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Hoffnungslose Liebe?

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Atsushi Nakajima Ryunosuke Akutagawa
01.11.2020
01.11.2020
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Hallö! :3

Nur ein kurzes Vorwort und dann lasse ich euch in Ruhe lesen. ^^

Die Idee zu diesem Oneshot kam mir, als ich HALF A YEAR von Iricchi (auf Wattpad) gelesen habe. :)

Und nun wünsche ich euch viel Spaß bei meinem Oneshot. <3


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Es ist nun schon beinahe ein halbes Jahr her, seitdem sie diese Abmachung getroffen hatten. Bald würden sie ihren Kampf austragen und Gewissheit haben, wer der stärkere von ihnen war. Atsushi hatte sich darauf eigentlich nur eingelassen, weil der Schwarzhaarige eingewilligt hatte, bis dahin keinen anderen Menschen mehr zu töten. Und dennoch… dennoch wollte er diesen Kampf eigentlich auch austragen. Nicht um Akutagawa zu töten, so wie dieser es bei ihm vorhatte. Sondern um seinem Rivalen zu beweisen, dass auch Schwächen einen stärker machen konnten und man deswegen nicht weniger Wert war. Er wollte es ihm beweisen und er wollte sich beweisen, um hoffentlich endlich von ihm akzeptiert zu werden. Immerhin waren sie sich ähnlicher und verstanden einander besser, als der Schwarzhaarige einsehen wollte.
Dass Atsushi nun so dachte und seine Meinung über sich selbst auch etwas besser geworden war, hatte er größtenteils Dazai und ebenso Akutagawa zu verdanken. Auch wenn vor allem der Schwarzhaarige schroffe und seltsame Methoden hatte, ihm dies zu vermitteln. Ob er sich überhaupt dessen bewusst war, wie viel er eigentlich für den Weißhaarigen getan hatte? Nicht nur, dass er mehr als ein Mal sein Leben gerettet hatte, obwohl er ihn eigentlich tot sehen wollte. Zumindest machte er dies immer wieder deutlich. Sondern auch seine verletzenden Worte, die doch eine tiefere Bedeutung zu haben schienen. Und dann war da noch dieser Fakt, dass sogar Dazai sagte, sie seien ein gutes Team. Atsushi konnte nicht abstreiten, dass sie im gemeinsamen Kampf unglaublich gut harmonierten und das, obwohl sie eigentlich verfeindet waren und sich hassten. Wobei… das stimmte auch nicht so ganz. Denn der Weißhaarige hasste Akutagawa nicht, sogar ganz im Gegenteil. Doch das konnte er niemandem sagen und schon gar nicht dem Mafioso selbst. Wie sollte das auch jemand anderes verstehen, wenn er es doch nicht mal selbst begreifen konnte? Obwohl er sich sicher war, dass Dazai es bereits wusste. Vor diesem Mann konnte man einfach nichts verbergen, denn er durchschaute einen, noch bevor man es selbst realisiert hatte. Atsushi war bloß froh, dass der Braunhaarige bisher kein Wort darüber verloren hatte. Es war schon schlimm genug, dass seine Gedanken ihm keine Ruhe gönnten, da wollte er nicht auch noch darüber sprechen müssen.
„Drei Tage noch“, flüsterte er seufzend in die Stille.
Es war wieder eine dieser Nächte, in denen er wach lag und über seine hoffnungslose Situation nachdachte. In drei Tagen waren es genau sechs Monate und er würde gegen den Mann, den er eigentlich nicht verletzen wollte, kämpfen. Die Ironie dieses Gedankens war ihm durchaus bewusst, genau wie sein naiver Wusch, dass sie trotz ihrer Feindschaft zumindest Freunde werden könnten. Atsushi wusste, dass es unmöglich war und doch war da dieser Teil in ihm, der einfach nicht aufgeben wollte. Er würde alles dafür tun, selbst wenn er bei dem Versuch durch seine Hände sterben würde. Der Weißhaarige wollte bloß irgendwie dieser Aussichtslosigkeit entkommen und das würde er auch, auf die eine oder andere Weise.
Atsushi starrte schon eine ganze Weile bloß in die Dunkelheit, während seine Gedanken ihm erneut den benötigten Schlaf raubten. Seufzend schlug er die Decke beiseite, setzte sich auf und fuhr mit den Händen über sein Gesicht. So hatte das einfach keinen Sinn. Diese Situation und dieser Zwiespalt machten den Weißhaarigen einfach fertig. In den vergangenen Monaten hatte er sichtlich abgenommen, da ihm oft der Appetit vergangen war. Er bekam viel zu wenig Schlaf und auch seine Laune litt viel zu sehr darunter. All dies hatten auch seine Kollegen schon bemerkt, die ihn tagtäglich besorgt ansahen und dennoch – zu seiner Erleichterung – kein Wort darüber verloren hatten. Zumindest nicht ihm gegenüber, denn untereinander hatten sie sehr wohl darüber gesprochen.
