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Erlkönig - Interpretation

GeschichteDrama, Poesie / P16 / Gen
02.11.2020
02.11.2020
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Ich habe die Ballade sehr oft und in unterschiedlichen Abschnitten meines Lebens gelesen und bin heute zu dem Entschluss gekommen, meine persönliche Interpretation, welche sich im Laufe der Jahre nicht wesentlich verändert hat, niederzuschreiben. Vorab möchte ich mich gleich entschuldigen, dass diese Interpretation sehr einfach gehalten ist. Das liegt daran, dass ich einerseits eine ungeübte Schreiberin bin und andererseits hier keine wissenschaftliche oder studentische Arbeit abliefern möchte. Mein Ziel ist es lediglich, einen – aufgrund seines Alters – nicht ganz einfachen Text weniger literaturinteressierten, aber doch neugierigen Menschen näherzubringen und vielleicht einen Denkanstoß zu liefern.

Bis auf die letzte Zeile ist ‚Erlkönig‘ im Präsens verfasst. Genau diesem Umstand ist es geschuldet, dass ich zu meiner Interpretation gekommen bin und mich auch niemand bisher davon abbringen konnte.  

In der ersten und wohl bekanntesten Strophe der Ballade „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? […]“ befinden wir uns mitten im Geschehen. Der Vater möchte, dass sein Sohn Hilfe bekommt, weil dieser wohl schwer verletzt wurde. Er hält das Kind, das sich wohl schon in jugendlichem Alter befindet, in den Armen und versucht es zu wärmen. Aufgrund des trübseligen Wetters beginnt der Vater sich zu erinnern. Er erinnert sich an die anfangs noch harmlosen Hinweise seines Sohnes. Hinweise darauf, dass sich ein neuer Gutsherr in der Stadt niedergelassen hat. Der Erlkönig. Mit „Kron‘ und Schweif“ zeigt, dass der Mann wohlhabend ist und womöglich langes Haar trägt, welches zu einem Pferdeschwanz gebunden sein mag. Doch irgendetwas hat der neue Gutsherr an sich, dass dem Jungen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Ausstrahlung des Mannes wirkt auf das Kind furchteinflößend. Wenngleich der Knabe Angst vor dem Fremden hat, tut diese der Vater mit einem Wink ab: „Es ist ein Nebelstreif“, gemeint die Angst, die sich vielleicht in Wohlwollen auflösen wird.

Doch dem jugendlichen Kind schwant Schreckliches. In der dritten Strophe macht der Fremde erste Annäherungsversuche, probiert den Jungen anzulocken. Ähnlich wie es Kindesentführer in der heutigen Zeit versuchen, verspricht er dem Kind schöne Spiele und erzählt von seinem Anwesen „Manch‘ bunte Blumen sind an dem Strand;“. Doch der Knabe widersteht, wendet sich an den Vater („Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise verspricht?“), der ihn wiederum nicht ernst nimmt. Womöglich versucht der Fremde nur, sich Freunde zu machen.

Doch der Erlkönig hat Gefallen an dem jugendlichen Knaben gefunden und lädt ihn auf sein Anwesen ein. Abermals lockt er den Jungen, dieses Mal mit seinen Töchtern (fünfte Strophe) und abermals die beruhigenden Worte des Vaters, weshalb er dem eindringlichen Wunsch des Fremden nachgibt und mit ihm geht. Doch auf dem Anwesen geschieht das Schreckliche, das der Knabe stets geahnt hat. Anfangs versucht der Erlkönig noch die Gunst des Jungen im Guten zu gewinnen, doch sträubt sich dieser. Weshalb es schließlich zu dieser unsäglichen Gräueltat kommt: „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.“ Der Junge wird dabei verletzt.

Geschändet und gedemütigt schleppt sich der gebrochene Junge zurück nachhause und schildert dem Vater das Geschehene „Erlkönig hat mir ein Leids getan!“ und bricht zusammen. Woraufhin der Vater das Kind zu sich nimmt und eilends zum nächsten Hof reitet, wo dem Knaben Hilfe zu teil werden soll. „Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, …“ Doch zu spät kommt er dort an und muss schmerzvoll erkennen, dass sein Sohn nicht mehr ist.

„In seinen Armen das Kind war tot.“ muss jedoch nicht den physischen Tod des Kindes bedeuten. Vielmehr könnte es das „Kind-sein“ meinen, das der Knabe verloren hat. Er wird nie wieder ein unbeschwertes Leben führen können, dafür hat sein Peiniger gesorgt. Und tritt doch der physische Tod ein, dann nur, weil der Knabe seinen Lebenswillen verloren hat. Warum würde ihn der Peiniger am Leben lassen, wenn die Möglichkeit bestünde, dass der Junge ihn verrät?

Wie eingangs erwähnt, ist der letzte Satz im Gegensatz zur gesamten Ballade nicht im Präsens verfasst. „… das Kind war tot.“  Einzig diese Formulierung, lässt mich interpretieren, dass es sich um Erinnerungen des Vaters handelt. Der Vater lässt die vergangen Tage Revue passieren, in Verbindung mit den Schilderungen des Sohnes erkennt er erst im Nachhinein die Warnungen und Hinweise in den Aussagen des Kindes. Er wird sich ewig für das, was seinem Sohn passiert ist, verantwortlich fühlen.
 
 
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