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Besser, ihr rennt!

GeschichteThriller, Horror / P16 / MaleSlash
03.11.2020
23.01.2021
23
46.678
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03.11.2020 3.443
 
„Du bist dir sicher, dass du es schaffst, ja?“
Die Stimme klang nicht wirklich interessiert, nicht wirklich einfühlsam, und Lea wusste, dass es mehr eine hohle Phrase war als eine wirkliche Frage. Dennoch nickte sie.
Was blieb ihr auch anderes übrig, für einen Rückzieher war es zu spät, auch wenn sie immer wieder aufs Neue Wellen des Bedürfnisses überkamen, genau das zu tun. Sich einfach umzudrehen und von hier zu verschwinden. Raus aus diesem alten Haus, das Lea seit ihrer Kindheit kannte, in dem es nach Zigarettenrauch und Feuchtigkeit stank, und nach etwas, das vor langer, langer Zeit irgendwo in den Wänden verendet war und seitdem dort vor sich hinrottete.
Als sie noch Kinder gewesen waren hatten Lea und ihr Bruder immer versucht, sich gegenseitig mit den erschreckendsten Theorien zu übertrumpfen, was es war, das diesen Geruch auslösen mochte, und dass ihre Mutter sie mehr als einmal darauf hingewiesen hatte, dass es lediglich Ratten waren, die immer wieder in den aufgestellten Fallen verendeten und deren Kadaver nur sporadisch entfernt wurden, hatte ihrer Fantasie keinen Abbruch getan.
Halt, Stopp!, dachte Lea. Das war jetzt egal. Die Vergangenheit spielte keine Rolle mehr, und jetzt daran zurückzudenken würde das alles bloß unnötig schwer machen.
„Sehr schön“, erwiderte ihr Begleiter, und half ihr dadurch dabei, ihre Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Sie wusste, dass sie sich keine Ablenkung leisten konnte. Kein Zögern, keine Gewissensbisse.
Sie musste das hier durchziehen. Das war das Einzige, was zählte.
Mit pochendem Herzen drückte sie auf die Klingel. Das laute Schrillen war gedämpft durch die Tür hindurch zu hören, und wieder fühlte Lea sich zurück in ihre Kindheit versetzt. Wieso auch hatte sich hier scheinbar absolut nichts verändert? Das war ihr bereits draußen aufgefallen, das gesamte Gebäude; nein, die komplette Straße hatte ausgesehen, als sei hier seit zweiundzwanzig Jahren – so lange ungefähr, wie Lea denken konnte – die Zeit stehengeblieben. Als könnten jeden Augenblick zwei kleine Kinder aus diesem Haus gerannt kommen, ein schlaksiger sommersprossiger Junge, und ein etwas pummeliges Mädchen mit rötlichem, immer zu zwei Zöpfen geflochtenem Haar, die sich gegenseitig die Straße entlangjagten und dabei wohl mehr als nur Glück hatten, niemals von einem fahrenden Auto erfasst zu werden.
Genau wie damals. Damals, als das Leben vielleicht nicht immer schön, aber im Vergleich zu heute doch zumindest angenehm einfach gewesen war.
Dieses Mal waren es die Schritte hinter der Tür, die Lea aus den Gedanken rissen. Selbst diese Schritte klangen genau wie damals, wenn sie von der Schule nach Hause gekommen war und wieder einmal ihren Schlüssel vergessen hatte; ein wenig unregelmäßig und laut auf den alten Dielen knarrend. Gott verdammt, wieso musste sie ausgerechnet heute so sentimental sein…
Mit einem leisen Quietschen wurde die Tür geöffnet, jedoch bloß ein Stück, so weit eben, wie es die vorgezogene Kette erlaubte. Das war zu erwarten gewesen. So hatte Mom es immer schon gemacht.
„Hey, Mommy“, sagte Lea mit einem zurückhaltenden Lächeln, und auf dem Teil des Gesichts der älteren Frau, der durch den Türspalt zu sehen war, zeichnete sich einige Sekunden lang pure Überraschung ab, bevor diese schließlich ebenfalls durch ein Lächeln ersetzt wurde.
„Lea!“, erklang die vertraute, ein wenig kratzige Stimme, begleitet von einem metallischen Klirren, das verkündete, dass die Sicherheitskette im Begriff war, entfernt zu werden.
