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Das Todesfeld

von Tatu
GeschichteMystery, Horror / P16 / Gen
Dean Winchester Sam Winchester
01.11.2020
10.01.2021
9
14.205
12
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50 Reviews
Dieses Kapitel
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01.11.2020 1.956
 
Ihr Lieben,
ich freue mich, euch bei meiner neuen Geschichte begrüßen zu können. Toll, dass ihr dabei seid.
Bei dieser Geschichte habe ich mich ein bisschen von den Maisfeldern, die dieses Jahr direkt vor meiner Haustür waren, inspirieren lassen.
Wildcat hat wieder Betagelesen, mir Tipps gegeben und noch viel mehr, was das Betalesen übersteigt. Vielen Dank, meine Liebe!
Ich werde wie gewohnt immer sonntags hochladen. Allerdings kann es sein, dass ich im Dezember eine kurze Pause einlege, da es wieder einen Adventskalender geben wird.
Auch wenn die Geschichte noch nicht fertig ist, garantiere ich euch, dass ich sie fertigstellen werde, wie schon alle zuvor.
Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.
Eure Tatu

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Mais

Dean und Sam fuhren bereits seit Stunden auf einer Landstraße irgendwo in Iowa. Dean hatte den Eindruck, nicht von der Stelle zu kommen. Ein Maisfeld nach dem anderen reihte sich an beiden Straßenrändern auf, und es bot ein sich immer wiederholendes Bild. Der mannshohe Mais blockte jegliche Sicht nach rechts und links. Dean fühlte sich wie eine Ratte im Labyrinth. „Gibt es hier auch Menschen oder nur Felder?“
Sam zog sich einen der Kopfhörer, über die er mit großer Wahrscheinlichkeit wieder irgendein Podcast hörte, aus dem Ohr. „Was sagst du?“
Dean rollte mit den Augen. Er war beleidigt, dass Sam lieber dem Podcast folgte, als ihm zuzuhören. Jetzt musste er sich wiederholen. „Ich sehe nichts als Mais. Gibt es hier auch Zivilisation?“
„Iowa gehört zu den Staaten mit dem größten Maisanbau in den USA.“
„Ist ja schon gut, Sammy. Ich wollte keinen Vortrag. Ich meine, diese Straße scheint unendlich zu sein. Kommt irgendwann nochmal eine Siedlung oder Stadt?“
„Ja, bis zur nächsten Stadt sind es nur noch 10 Meilen..“
„Gut! Ich brauche ein Bett und was zu essen“, stöhnte Dean. Er saß bereits gute 9 Stunden hinter dem Steuer. Ihm schmerzten die Schultern und der Rücken. In der vergangenen Nacht hatten sie einen Ghul in Copper Harbor, am Lake Superior, Wisconsin, gejagt. Nachdem sie ihre Spuren beseitigt hatten, waren sie losgefahren. Dean wollte so schnell wie möglich wieder nach Lebanon. Nun holte ihn die Erschöpfung ein.

Vor ihnen stolperte ein Mann aus dem Maisfeld auf die Straße. Die Hände hielt er auf die Augen gepresst. Dean trat auf die Bremse. Verriss das Lenkrad. Der Wagen schlingerte auf der nassen Fahrbahn. Vor den ersten Pflanzen des Feldes kam er zum Stehen.
Kurz musste der ältere Winchester um seine Fassung ringen. „Was zum Teufel ...“ Hektisch guckte er aus dem Fenster. Nichts. Im Rückspiegel sah er, dass der Mann auf der Straße lag.
Sam muss ihn auch gesehen haben, denn er sprang schon aus dem Wagen.

