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Der Hexer - Stahl und Silber

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
Geralt von Riva OC (Own Character) Rittersporn
01.11.2020
23.01.2021
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01.11.2020 3.584
 
Argwohn.
Misstrauen und Ablehnung, eine gerunzelte Stirn, eine gerümpfte Nase, zu kleinen Schlitzen verengte Augen, ein missmutig verzogener Mund.
Ein gewohnter Anblick für den Mann mit den zwei Schwertern am Rücken.
Als er nun mit geschmeidigen, weiten Schritten auf den hölzernen Tisch inmitten der velanischen Taverne zuging und aus einem großen Jutesack ein vor Blut triefendes, von Fliegen schwirrendes und arg stinkendes Greifenhaupt hervorholte, um es vor dem Dorfältesten auf die Tischplatte zu klatschen, sprangen etwa fünf Männer gleichzeitig auf und zogen Knüppel und Schwerter.
Der Dorfälteste hob schnell Einhalt gebietend die Hand, als er die Aufgebrachtheit seiner Leute sah und schenkte dem weißhaarigen Krieger vor sich einen angewiderten Blick.

«Was in Meliteles Namen soll das?» fragte er irritiert und bemerkte das erste Mal die unheimlichen, katzenartigen Augen, die ihn aus dem Gesicht des Weißhaarigen anstarrten.
Sie schienen im schummrigen Licht der Taverne leicht zu reflektieren.
«Ein Mutant!» zischte eine Bäuerin erregt, als sie das sah und zeigte mit dem Finger auf den ungebetenen Besucher, der eindeutig zu jung schien, um ein derartig weißes Haupt zu tragen.
«Ein Hexer. Geralt von der Wolfsschule.» stellte sich der als Mutant entlarvte mit einer schrecklich heiseren Stimme vor.
Er hörte sich an, als habe er sehr viel geschrien in seinem Leben… oder sehr viel Gift getrunken. Vielleicht war ja Beides der Fall.
Seine dunkle, raue Stimme jagte so Manchem eine heftige Gänsehaut über den Rücken, man konnte sie durchaus als unangenehm bezeichnen.
«Erzählt mir jetzt bitte nicht, dass euch dieses fünf Meter lange Vieh, das direkt über den Feldern vor eurem Dorf seine Kreise gezogen hat bisher noch nicht aufgefallen ist…» fuhr Geralt fort und durchbohrte den Dorfältesten mit seinen unheimlichen Augen, so dass diesem heiß und kalt wurde.
Dem Alten stand kurzzeitig der zahnlose Mund offen, ehe er ihn abrupt wieder schloss und sich aufrecht hinsetzte.
«Nein, dieses Problem ist durchaus bekannt.» entgegnete er schließlich trocken und Geralt lächelte zufrieden.
«Na also. Wie gedenkt ihr mich zu entlohnen?» fragte er in die Runde und verschränkte die muskulösen, unter einem dünnmaschigen Kettenhemd verborgenen Arme vor der Brust.
Der Dorfälteste rümpfte nur wieder die Nase.
«Tz, nicht zu fassen. Niemand hat dich beauftragt, Hexer. Wir haben dich nicht gerufen, wir haben dich nicht darum gebeten Gwondryl zu erlegen, eigentlich ist es gar so, dass du uns entschädigen solltest.» spuckte der alte Mann plötzlich hervor und die aufgebrachten Bauern , die sich ebenfalls um den Tisch versammelt hatten, um das Schauspiel zu beobachten nickten und murmelten zustimmend.
Geralt, der nicht fassen konnte was er da gerade hörte, flatterte genervt mit den Augenlidern.

