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Die tätowierte Prinzessin

KurzgeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
02.11.2020
17.01.2021
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02.11.2020 658
 
Es lebten einmal in einer längst untergegangenen Monarchie eine Prinzessin samt ihrem Bruder, dem Kronprinzen, deren Großmutter und natürlich das Königspaar höchstselbst. Der Name der Großmutter lautete Maria, die Enkel hießen Jan-Georg und Irene und das Herrscherpaar hörte auf die Namen Karl-Otto und Kunigunde.
Von Kunigunde und Karl-Otto gibt es nicht viel berichten, beide waren tagaus, tagein mit dem Regieren des Königreichs und dem Repräsentieren des Königshauses beschäftig. Deshalb oblag die Erziehung der Prinzessin und ihres drei Jahre jüngeren Bruders hauptsächlich dem Hofstaat und Maria, der Königinmutter. Diese war eine wenig fröhliche, ziemlich kalte und recht hartherzige Person, es schien, als könne nur der junge Thronfolger hin und wieder ein paar Kerben in die harte Schale seiner Großmutter schlagen. Traditionen bedeuteten Maria sehr viel, für neue Ideen, einem Hauch Individualität oder gar einem bewussten Aus-der-Reihe-tanzen hatte sie kein Verständnis. Es verstand sich von selbst, dass Maria wenig Bereitschaft zeigte für dem Zeitenlauf geschuldete Anpassungen und Änderungen, auch duldete sie keine Diskussionen über ein paar kleine Farbtupfer im Alltagsgrau. Alles sollte sein und bleiben wie immer, allein aus dem einfachen Grund, dass es ja schon immer schon so gehandhabt worden und gewesen war.
Unter dieser Haltung litt vor allem ihre Enkelin, deren Charakter geprägt ward von einem bunten Strauß verschiedener Wesenszüge. Vor allem Irenes Wissensdurst, gepaart mit einer gesunden Portion Neugier sowie ein gewisser Hang zur Verträumtheit machten die Prinzessin zu einem einzigartigen, ganz besonderen und sensiblen Individuum, das gleichzeitig aber wusste, was sie wollte.
Ihrem Bruder Jan-Georg hingegen lagen Grübeleien, Zweifel und Selbstreflexion fern. Trotzdem standen sich die Geschwister nahe, zogen stets an einem Strang und kamen prächtig miteinander aus. Der Grund für Jan-Georgs charakterliche Robustheit rührte vermutlich von seiner Rolle als Thronfolger her, die Zukunft des Prinzen lautete „Regentschaft“, darauf waren sowohl seine Erziehung als auch die wenige Freizeit ausgerichtet.

Eines schönen Tages, die Königinmutter Maria war gerade dabei, zusammen mit ihrer Enkelin die vielen Spiegel im Thronsaal mit weichen Tüchern auf Hochglanz zu bringen, entspann sich folgender Dialog:
„Sauberer geht‘s nicht!“ rief Irene fröhlich aus und deutete auf den übermannshohen Spiegel im mit Blattgold verzierten Rahmen auf geschnörkelten Klauenfüßen, den sie soeben poliert hatte.
„Nur nicht so vorlaut und übermütig, junge Dame“ tadelte die Großmutter sofort, legte dann ihrerseits das Tuch beiseite und bewegte sich gemessenen Schrittes zu ihrer Enkelin hinüber. Zwei Frauen – eine junge und eine alte – blickten ihnen aus dem Spiegel entgegen.
Warum nur ist sie so, wie sie ist? Wann und aus welchem Grund ist Großmutter solche ein Mensch geworden? Wäre sie manchmal gerne eine Andere, wenn sie denn aus ihrer Haut schlüpfen könnte, überlegte sich Irene und spekulierte im Stillen über diese Fragen. - Vermutlich hatte die Tatsache, dass Marias Gemahl sein Leben schon kurz nach der Hochzeit in einer Schlacht verlor, sehr viel damit zu tun. Eine Tragödie musste das damals gewesen sein! Denn der König, Ehemann und werdende Vater Kunibert hatte sein eigen Fleisch und Blut, das ihm zu Ehren auf den Namen Kunigunde getauft wurde, nie zu Gesicht bekommen, er wusste ja nicht einmal, dass ein neues Mitglied der Dynastie unterwegs war!
Voll Mitgefühl beschloss Irene spontan, ihrer vom Schicksal gebeutelten Oma trotz allem weiterhin freundlich und respektvoll zu begegnen.
„Schon gut Großmutter, ich nehme mir deine Worte zu Herzen“ entgegnete sie deshalb sanftmütig.
„Du hast es ja wahrscheinlich schon selbst bemerkt, Irene“ gab Maria aus heiterem Himmel in gehässigem Tonfall zurück, „dass du zwar ein apartes Äußeres besitzt, dich aber längst nicht mit der Schönheit vieler anderer Prinzessinnen messen kannst!“
Irene schnappte nach Luft. Die harschen Worte der Großmutter waren unvermittelt wie ein eiskalter Hagelschauer aus einem strahlend blauen Himmel auf sie eingeprasselt. Weil sie der Älteren jedoch keinen Triumph gönnen wollte, versuchte sie, ihre Bestürzung zu verbergen und blieb stumm. Also griff sie zum Putztuch und widmete sich der nächsten verspiegelten Fläche. Mit einem „So ist es halt im Leben“ nahm auch die Großmutter ihre Tätigkeit wieder auf.
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