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Songs about Bray

SongficAllgemein / P12 / Gen
03.11.2020
16.10.2021
10
47.666
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03.11.2020 4.768
 
Lied: "Satisfied" aus dem Hamilton-Musical, gesungen von Renée Elise Goldsberry. (Leicht gekürzt, weil die Musical-Passagen einfach inhaltlich überhaupt nicht reinpassen)
Setting: Nicht wirklich festgelegt, irgendwann nach der 5. Staffel

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Ein prüfender Blick in das Glas vor mir. Mein Spiegelbild sieht keinesfalls überzeugt aus von dem, was es dort sieht. Schon wieder nicht. Ich schürze die Lippen, schüttele verärgert den Kopf und greife nach dem Lappen, den ich aus einem alten T-Shirt gemacht habe und der mir – in Alkohol getränkt – das Abschminken erleichtert. „Also wirklich, das kannst du doch besser“, murmele ich mir selbst zu, doch bemerke gleich, wie halbherzig es klingt. Während ich mir mit dem Lappen über die Augen fahre, um den dritten verunglückten Versuch, einen graden, dramatischen, aber nicht übertriebenen Lidstrich zu ziehen, wegzuwischen, horche ich bewusst in den Lärm draußen. Stimmen, munteres Gewusel, zur Abwechslung bin ich einmal nicht die erste, die so früh wach ist. Der ganze Tribe scheint schon auf den Beinen zu sein, natürlich, immerhin ist heute das, was Tai-San seit Wochen als „den großen Tag“ bezeichnet. Ein Zeichen der Versöhnung, ein Fest der Freude, eine Erinnerung daran, dass die Liebe am Ende immer siegt. Diese und ähnliche Umschreibungen habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört, wenn die anderen über das gesprochen haben, was uns heute ins Haus steht. Schon beim Gedanken daran kann ich gar nicht anders, als aufzulachen, weiß ich doch, dass dem Hauptdarsteller des heutigen Tages keine dieser Umschreibungen recht ist – und mir genau so wenig. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich nehme alle meine Konzentration zusammen, fokussiere mich auf mein Spiegelbild und setze den Lidstrich noch einmal an.

A toast to the groom!
To the groom, to the groom
To the bride!
To the bride. To the bride
From your sister

Who is always by your side
To your union
To the union!

And the hope that you provide

May you always
Be satisfied


Diesmal gelingt er mir wesentlich besser und als ich nun wieder mein ganzes Gesicht im Spiegel betrachte, muss ich mir prompt selbst zulächeln. Wieso auch nicht, immerhin ist heute ein besonders schöner Tag, der Tag, auf den ich, mehr als alle anderen, so lange hingefiebert habe. Ganz allmählich spüre ich das nervöse Kribbeln, das seit einiger Zeit mein ständiger Begleiter ist, wieder hochkommen. Doch mein Lächeln ist immer noch so breit, wie zuvor und selbst, als mein Blick aus den Augenwinkeln kurz auf den Zettel fällt, den ich neben den Tisch gelegt habe, auf dem mein Make-Up steht, erlischt es nicht. Sehr schön. Immerhin gehört zum „schönsten Tag des Lebens“ so viel mehr, als nur die Blumengestecke, die an die Stühle gebunden sind, die wir am Strand aufgestellt haben. Neben einem willigen und sich liebenden Brautpaar sind Blumenmädchen, eine angemessen große Hochzeitsgesellschaft, ein Buffet und Musik elementare Bestandteile für das Gelingen dieses Tages und was die Faktoren angeht, auf die ich Einfluss hatte, habe ich nichts davon dem Zufall überlassen. Die Rosen sind rot, Cloe hat sich bereit erklärt, Superviserin für Brady als Blumenmädchen zu sein und Ellie, Alice und Salene haben sich bei den Planungen für das Hochzeitsmenü geradezu selbst übertroffen, zumindest kann ich das von den Teilen sagen, die ich bereits probieren durfte. Es ist also alles dafür vorbereitet, dass dieser Tag absolut perfekt wird. Etwas zu entuhisiastisch greife ich zur Puderdose und beginne, meinen Wangen den gesund-roten Ton zu geben, der ihnen gerade fehlt. Ich war schon immer ein eher blasser Typ und ein Leben, wie wir es hier führen, mit all seinen Entbehrungen, trägt nun einmal nicht zu einer sonderlich gesunden Gesichtsfarbe bei – auch, wenn das neue Zuhause eine Insel ist. Doch das Rouge hilft, so wie Make-Up es immer tut. Rot für die fahlen Wangen, Abdeckstift auf die Augenringe die verraten, dass ich in den letzten Wochen viel zu oft keinen oder nicht ausreichend Schlaf gefunden habe und dann noch das Finish: Der auffällige, dunkelviolette Lippenstift.

