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Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
17.04.2021
25
53.198
4
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20.11.2020 963
 
Jeanny war noch wach, als Lea das gemeinsame Zimmer betrat. Sie lag in ihrem Bett vertieft in ein Buch, das sie mit der kleinen Leselampe, die sie an den Rand geklemmt hatte, beleuchtete, blickte jedoch sofort auf, als sie das Quietschen der Tür vernahm.
Selbst in der Dunkelheit konnte Lea das aufgeregte Glitzern in den Augen ihrer Freundin erahnen, den neugierigen Blick spüren, mit dem sie sie musterte, während sie fragte: „Und? Hat alles geklappt? Hast du es geschafft?“
Lea nickte, bevor ihr klar wurde, dass Jeanny, die ihre Brille nicht trug, das wohl nicht sehen konnte, worauf sie laut hinzufügte: „Ja. War alles…gar kein Problem.“
Gar kein Problem. Und viel leichter, als sie erwartet hatte.
„Du musste mir unbedingt alles erzählen!“ Trotz ihrer gedämpften Stimme – eigentlich sollte sie längst schlafen, die vorgeschriebene Schlafenszeit war lange verstrichen – war Jeanny ihre Aufregung deutlich anzuhören, sie schien beinahe zu platze vor Neugierde.
Wieder nickte Lea. „Ja, sicher. Morgen. Jetzt will ich… einfach nur schlafen.“
„Versteh ich. Sollte ich auch langsam tun. Aber ich konnte einfach nicht, ohne zu wissen, ob du es geschafft hast!“
Es kostete Jeanny hörbar Mühe, leise zu sprechen, normalerweise war sie nicht der Typ, der so etwas tat, im Gegenteil. Sie löste ihre Leselampe von ihrem Buch, während Lea zu ihrem Bett ging und sich darauf legte – ihre Schlafsachen hatte sie bereits angezogen, nachdem sie sich unter der Dusche das Blut abgewaschen hatte – klappte das Buch zu, legte es auf ihren Nachttisch und schaltete die Lampe aus.
Dunkelheit erfüllte den Raum, und einen Augenblick lang, ohne, dass es dafür einen bestimmten Grund gegeben hätte, überkam Lea das grauenhafte Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Ganz ruhig, versuchte sie, sich zu beruhigen. Du bist einfach gestresst. Kein Wunder nach diesem Abend. Aber dafür gibt es keinen Grund, es ist alles gut gegangen…
Ja. Das war es. Gut. Es war alles gut.
Sie war bereits im Begriff, gedanklich abzudriften und in einen tiefen Schlaf zu sinken, aus dem sie am nächsten Morgen wohl nur schwer wieder erwachen würde, als ein weiteres Mal Jeannys Stimme erklang. Sie flüsterte bloß, dennoch zuckte Lea zusammen, als hätte sie sie angeschrien.
„Sag mir wenigstens, wie es sich angefühlt hat! Bitte!“
Lea unterdrückte ein Seufzen. Sie wusste, dass Jeanny wahrscheinlich keinen Schlaf würde finden können, bevor sie eine Antwort auf diese Frage bekommen hatte, und sie konnte sich wohl glücklich schätzen, dass es nur diese eine Sache war, die sie momentan wissen wollte. Sie mochte Jeanny, aber deren Aufgekratztheit und Ungeduld konnte manchmal durchaus sehr anstrengend sein.
„Tja… schwierig, zu beschreiben.“ Leas Erwiderung kam ein wenig zögerlich, und sie entsprach nur zur Hälfte der Wahrheit.
Ja, es war schwierig in Worte zu fassen, was sie empfunden hatte, als sie ihrer gesamten Familie das Leben genommen hatte. Aber der Hauptgrund dafür war, dass sie sich nicht mehr ganz sicher war, was sie dabei gefühlt hatte.
Irgendwie war alles hinter eine Art Nebel verschwunden, fühlte sich dumpf an, als hätte jemand die Gefühle genommen und sie weggebracht, irgendwo hin, wo Lea sie zwar sehen, aber nicht erreichen konnte.
Während sie es getan hatte, hatte sie sich so lebendig gefühlt, so energiegeladen, so…gut.
Und nun kam sie sich vor wie betäubt.
Aber das konnte sie Jeanny nicht sagen. Die würde das bloß komisch finden, hatte sie selbst doch schon des Öfteren von dem Tag erzählt, an dem sie die Familienmitglieder, die sie noch gehabt hatte – ihre Mutter, ihren Stiefvater und ihren Halbbruder – umgebracht hatte, und wie sehr sie es genossen hatte, wie frei sie sich dabei gefühlt hatte.
Hatte Lea das vorhin nicht auch noch getan? War sich frei vorgekommen? Wo war dieses Empfinden jetzt?
Jeannys Stimme riss sie aus den Gedanken; sie klang noch ungeduldiger als zuvor.
„Komm schon, versuch’s wenigstens! Lass mich nicht so hängen!“
„Schon gut, schon gut. Es war…“
Wieso bloß fielen ihr keine Worte ein? Irgendetwas, das Jeanny zumindest vorläufig zufriedenstellen würde?
„…Intensiv.“, beendete Lea schließlich ihren Satz. Ja, das war eine gute Beschreibung. Besser als nichts zumindest. „Ich hab mich… wirklich lebendig gefühlt.“
Das war nicht einmal gelogen, wenn sie sich richtig erinnerte, auch, wenn sie im Grunde bloß die Worte benutzte, mit denen Jeanny immer ihr entsprechendes Ereignis beschrieben hatte.
Das schien allerdings genau das zu sein, was diese hören wollte.
„Ich weiß! Es ist unglaublich, oder?“, flüsterte sie aufgeregt, wobei sie sich anscheinend hektisch bewegte, denn ihr Bett machte einige knarrende Geräusche.
Lea nickte wieder, und dieses Mal war es ihr egal, dass Jeanny sie nicht sehen konnte.
Sie wollte einfach bloß schlafen.
„Ja. Gute Nacht“, murmelte sie, drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.
Eigentlich hatte sie erwartet, dass Jeanny weiter nachhaken würde, doch dem war nicht so.
Stattdessen erhielt sie bloß ein leises „Gute Nacht“ als Antwort, gefolgt von dem Rascheln einer Bettdecke, dann herrschte Stille.
Angenehme Stille.
Trotz der Tatsache, dass Lea unfassbar müde war, sich beinahe wie erschlagen fühlte, dauerte es, bis es ihr letztlich gelang, einzuschlafen. Zu viele Gedanken gingen ihr im Kopf herum, die sie nicht abschalten konnte, die sie verwirrten und wach hielten und die Zweifel, die, seit sie hierher zurückgekommen war und begonnen hatte, dich das Blut abzuwaschen, langsam aber deutlich begonnen hatten, in ihr zu wachsen, noch stärker werden ließen.
Kein Grund zur Sorge!, versuchte sie, sich einzureden, zog sich die Decke über den Kopf, als würde sie das vor ihren eigenen Gedanken schützen. Das ist einfach nur der Stress. Das war ein großer Schritt heute Nacht, aber es war nötig. Es war das Richtige!
Ja, das war es. Daran gab es überhaupt keinen Zweifel.
Und morgen, wenn das Tageslicht die Dunkelheit verdrängte und damit auch die finsteren Überlegungen, die sich in Lea ausbreiteten und sie um den Schlaf brachten, würde sie selbst auch wieder vollkommen daran glauben.
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