzt. Man selber ist schließlich nicht ‘so’. Dabei ist die Geschichte der Menschheit voll mit Grausamkeiten, es liegt in unserer Natur. Was natürlich nicht heißt, dass das gut ist. Aber wenn Sie und Ihre Kollegen den Mörder finden wollen, sollten Sie sich nicht unbedingt darauf fixieren, nach einem klischeehaften Irren zu suchen.“
Kurz war Adrián sprachlos. Auf einen solchen Redeschwall war er nicht gefasst gewesen, normalerweise war Elliot keine Person vieler Worte. Nicht, dass er das, was sie gesagt hätte, nicht interessant gefunden hätte. Im Gegenteil.
„Nun, das stimmt wohl“, gab er zu, seine Anerkennung ob ihrer Sachlichkeit dabei nicht verbergend. „Krank ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Eher... ich weiß auch nicht... schockierend.“
„Definitiv. Ich habe so etwas brutales bisher außerhalb von Slasher-Filmen noch nicht gesehen. Sie?“
„Nein. Und ich hätte es auch nicht unbedingt gebraucht.“
Gab es wirklich Leute, die an solch einem Anblick Gefallen fanden? Hatte, wer auch immer hierfür verantwortlich gewesen war, das aus purem Sadismus getan?
Adrián glaubte es nicht wirklich. Er war kein Experte, kein Psychologe oder Profiler, aber es erschien ihm nicht wirklich passend, dass hier zwei so unterschiedliche Darstellungen der Leichen vorgenommen worden war. Wenn das Mädchen nur eine Art Kollateralschaden gewesen wäre - wie falsch das klang, es ging um ein Menschenleben - weil sie eben da gewesen war, warum waren dann ihre Augen entfernt worden? Deutete das nicht eher auf ein persönliches Motiv hin?
Die Erwachsenen hätte man wohl wirklich einem Menschen zuordnen können, der vielleicht am Anfang einer Mordkarriere - noch so ein grauenhaftes Wort, aber irgendwie passte es - stand und sich mit dieser besonders blutigen Signatur einen Namen machen wollte. Wieder kam ihm unwillkürlich das Wort ‘krank’ in den Kopf, schnell bemühte er sich, es durch ‘grausam’ zu ersetzen.
Aber das Mädchen.
Wäre es wirklich ein werdender Serienkiller gewesen, wieso hatte er sie dann nicht einfach erschossen - dass ihr Tod schnell ging war ihm offensichtlich wichtig gewesen - und es dabei belassen, oder aber mit ihr das Gleiche gemacht wie mit ihren Eltern?
Adrián war froh, dass dem nicht so war, aber warum?
„Rubero, wollen Sie den ganzen Tag hier rumstehen oder auch mal arbeiten?“
Die Stimme seines Kollegen ließ Adrián zusammenzucken, worüber er sich selbst ärgerte.
Er wandte sich um, bemerkte dabei, dass Elliot sich bereits wieder daran gemacht hatte, den Tatort zu sichern, und erblickte Detective Bowman, der ihn wiederum streng musterte.
„Nun, ich arbeite“, gab Adrián zurück; es fiel ihm schwer, nicht schnippisch zu klingen, aber er wusste dass er dafür bloß einen Anschiss von seinem Partner zum Thema mangelndem Respekt gegenüber höhergestellten Beamten kassieren würde. Nicht, dass Bowman wirklich höher gestellt wäre, sie waren beide Detectives, auch wenn er einige Jahre mehr Erfahrung in dem Job hatte als Adrián. Aber Bowman nahm sich gerne wichtiger, als er eigentlich war.
Nun musterte er Adrián mit diesem Blick, den nur er auf diese Art beherrschte. Er bedeutete: Willst du mich verarschen, ich sehe, dass du nur Scheiße machst! Eine sehr klare Definition, aber an dieser Bestand eben kein Zweifel.
„Ich habe nur gesehen, wie sie mit Elliot gequatscht haben!“
„Wir haben uns über die Leichen unterhalten. Das gehört ja wohl zu meinem Job dazu.“ Es war wirklich, wirklich schwierig, nicht schnippisch zu werden.
„Wozu der ganze Aufwand?“ Bowman warf einen abschätzigen Blick auf die Toten, der so gleichgültig war dass er auch einem Stück Fleisch in der Metzgerei hätte gelten können, und rümpfte die mit geplatzten Äderchen übersäte Nase. „Das waren irgendwelche Gangmitglieder. Einer von den beiden hat sich mit den falschen Leuten angelegt, und das ist das Ergebnis. Kommt davon, wenn man sich mit solchem Abschaum abgibt!“
Perplex sah Adrián seinen Kollegen an, versuchte zu verarbeiten, was er da gerade gehört hatte.
