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Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
17.04.2021
25
53.198
4
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23.11.2020 2.822
 
Jonny wusste nicht, warum er rannte, er wusste nur, dass er es tun musste.
Sein Atem ging schwer, sein Brustkorb schmerzte, seine Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment unter ihm wegknicken, und obwohl die umstehenden Häuser an ihm vorbeiflogen und er seine Schritte auf dem rissigen Asphalt hören konnte kam es ihm gleichzeitig so vor, als würde er keinen Zentimeter von der Stelle kommen.
Das ist ein Traum, schoss es ihm durch den Kopf, während er um eine Ecke rannte und in eine Straße abbog, die vollkommen identisch war mit der, aus der er soeben gekommen war.
Das ist ein Alptraum, in Alpträumen ist es vollkommen normal, dass man nicht wirklich wegrennen kann, aber es ist eben nur das, nur ein Traum…
Als hätte diese Erkenntnis gereicht, um die Stabilität dieses Traumes zu kippen, zerflossen die Konturen der Gebäude um ihn herum wie flüssiger Teer. Die Häuser verschwanden, der Boden löste sich auf, zumindest augenscheinlich, doch Jonny hatte nicht das Gefühl, zu fallen.
Im nächsten Moment baute sich die Umgebung um ihn herum neu auf, besaß nun ein anderes Aussehen, eines, das ihm erst seit dem heutigen Abend bekannt war, das sein Unterbewusstsein jedoch erstaunlich detailgetreu nachzubauen zu vermochte…
Er befand sich in Sapphires Bar.
Saß auf einem der Stühle, der seltsam deplatziert in der Mitte des Raumes stand und so normalerweise alles Gästen im Weg gewesen wäre, doch im Moment würde das kaum ein Problem darstellen, denn es gab keine Gäste.
Abgesehen von ihm war der Raum vollkommen leer.
Er wollte aufstehen, von hier verschwinden, oder zumindest hinter der Theke oder unter einem der Tische Schutz suchen, denn was auch immer ihn in seiner vorigen Traumsequenz verfolgt hatte, er war sich sicher, dass es seine Suche nach ihm noch nicht aufgegeben hatte.
Im nächsten Moment jedoch merkte Jonny, dass sich zu verstecken für ihn nicht möglich sein würde. Ebenso wenig, wie erneut wegzurennen.
Er konnte überhaupt nichts tun, denn aus irgendeinem Grund war er an dem Stuhl, auf dem er saß, festgebunden.
Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken, als er den Blick senkte und seine Handgelenke anstarrte, oder eher die Seile, mit denen sie an den Stuhllehnen gefesselt waren, so fest, dass er sie keinen Millimeter bewegen konnte.
Sein Atem, der gerade dabei gewesen war, sich nach seiner Flucht ein wenig zu beruhigen, ging nun wieder schneller, das Adrenalin schoss durch seinen Körper, aber dieses Mal konnte er eben nicht rennen, so sehr sein Körper auch wollte, dass er es tat.
Alles was er tun konnte, war dazusitzen, erfolglos zu versuchen, seine Fesseln zu lockern, wobei sie rauen Seile schmerzhaft in seine Haut schnitten und sie aufschürfte, und abzuwarten, was passieren würde…
Wieso konnte er nicht einfach aufwachen?
Er wusste, dass es ein Traum war, und normalerweise sollte dieses Wissen dafür sorgen, dass der Traum endete, die Bilder und die Empfindungen verschwanden und er in der Lage war, die Augen zu öffnen und sich dort wiederzufinden, wo er am vorigen Abend eingeschlafen war.
Aber nichts davon passierte.
Die Umgebung blieb, genau wie das Gefühl der Fesseln, nichts verblasste, nichts wurde undeutlicher. Fühlte sich im Gegenteil eher noch realistischer an.
Dann erklangen Schritte hinter ihm.
Sie bewegten sich ohne Zweifel auf ihn zu, in einem Tempo, das nahezu unnatürlich langsam zu sein schien, und keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Urheber ganz genau wusste, dass Jonny nicht vor ihm weglaufen konnte.