«Gwondryl?» fragte er stattdessen nur etwas sanfter nach und der Alte schnaubte.
«Ja. Seit nunmehr zwanzig Jahren war er erst Heimsuchung, dann ein Segen gegen die nilfgaardische Armee. Er hat uns die Schwarzen schön von der Pelle gehalten. Jetzt sind wir ihnen schutzlos ausgeliefert. Sieh dich doch um, Hexer. Wir sind Bauern, keine Soldaten. Also verzeih bitte, wenn wir nun nicht gerade in Lobeshymnen und Jubel ausbrechen, wenn du uns den Kopf unseres Patrons anbringst.» erklärte er und Geralt schluckte missmutig.
Dann presste er die Lippen aufeinander und nickte einmal.
«Tja, wenn das so ist…» kommentierte er kurz und wandte sich dann zum Gehen, doch ehe er die Taverne verließ, drehte er sich noch einmal kurz um.
Er zog ein kleines, goldenes Amulett an einer zarten Kette hinter seiner Rüstung hervor und warf es quer durch den Raum auf den Tisch vor dem Dorfältesten.
«Als ich auf Gwondryl traf, kaute er gerade an einer jungen Frau herum. Aber offensichtlich waren das Opfer, die ihr einer Auseinandersetzung mit der nilfgaardischen Armee bisher vorgezogen habt.» bemerkte er beiläufig und sah nur aus dem Augenwinkel beim Herausgehen, wie sich das Gesicht des Ältesten beim Anblick der Halskette schmerzlich verzog.

Geralt wusste nicht, dass es sich bei der jungen Frau um die Enkelin des Mannes gehandelt hatte, aber das interessierte ihn auch nicht weiter. Ihn interessierte vielmehr, dass er schon wieder keinen Lohn für getane Arbeit erhalten hatte und er schwor sich mal wieder kein Untier ohne Auftrag und Lohnabsprache zu erlegen.
Das gab nichts als Ärger und er war es einfach Leid die Leute im Nachhinein davon überzeugen zu müssen, dass er sie gerade von einer großen Bürde befreit hatte.
Schlichtweg zum Kotzen war das.
Jetzt schlenderte er niedergeschlagen auf seine treue Stute ‚Plötze‘ zu, die er vor der Taverne bei einem Futtertrog abgestellt hatte und tätschelte beruhigend ihren Nacken, woraufhin sie leise schnaubte.

«Wieso hast du so weiße Haare?» hörte Geralt plötzlich eine Stimme hinter sich piepsen.
Als er sich danach umdrehte, stand da ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt.
Sie trug ein einfaches, braunes Kleid aus Hanf und hatte einen Blumenkranz in ihrem goldblonden Haar. Als sie Geralts von tiefen Narben zerfurchtes Gesicht mit den Katzenaugen sah, erschrak sie sichtlich.
Geralt lächelte bekümmert.
«Bist du traurig? Du siehst traurig aus.» warf das Mädchen gleich hinterher, ohne eine Antwort auf seine vorherige Frage abzuwarten und bohrte gedankenverloren in der Nase.
Der Hexer schmunzelte daraufhin. Er mochte Kinder. Vor allem, wenn sie noch keine Begriffe wie ‚Mutant‘, oder ‚Missgeburt‘ kannten.
«Vielleicht hab ich ja so weiße Haare, weil ich traurig bin.» murmelte Geralt schließlich nach kurzer Bedenkzeit und das Mädchen nickte bestätigend.
«Oma hat auch schon ganz weiße Haare, weil sie sich immer so viele Sorgen macht, sagt sie.» erklärte sie und Geralt lachte leise.
Dann kam das Mädchen zu ihm herüber und drückte ihm eine kleine, rotblühende Blume in seinen großen Lederhandschuh.
«Hier. Blumen helfen gegen traurig sein. Bei mir zumindest.» sagte sie belehrend und nickte ihm dann zu, ehe sie sich umdrehte und übermütig hüpfend von dannen zog.
«Danke.» brummte Geralt ungehört und steckte die Blume in seinen Beutel mit alchemistischen Zutaten.