Auch das war zu erwarten gewesen. Das Gesicht ihrer Tochter zu sehen war für Mrs. Nelson Grund genug, die natürliche Wachsamkeit, die man in Nachbarschaften wie dieser hier zwangsweise entwickelte, über Bord zu werfen und ohne weitere Nachfragen Einlass zu gewähren, trotz der Tatsache, dass Lea seit nun beinahe einem Jahr kaum mehr als ein paar Worte am Telefon mit ihren Eltern gewechselt hatte.
Für Mrs. Nelson gab es keinen Grund, ihrem ältesten Kind zu misstrauen. Und von der zweiten Person, die sich hinter Lea in der Dunkelheit des Flures verbarg, wohlweislich so platziert, dass sie nicht entdeckt werden würde, bis sie es nicht selber wollte, wusste sie nichts.
Lea musste sich zwingen, sich nicht umzudrehen, das hätte wohl trotz des familiären Vertrauens, das ihre Mutter ihr auch nach all der Zeit der Entfremdung noch entgegenbrachte, verdächtig gewirkt. Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf ihr gegenüber.
„Ich war grade in der Gegend“, begann sie zu erklären, dabei beobachtend, wie die Tür sich nun komplett öffnete und den Blick freigab auf die kleine, etwas untersetzte Frau, von der immer alle behauptet hatten, dass Lea ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war. „Da dachte ich, ich schaue mal vorbei, und…“
Weiter kam sie nicht, bevor ihre Mutter die Arme ausbreitete und einen Schritt auf sie zumachte.
Geistesgegenwärtig tat Lea es ihr gleich, und so standen sie im Türrahmen und umarmte sich, etwas, worauf Lea gut und gerne hätte verzichten können. Doch hätte sie ohnehin keine Wahl gehabt, und wäre ihre Mutter noch weiter in den Flur hinausgetreten, dann hätte sie vielleicht doch die komplett in schwarz gekleidete Gestalt gesehen, und dann hätte sie womöglich geschrien, und der ganze wohlüberlegte Plan wäre vollkommen durcheinandergeraten.
Nein, das durfte sie keinesfalls riskieren. Lieber die Umarmung ertragen, um die sie ohnehin nicht herumgekommen wäre, und dabei die wichtige Frage stellen: „Ist Dad auch da?“
Nicht, dass sie ernsthaft erwartet hatte, dass ihr Vater irgendwo anders sein würde, dennoch fühlte sie sich erleichtert als ihre Mutter nickte und erwiderte: „Ja, er ist mit Lysann im Wohnzimmer! Die beiden werden sich so freuen, dich zu sehen…“
Unwillkürlich merkte Lea, dass sie sich anspannte. Dabei war auch diese Aussage keinesfalls eine Überraschung, dass Lysann nicht zuhause war wäre noch unwahrscheinlicher als bei ihrem Vater. Dennoch hatte Lea insgeheim darauf gehofft, dass sie vielleicht grade heute bei einer Freundin übernachten würde, oder was auch immer Kinder in ihrem Alter sonst für Gründe hatten, die Nacht nicht zuhause zu verbringen.
Sie war erst sechs, beinahe ganze zwanzig Jahre jünger als Lea, aber das war wohl der Vorteil daran, wenn man sein erstes Kind mit grade einmal knapp siebzehn hinaus in die Welt presste – man hatte, sollte sich dieses Kind als Versagerin entpuppen, genügend Zeit, noch einmal nachzulegen. Lea konnte nicht verhindern, dass sich bei diesem Gedanken ein bitteres Lächeln auf ihre Lippen schlich.
Es war nicht so, dass es ihr um Lysann leidtun würde. Sie hatte ihre Schwester nie sonderlich gemocht, was möglicherweise daran lag, dass mit ihrer Geburt im Grunde all der Scheiß begonnen hatte, der dafür gesorgt hatte, dass Lea vollkommen die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte. Auf der Straße gelebt hatte, ab und zu mit beinahe vollkommen fremden Männern mit nach Hause gegangen war, um gegen eine kleine Gefälligkeit eine warme Mahlzeit und einen trockenen Schlafplatz zu bekommen, und mehrmals dem Tod buchstäblich ins Auge geblickt hatte… Doch das war vorbei. Ihr Leben hatte sich gewandelt. War nun besser, als es je zuvor gewesen war, und als es jemals hätte werden können, wäre sie bei ihren Eltern wohnen geblieben und hätte wie sie ein Leben in dieser heruntergekommenen, trostlosen Gegend geführt… Ja. So viel Schmerz sie auch hatte erdulden müssen, so viel Erniedrigung und Leid, am Ende war es das wert gewesen. Oder würde es vielmehr wert gewesen sein, sobald diese eine letzte Sache vollbracht worden war.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf kam ihr die folgende Lüge leicht über die Lippen: „Ich freu mich auch, euch alle wiederzusehen! Das letzte Mal ist wirklich schon viel zu lange her…“
Unter normalen Umständen hätte sich ihr bei einer derartig verlogenen Schleimerei wohl der Magen umgedreht. Doch wenn dies hier eines nicht war, dann normale Umstände. Im Gegenteil. Denn nach dieser Nacht würde sie ihr neues, ihr wahres Leben beginnen.
