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Der Ring des Arceus

MitmachgeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
01.11.2020
02.12.2021
13
39.596
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25.11.2021 4.010
 
Ein grüner Schimmer

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„Und es ist wirklich nicht möglich?“, fragte Eira enttäuscht.
Pascal schüttelte vehement den Kopf. Nein, Candy Crush war nun wirklich nicht mehr drin. Der Akku seines Handys befand sich im tief dunkelorangen Bereich und er hatte es mittlerweile auch ausgeschaltet und in seiner Tasche versteckt. Er hoffte, dass Eira das Konzept des Einschaltknopfes noch nicht durchschaut hatte. Candy Crush hatte es ihr nämlich wirklich angetan. Aber immerhin gab sie jetzt ein Seufzen von sich und beließ es dann dabei.
Pascal ließ den Stift in seinen Händen wackeln, sodass er auf seinen Block trommelte, dann zog er seine Schiefertafel zu sich und tauschte Stift mit Kreide, um ein Tic-Tac-Toe-Feld aufzumalen. Eira verzog die Lippen. Sie hatten bisher nur gespielt, um ihr die Regeln zu erklären, aber zumindest während dieser Erklärsession hatte sie mehr verloren als gewonnen. Pascal setzte herausfordernd ein Kreuz und hielt ihr dann die Kreide hin. Eira nahm sie, grübelte kurz über dem Spielfeld und setzte dann einen Kreis daneben. Pascal versuchte, seinen Mundwinkel vom Zucken abzuhalten, als er rasch durchrechnete, dass das vermutlich schon ein Fehler gewesen war.

Pascal fühlte sich in Eiras Gesellschaft tatsächlich beinahe entspannt. Sie war ruhig, versank oft stundenlang in ihren Büchern und hatte noch nicht ein einziges mal gefragt, warum er nicht sprach. In den letzten Tagen hatte sie ihm den Aufbau des Archivs erklärt und ihm geholfen, einen Ansatz für seine Recherche zu finden. Pascal hatte sich überlegt, dass es wohl am meisten Sinn ergab, das Wissen, das ihm hier praktisch vor die Füße gefallen war, zu nutzen, um seine seltsame Situation zu ergründen. Sich in die Schrift und die Sprache der alten Dokumente einzudenken war mühsam, aber Eira half ihm bereitwillig dabei, Passagen zu verstehen, mit denen er sich schwer tat.
Leider war ein Großteil des Archivs für Logbücher über die Festung reserviert. Pascal blätterte sich durch Inventarlisten, Quittungen und minutiöse Bestandsaufnahmen von Schäden im Mauerwerk nach kriegerischen Auseinandersetzungen. Jeder angekratzte Stein schien in diesen Dokumenten aufgezählt zu werden. Er wünschte, einer dieser Autoren hätte sich stattdessen die Mühe gemacht, die Kämpfe, die zu diesen Schäden geführt hatten, in solchem Detail niederzuschreiben.
Immerhin hatte Eira ihm auch einige Rollen Pergament mit Legenden über göttliche Pokémon zeigen können und nach einigem Zögern hatte sie ihm schließlich auch das Prunkstück ihrer kleinen Sammlung anvertraut: Ein Reisebericht, der bereits sehr alt zu sein schien.
„Er wurde nach der Verheerung verfasst“, hatte Eira ihm erklärt, „aber wer ihn geschrieben hat, wusste noch Dinge von davor. Oder hatte zumindest viel davon erzählt bekommen.“