Wer auch immer ihn durch die Straßen und Gassen verfolgt hatte – und er fürchtete, nur zu gut zu wissen, wer es war – die Person hatte ihn gefunden. Konnte sich nun alle Zeit der Welt nehmen, um zu tun, was auch immer sie tun wollte, ohne, dass Jonny in der Lage war, irgendetwas dagegen zu tun.
Bei dieser Vorstellung wurde ihm schlecht.
Ja, es war bloß ein Traum, aber gleichzeitig war es viel mehr als das, genau wie sein Erlebnis am Vorabend, an das er sich plötzlich wieder ausgesprochen deutlich erinnerte.
Die Berührungen und die Stimme waren auch nicht echt gewesen.
Doch das hatte keine Rolle gespielt, denn sie waren ihm absolut echt vorgekommen!
Als hätte die Person bloß darauf gewartet, dass Jonny diese Szene wieder deutlich vor Augen hatte, als könnte sie seine Gedanken lesen, stieß sie nun ein spöttisches Lachen aus, und sollte Jonny noch irgendeinen Zweifel daran gehabt haben, dass es sich bei seinem Verfolger wirklich um Ihn handelte, so wäre dieser Zweifel somit vollkommen ausgelöscht worden.
Im nächsten Augenblick war Er direkt hinter Jonny, so dicht, dass der Seinen Atem  spüren konnte, während Er mit ihm sprach: „Ich habe dir gesagt, dass ich dich überall finde. Ich habe es dir gesagt! Du hättest einfach hören sollen, aber nein… jetzt sieh dir an, wohin uns dein Verhalten gebracht hat. Sieh dir an, was ich deinetwegen jetzt tun muss…“
„Dann tu’s einfach“, flüsterte Jonny, und er war selbst überrascht, wie fest seine Stimme klang. „Bring mich einfach um!“
Das Wissen, dass das alles nur ein Traum war, war in den Hintergrund gerückt. Wahrscheinlich spielte das auch gar keine Rolle, er würde vielleicht wieder aufwachen und augenscheinlich unverletzt sein, aber wenn sich die Fesseln, Sein Atem und die Angst derart realistisch anfühlten, dass würden das die Schmerzen sicher auch tun.
Er würde sich wirklich fühlen, als würde er sterben, und er konnte bloß hoffen, dass diese von seinem eigenen Unterbewusstsein erschaffene Projektion seiner wohl größten Furcht es möglichst kurz machen würde.
„Dich umbringen?“ Die Stimme lachte, ein Klang, der Jonny ein weiteres Mal erschaudern ließ. „Oh, ich werde dich nicht einfach umbringen, Jonny-Boy! Dafür schuldest du mir zu viel!“
Jonny hatte befürchtet, dass Er das sagen würde. Es war nicht der Tod, der ihm am meisten Angst machte, das wusste Er ganz genau, und darum würde Er ihn auch nicht so leicht davonkommen lassen.
Wieder zerrte Jonny an den Fesseln, doch der einzige Effekt, den diese Handlung mit sich brachte, war, dass hinter ihm ein hämisches Lachen erklang.
„Du solltest deine Kraft lieber sparen! Du wirst mir nicht entkommen, dieses Mal nicht.“
Eine Hand legte sich auf Jonnys Schulter, strich über seinen Hals und seine Wange.
Dieses Mal konnte er sie sogar sehen, wenn auch bloß aus den Augenwinkeln.
Dieses Mal war es keine körperlose Stimme.
Während sein Herz und sein Puls immer schneller rasten, schloss Jonny die Augen.
Ihn zu hören war schlimm genug, zu spüren, was Er tat, noch schlimmer.
Aber wenn er Ihn dabei auch noch würde sehen müssen, würde er wahrscheinlich vollkommen den Verstand verlieren.
Genau das jedoch war es, was Er unter anderem von ihm verlange.
Jonny merkte, wie die Berührungen kurz verschwanden, nur, um gleich darauf wieder zurückzukehren, und nun, das wusste er, ohne die Augen zu öffnen, stand Er direkt vor ihm.
„Sieh mich an, Jonny“, murmelte Er, in einem Tonfall, der mit einem Mal weich, geradezu zärtlich klang.