„Das stimmt, Schatz!“, erwiderte ihre Mutter, und im Gegensatz zu Lea schien sie diese Worte vollkommen ernst zu meinen. Sie ließ die Arme sinken und trat einen Schritt zurück, machte eine einladende Bewegung, die die gesamte Wohnung zu umfassen schien, und fügte mit dieser altbekannten, typisch-mütterlichen Stimme hinzu: „Komm doch rein! Setz dich mit ins Wohnzimmer, ich mache dir einen Kakao oder einen Tee, wenn du magst…“
Selbst das war noch genau wie damals. Man kam nach Hause, und Mom bot einem ein heißes Getränk an, das sie einem zusammen mit einem Haufen Kekse servieren würde, ganz so, als würde die Familie nicht jeden Cent drei Mal umdrehen müssen, um sich überhaupt ausreichend zu Essen leisten zu können.
Eine weitere Welle der Nostalgie drohte Lea zu überrollen, doch entschlossen drängte sie sie zurück. Nicht jetzt. Nicht so kurz vor ihrem Ziel. Und auch danach nie wieder.
Mit einem gespielt fröhlichen Lächeln blickte sie ihre Mutter an, gab sich Mühe, ihre Stimme unbekümmert klingen zu lassen, als sie nun mitteilte, was sie bisher so sorgsam verborgen hatte: „Sehr gerne… aber… Mom, ich bin nicht alleine hergekommen! Ich… habe einen Freund mitgebracht.“ Sie fühlte sich seltsam, als das Wort Freund, über ihre Lippen kam, und Moms irritierter Gesichtsausdruck machte das nicht grade besser. „Einen Freund?“, fragte sie mit kaum verhohlener Unsicherheit in der Stimme. „Oh, das… ist schön, Liebling!“
Ja sicher doch, ging es Lea durch den Kopf. Tu nicht so, ich weiß, was du in Wahrheit denkst! ‚Ein Freund? Du? Lea Nelson, meine tollpatschige, dicke, pickelgesichtige Tochter, die keinen graden Satz herausbringt, wenn sie mit einem Angehörigen des männlichen Geschlechts redet? Du willst mir wirklich erzählen, dass du, während du dein Leben immer weiter den Bach hinuntergehen lassen hast, einen Freund gefunden hast? Oh Gott, was erwartet mich denn jetzt? Ein bekiffter Junkie? Ein fetter, nach Alkohol stinkender Penner aus der Gosse? Ich weiß ja, dass wir nicht gerade der High Society angehören, aber sogar wir haben Ansprüche, und ich bezweifle, dass du es schaffst, die zu erfüllen! Also, um Gottes Willen, Kind, wen schleppst du mir hier ins Haus?‘ Ja, genau das denkst du hinter deiner fürsorglichen Fassade; du hältst mich für eine Versagerin, hast das immer schon getan, warst nur zu feige, es mir ins Gesicht zu sagen…
Das war, was Lea dachte, während sie sich merklich anspannte, und das in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Laut sagte sie: „Ja. Ich habe ihn bei einem Treffen kennengelernt, zu dem ich manchmal gehe! Ich dachte, ihr würdet ihn vielleicht gerne kennenlernen…“
„Oh, aber natürlich!“ Moms Lächeln wirkte nun ein gutes Stück weniger verunsichert, was jedoch nicht dazu führte, dass Lea ihm mehr Glauben schenkte. Wobei, vielleicht freute sie sich wirklich… dadurch, dass ihr wieder einmal ein Beweis dafür vor Augen geführt wurde, was für eine nichtsnutzige Tochter sie doch hatte.