Und es stimmte. Zwar äußerte sich dieses Wissen hauptsächlich in langgezogenen tieftraurigen Monologen darüber, dass nun alles verloren war, aber es war dennoch da, irgendwo zwischen den Zeilen:
Seit sieben Tagen nun wandere ich schon durch Moliennes Ruinen, wobei es schon fast an Hohn grenzt, diese Leere als solche zu bezeichnen. […] Mir ist ein Kristall in die Hände gefallen – eine einzelne Scherbe, nein ein Splitter gar nur, der von der einstigen Größe übrig geblieben ist und es ist mir mehr ein Stich in der Seele, als dass ich mich darüber freuen kann. Welche Schätze mögen hier gelegen haben, in den Straßen und in den Schatzkammern des schrecklichen Königs Azett? Sie sollen sogar einige der Ursprünglichen Schätze beherbergt haben [...]
Pascal schwirrte der Kopf von den verschiedensten Wissensfetzen, doch bisher gab es keinen Hinweis darauf, was mit ihm passiert war. Er versuchte, sich Stichpunkte zu notieren, doch es war schwierig zu filtern, was relevant war, wenn er nicht wusste, wonach er suchte.
Und er hatte gedacht, nach seiner Bachelorarbeit könnte es nicht mehr schlimmer werden.

Eira bewegte stumm die Lippen, vermutlich über das verlorene Tic-Tac-Toe Spiel fluchend, und Pascal ließ für einen Moment müde den Kopf auf die Arme sinken. Sich lange zu konzentrieren fiel ihm hier schwer.
Ein dumpfes Klopfen, als Zilla die Spitze ihres Schweifs auf den Boden schlug, ließ Pascal aufblicken. Von seinem Platz aus konnte er nicht sehen, was los war, also erhob er sich, um vorsichtig zur Tür des Archivs zu huschen. Zilla war viel zu groß für den Raum, also mussten sie sich wohl oder übel damit begnügen, dass sie vor dem einzigen Zugang lag und von dort die Umgebung im Auge behielt.
Zu Pascals Überraschung war Gaëlle bei ihr.

Die Kriegsherrin hob den Blick, als Pascal hinter der knarrenden Tür hervorlugte. Ihre Augen waren eisig wie immer und ihre Miene wirkte steinern, sodass Pascal sich instinktiv wieder ein Stück hinter die Tür zurückzog.
Gaëlle war immer so. Sie nannten sie nicht umsonst 'die Eiserne'. Und Zilla schien sie sogar irgendwie zu mögen. Vielleicht, weil die beiden sich das grobe Naturell teilten. Jedenfalls öffnete Zilla nur leicht das Maul, um zu zeigen, wie ihre Zähne blitzten, unterließ es mittlerweile aber gänzlich, Gaëlle anzuknurren.
„Pascal.“ Selbst Gaëlles Begrüßung klang herrisch. „Ich werde mit Elva morgen die Frosthöhle besuchen. Ich wollte dich und Godzilla einladen, uns zu begleiten.“
Pascal legte fragend den Kopf schief. Was sollte er in der Frosthöhle?
Als er nicht antwortete, straffte Gaëlle ungeduldig die Schultern.
„Die Frosthöhle enthält Eisenadern. Vom Material im Dorf allein kann ich Elva nur unzureichend ernähren, wenn ich ihr nicht alle unsere Werkzeuge verfüttern will. Ich dachte, es wäre in deinem Interesse, auch Godzilla bestmöglich zu versorgen.“
Oh.
Darüber hatte Pascal noch gar nicht nachgedacht.
Das Spezialfutter, das dafür sorgte, dass Zilla mit allen wichtigen Nährstoffen für ein Stahlpokémon versorgt wurde, würde hier wohl schwer aufzutreiben sein. Hitze stieg ihm ins Gesicht, als er realisierte, dass er Zilla völlig vernachlässigt hatte.
Hastig nickte er.
Gaëlle verabschiedete sich und ging davon.
Beschämt ließ Pascal sich neben Zilla auf ein Knie sinken und begann, ihr die Nase zu polieren. Sie stieß ein wohliges Brummen aus. Aus einem Auge blickte sie zu ihm hoch und hatte noch immer die Kiefer leicht geöffnet, wodurch sie wirkte, als würde sie ihn angrinsen. Wie um ihm zu sagen, dass sie ihrem dummen kleinen Trainer das schon nicht übel nahm. Sie wusste ja, dass er ein dummer kleiner Trainer war.
Eira tauchte hinter ihnen in der Tür auf und sah Gaëlle hinterher. „Mach dir keinen Kopf“, sagte sie. „Gaëlle ist immer so.“