Das war schlimmer, als wenn er wütend gewesen wäre oder geschrien hätte.
Viel schlimmer.
Die Lider weiterhin fest geschlossen schüttelte Jonny den Kopf. Ihm war klar, dass seine Gegenwehr kaum etwas bringen würde, dass Er am Ende immer bekam, was Er wollte.
Als hätte Er ein weiteres Mal Jonnys Gedanken gelesen, was in Anbetracht der Tatsache, dass das hier immer noch ein Traum war, wohl nicht unwahrscheinlich war, ertönte nun wieder Seine Stimme, und nun hatte sie nichts Zärtliches mehr an sich: „Sei nicht so stur! Du hast lange genug mit mir gespielt! Ich habe keine Lust mehr, meine Zeit mit dir zu verschwenden! Sieh! Mich! An!“
Jonny wollte nicht, aber seine Augen öffneten sich wie automatisch.
Er sah die Gestalt, die vor ihm stand, sich zu ihm gebeugt hatte und die Hände auf den Armlehnen abstützte, ihn mit einem Blick musternd, da ihn auf der Stelle erzittern ließ.
Es waren schon immer Seine Augen gewesen, die Jonny am meisten verunsichert hatten. Dieser Ausdruck, der darin lag, wenn irgendetwas Ihn verärgerte oder einfach nicht so lief, wie Er es wollte.
So kalt und emotionslos. Berechnend. Und ohne jedes Mitleid.
„Sehr schön“, murmelte Er, sich dabei weiter vorbeugend. „Es bringt dir nichts, die Augen zu verschließen. Und denk dran… alles, was passiert, ist deine eigene Schuld.“
Ein Seufzen, ein Kopfschütteln. Eine weitere Veränderung in Seinem Tonfall.
Nun hörte er sich an, als wäre er schlicht vollkommen enttäuscht von allem, was geschehen war.
„Ich verstehe einfach nicht, warum du das gemacht hast. Ich habe doch so viel für dich getan. Du warst alles für mich! Ich habe dich geliebt!“
Eine Hand legte sich auf Jonnys Knie, ließ ihn heftig zusammenzucken.
Jonny sah die Hand an, versuchte, seine Gedanken zu ordnen, und gleichzeitig seinen Atem zu kontrollieren, zwei Unterfangen, die in diesem Augenblick gleichermaßen unmöglich erschienen.
Die Worte hallten in seinem Kopf wider, vermischten sich zu einem undurchdringlichen Wirrwarr, setzten sich fest wie eine Zecke und schienen ihn in Endlosschleife anzuschreien: Warum? Warum? Ich habe so viel für dich getan! Warum? Du warst alles für mich! Ich habe dich geliebt! Warum? Geliebt!
Worte, die wie Nadelstiche in seinem Hirn schmerzten und die Übelkeit in ihm noch stärker werden ließen.
„Ich war nicht alles für dich…“, flüsterte Jonny. Er hatte nichts sagen wollen, aber irgendwie schien er keine wirkliche Kontrolle mehr über sich zu haben, die Worte waren einfach so herausgekommen, und nachdem er nun angefangen hatte, zu reden, konnte er nicht mehr damit aufhören.
„Ich war dein Spielzeug! Du hast mich nicht geliebt, du hast es geliebt, mich zu kontrollieren! Du…“
Der Schlag, der ihm direkt im Gesicht traf, war so heftig, dass er mitsamt dem Stuhl umgekippt wäre, wäre dieser nicht festgehalten worden.
Im ersten Moment tat es nicht einmal weh. Fühlte sich eher taub an, so, als hätte etwas Kaltes zu lange auf seiner Haut gelegen. Er schmeckte Blut, merkte, wie ihm Tränen übers Gesicht liefen… weinte er wirklich, oder war das bloß eine rein körperliche Reaktion auf den Schlag?
Dann kam der Schmerz.
Jonny hatte recht gehabt mit seiner Vermutung: Es war wirklich vollkommen gleichgültig, dass das hier bloß ein Traum war.
Den Schmerz kümmerte das nicht. Er war derart stark, dass Jonny glaubte, sein Jochbein wäre gebrochen, er unterdrückte das Bedürfnis, zu schreien, wusste, dass Ihn das bloß erfreuen würde, dass es für Ihn das Schönste wäre, zu sehen, wie Jonny litt.