Als Dean ausstieg, kniete sein Bruder bereits neben dem Mann. Der Verletzte schrie aus Leibeskräften. Die Hände hielt er noch immer vor die Augen.
Dean eilte zu den beiden. „Was ist mit ihm?“
„Keine Ahnung, wie er sich noch aufrecht halten konnte. Er sieht aus, als wäre er mit einer Spitzhacke malträtiert worden. Ruf einen Krankenwagen!“ Sam fasste den Mann an den Schultern.
Während Dean den Notruf wählte, sprach Sam beruhigend auf den Verletzten ein.
„Notrufzentrale, wie kann ich Ihnen helfen?“ Schallte eine Frauenstimme aus dem Handy.
„Ein Mann ist verletzt auf die Straße gerannt.“
„Wo befinden Sie sich?“
„Moment.“ Dean rief die Kartenapp seines Handys auf. Der blaue Punkt zeigte seinen Standort an. „Auf der D25 ein paar Meilen vor Webster City.“
„Ich schicke sofort einen Krankenwagen zu Ihnen. Um was für Verletzungen handelt es sich?“
Dean hockte sich an die andere Seite des Mannes. Die vom Blut durchweichte Kleidung war hochgerutscht. Nun verstand er, was Sam meinte. Sam fasste behutsam an die Handgelenke des Verletzten und zog ihm die Hände von den Augen. Der Mann jammerte.
Dean japste.
„Oh Gott!“ Sams Stimme klang fassungslos.
Die Augenhöhlen des armen Kerls waren leer. Blutiges Gewebe hing aus ihnen heraus. Der Mann musste blind durch das Maisfeld geirrt sein. „Es sieht aus, als wurden ihm die Augen ausgehackt. Außerdem ist sein Körper übersäht mit kraterförmigen Wunden. Sie reichen gut zwei bis drei Zentimeter tief ins Gewebe.“
Am anderen Ende der Leitung wurde die Luft scharf eingeatmet. „Ist er ansprechbar?“
„Können Sie mich hören?“, fragte Sam soeben den Mann.
„Die V ...“ Der Unbekannte hustete. „Sie ...“ Blut lief seinen Mundwinkel hinab zum Ohrläppchen und tropfte von da auf den Asphalt. Seine Stimme verwandelte sich in ein Gurgeln. Ein Zucken ging durch seine Gliedmaßen, dann bewegte er sich nicht mehr.
Ein prüfender Griff an die Karotis verriet Dean, dass der Mann tot war. „Er ist gerade gestorben“, informierte er die Frau vom Notruf.
„Oh, verstehe.“ Die Dame klang betroffen. „Bleiben Sie bitte vor Ort und warten Sie das Eintreffen des Krankenwagens und der Polizei ab.“
Dean legte auf.
Sam zog die Stirn kraus. „Was hat er gemeint?“
„Weiß nicht.“ Dean stand auf und sah sich um. Die Maispflanzen wuchsen mehr als zwei Meter hoch. Einzelne Teile begannen bereits zu welken. Die Blätter um die Maiskolben platzten schon auf. Der Mais stand kurz vor der Ernte.
Dean versuchte, über die Pflanzen hinwegzusehen. Es machte ihn ganz verrückt, dass er nicht weiter als bis zur vierten Reihe gucken konnte. Er kam sich vor wie eingesperrt. „Sam, komm mal her. Vielleicht kannst du mehr sehen als ich.“
Ein Schwarm Krähen erhob sich krächzend aus dem Feld und flog über ihn hinweg.
Sam stellte sich neben ihn. „Was soll ich denn sehen?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Warte mal“, Sam kniff die Augen zusammen. „Ich glaube, da ist eine Vogelscheuche auf dem Feld.“
„Na toll. Meinte der Kerl etwa, dass er von der angegriffen wurde? Hoffentlich ist das nicht schon wieder so eine Opfergeschichte, wie damals mit der Vogelscheuche und der Apfelplantage.“ Dean durchfuhr ein Schauer, als er an den Fall zurückdachte. Zwar lag dieser über eine Dekade zurück, aber er konnte sich noch lebhaft daran erinnern. Um ein Haar wäre er einem Erntegott geopfert worden.
„Wir sollten schnellstens hier verschwinden. Morgen können wir uns das Ding in Ruhe ansehen. Komm schon.“ Sam schlug Dean auffordernd auf die Schulter.
Sie legten den Mann an den Straßenrand. Dean fühlte sich unwohl, die Leiche hier zurückzulassen. Er wusste, dass es Sam genauso ging, aber sie konnten dem Kerl nicht mehr helfen und die Fragen, die ihnen unweigerlich gestellt werden würden, brächten sie mit großer Wahrscheinlichkeit in Schwierigkeiten. Sie stiegen ins Auto und verließen den Ort, an dem bald der Rettungswagen eintreffen würde. An der nächsten Abzweigung bogen sie links ab. Weg von der D25. Sie nahmen einen Umweg nach Webster City in Kauf, um eine Begegnung mit dem Einsatzwagen zu vermeiden.

Nahe dem Ortseingang befand sich ein Motel. Es glich eher einer Absteige, aber für eine Nacht reichte es ihnen.
Als sie das Zimmer betraten, überkamen Dean Zweifel.
Es roch muffig. Schwer zu sagen wonach. Dean erinnerte sich an einen Fall, da roch es in einer Wohnung ähnlich. Der Grund war eine schimmlige Erbsensuppe. Die Erinnerung an den säuerlichen Geruch ließ Übelkeit in ihm hochsteigen. Er ließ die Tür offen, um frische Luft in den Raum zu lassen.
Die Tapete wies an manchen Stellen schwarze Flecken auf. Von der Wand zum Badezimmer schälte sich bereits eine Bahn. An den Schränken der Küchenzeile fehlten zwei Türen. Der Linoleumboden klebte und so entstand bei jedem Schritt, den die Brüder machten, ein Geräusch, als ob man eine Badewannenmatte mit Saugnäpfen aus der Wanne riss.
Der Teppich wirkte versifft. Zwischen den Betten lag ein Bettvorleger. Dean trat an das erste Bett und stellte seine Tasche darauf ab. Behutsam hob er mit dem Stiefel eine Teppichecke an. Ein dunkelbrauner Fleck kam zum Vorschein. Im besten Fall handelte es sich hier um getrocknetes Blut. An die andere Möglichkeit wollte er gar nicht denken.
Dean war nicht pingelig und er hatte schon in einigen schmuddeligen Absteigen genächtigt, aber in diesem Fall stellten sich ihm vor Ekel die Nackenhaare auf. „Boah, wo sind wir denn hier gelandet?“
Sam hatte den Mund verzogen und sah alles andere als glücklich aus. „Es würde mich nicht wundern, wenn die Kakerlaken gleich über die Bettkante wandern. Ich gucke mir mal das Badezimmer an.“ Er öffnete die Tür. Überrascht hob er die Augenbrauen. „Wow, das hätte ich nicht erwartet. Blitzeblank! Und alles sieht neu aus.“
Dean griff zur Bettdecke und zog sie langsam hoch. Das Laken strahlte in reinem Weiß und duftete nach Blumenwiesen. Überrascht begutachtete Dean auch das Kissen und die Decke. „Das Bett ist einwandfrei.“
„Vielleicht renovieren sie alles nach und nach, können sich aber nicht leisten, das Motel für die Zeit zu schließen.“