Wieder diese verdammten Gedanken. Als würde es nun noch eine Rolle spielen, was ihre Eltern über sie dachten, als hätte es jemals wirklich eine Rolle gespielt…
In dem Moment, in dem Lea sich umdrehte, um ihren ‚Freund‘ ins Sichtfeld ihrer Mutter zu bitten, verzerrte sich ihr Gesicht zu einer hasserfüllten Grimasse. Verdammt, sie wünschte sich so sehr, dieser Frau hier und jetzt an die Kehle springen zu dürfen, auf sie einzustechen, wieder und wieder, so lange bis die Schreie verstummten und Muskeln und Nerven den Todeskampf aufgaben… Aber nein. Noch nicht. Noch ein wenig Geduld.
„Komm her!“, rief Lea auffordernd in die Dunkelheit, und als sie sich wieder Mom zuwandte, hatte sie wieder ein Lächeln aufgesetzt, und als sie den überraschten, beinahe ein wenig Fassungslosen Gesichtsausdruck ihrer Mutter erblickte, gewann eben dieses Lächeln einiges an Echtheit dazu.
Sie konnte sich vorstellen, dass ihr Begleiter nicht grade das war, was ihre Erzeugerin sich und dem angekündigten ‚Freund‘ vorgestellt hatte.
„Guten Abend, Mrs. Nelson. Ich bin Jefferey“, stellte Jefferey sich in seiner gewohnt höflichen Art vor, streckte dabei die Hand aus und setzte sein umwerfendes Lächeln auf. Lea konnte ihrer Mutter deren beinahe geschockte Reaktion nicht einmal verübeln, war sie selbst doch ebenfalls jedes Mal wieder von dem charmanten Mann mit dem dunklen Haar fasziniert, dessen Anzüge wahrscheinlich so viel kosteten wie Leas Familie in einem ganzen Jahr verdiente. Er war schlichtweg ausgesprochen charismatisch, und wusste, diese Tatsache zu seinem Vorteil einzusetzen.
Perplex ergriff Mom die ihr angebotene Hand und schüttelte sie. Sie schien noch immer damit zu ringen, ihre Fassung wiederzuerlangen und ihre Überraschung zu verbergen – Ja, Mom!, schoss es Lea wieder durch den Kopf, während eine Welle der Genugtuung sie überkam. Sie dir ruhig an, mit was für Leuten ich mich mittlerweile umgebe! Sieh ihn dir gut an, denn er und ich werden das Letzte sein, was du in deinem Leben zu sehen bekommen wirst.
Ein wohliges Kribbeln überkam sie bei diesem Gedanken. Wenn sie ehrlich war, dann überraschte sie das ein wenig, sie hatte angenommen, dass sie zumindest ein wenig moralische Zweifel bekommen würde, wenn sie so kurz vor dem großen Ereignis stand… kam das vielleicht noch? Falls ja, dann blieb nur zu hoffen, dass Lea diese Zweifel nicht lähmen würden, wenn es wirklich ernst wurde.
Während Lea in ihre Gedanken versunken gewesen war hatten Jefferey und Mom anscheinend Floskeln der Höflichkeit ausgetauscht, zumindest holten sie die Worte „Dann kommt mal rein und geht ins Wohnzimmer, ich hole euch etwas zu essen und zu trinken!“ aus ihren Gedanken. Wie automatisiert nickte Lea.
Folgte ihrer Mutter in den engen Flur, hinter sich wiederum die Schritte von Jefferey hörend, der die Tür hinter sich schloss, bevor er Mom, die grade nach links in die Küche abbog, fragte: „Kann ich Ihnen vielleicht beim Tragen helfen?“
Es war keine Überraschung, dass Mom dieses Angebot freudig annahm, so, wie Lea es vorausgesagt hatte. Das war gut. Das alles war sehr, sehr gut.
Die Blicke, die sie erntete, als sie das Wohnzimmer betrat, ihrerseits noch immer mit diesem falschen Lächeln auf den Lippen, glichen vom Grad der Verwunderung her dem ihrer Mutter beim Öffnen der Tür.
Dad saß in seinem Sessel vor dem Kamin, in dem knisternd ein Feuer brannte, das den kleinen Raum mit angenehmer Wärme erfüllte, grade richtig in einer regnerischen Oktobernacht wie dieser.