Mittlerweile hatte Atsushi seinen Futon verstaut und seine Kleidung angezogen, denn er würde ohnehin nicht mehr schlafen können. Daher beschloss er, einen kleinen Spaziergang an der frischen Nachtluft zu tätigen. Es war gerade vier Uhr morgens und er war froh, dass Kyouka seit einer Weile eine eigene Wohnung hatte. So weckte er niemanden und er hatte wenigstens vor anderen Menschen seine Ruhe, wenn schon seine Gedanken nicht stillschweigen wollten.
Als der Weißhaarige aus der Wohnungstür trat, traf ihn umgehend ein kühler Windstoß, der ihm eine Gänsehaut bescherte. Der Mond thronte noch hoch am Himmel, doch wurde ebenso wie die Sterne größtenteils von Wolken verdeckt.
Während er langsam und ziellos durch die menschenleeren Straßen schritt, wanderten seine Gedanken immer wieder zu Akutagawa. Was er wohl gerade macht? Ob es ihm vielleicht ähnlich ergeht wie mir? Hasst er mich wirklich so sehr, dass er mich einfach töten könnte? Würde es etwas ändern, wenn er von meinen Gefühlen wüsste? Fragen über Fragen, die Atsushi sich immer wieder stellte, ohne eine Antwort zu finden. Klar hätte er den Schwarzhaarigen auch einfach fragen können, doch das wollte er nicht. Abgesehen davon, dass er daran zweifelte überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eher würde Akutagawa ihn mit Rashoumon in Stücke reißen, weil der Weißhaarige auch nur daran gedacht hatte.
Erst als Atsushi nach einer gefühlten Ewigkeit stehen blieb und sich umsah, merkte er, wo seine Beine ihn hingeführt hatten. Er war tatsächlich bis zum Strand gelaufen. Die Sonne stieg am Horizont allmählich empor und tauchte das Meerwasser in ein warmes orange-rot, dessen Spiegelung zu funkeln schien. Kleine Wellen schlugen sanft am Strand auf, sodass man sie nur leise hören konnte und eine frische, salzige Brise wehte ihm entgegen. Der Weißhaarige genoss diesen wunderschönen und betörenden Anblick sehr, während seine Gedanken immer weiter in den Hintergrund rückten. Zeitgleich hatte diese Aussicht auch etwas melancholisches an sich.
Als die Sonne beinahe vollkommen aufgegangen war, beschloss er sich auf den Rückweg zu machen. Das angenehme und leise Rauschen des Meeres rückte immer weiter in die Ferne, während Atsushi mit einem leichten Lächeln auf den Lippen durch die Straßen schlenderte. Nun kamen ihm auch die ersten Menschen entgegen, die sich auf den Weg zu ihrer Arbeit machten. Sie beachteten ihn nicht besonders, doch das störte den Weißhaarigen nicht, da er sowieso keine Aufmerksamkeit wollte und sein Blick am Steinboden unter ihm lag. Jedenfalls so lange, bis er plötzlich angerempelt wurde.
„Pass gefälligst auf!“, knurrte diese Person.
„Oh, das tut mir- warte… Akutagawa?“, stieß er überrascht aus.
Als Atsushi sich umdrehte, sah er direkt in das kalte Grau seines Gegenübers, welcher ihn genervt musterte. Er fühlte, wie sein Herz immer schneller schlug und gegen seine Brust hämmerte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn der Schwarzhaarige dies gehört hätte. Plötzlich stieg auch eine enorme Nervosität in ihm auf und seine Hände begannen leicht zu zittern. Wie hoch war die Chance gewesen, den Mafioso jetzt und hier zu treffen? Eins zu einer Million? Und natürlich musste das Schicksal ihm genau dann, wenn sein Kopf wieder klar geworden war, einen kräftigen Schlag versetzen.
Während Akutagawa sich umdrehte, um zu gehen, teilte er dem Weißhaarigen noch etwas mit:
„Du siehst scheußlich aus, also sieh zu, dass du in drei Tagen fit bist. Ich will nicht, dass du tot umfällst, bevor ich dich töten kann. Wir treffen uns kurz nach Sonnenuntergang an dem Ort, wo wir die Abmachung getroffen haben. Bis dann, Jinko!“
Noch bevor Atsushi etwas erwidern konnte, war der Schwarzhaarige bereits verschwunden. Er fragte sich, ob diese Begegnung wirklich nur ein Zufall gewesen war. Wenn er so darüber nachdachte, sah Akutagawa nämlich keineswegs überrascht aus. Hatte er dieses Treffen etwa geplant, um ihm diese Informationen mitzuteilen? Und falls ja, woher wusste der Schwarzhaarige, wo er war? Hatte er ihn verfolgt? Doch was ihn am meisten beschäftigte war, weshalb der Mafioso genau diesen Ort für ihren Kampf gewählt hatte. Vielleicht wollte Akutagawa es einfach dort beenden, wo sie die Abmachung getroffen hatten. Bei dieser Miene, in der sie zusammen gegen Ivan Goncharov gekämpft hatten.