Die Wahrheit war, dass der Weißhaarige weniger traurig, als vielmehr genervt war. Obwohl diese Gefühle sich für seinen Geschmack ziemlich ähnlich waren. Dann wiederum sagte man Hexern ja ohnehin nach, dass sie nicht sonderlich emotional waren.
Und so schnaubte auch dieser Hexer nun einfach nur in scheinbarer Gleichgültigkeit und schwang sich mit einem beherzten Sprung in den Sattel seiner Stute.
Der Himmel war zugezogen und die ersten Regentropfen fielen hart auf den Boden, als spucke sie ein unsichtbarer Riese aus dem Himmel auf die Leute nieder.

Geralt gab Plötze kurz die Richtung an in die er reiten wollte und schloss dann halb die Augen. Er wollte für einen Moment einfach nicht die starrenden Blicke der Bauern sehen, die ihn stets sehr genau beobachteten, wohin auch immer er unterwegs war. Und dabei machte es überhaupt keinen Unterschied, ob er in ihr Dorf hinein, oder eben wieder hinaus ritt.
Außerdem hatte er bei dem Kampf mit dem Königsgreif Gwondryl ein paar heftige Schläge von dessen Flügeln und Klauen abgekriegt und nutzte den Zustand leichter Meditation, um sich etwas zu erholen.
Das Mädchen hatte noch gelebt, als der Greif angefangen hatte, seinen riesigen Schnabel in ihre Brust zu jagen. Sie war vielleicht gerade im heiratsfähigen Alter gewesen. Hatte einen Weidenkorb mit Blumen dabei. Roch nach warmer Kuhmilch und Kuhmist, einer Spur von Mädchenschweiß und dann nach säuerlicher Panik und salzigen Tränen.
Geralt hatte das schmerzverzerrte Tanzen in ihrer Stimme gehört, kurz bevor sie ihr Bewusstsein und kurz darauf ihr Leben verloren hatte.

Hatte er den Greif getötet, um sie zu retten? Auch. Ja.
Aber selbstverständlich war es nicht sein Beruf Frauen in Not zu helfen. Sein Beruf war es Monster zu töten, manchmal sogar menschliche. Bei ihnen reichte eine einfache Stahlklinge.
Für die übernatürlichen Wesen jedoch, Geistererscheinungen, Trauerschnepfen und Wasserweiber, Nekrophagen und Drachenartigen und so weiter und so fort… benötigte er eine Klinge aus purem Silber.
Diese Schwerter konnte nicht jeder Waffenschmied anfertigen und es brauchte bestimmte Schemata zu deren Herstellung. Meistens beherrschten diese Kunst nur Elfen oder Zwerge.
Einfach gesagt war also Geralts Arbeitsbesteck nicht gerade preiswert in der Herstellung, ebenso wie in der Reparatur. Die Klinge also an etwas abzunutzen, musste sich rentieren.
Wenn er aber – so wie im Falle des Königsgreifen – keine Entlohnung bekam, hatte er sich sein Schwert ganz umsonst schartig geschlagen.
Ganz abgesehen davon, dass er seit drei Tagen kaum etwas gegessen, geschweige denn geschlafen hatte.
Einen Gastraum konnte er sich momentan nicht leisten, zumal ihm die meisten Wirte auch noch so etwas wie eine ‚Schutzgebühr‘ abverlangten, da er ja als ‚Mutant‘ eine gewisse Gefahrenquelle darstellte. Gut, das war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Aber das lag eher daran, dass seine bloße Erscheinung bei so manchem einfältigen, männlichen Gemüt den unwiderstehlichen Drang auslöste sich zu beweisen. Und da es in Gasthäusern meistens auch etwas zu trinken gab… flogen aufgrund erhitzter Gemüter auch gerne mal die Fetzen.
Und Hexer waren nicht gerade dafür bekannt Konflikten duckmäuserisch aus dem Weg zu gehen, ganz im Gegenteil.
Geralt zog sein Schwert selten bei Auseinandersetzungen, doch wenn er die Klinge entblößte, dann um zu töten. Es war ein Instinkt.
Jahrzehntelanger Drill.