„Gangmitglieder? Wie kommen Sie darauf?“
„Oh, bitte! Ich weiß, Sie sind noch nicht lange im Dienst, aber ich dachte, Sie sind hier aufgewachsen! Sie müssten doch wissen, wie es hier zugeht! In der Eastside werden im Jahr fast so viele Leute ermordet, wie in der ganzen Stadt geboren werden!“
„Ja, aber da geht es um Schießereien oder Drogendeals oder so. Nicht um... was auch immer das hier ist!“
„Das hier wird auch genau so was sein! Ein verschuldeter Junkie, der seine Drogen nicht mehr bezahlen konnte, jemand der etwas gesehen hat, was er nicht hätte sehen sollen... Passiert hier jeden Tag, Sie sollten sich da wirklich nicht so reinsteigern!“
„Reinstiegern? Entschuldigen Sie mal, aber soweit ich weiß ist das unser Job!“
„Unser Job ist es, Verbrecher festzunehmen, ja. Aber ich sag Ihnen was. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier in der Gegend so was sehe. Es ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ja, vielleicht ist es ein bisschen grausamer als der Durchschnitt. Aber am Ende kommt es aufs Gleiche raus: Wir befragen die Leute, niemand will etwas sagen, da sie wissen, dass sie sonst die nächsten sein könnten. Ganz davon abgesehen, dass es sie ebenfalls kaum interessiert!
Sie können Ihre Zeit damit verschwenden, nach einem Täter zu fahnden, den Sie niemals finden können, weil er nur einer von unendlich vielen Bastarden ist, für die das hier zu ihrem alltäglichen Geschäft gehört. Hey, vielleicht erwischen Sie ihn sogar, aber wenn, dann eher durch Zufall als durch gute Arbeit! Nehmen Sie meinen Rat an, Rubero. Dieser Scheißjob ist hart genug, Sie müssen Ihre Energie nicht an so aussichtslose Dinge verschwenden, denn morgen wird sowieso schon der nächste arme Teufel wegen seiner Drogenschulden um die Ecke gebracht werden, und wenn er Pech hat, seine ganze Familie mit ihm. Das ist es, was hier passiert ist. Das ist das, was in unserem Bericht stehen wird, und ich kann Ihnen nur raten, es so zu machen wie ich und sich auf Ihren Haufen ungelöster Fälle zu konzentrieren, die Sie noch auf Ihrem Schreibtisch liegen haben, anstatt sich dieser Sisyphos-Aufgabe zu stellen, wie man so schön sagt!“
Adrián hätte Bowman gerne mitgeteilt, dass seine Metapher nicht wirklich passend war. Das, was er da von sich gegeben hatte, klang eher nach einem Kampf gegen Windmühlen. Aber das hätte Bowman wohl kaum interessiert, ebenso wie alles andere, was Adrián in diesem Augenblick durch den Kopf ging.
Meinte Bowman das wirklich ernst? Wollte er den Fall einfach so stehen lassen, die Akte schließen und ihn als ein Cold Case verrotten lassen?
Es mochte stimmen, dass sie bereits mehr als genug offene Fälle hatten - wie wahrscheinlich jede Polizeistation einer größeren Stadt war das Police Department von Red Creek hoffungslos unterbesetzt - doch bei diesen handelte es sich zum Großteil nicht um Kapitalverbrechen.
Wenn er jedoch ehrlich war, dann wunderte diese Einstellung seines Partners Adrián nicht einmal besonders. Er hatte in der Zeit, die er nun als Polizist in dieser Stadt arbeitete, bereits mitbekommen, dass Bowman nicht gerade der motivierteste Beamte war, dem man hier über den Weg laufen konnte, und dieser Eindruck wurde immer wieder aufs Neue bestätigt.
Ein wenig fassungslos ließ Adrián seinen Blick wieder zu den Leichen wandern, die in unveränderter Position von Elliot und einem weiteren Typen, den Adrián auch schon einmal irgendwo gesehen hatte, begutachtet wurden.
Drei Tote, von denen zumindest zwei vermutlich unter grausamen Schmerzen ums Leben gekommen waren. Deren Körper verstümmelt und in einer Art präsentiert worden waren, die durchaus als Provokation verstanden werden konnte. Seht her, ich habe keinen Respekt vor Menschen, weder lebendig noch tot.
Und wenn es nach Ernest Trevor Bowman ging, dann würde ihr Mord mit einigen wenigen Randbemerkungen versehen in einem dicken Ordner voller Banden-Aktivitäten landen, ohne, dass jemals wieder ein Blick darauf geworfen werden oder irgendwelche Fragen dazu gestellt werden würden.
Und bei diesem Gedanken drehte sich Adrián ein weiteres Mal an diesem Morgen der Magen um.
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