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Als Atsushi auf dem Weg zu ihrem Treffpunkt war, stieg die Nervosität immer weiter an, je näher er diesem Ort kam. Die letzten Tage waren schnell an ihm vorbeigezogen; etwas zu schnell. Da er nachts meist nicht geschlafen hatte, war er in den letzten Tagen oft während der Arbeit eingeschlafen. Jedoch hatte sich niemand beschwert, da die Erschöpfung des jungen Mannes deutlich sichtbar gewesen war. Auch der heutige Tag war da keine Ausnahme gewesen, weshalb er zwar etwas ausgeruht, aber nicht vollkommen fit war. Wie hätte der Weißhaarige zur Ruhe kommen sollen, wenn ihn dieser Zwiespalt in seinem Inneren förmlich zerriss?
Während sein Verstand ihm sagte, dass er dies tun musste, war sein Herz absolut dagegen. Was von beidem würde wohl schlussendlich die Überhand gewinnen? Und zusätzlich waren da auch noch all die Fragen, die ihm beinahe pausenlos durch den Kopf gingen.
Da Atsushi tief in seinen Gedanken versunken war, merkte er erst nicht, dass er schon angekommen war. Allerdings etwas zu früh, da die Sonne gerade erst dabei war unterzugehen. Schwer seufzend richtete er seinen Blick auf diese und kostete die letzten, wärmenden Sonnenstrahlen aus. Wer wusste schon, wie dieser Kampf ausgehen würde und ob er das Tageslicht nochmal zu Gesicht bekommen würde. Wie die Abendsonne durch die Baumkronen und deren Blätter schien, war ein wunderschöner Anblick. Es sah beinahe so aus, als würde alles in einem warmen orange-rot hell erstrahlen. Der Weißhaarige hatte zwar eigentlich nicht vor einfach so zu sterben, jedoch war dies dennoch eine Möglichkeit, wie dieser Kampf ausgehen könnte und darauf war er vorbereitet.
Nachdem die Sonne untergegangen war und der Mond, dessen Licht alles nur schwach beleuchtete, langsam den Horizont empor stieg, legte sich eine unheilvolle Stille über den umliegenden Wald. Der sanfte Wind zog durch die Baumkronen und ließ die Blätter leise rascheln, während einige sich lösten und davongetragen wurden.
Atsushi bekam zunehmend das ungute Gefühl, dass er beobachtet wurde. Auch wenn er niemanden sehen konnte, fühlte er, dass da jemand war. Seine Vermutung bestätigte sich im nächsten Augenblick, als Akutagawa, dessen Blick fest auf ihm lag, langsam aus der Dunkelheit des Waldes trat. Ob er wohl schon länger hier war und den Weißhaarigen beobachtet hatte, ohne dass dieser es bemerkt hatte? Beim Anblick des Schwarzhaarigen durchzog ihn ein wärmendes Gefühl und sein Herzschlag beschleunigte sich umgehend. Dennoch war da auch diese erdrückende Schwere in seinem Brustkorb, die ihm den Atem zu rauben schien. Nicht nur Herz und Verstand waren sich uneinig, sondern wohl auch der Rest seines zierlichen Körpers. Und umso näher sein Gegenüber kam, desto schlimmer wurde es. Doch als Akutagawa ihm dann direkt gegenüberstand und er in dessen graue Augen sah, war plötzlich alles wie weggeblasen. Da war keine Wärme und keine Schwere mehr, einzig sein beschleunigter Herzschlag war geblieben und wurde sogar noch stärker.
„Du siehst immer noch scheußlich aus, Jinko“, sagte Akutagawa, während er den Weißhaarigen eingehend musterte.
Atsushi wusste nicht, ob er sich das bloß eingebildet hatte, aber er glaubte einen Hauch von Sorge in der Stimme des Schwarzhaarigen erkannt zu haben. Oder war dies nur sein Wunschdenken? Denn dessen Augen waren kalt, so wie sie es oft waren, wenn sie ihn nicht gerade hasserfüllt anfunkelten. Auch der Weißhaarige hatte Akutagawa damals oft diese Art von Blick geschenkt, doch irgendwann, ohne es selbst zu bemerken, hatte sich dies geändert. Er wusste nicht genau, wann es tatsächlich angefangen hatte, doch erinnerte sich noch genau an den Moment, als er es sich endlich selbst eingestanden hatte.