Bestimmt greife ich in den vorderen Teil des Kästchens mit all seinen Pinseln, Cremes und Puderdöschen und ziehe die silberfarbene Hülse daraus hervor. Ich entferne den Deckel und lege ihn beiseite, bevor ich ganz vorsichtig am unteren Teil der Halterung drehe. Ich muss sehr lange und gerade deshalb aber auch sehr vorsichtig drehen, damit der letzte Rest des Lippenstifts nicht einfach vor mir auf den Boden fällt. Eigentlich ist es purer Zufall, dass ausgerechnet er eines der wenigen Dinge ist, die ich aus meinem alten Leben mitgenommen habe. Wahrscheinlich wäre er wie der Großteil meiner anderen Habseligkeiten den plündernden Gangs zum Opfer gefallen, vor denen ich mich tagelang in der Küche unseres Hauses versteckt habe, hätte ich ihn nicht in der Tasche des Cardigans gehabt, als ich gefunden wurde. Die Spitze ist inzwischen wirklich verschwindend klein, reicht aber noch aus, um meine Lippen vollkommen mit der Farbe zu bedecken, die findige Marketing-Menschen in meinem anderen Leben wohl „Pflaume“ oder so ähnlich genannt hätten. Als ich nun wieder einen Blick in den Spiegel werfe, habe ich zum ersten Mal am heutigen Tag das Gefühl, zufrieden mit dem zu sein, was ich dort sehe. „Siehst du? Du kannst es immer noch“, versichere ich mir selbst, bevor ich mich von meinem Spiegelbild abwende und stattdessen hinüber zu dem kleineren der beiden Betten gehe, die in meinem Zimmer stehen. Schon vor Tagen habe ich mich final entschieden, welches Kleid ich heute tragen möchte und als ich es nun dort auf der Matratze liegen sehe, fühle ich mich in meiner Entscheidung absolut bestätigt. Ja, es kann nur dieses sein.

I remember that night, I just might
Regret that night for the rest of my days
I remember those soldier boys
Tripping over themselves to win our praise
I remember that dreamlike candlelight
Like a dream that you can't quite place