Lysann hockte ihm gegenüber auf dem Sofa, die Beine angezogen und in eine Decke eingewickelt, in den Händen eine dampfende Tasse Kakao. Oh, was für eine perfekte Familienidylle dieser Anblick doch erahnen ließ…
Ihre kleine Schwester war die erste, die aus der Starre der Verblüffung erwachte. „Lea!“, rief sie mit einem breiten Grinsen; sie sprang auf und rannte auf die unerwartete Besucherin zu, breitete die Arme aus… und verharrte erneut bewegungslos, als Lea ihre Hand, die sie vor Betreten des Raumes ins Innere ihres viel zu weiten Mantels gesteckt hatte, wieder herauszog. Ihr erfreuter Ausdruck im Gesicht – im Gegensatz zu ihrer Mutter nahm Lea der Kleinen diese Freude ab, auch wenn das auch nichts änderte – wich zunächst erneuter Überraschung, die dieses Mal jedoch nichts Positives mehr an sich hatte wie es zuvor der Fall gewesen war, bevor er letztlich zu einer Maske purer Angst wurde.
Wieder war da dieses Kribbeln, das Leas Körper durchfloss, sie hob den Blick, sah zu ihrem Vater, der grade im Begriff gewesen war, sich aus seinem Sessel zu erheben um seine Tochter zu begrüßen, dann jedoch wie eingefroren verharrt hatte, als diese den 22er Revolver hervorgeholt hatte.
Mit diesem zielte sie nun direkt auf den Kopf ihrer kleinen Schwester, und obwohl sie wusste, dass das nicht die Art war, auf die das alles enden würde, merkte sie nun letztlich doch die Nervosität in sich aufsteigen, von der sie gehofft hatte, dass sie vielleicht wirklich ausbleiben würde.
Ihre Hand begann zu zittern, ihr Herz schlug schneller in ihrer Brust.
Reiß dich zusammen!, wies sie sich selbst in Gedanken zurecht. Nervosität, womöglich gar eine Panikattacke, konnte sie sich nicht leisten. Ein Rückzug war nicht mehr möglich. Von dem Augenblick an, in dem sie den Revolver aus ihrem Mantel geholt und auf Lysanns Kopf gerichtet hatte, war das Schicksal ihrer Familie vollkommen und unumstößlich besiegelt gewesen.
Hinter ihr öffnete sich die Tür, was sie durch das vertraute Knarren erkennen konnte, Schritte waren zu hören, dann sah sie ihre Mutter, die ungeschickt an ihr vorbei weiter ins Wohnzimmer stolperte. Ihr Gesicht war kreidebleich, die Augen weit aufgerissen. Einige quälend langsam verstreichende Sekunden lang sagte niemand etwas. Keiner der drei Bewohner schien wirklich zu begreifen, was vor sich ging – nun, wirklich verübeln konnte man ihnen das wohl nicht, das Gehirne brauchte für gewöhnlich nun einmal ein wenig, um extreme Situationen zu verarbeiten. Lea verstand das.
Jefferey offensichtlich nicht.
„Jetzt steh nicht einfach bloß rum!“, herrschte er sie an, während er mit seiner eigenen Waffe weiter auf Leas Mutter zielte. Seine harschen Worte ließen Lea zusammenzucken, und um ein Haar hätte sie den Abzug gedrückt, auf dem ihr Finger bereits die ganze Zeit über ruhte. Verdammt, das wäre schlecht gewesen. Vielleicht keine vollkommene Katastrophe, aber doch alles andere als gut…
Wieder durchschnitt Jeffereys scharfe Stimme die Stille: „Na, wird’s bald?“
Ungelenk, als wäre sie grade aus einem tiefen Schlaf gerissen worden, ließ Lea die Hand mit dem Revolver sinken und verstaute diesen wieder in ihrem Mantel, um mit der selben Bewegung die Rolle Panzertape zu greifen, die sie ebenfalls in den Tiefen des ausgebeulten Stoffen verstaut hatte. Sie machte einen Schritt auf Lysann zu, tastete mit zittrigen Fingern nach dem Anfang des Klebebandes… und hätte die Rolle um ein Haar fallen lassen.
„Verdammt!“, entfuhr es ihr leise, und die Art, wie ihre Stimme sich anhörte, gefiel ihr ganz und gar nicht. So zittrig und schrill. Nahezu verängstigt.