[Drei Monate zuvor]

Es war ein sonniger und dennoch kühler Tag, als Atsushi alleine in die Stadt ging, um einige Einkäufe zu erledigen. Die Liste, welche er von Rampo erhalten hatte, bestand größtenteils aus Süßigkeiten und anderen Snacks, die der Meisterdetektiv so sehr mochte. Es störte den Weißhaarigen zwar, dass er, abgesehen von Kunikida, der einzig arbeitende zu sein schien, aber er beschwerte sich nicht. Er war schon lange genug bei der Armed Detective Agency, um zu wissen, dass Beschwerden bei seinen Kollegen diesbezüglich sinnlos waren und man nur auf taube Ohren stieß. Kenji hatte zwar angeboten ihn zu begleiten, jedoch endete dies immer in einer Katastrophe, weshalb Atsushi dankend abgelehnt hatte. Immerhin wollte er Kunikida nicht erneut erklären müssen, weshalb ein Auto aus dem dritten Stockwerk eines Gebäudes ragte und dies war nur eines von vielen Geschehnissen gewesen. Auch Kyouka hatte er aus gutem Grund nicht mitgenommen, da sie beim letzten Mal einen Mann, der unfreundlich gewesen war, mit ihrem kleinen Schwert bedroht hatte. Alles in allem war es für ihn einfach stressfreier, wenn er alleine ging und sich so die ganzen Probleme ersparte. Selbst wenn das hieß, dass er alles alleine tragen musste.
Als der Weißhaarige sich schnellen Schrittes durch die Menschenmasse schlängelte, um schnellstmöglich wieder aus dieser zu entkommen, stieß er ausversehen gegen jemandes Schulter. Noch bevor er sich entschuldigen konnte, schrie der Fremde ihn an und schubste ihn anschließend plötzlich aus der Menschenmenge – direkt auf die Straße. Atsushi wäre deshalb beinahe von einem Lastwagen angefahren worden, hätte ihn nicht jemand ruckartig von der Straße gezogen und unsanft auf den Gehweg geworfen. Der Rest der Menschen schien dies jedoch nicht besonders zu interessieren, da nur wenige kurz stehengeblieben waren. Es geschah alles so schnell, dass er es gar nicht richtig realisiert hatte und dennoch zitterte sein ganzer Körper, während er sich langsam vom Boden erhob. Der Weißhaarige wollte sich gerade, mit noch gesenktem Blick, bedanken, als er die raue Stimme seines Retters hörte. Noch bevor er die Person im Blickfeld hatte, wusste er bereits, wer nun vor ihm stand.
„Nun musste ich dich wiedermal retten, Jinko. Wenn deine Sehnsucht nach dem Tod so groß ist, kann ich dich auch sofort töten.“
Als seine Augen auf die des Schwarzhaarigen trafen, begann sein Herz plötzlich schneller zu schlagen und er wendete schnell den Blick ab, um die aufkommende Röte zu verbergen. Atsushi fragte sich, weshalb er genau jetzt so nervös sein musste. Sie hatten sich doch schon oft gegenübergestanden und auch der Blickkontakt war nichts neues gewesen, also wieso konnte er sich nicht beherrschen? Durcheinander und etwas stotternd bedankte er sich bei Akutagawa, bevor er eilig durch die Menschenmenge und dann in eine Gasse rannte. Der Schwarzhaarige sah ihm einen Moment lang hinterher, verdrehte dann aber bloß die Augen und ging wieder seiner Wege. Es überraschte ihn schon lange nicht mehr, wenn Atsushi sich seltsam verhielt und eigentlich kümmerte es ihn auch nicht sonderlich. Es wäre auch eher überraschend gewesen, wenn der Weißhaarige sich einmal nicht seltsam verhalten hätte.