Diese Genugtuung würde er Ihm nicht geben.
„Wag es nicht, so mit mir zu reden!“, fauchte er, stützte sich dabei nun auf Jonnys Handgelenken ab, was in diesem augenblicklich die Angst hochkommen ließ, dass jeden Moment seine Knochen unter dem Gewicht brechen würden. „Das ist der Dank dafür, dass ich dir geholfen habe? Dass ich verhindert habe, dass du elendig auf der Straße verreckt bist wie eine dreckige Ratte? Dass ich mich als Einziger für dich interessiert habe?“
Jonny sah den Mann an, der da so dicht vor ihm stand, ihn mit diesem Blick anstarrte, der so hasserfüllt war wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Der metallische Geschmack in seinem Mund war stärker geworden, und kurz überkam Jonny das Bedürfnis, diesem verdammten Arschloch das Blut einfach ins Gesicht zu spucken.
Das würde nichts bringen, ihm nicht dabei helfen, aus dieser Situation zu entkommen, aber vielleicht wäre es zumindest ein gutes Gefühl.
Was würde ihm überhaupt dabei helfen, zu entkommen? Da war nichts, was ihm einfiel, und selbst wenn, wenn er es irgendwie schaffen würde, seine Fesseln zu lösen, die Person vor ihm wegzustoßen und aufzuspringen, vielleicht sogar nach draußen zu rennen... was dann?
Dann würde er wieder weglaufen.
Durch verworrene Straßen und enge Gassen,  hinter sich weiterhin die Schritte seines Verfolgers, der ihn früher oder später ohnehin erreichen würde...
Vielleicht würde er es schaffen, vorher aufzuwachen. Verdammt, es musste doch möglich sein, diesem Traum zu entkommen... war es überhaupt noch ein Traum? Oder war er schon längst aus einer Schlafphase in einen Zustand übergegangen, der kein richtiger Schlaf war, aber auch nicht wirklich wach, in dem es vollkommen unmöglich war zu unterscheiden, was real war und was nicht...
Das alles hier war es nicht, oder?
...So war es doch...?
Wie zum Beweis des Gegenteil spürte Jonny in diesem Moment eine Hand an seinem Hals. Sie legte sich um seine Kehle, drückte ihm die Luft ab, gerade so stark, dass er noch genügend Sauerstoff bekam um nicht das Bewusstsein zu verlieren, dabei aber instinktiv nach Atem rang und wieder heftig an seinen Fesseln zerrte, als sein Körper sich in aufkommender Panik verkrampfte.
Er trat nach seinem Angreifer - dass seine Beine nicht fixiert waren wurde ihm jetz erst bewusst - und traf auch irgendetwas, was vermutlich dessen Schienbein war, doch die einzige Wirkung, die diese Handlung nach sich zog, war, dass der Griff um seinen Hals noch stärker wurde.
"Hör auf, dich zu wehren", blaffte ihn die Person an, von der Jonny so sehr gehofft hatte sie niemals wieder zu sehen, die ihn jedoch seit seiner Flucht immer wieder in seinen Träumen heimgesucht hatte. Dies hier jedoch war von der Intensität und dem gefühlten Realismus her ein absoluter Höhepunkt.
"Wenn du einfach ruhig bist, dann ist es auch schneller vorbei..."
"Fick dich!"
"...Was?"
Einen Augenblick lang lockerte sich der Griff, was Jonny die Gelegenheit gab, nach Luft zu schnappen und kostbaren Sauerstoff einzuatmen.
"Ich sagte Fick dich!", wiederholte er, dabei das Bedürfnis unterdrückend, zu husten, was ihm so lange gelang, bis Er seinen Griff wieder verstärkte.
Einen Augenblick lang schien sein Gegenüber sprachlos zu sein. Fassungslos starrte Er Jonny an, Sein Augenlid zuckte, ebenso wie Sein Mundwinkel, offenbar hatte Er große Schwierigkeiten, Seinen Körper in diesem Moment unter Kontrolle zu halten.