Sie hörte Jefferey hinter sich gereizt knurren, was nicht gerade dazu beitrug, dass sie sich entspannte. Von der höflichen, charmanten Art ihres Begleiters war nun nichts mehr übrig.
Hastig unternahm sie einen neuen Versuch, den Anfang der Rolle zu finden, und dieses Mal gelang es ihr, auch, wenn sie sich dabei einen Fingernagel einriss und ein brennender Schmerz sie durchzuckte.
Ruhigbleiben. Sie musste, verdammt nochmal, ruhig bleiben!
„Was…was soll das?“ Nun war ihr Vater derjenige gewesen, der das Wort ergriffen hatte, und Lea fragte sich unwillkürlich, ob seine Stimme bereits so kratzig und heiser geklungen hatte, als sie das letzte Mal miteinander geredet hatten, oder ob sie durch den übermäßigen Konsum von Zigaretten noch rauer geworden war.
Egal. Hör auf, nachzudenken. Konzentrier dich!
Eigentlich hatte Lea nicht vorgehabt, Dads Frage zu beantworten, hatte ihn einfach ignorieren wollen, um sich ganz der Fesselung von Lysann zu widmen, die sie zuvor grob nach hinten geschubst hatte, sodass das Mädchen wieder auf die Couch gefallen war, von wo aus es seine große Schwester nun mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Es würde ohnehin niemand von ihnen verstehen, nicht in diesem Leben. Sie sollte es gar nicht erst versuchen, zu erklären, das hatten sie ihr alle eingeschärft, und um ehrlich zu sein bezweifelte Lea sowieso, dass sie in der Lage wäre, die richtigen Worte dafür zu finden.
Dennoch konnte sie nicht umhin, etwas zu erwidern, es war, als würde ein innerer Druck in ihrer Brust sie dazu zwingen: „Keine Sorge, Dad. Ich weiß, dass ihr immer enttäuscht von mir wart. Ich war lange wütend deswegen… ein bisschen bin ich es immer noch. Aber heute Nacht werde ich euch vergeben. Und ich werde euch erlösen von euren Sünden, und dafür sorgen, dass wir ein glückliches Leben im Jenseits führen können!“
Sie sollte nicht so viel reden, das wusste sie, und dass sie es dennoch tat, lag wahrscheinlich an der Aufregung, aber das war keine Entschuldigung für diese sinnlose Ablenkung von ihren Vorhaben.
Während sie dabei war, Lysanns Hände mit dem Panzerband auf dem Rücken zu fixieren, während dieser mittlerweile Tränen übers Gesicht liefen, schloss Lea für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief durch.
Sie musste sich beruhigen. Es kam keinen Grund dafür, nervös zu werden, keinen Anlass zur Panik. Sicher, sie hatte erwartet, dass das passieren würde, aber deshalb war sie auch darauf vorbereitet gewesen. Zum Glück passierte es jetzt, und nicht in ein paar Minuten, wenn sie das Messer in der Hand halten würden, bereit, es ihrem Vater direkt ins Herz zu stechen.
Einatmen. Drei Sekunden Lang. Den Atem halten. Ausatmen, sieben Sekunden lang.
Sie hörte, wie wieder jemand etwas sagte, vermutlich ihre Mutter, vielleicht auch Lysann. Sie konnte es nicht sagen, war zu tief in ihrem Inneren versunken, darauf bedacht, ihren Herzschlag zu beruhigen und die in ihr aufsteigende Panik wieder zurückzudrängen.
Drei Sekunden lang einatmen. Den Atem halten. Sieben Sekunden lang ausatmen.
Es funktionierte, so wie jedes Mal, seit ihr diese Übung zum ersten Mal gezeigt worden war. Ihr Puls verlangsamte sich, ihre Körperhaltung entspannte sich ein wenig. Zu sagen, dass sie ruhig geworden war, wäre wohl ein wenig übertrieben gewesen, doch würde sie damit arbeiten können.
Ein leichtes Lächeln umspielte Leas Lippen, als sie die Augen wieder öffnete.
Sie wandte sich zu Jefferey, der seinerseits damit begonnen hatte, ihre Mutter zu fesseln, und sie mit einem Blick bedachte, in dem Strenge und Ungeduld sich miteinander vermischten.
„Du wirst das durchziehen, nicht wahr?“, hakte er nach, und der Klang seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass dies eine rein rhetorische Frage war.
Lea nickte. Ja. Sie war bereit.
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