„Das Rot steht dir.“ Ich lache verlegener, als ich es eigentlich möchte und schlage die Augen nieder. Mit gesenktem Blick gehe ich also die letzten Schritte bis hinüber zu dem Gestell mit der Schaukel, auf der ich meinen Gesprächspartner vor einiger Zeit zurückgelassen habe, um ins Badezimmer zu gehen. „Es ist nett, dass du das sagst“, erwidere ich zurückhaltend, während ich wieder zu ihm auf die Schaukel klettere. Sie ist so gebaut, dass zwei Menschen sich darin gegenübersitzen können und entgegen meiner Befürchtung, hat er in meiner Abwesenheit nichts getan, was an dieser Tatsache etwas ändern würde. Erleichtert nehme ich ihm gegenüber Platz. „Ich meine das ernst, das Kleid sieht toll aus!“ Er spricht schnell, wie immer, wenn er verlegen ist, was die meiste Zeit der Fall ist, wenn wir uns unterhalten. Ein Tempo, als wolle er den zweiten Satz am liebsten noch vor dem ersten sagen und die Erklärungen dazu so schnell hinterherschieben, dass er nicht missverstanden werden kann. „Gerade jetzt mit dem Abendlicht ist es nochmal schöner! Der Stoff schimmert ein bisschen und das Rot passt…sehr schön zu deinen Augen.“ Wieder kommt mir dieses dumme Lachen über die Lippen, während ich den Kopf senke und ihn schüttele. „So viele Komplimente, das bin ich ja gar nicht gewohnt“, seufze ich und als ich ihn nun wieder ansehe, kann ich sehen, dass er die Stirn skeptisch in Falten gelegt hat. Sein Blick verrät, dass er von meinen Worten wirklich überrascht sein muss. „Wieso nicht? Verdient hättest du sie auf alle Fälle“, sagt er dann gerade heraus und ich muss mich schwer zusammenreißen, um nicht aufzustöhnen. Ich weiß, dass er nichts dafür kann, dass sich so viele seiner Komplimente in meinen Ohren derart plump anhören, wie sie es tun. In einer Art Übersprungshandlung zupfe ich am Rock besagten Kleides herum. „Ich habe das noch gar nicht so lange. Meine Cousine hat vor ein paar Wochen geheiratet, dafür hatte ich es gekauft. Sie meinte, dass sie das noch tun will, bevor die Kontaktbeschränkungen kein Fest mehr zulassen. Das Kleid war das einzig Gute daran. Der Rest der Feier war unglaublich langweilig“, erkläre ich.

Er tippt unbewusst mit der Spitze seiner Zunge gegen seine Oberlippe, bevor er antwortet. „Wenn du möchtest, kann ich dich zur nächsten langweiligen Familienfeier begleiten, wenn sie wieder erlaubt sind. Ich kann dich mit Sicherheit gut unterhalten.“ Der Ton, in dem er die Worte sagt, ist so bemüht lässig, dass er genau das Gegenteil davon bewirkt. „So?“, frage ich grinsend, „Wie würdest du das denn anstellen?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich kann ein paar Zaubertricks. Das könnte helfen, wenn alle am Tisch sitzen und sich die fünfhundertste, langweilige Rede anhören müssen.“ Ich kichere leise und verdrehe die Augen. „Oh diese Reden sind wirklich immer das Allerschlimmste. Derjenige, der sie hält, hat sich extrem viele Gedanken darüber gemacht, was er sagt, um eloquent zu wirken und die Zuhörer wollen eigentlich nur, dass es möglichst schnell vorbei ist.“ Mein Gegenüber nickt, während er sich mit der Hand durch die halblangen Haare fährt. „Ja, das ist wirklich anstrengend. Es raubt nur Zeit und Nerven. Bei meiner Hochzeit wird es nur eine einzige Rede geben“, sagt er dann so bestimmt, dass ich für einen Moment verwundert bin. „Ach? Und wer wird sie halten?“

„Na wer wohl?“, fragt er schelmisch grinsend, „Ich selbst, natürlich. Aber es wird trotz allem eine kurze Rede, denke ich. Wahrscheinlich werde ich die Gäste begrüßen, mich bei allen für ihr Kommen bedanken und meiner Braut sagen, dass ich sie sehr liebe.“ Der Blick, den er mir zuwirft, sorgt dafür, dass sich auf meinen Armen eine Gänsehaut der unangenehmen Sorte ausbreitet. „Deswegen wäre es mir auch wichtig, dass ich die Rede selbst halte. Und immerhin bin ich derjenige, um den es geht, das lasse ich mir doch nicht von irgendjemand anderem wegnehmen.“ Just in diesem Moment höre ich, wie die große, schwere Eingangstür des Hauses geöffnet wird, geräuschvoll ins Schloss fällt und kurz darauf ein Rufen in einer Lautstärke, dass es selbst hier draußen noch gut zu verstehen ist. „Martin? Bist du zuhause?“ Die Gesichtszüge meines Gegenübers verhärten sich augenblicklich und in seine Augen tritt wieder der mir inzwischen so gut bekannte Schatten, während ich nicht umhin komme zu bemerken, dass mein Herz augenblicklich höherschlägt. „Wenn man vom Teufel spricht…“, murmelte er verärgert in seinen nichtvorhandenen Bart, während die Schritte aus dem Inneren des Hauses immer näher kommen. Er macht keinerlei Anstalten, auf die zuvor gestellte Frage zu antworten und wendet sich demonstrativ wieder mir zu. „Wenn ich es mir Recht überlege…vielleicht will ich das auch alles gar nicht so groß machen. In den Gemeindesaal hier passen eh nicht so viele Leute. Ein paar Freunde, die Familie meiner Braut und meine Eltern, damit wären doch eigentlich alle wichtigen Leute da, oder?“
Ich drehe mich auf meinem Sitz um, so dass ich den Garten hinter mir besser im Blick habe. „Ja…wahrscheinlich hast du Recht…“, murmele ich abwesend, bin ich doch eigentlich darauf konzentriert zu hören, ob die Schritte im Haus uns allmählich näherkommen. „Ok, Tante Meredith sollte ich wohl auch noch einladen, immerhin ist sie meine Patin, auch, wenn sie sehr weit weg wohnt.“ Mit einem leisen Quietschen öffnet sich die Tür zur Terrasse.  „Und sie wäre bestimmt furchtbar beleidigt, wenn ich sie an so einem großen Tag nicht dabei hätte…“
„Wer wäre beleidigt?“