Der Regen hatte sich zu einem durchgehenden, rauschenden Vorhang geschlossen, der allerhand Gerüche im Boden aufwirbelte.
Erde, Lehm, sogar eine Spur von Tonerde und Torf - der Boden war hier äußerst fruchtbar und ergiebig. Pferdescheiße, Mäusekot, Kuhmist, Gräser, Regenwürmer und dann ein etwas intensiverer Geruch. Raubtiergeruch.
Manchmal fragte sich Geralt ernsthaft, wie Menschen diesen Geruch nicht schon bereits aus der Ferne aufnehmen konnten, so wie er. Für ihn stanken Raubtiere und Monster unheimlich intensiv.
Der Hexer öffnete langsam die Augen wieder und blickte durch den flüssigen Vorhang des Regens hindurch auf ein kleines Waldstück vor sich.
Wölfe. Er hatte noch keinen gesehen, aber der Geruch ihres Fells war unverkennbar. Erst recht, wenn es nass war.

Geralt bedeutete Plötze durch eine leichte Gewichtsverlagerung abzubremsen und die Stute blieb schließlich stehen. Ihr Fell zitterte reflexartig unter vereinzelten Regentropfen, die an ihrer Flanke hinabliefen und sie schlug den Schweif hin und her. Aus ihren geblähten Nüstern stieg stoßartig weißer Dampf in die abgekühlte Luft auf und sie schnaubte leise.
Der Hexer saß mit seitlich geneigtem Haupt und hängenden Schultern leicht vorne über gebeugt auf ihrem Rücken und horchte in den Regen hinein. Er hatte sich kurzzeitig in einen Zustand höchster Konzentration versetzt in dem seine Sinne extrem geschärft waren. So konnte er Spuren am Boden leichter erkennen, Gerüche und Geräusche intensiver wahrnehmen.

Wölfe… er hörte ihre Pfoten auf dem Waldboden. Vier oder fünf Tiere, sie jagten Wild. Er konnte ihr Hecheln wahrnehmen, das Schlagen ihrer Kiefer beim Schnappen nach ihrer Beute, das aufgeregte Getrappel kleiner Hufe – vermutlich ein Reh.
Dann entfernten sich die Geräusche immer weiter und Geralt richtete sich wieder auf. In diesem Moment setzte sich Plötze langsam in Bewegung. Die Zügel hingen locker am Sattelknauf. Geralt brauchte sie fast nie.
Er ließ sich durch Plötzes entspannten Gang wieder in seine Meditation schaukeln und schloss die Augen.
Kraft. Er musste Kraft schöpfen.
Die Kälte seiner vom Regen durchnässten Kleidung zerrte an seiner bleichen Haut, dicke Wassertropfen rollten von seinen Wimpern wie Tränen und lösten sich schließlich von seiner spitzen, langen Nase.
Jetzt ein großer Bottich mit heißem Badewasser, ein Stück Seife und dann ein trockenes, gewaschenes Hemd. Das waren eines Hexers Träume beim Anbruch einer regnerischen Nacht.

Der Vollmond stand riesengroß und Rund über den weiten Feldern, als Geralt das Waldstück hinter sich ließ und tauchte die Landschaft in ein fahles, kühles, gespenstisches Licht.
Der Hexer senkte seinen Herzschlag leicht herab, um sich selbst etwas besser vor Nachterscheinungen und Raubtieren zu verbergen und auch um ein mögliches Vibrieren seines magischen Wolfskopf-Amuletts um seinen Hals schneller zu spüren.
Dabei fiel auch gleichzeitig seine Körpertemperatur etwas und er wurde langsamer und immobiler – ein Umstand der auf Plötzes Rücken allerdings nicht all zu gefährlich war. Absoluter Ruhemodus, sozusagen.
So konnte er auch gleich noch etwas Energie sparen, während er durch das weite Umland Velens ritt. Er wollte unbedingt etwas Geld ansammeln, bevor er sich auf den Weg in die Hauptstadt machte. Ohne Bares hatte man dort nicht sonderlich viel zu bewerkstelligen.
Doch die Aufträge für Hexer waren rar und wurden immer rarer. Gerade zu Kriegszeiten.
Den Leuten war es egal, ob sie nun von einem Gabelschwanz, oder von nilfgaardischen Soldaten aufgespießt wurden.
Es schien, als seien die Monster nicht mehr die schlimmste Bedrohung für Velen.