Sam setzte sich an den Laptop und stöberte im Internet nach Hinweisen auf weitere Verletzte und Tote in der Gegend, die mit ihrem Fall Ähnlichkeit hatten.
Dean fiel erschöpft auf sein Bett und streckte seine steifen Glieder aus.

„Ich glaube, ich habe hier was“, sagte Sam plötzlich.
Dean schreckte auf. Er war wohl kurz eingeschlafen. Mit den Handballen wischte er sich die Müdigkeit aus den Augen. „Schieß los.“
„Seit 5 Jahren geschehen hier Unfälle, werden Menschen vermisst oder verunglückt jemand. Immer auf demselben Maisfeld und zur gleichen Zeit. Anfang Oktober, wenn der Mais kurz vor der Ernte steht.“
„Du meinst, hier wird nur Mais angebaut? Nichts anderes?“ Dean setzte sich auf.
„Ja. Monokultur ist in dieser Gegend weit verbreitet, da Iowa und die umliegenden Staaten die größten Maislieferanten der USA sind. Die Bauern sind von der Maisernte abhängig. Hier in den Breiten wächst er am besten. Man nennt diesen Sektor auch ,Cornbelt‘, weil die Region sich wie ein Gürtel durch die USA zieht. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass das Feld aus dem unser Opfer gelaufen kam, den Spitznamen ,Todesfeld‘ hat.“
Dean spitzte die Ohren. Das klang ganz nach seinem Geschmack. „Weil die Unfälle sich auf diesem Feld zugetragen haben?“
„Genau. Angefangen vor 5 Jahren, als der Farmer Billy Thomson, dem das Feld gehörte, verschwand. Bis heute gilt er als vermisst. Sein Bruder übernahm die Farm, da Billy nicht verheiratet war und keine Kinder hatte. Er bewirtschaftete sie, bis er im Jahr darauf einen tödlichen Unfall mit der Erntemaschine hatte.“
„Wie ist das denn passiert?“
„Das geht aus den Berichten nicht hervor, da keiner außer dem Opfer anwesend war. Man vermutet allerdings, dass er vom Fahrzeug gefallen war, aus welchem Grund weiß man nicht. Sein Sohn hat die Farm geerbt. Dieser verkaufte sie im darauffolgenden Jahr und zog weg.“ Sam holte kurz Luft, bevor er fortfuhr. „Es hat in jenem Jahr keinen Todesfall auf dem Feld gegeben. Erst im Jahr darauf kam der neue Besitzer ums Leben, indem er panisch auf die Straße rannte und von einem Auto erfasst wurde. Tja, und heute ...“
„... waren wir live dabei“, schloss Dean.
„Ja, wenn ich richtig mit meiner Vermutung liege, dann ist das heutige Opfer George Pilgrim. Der Sohn des im letzten Jahr Verunglückten und neue Besitzer des Feldes.“ Sam gab etwas in seinen Laptop ein. Dann drehte er ihn mit einem triumphierenden Ausdruck auf dem Gesicht  zu Dean. „Kommt er dir bekannt vor?“
Dean sah eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Opfer. „Er sah zwar etwas entstellt aus ohne Augen und mit den Wunden, aber ich erkenne ihn. Ich frage mich, was er auf dem Feld wollte?“
„Farmer kontrollieren regelmäßig den Boden und die Frucht. Vielleicht hatte er nur den Reifegrad des Mais‘ überprüft.“
Dean verdrehte die Augen. Klar, Sam wusste auch darüber Bescheid. Alles andere hätte Dean gewundert. „Wie auch immer. Ich werde jetzt auf jeden Fall etwas essen. Da drüben gibt es ein Diner. Kommst du mit? Ich sterbe vor Hunger.“ Dean stand vom Bett auf und griff nach seiner Jacke.
Sam sah auf die Uhr. Dean schüttelte amüsiert den Kopf. Als könne die Uhr Sam sagen, ob er Hunger hatte. „Es ist halb acht. Ich denke, du hast Recht, wir sollten was essen. Ich kann danach ja weiter recherchieren.“
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