But Alexander, I'll never forget the first time I saw your face
I have never been the same
Intelligent eyes in a hunger-pang frame
And when you said "Hi, " I forgot my dang name
Set my heart aflame, ev'ry part aflame
This is not a game


Sofort drehe ich mich um und versuche so zu tun, als habe ich sein Kommen bisher wirklich nicht bemerkt. „Bray!“ Ich lächele breit und beginne unbewusst mit den Spitzen meiner Haare zu spielen, die mir offen über die Schulter fallen. „Schön dich zu sehen“, fahre ich fort, während Martin mir gegenüber halblaut etwas murmelt, das nach „Das ist eine sehr einseitige Freude“ klingt. Ich ignoriere ihn. „Oh.“ Bray bleibt für einen Moment im Rahmen des Terrassenfensters stehen, der Mund leicht offen vor Überraschung. Ihn so unsicher zu sehen ist ungewohnt, sonst bringt ihn nichts so schnell aus der Fassung und auch diese kurze Verwirrung ist in dem Moment, als ich sie bemerke, schon fast wieder verschwunden. „Hallo Trudy, ich…ich wusste gar nicht, dass du da bist…Das Kleid ist sehr schön.“ Er sieht von mir zu seinem Bruder und hebt kaum merklich fragend eine Augenbraue. „Wüsste auch nicht, was dich das angeht“, sagt dieser kalt. Die Stimmung, die die ganze Zeit zuvor schon nicht gerade entspannt war, scheint mit einem Mal auch eiskalt zu sein. „Wir…ähm…“, ich räuspere mich und bemühe mich um einen möglichst heiteren Tonfall, „Wir haben gerade von Hochzeiten gesprochen…“, ich winke kichernd ab, als sei das alles albern. Bray schmunzelt wie jemand, der mehr weiß, als alle anderen um ihn herum.
„Ich verstehe…“, sagt er dann, „Hat Martin dir schon die Rose geze-“
„Wie geht es Mom? Du warst doch gerade im Krankenhaus, oder?“, schneidet der Jüngere ihm das Wort ab. Bray winkt ab. „Viel besser. Dad bringt sie in ein paar Stunden mit nach Hause, sie müssen gerade noch letzte Tests machen und er dann noch ein paar Formulare unterschreiben“, sagt er fast beiläufig.