Vollkommen auf die Einkäufe vergessend, lief Atsushi durch die Gasse, bis er sich schließlich an einer der Wände herabgleiten ließ. Von den Mauern blätterte der Putz ab, es war ziemlich düster, roch unangenehm und überall lag Müll auf dem Boden. Es war nicht gerade der beste Ort, um nachzudenken, doch das kümmerte ihn in diesem Moment nicht. Er war immer noch ziemlich durcheinander und verstand nicht, weshalb er sich nicht zusammenreißen konnte. War es vielleicht der Schock, weil er fast angefahren wurde? Oder die Überraschung, dass Akutagawa ihn wieder mal gerettet hatte? Innerlich wusste er zwar, dass nichts davon der Grund war, aber der Weißhaarige versuchte jeden anderen Gedanken zu verdrängen, der ihm in den Sinn kam. Vor allem diesen einen, der ihm schon seit dem Kampf auf der Moby Dick immer mal wieder im Kopf herumschwirrte. Damals hatte der Schwarzhaarige auch sein Leben gerettet und die Situation war ebenso seltsam gewesen, wie am heutigen Tag. Seitdem hatte Atsushi öfter an Akutagawa gedacht; öfter, als er sich selbst eingestehen wollte.
Anfangs dachte er, dass mit ihm etwas nicht stimmen würde; dass er krank oder gar abartig sei. Denn sowas sollte man nicht für jemanden empfinden, mit dem man eigentlich verfeindet war. Der Weißhaarige hatte das alles bis jetzt verdrängt, so gut er konnte. Doch jedes Mal, wenn er dem Mafioso begegnet war, sie gegeneinander oder sogar zusammen kämpfen mussten, kam alles auf einen Schlag wieder hoch.
Nachdem sie diese Abmachung getroffen hatten, waren sie sich bis zum heutigen Tag nicht mehr begegnet und Atsushi hatte es größtenteils geschafft das alles tief in sich zu begraben. Doch nun stiegen all die Gedanken und Gefühle wieder empor, wie fragile Seifenblasen, die in den Himmel schwebten. Für eine kurze Zeit ist es schön, bis sie schließlich zerplatzen und nichts mehr von dieser flüchtigen Schönheit verbleibt. Die Realität nimmt nun mal keine Rücksicht und erwischt einen genau dann, wenn man es am wenigsten möchte.
Atsushi war es jedoch langsam leid, sich selbst zu belügen und alles zu verdrängen. Selbst wenn er es versuchte, brachte es im Endeffekt ohnehin nichts. Diese Gedanken und Empfindungen würden nicht einfach verschwinden, nur weil er es wollte. Der Weißhaarige musste einsehen, dass der Widerstand zwecklos war und sich endlich eingestehen, dass seine Gefühle für Akutagawa tiefgehender waren, als er zunächst gedacht hatte. Er konnte nicht länger leugnen, dass er den Schwarzhaarigen liebte.