Ein schwacher Schein am Horizont zog Geralts Aufmerksamkeit auf sich. Das nächste Dorf. Vielleicht hatte man hier ja etwas für ihn zu tun.
Verdammt, er würde einen bösen Geist aus einem Waschzuber austreiben, wenn man ihm dafür ein Nachtlager und etwas zum Essen anbieten würde.
Er beschleunigte mit jedem von Plötzes Schritten langsam seinen Puls und atmete tief ein und aus, um durch den eingeatmeten Sauerstoff seine Muskelaktivität wieder anzukurbeln. Er verzog kurz schmerzerfüllt das Gesicht, als die Prellung an seinem Brustkorb sich auch wieder bemerkbar machte.
Ein junger, breit gebauter Mann mit Stahlhelm und langer Streitaxt bewachte den mit Fackeln beleuchteten Ortseingang und sah Geralt warnend an, als dieser Plötze langsam zu ihm lenkte.

«Was willst du zu so später Stunde, Reisender?» rief er ihm zu und der Hexer runzelte die Stirn.
«Ich bin auf der Suche nach einem Nachtlager. Und Arbeit, falls es die hier für mich gibt.» entgegnete er brummend und der Wächter blickte plötzlich ernst drein.
«Du bist ein Hexer, nicht wahr?» fragte er etwas leiser und Geralt nickte schweigend.
Der junge Mann schien mit sich zu hadern, er kaute nervös auf seiner Unterlippe und blickte umher.
Geralt senkte genervt die Augenbrauen.
«Na, spuck es schon aus. Was sucht dich heim?» wollte er ungeduldig wissen und der Wächter räusperte sich.
Er trabte mit drei hopsenden Schritten direkt zu Geralt heran und sah an ihm auf, so dass der Hexer sich etwas widerwillig leicht zu ihm hinunter neigte.
«Hier treibt des Nächtens eine… ‚Frau‘… ihr Unwesen.» begann der junge Mann verschwörerisch flüsternd und Geralt hob eine Augenbraue.
«Und weiter?» hakte er raunend nach.
«Nun ja, sie… hat eine Vorliebe für Männer, die bereits versprochen sind.» stammelte der Wächter und Geralt blies Luft aus.
«Würdest du bitte auf den Punkt kommen? Ich bin ziemlich müde.» versuchte er das anstrengende Gespräch voran zu treiben und der Stahlhelm schluckte angespannt.
«Sie kommt und verführt die Männer. Also, man kann sich ihr einfach nicht entziehen. Siehst du, ich bin auch verlobt. Marianna, heißt meine Versprochene. Seit ich ein kleiner Junge bin, wollte ich nie eine Andere. Und dann, kurz nach unserer Verlobung, eines Nachts, als ich hier Wache schob… tauchte SIE plötzlich auf. Sie nennt sich Eurania und… man tut alles für sie. ALLES. Die Frauen im Dorf wissen nichts von ihr, wir sind völlig machtlos gegen sie. Es hat sogar schon Streit zwischen zwei Brüdern wegen ihr gegeben. Schlimmen Streit. Ich bin mir sicher, dass dir das halbe Dorf dankbar wäre, wenn du sie loswerden könntest.» erklärte der Wächter endlich und Geralt nickte nachdenklich.
Nachdem es sich hierbei nicht um ein schauriges Schreckgespenst mit Sirenengesängen zu handeln schien, blieb für Geralt einzig abzuklären, ob es sich hierbei überhaupt um ein übernatürliches Phänomen, oder nur um eine sehr gutaussehende Nymphomanin handelte.
«Gut. Klingt als wärst du mit deinem Problem nicht allein. Ich muss die Anderen treffen, die sie bereits kennenlernen durften und dann wird erst einmal über meine Belohnung gesprochen. Ach ja: ein guter Anfang wäre ein Bett für heute Nacht. Und ein ordentliches Stück Fleisch und etwas Bier könnten auch nicht schaden.» forderte der Hexer streng, der durchaus die Angst und Verzweiflung im Blick des jungen Mannes erkannt hatte und nun schamlos für seine eigenen Bedürfnisse nutzte.
«Selbstverständlich, Meister Hexer. Folge mir. Mein Onkel besitzt eine Taverne in der Dorfmitte, dort werden wir dich unterbringen.»
Wie magisch diese Worte in Geralts Ohren klangen. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht schlich.