„Was für eine Rose meinst du, Bray?“, frage ich und er grinst, wird jedoch sofort wieder ernst, nachdem er zu Martin hinübersieht, der sich kurz geräuspert hat. „Das soll er dir mal schön selbst erzählen. Ich…“, für einige Augenblicke sieht er sich fast suchend um, „Ich geh mal wieder rein. Ich sollte meine Basketball-Sachen waschen. Braucht ihr noch was? Was zu trinken oder so?“ Noch ehe ich ansetzen kann, etwas zu sagen, hat Martin scharf „Nein, danke!“, geantwortet. Bray sieht für einen Moment so aus, als wolle  er sich sarkastisch entschuldigen, sagt jedoch nichts, sondern wendet sich zum gehen. Und wenn er das tut, davon bin ich überzeugt, werde ich ihn nicht mehr wiedersehen, bis ich das Haus verlasse. „Bray!“, rufe ich ihm hinterher, bevor ich noch einmal darüber nachgedacht habe, woraufhin er sich umdreht. „Wie würdest du denn heiraten wollen?“ Er lacht kurz und fährt sich wieder mit der Hand durch die Haare, so dass diese ihm noch perfekter ins Gesicht fallen, als sie es ohnehin schon tun. „Puh…“, sagt er dann und atmet hörbar aus, „Ich glaube, ich fände es ganz klassisch in einer Kirche schön. Oder draußen am Strand. Ja, ja, wahrscheinlich das. Wind in den Haaren, Sand unter den Füßen, vielleicht eine Band und das Rauschen des Meeres dazu.“ Meine Versuche, seinen Blick einzufangen, scheitern, während es für einige Momente so still ist, dass ich mein eigenes Atmen hören kann. „Aber am Ende“, fährt Bray schließlich fort, nachdem er eine abwinkende Geste mit der Hand gemacht hat, „geht es doch auch viel weniger um das ‚wie‘ als um das ‚wen‘, oder? Und wenn das passt, ist das drumherum glaube ich gar nicht mehr so wichtig.“ Er zwinkert mir kurz zu, bevor er sich endgültig zum Gehen wendet.


So this is what it feels like to match wits
With someone at your level! what the hell is the catch?
It's the feeling of freedom, of seeing the light
It's Ben Franklin with a key and a kite
You see it right?
The conversation lasted two minutes, maybe three minutes, everything we said in total agreement!
It's a dream and it's a bit of a dance
A bit of a posture, it's a bit of a stance.
He's a bit of a flirt, but I'mma give it a chance


Mit einem Kopfschütteln reiße ich mich aus der Erinnerung und beginne damit, das rote Kleid anzuziehen. Nein, zu sagen, dass ich mir den heutigen Tag seit dieser Begegnung nicht mindestens 100 Mal vorgestellt hätte, wäre schlichtweg gelogen. In meiner Phantasie habe ich alles, was heute passieren wird, schon öfter durchgespielt, als ich zugeben möchte, habe jedes denkbare Szenario durchlaufen – und die weniger denkbaren gleich mit dazu. Die einzige Ausnahme bildet wohl das, worauf ich mich nicht vorbereiten konnte. „Versprichst du, ihr die Treue zu halten, in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod euch scheidet?“, murmele ich leise die Stelle vor mich hin, bei der ich mich in den letzten Tagen immer verhaspelt habe. Und auch diesmal habe ich wieder einen entscheidenden Teil vergeßen. „Versprichst du, ihr die Treue zu halten, in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, sie zu lieben, zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet?“ Und dann ist er doch wieder da, dieser kleine Stich in der Magengrube, das unangenehme Ziehen in der Brustgegend, das ich die letzten Wochen über so erfolgreich bekämpft habe. Das Gefühl, dass es nicht richtig ist, was ich dort tue, dass ich diejenige bin, die dort neben ihm stehen und Antwort auf diese Frage geben sollte, nicht diejenige, die sie stellt. Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen schießen und muss alle Kraft, die ich habe, darauf verwenden, sie zurückzuhalten, damit sie mir nicht das kaputt machen, was ich mir nun über so lange Zeit so mühsam erarbeitet habe: Den Anschein, dass alles bester Ordnung ist obwohl es nichts gibt, was meinen momentanen Gefühlszustand so wenig gut beschreibt, wie das. Einem Impuls folgend pfeffere ich das Blatt Papier auf meinen improvisierten Schminktisch, woraufhin dieser so bedrohlich schwankt, dass ein paar der Döschen zu Boden gehen und ihren Inhalt über den halben Fußboden verstreuen. Auch eine der Parfumflaschen fällt hinunter und zersplittert. Den penetranten Geruch, den ihr Inhalt im ganzen Raum verbreitet, nehme ich nicht mal richtig wahr, als ich mich nun auf das Bett fallen lasse und den Kopf in die Hände stützte.