[Zurück in der Gegenwart]

Atsushis Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, als Akutagawa ihn aufforderte, ihm in die Miene zu folgen. Offenbar wollte der Schwarzhaarige den Kampf nicht draußen austragen, was ihn nur noch nervöser machte. Doch viel entscheidender war, dass der Weißhaarige eigentlich nicht mehr kämpfen wollte. Sein Herz hatte im Bruchteil weniger Sekunden die Oberhand gewonnen, bevor sein Verstand auch nur reagieren konnte. Er konnte und wollte den Mafioso einfach nicht bekämpfen, genau wie die Gefühle, die er für ihn hegte. Atsushi wusste nicht, was er nun tun sollte. Denn Akutagawa würde es nicht akzeptieren, wenn er sagen würde, dass er nicht kämpfen wollte. Immerhin hatten sie eine Abmachung getroffen und es gab eigentlich keinen Grund, diese zu brechen. Zumindest für den Schwarzhaarigen, denn er selbst wollte einfach nur darauf hören, was sein Herz ihm sagte. Und es sagte ihm auch, dass er nicht nur ehrlich zu sich selbst, sondern auch Akutagawa gegenüber sein sollte. Jedoch hatte er große Angst davor, was daraufhin passieren würde.
Höchstwahrscheinlich würde Rashoumon den Weißhaarigen sofort in Stücke reißen, doch auch wenn dies der Fall sein sollte, so würde er immerhin endlich dieser Aussichtslosigkeit entkommen. Daher beschloss er, dieses Risiko einzugehen und dem Mafioso seine Gefühle zu offenbaren.
Sie waren bereits etwas tiefer in der Miene, als Atsushi nach der Schulter seines Vordermannes griff und diesen somit zum stehen brachte. Kleine Lampen, die an der steinernen Decke hingen, beleuchteten schwach die Umgebung. Die Wände und der Boden waren uneben und selbst die Luft war etwas staubig. Akutagawas fragender Blick war nun auf ihn gerichtet, was ihn noch nervöser werden ließ. Der Weißhaarige hatte keine Ahnung, wie er anfangen sollte, da er sowas noch nie getan hatte. Vielleicht sollte er einfach damit anfangen, dass er nicht kämpfen wollte. Das war auf jeden Fall einfacher, als dem Schwarzhaarigen direkt zu sagen, was er fühlte.
„Ich… also… I-Ich kann das nicht und ich will das auch nicht! Bitte…“
Atsushis Blick war auf den Boden gerichtet, weshalb er auch nicht kommen sah, dass der Mafioso ihn plötzlich am Hals packen und gegen die Steinwand hinter ihm drücken würde. Auch wenn dessen Griff nicht allzu fest war, keuchte der Weißhaarige erschrocken auf und sah direkt in das funkelnde Grau seines Gegenübers. Sie waren sich so nah, dass er Akutagawas Atem spüren konnte, weshalb er erstarrte. Atsushi konnte nicht anders, als rot anzulaufen und an seiner Unterlippe zu knabbern. Diese Situation trieb seinen Puls schlagartig in die Höhe und ihm wurde plötzlich ganz heiß.
„Was meinst du damit, Jinko? Wir hatten eine Abmachung und ich habe mich an meinen Teil gehalten, also was soll das?!“, knurrte der Schwarzhaarige.
„I-Ich kann das einfach nicht, weil… weil ich dich liebe. Es tut mir leid…“, flüsterte er.
Atsushi hatte seinen ganzen Mut dafür aufgebracht und kniff die Augen zusammen, weil er Angst hatte, was nun passieren würde. Er hatte erwartet, dass Rashoumon ihn nun in der Luft zerreißen oder Akutagawa ihn schlagen und anschreien würde. Doch mit dem was folgte, hatte er nicht mal ansatzweise gerechnet. Denn statt Schmerz, fühlte er die Lippen des Schwarzhaarigen, die sich an seine schmiegten. Atsushi riss erschrocken die Augen auf und sah, dass die seines Gegenübers geschlossen waren und tat es ihm gleich. Zögerlich erwiderte er den Kuss, den Akutagawa leider viel zu schnell wieder löste. Dort, wo gerade noch warme Lippen gewesen waren, fühlte er nun bloß dessen unregelmäßigen Atem. Diese Wärme war so neu gewesen, dass sich ein Kribbeln durch seinen ganzen Körper gezogen hatte. Zum ersten Mal sah der Weißhaarige weder Hass, noch Kälte in den grauen Iriden, sondern etwas ganz anderes. War es… Zuneigung? Er konnte es nicht genau sagen, doch der Blick schien irgendwie so sanft zu sein.
Bevor der Mafioso sich von Atsushi entfernte und langsam in Richtung des Ausgangs ging, richtete er noch ein paar Worte an ihn:
„Wehe du sagst auch nur ein Wort, verstanden? Das hier ist nie passiert und wenn wir uns das nächste Mal gegenüberstehen, wirst du gegen mich kämpfen. Also… bis dann, Atsushi!“
Auch wenn seine Worte schmerzten, wusste Atsushis genauso gut wie er, dass sie keine Wahl hatten. Sie könnten sich nie richtig nah sein, da sie eigentlich verfeindet sein mussten. Dieser Fakt schmerzte und doch hatte der Weißhaarige ein leichtes Lächeln auf den Lippen, da Akutagawa ihn zum ersten Mal bei seinem Namen genannt hatte. Dennoch flossen auch einige Tränen über seine Wangen, als er dem Schwarzhaarigen hinterher sah, welcher sich immer weiter von ihm entfernte. Zumindest dieser eine Moment; dieser eine Kuss, würde ihnen bleiben und das konnte ihnen niemand nehmen.

》War dies also tatsächlich eine hoffnungslose Liebe? 《
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