Kurze Zeit später hatte Geralt seine Rüstung abgelegt und stieg nun tatsächlich in den herbeigesehnten Zuber in seinem bescheidenen Gästeraum in Jakobs Taverne.
Der Gastwirt hatte sich zunächst wenig angetan vom Erscheinen eines Mutanten auf seiner Türschwelle gezeigt, doch als sein Neffe – Olaf mit Namen – ihm erklärte um wen es sich bei dem unheimlich aussehenden Krieger handelte, hatte sich Jakobs finstere Miene sofort aufgehellt.
Geralt hatte sogleich einen Krug Bier in die Hand gedrückt bekommen und der Wirt hatte sich beinahe überschlagen, um sein bereits schlummerndes Weib wieder aufzuwecken und sie anzuhalten für den Hexer etwas zu kochen.
Des Wirtes Ehefrau hatte Geralt seither mit derart vernichtenden Blicken gestraft, dass dieser beinahe schon fürchtete sie belege ihn mit einem schrecklichen Fluch, der seine Geschlechtsteile dazu veranlassen würde sich in seinen Körper zurückzuziehen und ihn Zeit seines Lebens mit Impotenz zu strafen.
Als sie nun einfach in sein Gemach gestürmt kam und wortlos noch einen Eimer mit heißem Wasser in seinen Zuber goss, gaffte er sie leicht entsetzt an.
Tatsächlich stellte sie den Eimer nun neben sich ab und erwiderte seinen Blick aufgebracht.
Sie war nicht mehr die Jüngste, graues Haar spitzte unter ihrer Haube hervor und die Haut über ihren leicht geröteten Wangen war bereits ziemlich runzlig.

«Ein Prinz bist du ja wohl kaum, Herr Geralt. Also sag schon, was schuldet dieser Taugenichts dir, dass ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werde, um dich zu verhätscheln wie einen Edelmann, hm?» fragte sie streng und Geralt konnte nicht fassen, dass sie völlig unbeeindruckt von seiner Nacktheit direkt neben seiner Wanne stand und vorwurfsvoll auf ihn nieder glotzte.
Und sie sah ihn sehr genau an.
«Nun ja, ich bin ein Hexer.» erwiderte Geralt etwas verunsichert und senkte irritiert die Augenbrauen.
Die Frau des Wirtes rollte genervt mit den Augen.
«Und ich bin nicht blind. Ich kenne deine Zunft. Ich kenne sie sehr genau. Besser, als mir lieb ist. Ihr reitet durch die Dörfer und verdreht mit eurer Heldenhaftigkeit und Verruchtheit jungen, dummen Dingern den Kopf, auf dass sie euch nie wieder aus demselbigen bekommen und dann verschwindet ihr einfach und lasst euch nie wieder blicken. Mit euren Muskeln und euren Narben und euren Augen…» zischte sie erbost und spuckte dann herzhaft neben sich auf den Boden.
Geralt wusste beim besten Willen nicht, wie er das kommentieren sollte und so beschloss er zu schweigen. Da war er ja an die Richtige geraten. Dabei hatte er sich so auf ein entspannendes Bad gefreut.