Auch Seine Stimme hatte etwas Instabiles, Zittriges an sich, als Er sich noch etwas vorbeugte und zischte: "Das hast du gerade nicht wirklich gesagt. Sag mir, dass ich mich verhört habe. Sag mir, dass du nicht so mit mir geredet hast!"
Es kostete Jonny unfassbar viel Mühe, dem von Wut erfüllten Blick, der auf ihn gerichtet war und ihn zu durchbohren schien, standzuhalten.
Wäre da nicht tief in seinem Hinterkopf noch immer der Gedanke gewesen, dass das alles nur ein ausgesprochen realistischer Traum war, dann hätte er dies wohl kaum geschafft - so jedoch klammerte er sich daran fest wie an einen Rettungsanker, wiederholte die Worte im Stillen immer und immer wieder.
Es ist nicht echt. Es ist nicht echt. Es ist nicht echt.
Laut, so laut jedenfalls, wie die Hand an seiner Kehle es zuließ, sagte er: "Nein, du hast dich nicht verhört! Lass mich los, lass mich in Ruhe, verschwinde und..."
Im nächsten Moment spürte Jonny, wie der Griff an seinem Hals sich löste. Dann umklammerten zwei Hände seinen Kopf, drückten so fest gegen seine Schädelknochen dass er befürchtete, diese könnten jeden Augenblick brechen, und wieder war es mit einem Mal vollkommen gleichgültig, dass das bloß ein Traum war...
Die Todesangst, die in ihm hochkroch, war absolut echt.
Der wütende Blick war noch immer auf Jonny gerichtet, doch nun hätte sich zu dem Ausdruck von Zorn, der alleine schon beängstigend genug war, noch etwas anderes hinzugemischt.
Etwas, das noch viel, viel beunruhigender war.
„Ich hätte nie meine Zeit mit dir verschwenden sollen“, murmelte Er, mit einer Stimme, die jegliche Emotion verloren hatte und die exakt zu dem Wahnsinn in Seinen Augen passte. Sein Griff verstärkte sich, ließ Jonny glauben, seine Kieferknochen knacken zu hören.
„Ich hätte dich nie so besonders behandeln sollen! Ich habe gedacht, dass du etwas Besonderes bist, dabei bist du die Luft nicht wert, die du atmest! Und ausgerechnet du bist der, der noch da ist? Der überlebt hat? Oh, deine Eltern wären sicher stolz, wenn sie dich heute sehen würden! Wenn sie wüssten, was aus dir geworden ist!“
Das war nicht mehr Er, der dort sprach. Nicht wirklich.
Es war Seine Stimme, ja, diese eisige, scharfe Stimme ohne jedes Mitgefühl, doch die Worte konnten nicht von Ihm kommen.
Jonny hatte niemals mit Ihm über dieses Thema gesprochen. Er wusste nichts von seiner Familie, von den Schuldgefühlen, die ihn plagten, von der immer präsenten Angst, nicht gut genug zu sein, sie zu enttäuschen.
„Es ist...immer noch ein Traum“, murmelte Jonny, zwang sich dabei, dem Blick seines Gegenübers nicht auszuweichen. „Nur ein Traum. Nur ein...“
Eine Hand löste sich von seinem Gesicht, um gleich darauf seine Stirn zu umfassen.
Jonny spürte die erneute Berührung, fühlte den kräftigen Ruck, mit dem Er seinen Kopf drehte.
Hörte das Knacken.
Schmerz war da dieses Mal nicht.
Vielleicht war das normal, vielleicht tat es nicht weh, wenn das Genick brach, weil die Nerven bereits durchtrennt waren bevor sie die Reize weiterleiten konnten.
Nicht, dass das wichtig gewesen wäre in diesem Moment.
Er merkte auch noch, wie die Hände ihn losließen, und plötzlich schien da kein Stuhl mehr zu sein, keine Fesseln, bloß das Gefühl, zu fallen...
Und noch einmal diese Stimme, bevor da nur noch Schwärze war.
„Oh, ich werde dich finden, Jonny-Boy! Und wenn es so weit ist, dann wirst du dir den Tod verdienen müssen!“
Wie er auf dem Boden aufschlug, merkte er nicht mehr.
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