I asked about his fam'ly, did you see his answer?
His hands started fidgeting, he looked askance
He's penniless, he's flying by the seat of his pants
Handsome, boy does he know it
Peach fuzz and he can't even grow it
I wanna take him far away from this place
Then I turn and see my sister's face and she is
Helpless
And I know she is
Helpless
And her eyes are just
Helpless


„Mummy?“ Erschreckt zucke ich zusammen, als ich Bradys Stimme von draußen her höre. Schnell fahre ich mir mit dem Handrücken über die Augen und bete inständig, dass sich nicht schon zu viel der Schminke in meinem Tränen aufgelöst hat. Kurz darauf kommt meine Tochter tatsächlich freudestrahlend ins Zimmer gelaufen. Sie hält das weiße Körbchen mit den Rosenblättern in der Hand, das sie schon den ganzen Tag über nicht losgelassen hat und dreht sich nun, da sie vor mir steht, einmal so schnell um die eigene Achse, das der Rock ihres Kleides vom Luftzug, der dabei entsteht, nach oben geweht wird. „Tante Salene hat mir Blumen in die Haare gemacht, schau!“ Sie wendet mir stolz ihren Hinterkopf zu. Das Haar steht ihr in zwei geflochtenen Zöpfen vom Kopf ab und Salene hat jeweils eine Rosenblüte in das Gummiband gesteckt, das die Frisur am Ende zusammenhält. Ich schlucke kurz. „Du bist wunderschön, meine Süße!“, erwidere ich dann und meine jedes Wort genau so, wie ich es sage. „Du wirst die Allerschönste auf der ganzen Hochzeit sein, davon bin ich überz – “
„Trudy?!“ Mein Name ist mehr ein heiseres Keuchen als ein ernsthaftes Rufen und schon kurz darauf steht Jay am Eingang des Zimmers. Er wirkt abgehetzt, offensichtlich hat er die Geschwindigkeit unterschätzt, mit der Brady ihm entkommen wollte. „Oh Gott sei Dank!“, ruft er aus, als sein Blick schließlich auf die Kleine fällt, die ich inzwischen auf meinen Schoß gezogen habe. „Jetzt dachte ich schon, ich hätte sie wiedermal davonkommen lassen. Aber nicht heute, Fräulein.“ Er tritt ein, durchquert das Zimmer, setzt sich neben mich und drückt Brady einen Kuss auf die Wange, was die Drohung in seinen Worten sogleich zu Nichte macht. „Entschuldige“, sagt er dann und greift nach meiner Hand, „Ich hatte ihr eigentlich gesagt, dass sie dich noch ein wenig in Ruhe lassen soll, dass du noch Zeit für dich brauchst, aber sie wollte einfach nicht auf mich hören.“ – „Stimmt nicht!“, protestiert Brady prompt, „Aber es war schon ganz ganz ganz lange und ich wollte dir die Blumen zeigen.“