Als die Alte das Unbehagen in Geralts Katzenaugen sah, lächelte sie bitter.
«Schon lustig. Kämpfst gegen Monster und Gespenster, doch eine alte Frau erfüllt dich mit Ehrfurcht. Aber was kannst du schon dafür. Bist ja selbst ein Monster. Ohne Mutter aufgewachsen. Ich weiß alles über euch Hexer.» fuhr sie fort und Geralt atmete langsam aus.
«Missdeute mein Schweigen nicht als Ehrfurcht. Du redest dich um Kopf und Kragen, Weib. Nur weil du einst einen Hexer liebtest, liebt dich dieser Hexer nicht. Glaube bloß nicht, dass ich mit mir reden lasse, wie mit einem Hund.» drohte er leise, aber eindringlich, wobei er sich in seinem Zuber aufsetzte und dabei die Muskeln etwas mehr anspannte, als nötig gewesen wäre.
Da lächelte das Weib plötzlich traurig und schüttelte leicht den Kopf.
«Wie naiv ich war. Wie dumm und jung. So viele Jahre habe ich auf deine Rückkehr gewartet, Geralt von der Wolfsschule. Du hast es versprochen. Und da bist du nun. Du hast dich kaum verändert. Deine Haare waren damals schon weiß und ich wollte dir dein Alter nicht glauben, als du es mir nanntest. Die ein, oder andere Narbe ist hinzugekommen, wie ich sehe. Der einzige Beweis an deinem Körper, dass auch an dir die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen ist.» erklärte sie schwach und ließ sich auf einen hölzernen Schemel in der Nähe des Zubers sinken.
Ihre blaugrauen Augen waren tränenverhangen und sie schniefte leise.
Geralt sah sie nachdenklich an. Er konnte sich überhaupt nicht an sie erinnern.

«Ich habe mich entschieden nicht zurückzukehren.» begann er schließlich.
Zwar konnte er sich nicht an sie im Speziellen erinnern, doch waren seine Beweggründe stets dieselben.
«Ja, ich bin ein Monster. Aufgewachsen ohne Mutter. Zur Mutation gezwungen. Das Blut, das durch meine Adern fließt hat mit deinem nicht mehr viel gemein. Ich altere langsamer, meine Wunden heilen schneller, ich brauche weniger Nahrung und nehme viel mehr wahr. Ich bin kein gewöhnlicher Mann. Ich kann keine Kinder zeugen. Und zu Gefühlen bin ich auch nicht in natürlichem Ausmaße fähig.» erklärte Geralt weiter. «Du wärst meiner vielen Reisen früher oder später ohnehin müde geworden und meine Unfähigkeit dir Kinder zu schenken hätte dich zum Gespött in deinem Dorf gemacht.» schloss er und sah sie durchdringend an.

«Gwendolin. Das ist mein Name. Du nanntest mich nur Gwen. Ich bin froh, dass du dich nicht an mich erinnern kannst. Vielleicht bewahrst du dich selbst so vor viel Schmerz. Ich weiß, dass du dazu fähig bist seelischen Schmerz zu empfinden. Ich teilte mit dir nicht nur das Bett.» sagte sie unbeeindruckt und wischte sich eine Träne aus dem Augenlid.
Geralt schluckte betroffen. Es war ihm unangenehm, dass sie so vieles von ihm zu wissen schien und er gar nichts mehr über sie. Auch ihr Name hatte keine Erinnerung in ihm hervorgerufen und er biss wütend über sich selbst die Zähne aufeinander.
Gwen lächelte mild und erhob sich von ihrem Schemel, um sich neben seinen Zuber zu kauern. Sie sah ihn über den Rand des hölzernen Bottichs hinweg an und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen über seine weißen Haare, ganz sanft.
«Ich wünschte nur… du würdest mehr in mir sehen, als meine Gestalt. Du bist immer noch so schön, wie damals.» flüsterte sie leise, küsste flüchtig seine Stirn und verließ dann seine Kammer.
Der Hexer sah ihr starr hinterher. Irgendetwas brodelte in ihm, ganz tief unter der Oberfläche, wie bei einem längst erloschenen Vulkan und er atmete langsam ein und aus.
Er würde seinen Auftrag hier so schnell wie möglich erledigen, sich reich entlohnen lassen und dann verschwinden.
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