Ich lächele, wobei ich mir sehr genau darüber bewusst bin, dass in meinen Augen immer noch die Tränen stehen. „Die sehen aber auch wunderschön aus, mein kleiner Schatz, dafür müssen wir uns nachher noch einmal ganz speziell bei Salene bedanken, mhm?“ Jay lacht leise. „Oh, das haben wir schon, nachdem wir fertig waren, wir beide. Und außerdem finde ich, Brady ist eigentlich die, die hier das Lob verdient hat, dafür, dass sie die ganze Zeit über so still gesessen hat.“ Er streichelt ihr liebevoll mit der Hand über den Kopf.„Ich war ganz, ganz, ganz brav, Mummy!“, versichert mir meine Tochter heftig nickend und ich drücke ihr nochmal einen Kuss auf die Wange. „Das weiß ich doch, mein Schatz!“, erwidere ich. Ich löse meine Hand aus Jays, um mir damit verstohlen über die Augen zu fahren und, so hoffe ich, die letzten Tränenreste beiseite zu wischen. Doch meinem Nebensitzer ist das nicht entgangen, denn er wirft mir erst einen besorgten Blick zu, dann sagt er: „Brady, mir ist gerade eingefallen, dass ich mein Einstecktuch vergeßen habe. Diese blaue Tuch, was hier oben in meiner Jackentasche war, weißt du?“ Er schlägt sich mit der Hand auf Höhe seiner Brust auf den Frack und schiebt das Tuch dabei unbemerkt von Brady so weit nach unten, dass es in der Tasche verschwindet. Meine Tochter nickt eifrig. „Das liegt bestimmt noch bei Salene. Würdest du es von dort schnell holen?“ Die Kleine flitzt los, ohne etwas zu erwidern und dann dreht Jay sich zu mir um, nimmt meine Hand wieder in seine und sieht mich so liebevoll an, dass es mir für einen Moment den Atem verschlägt.

And I realize
Three fundamental truths at the exact same time
Number one!
I'm a girl in a world in which
My only job is to marry rich
My father has no sons so I'm the one
Who has to social climb for one
So I'm the oldest and the wittiest and the gossip in
New York City is insidious
And Alexander is penniless
Ha, that doesn't mean I want him any less

Number two!
He's after me because I'm a Schuyler sister
That elevates his status, I'd
Have to be naive to set that aside
Maybe that is why I introduce him to Eliza
Now that's his bride
Nice going Angelica, he was right, you will never be satisfied

Number three!
I know my sister like I know my own mind
You will never find anyone as trusting or as kind
If I tell her that I love him she'd be silently resigned
He'd be mine
She would say "I'm fine"
She'd be lying


„Wie geht es dir?“, fragt er sanft und ich versuche mich an einem Lächeln. Doch ich weiß schon lange, bevor ich seinen mitfühlenden Gesichtsausdruck sehe, dass es mir misslingt. „Gut! Ich habe heute schon drei Durchläufe mit dem Text gemacht und mich kein einziges Mal versprochen. Ich bin eigentlich überzeugt davon, dass ich das nachher über die Bühne bringen werde, ohne mich vollständig zu blamieren“, erwidere ich, doch auch das leise Lachen, das ich meinen Ausführungen hinterherschicke, klingt aufgesetzt. „Es ist auch OK, wenn es dir nicht gut geht, weißt du“, sagt Jay fast beiläufig und ich versuche, ihm einen entgeisterten Blick zuzuwerfen. „Aber warum denn?“, frage ich gespielt empört, woraufhin er sanft lächelt. „Trudy…“, setzt er an und schon alleine in der Art, wie er meinen Namen ausspricht, liegt so viel Zuneigung und Wärme, von der ich heute mehr denn je das Gefühl habe, sie nicht zu verdienen. „Wir beide wissen doch, dass das heute kein einfacher Tag für dich ist. Er ist ja schon für mich nicht sonderlich einfach und das ist ja etwas vollkommen anderes, als bei dir. Und dann hast du dich auch noch bereit erklärt, die Trauung abzuhalten…“, er schüttelt lächelnd den Kopf, führt meine Hand an seine Lippen und küsst sie, „Ich weiß, dass du die stärkste Frau bist, die ich kenne und ich weiß, dass es niemanden gibt, der das gleich so durchziehen wird, wie du, aber…es ist ok, wenn es dir dabei nicht sonderlich gut geht.“  Ich beiße mir heftig auf die Lippe in der Hoffnung, dadurch die Tränen zurückhalten zu können, die sich schon wieder ihren Weg über meine Wange bahnen wollen. Doch letztlich muss auch ich einsehen, wie aussichtlos dieser Kampf ist und so lasse ich mich in Jays Arme fallen und meine Tränen hinterlassen große, dunkle Flecken dort, wo sie sein Hemd erreichen. „Das ist alles so richtig, wie kann es sich denn dann so falsch anfühlen?“, schluchze ich, während er mir liebevoll über das Haar streicht. „Weil es vielleicht genau das ist. Von beidem ein bisschen.“

But when I fantasize at night, it's Alexander's eyes
As I romanticize what might have been if I hadn't sized
Him up so quickly
At least my dear Eliza's his wife
At least I keep his eyes in my life


Der tatkräftigen Unterstützung meiner Tochter ist es anschließend zu verdanken, dass ich es gerade noch rechtzeitig schaffe, meine Haare und mein Make-Up soweit herzurichten dass außer denen, die dabei waren, niemals jemand erfahren hat, was kurz vor dem Moment passiert ist, indem ich den Anfang des Ganges betrete. Es ist kein Gang im eigentlichen Sinne, doch die Stuhlreihen, die zu beiden Seiten von ihm aufgestellt sind, machen ihn dazu. Langsam, als würde ich jeden meiner Schritte genießen, gehe ich ihn hinunter, während die Blicke der meisten Anwesenden auf mich gerichtet sind. Als ich schließlich vor der kleinen Bühne ankomme, die Jack, Sammy und Lex in den letzten Tagen aus herumliegendem Treibholz gebaut haben, bleibe ich für einen Moment stehen und schließe noch einmal die Augen, um mich zu sammeln. „„Aber am Ende geht es doch auch viel weniger um das ‚wie‘ als um das ‚wen‘, oder?“ Ich hätte damals schon wissen müssen, dass es nie um mich gehen konnte. Auf mein Nicken betätigt KC die Spielen-Taste des CD-Players, eine langsame, festliche Musik schallt über den Strand und Bray betritt den Gang, den ich selbst vor wenigen Minuten hinuntergekommen bin.

To the groom!
To the bride!
From your sister
Who is always by your side
By your side, by your side

To your union
And the hope that you provide
May you always
Be satisfied


Als er schließlich vor meinem Pult zum Stehen kommt sieht er mich an und für den Bruchteil einer Sekunde habe ich wieder das Gefühl, dass es nur uns beide und sonst nichts gibt, auf dieser Welt. Er wirkt so glücklich, wie ich ihn seit dem Ausbruch des Virus nicht gesehen habe und dann beugt er sich nach vorne und zieht mich in eine kurze Umarmung. „Danke, Trudy. Du und Brady, ihr seid das näheste, was ich noch an Verwandten habe. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass du das heute machst.“ Ich nicke nur und streichele ihm beruhigend über den Rücken, dann lösen wir uns wieder voneinander. Aus den batteriebetriebenen Lautsprechern ertönt nun eine andere Musik und als deren erste Takte verklungen sind, kann ich Amber den Gang hinunterkommen sehen. Sie scheint keinen der Zuschauer um sich herum wahrzunehmen, den Blick voll und ganz auf Bray fixiert, läuft sie uns entgegen und auch auf ihrem Gesicht liegt eine Form des Glücks, die ich so noch nie darauf gesehen habe.

And I know
She'll be happy as his bride


Als Amber schließlich neben Bray steht, gebe ich den beiden einen Moment Zeit, um sich gegenseitig verliebt-bewundernde Blicke zuzuwerfen. Ruhe, wem Ruhe gebührt, denke ich, die beiden haben so viel durchgemacht, dass sie nun nichts überstürzen müssen. Unwillkürlich gleitet mein Blick zu Jay. Er hat Brady zu sich genommen, die ihren Job als Blumenmädchen hinter Amber ganz großartig erledigt hat und sie auf seinen Schoß gesetzt. Er raunt ihr irgendetwas zu und selbst von hier aus kann ich sehen, dass meine Tochter kichert. Ein unglaubliches Gefühl der Zuneigung flutet mich, als Jays und meine Blicke sich kurz darauf treffen. Und vielleicht stimmt ja wirklich, was ich mir die ganze Zeit über schon einzureden versuche: Vielleicht wird dieser Tag heute wirklich der Beginn von etwas ganz Neuem sein. Ich wende mich wieder dem Brautpaar vor mir zu.

And I know
He’ll never be satisfied
I’ll never be satisfied.


Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
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