Pascal verbrachte die Nächte in einer Scheune am Rand der Festung. Das Gebäude war auf einer Seite offen, weshalb es genug Platz für Zilla bot, was bei den gegebenen Umständen Pascals einziger Anspruch gewesen war. Er wollte sie in der Nacht an seiner Seite statt im Pokéball wissen.
Trotzdem schlief er unruhig, um nicht zu sagen, fast gar nicht.
Seine Träume waren wirr, fast wie im Fieber, und er lag oft stundenlang wach bei dem Versuch, sie wieder zu vergessen.
Auch diese Nacht erwachte er mit Lichtblitzen vor Augen und einem penetranten Klingeln im Ohr.
Einen Moment lang lag er einfach nur da und drückte sich eine Hand auf die Augen, damit die Traumbilder verebbten. Dann drehte er sich auf die Seite und kuschelte sich dichter an Zilla.
Doch es kam kein Gegendruck. Nur ein leises, rasselndes Ausatmen.
Alarmiert zog Pascal sich an Zillas Rücken hoch und blinzelte angestrengt in dem Versuch, seine Augen richtig aufzukriegen.
Zilla lag wach da. Jede einzelne Faser ihres Körpers war angespannt.

Sie lauschte.

Ein Klingeln ertönte.
Pascal kratzte sich am Ohr, unsicher, ob das Geräusch nur ein Nachhall aus seinem Traum war.

Doch dann erklang es erneut.

Langsam erhob sich Zilla auf die Hinterbeine. Ihr schwerer Schweif schabte über den Boden, als sie ihn dichter um Pascal legte. Sie wandte langsam den Kopf von rechts nach links und sog tief die Luft ein, um zu wittern.
Pascal wartete und hatte das Gefühl, dass sein Herz mit jedem Atemzug etwas schneller voranstolperte.
Dann wandte Zilla ruckartig den Kopf um und Pascal wäre vor Schreck beinahe gestolpert. Er folgte Zillas Blick und sah, dass ein kleiner, schimmernder Gegenstand vor dem Stall schwebte. Zilla trat langsam vor und schnupperte daran. Dann hob sie eine Klaue, um danach zu schlagen.
Das leuchtende Ding wich ihr aus und blieb dann wieder in der Luft stehen.
Pascal gab sich einen Ruck und ging ebenfalls auf das Ding zu, ohne jedoch den Körperkontakt zu Zilla zu brechen. Sie ließ es zu, also schien sie zumindest in dem Ding selbst keine Bedrohung zu sehen.
Als Pascal die Hand danach ausstreckte, kam es ihm entgegen und setzte sich auf seine Fingerspitze. Er zog es näher zu sich heran, um es erkennen zu können.
Es war ein einzelnes grünes Blatt. Pascal konnte es auf den ersten Blick keiner Pflanze zuordnen. Allerdings hatte er auch noch nie eine Pflanze gesehen, die in Regenbogenfarben leuchtete.
Das Blatt verharrte noch einen Moment lang in seiner Hand, dann entschlüpfte es seinen Fingern und schwebte davon, verließ den Stall und verschwand um eine Ecke.
Pascal blickte ihm verwirrt hinterher.

Nach einigen Herzschlägen tauchte das Leuchten wieder auf, kam ein Stück auf ihn zu, drehte ab und verschwand wieder. Die Prozedur wiederholte sich ein paar mal.
Verunsichert blickte Pascal zu Zilla hoch.
Sie hatte den Kopf schief gelegt und schien selbst noch abzuwägen.
Pascal beugte sich über ihren Schweif und tastete nach seiner Tasche, um seine Brille daraus hervorzufriemeln.
Als er sie endlich aufgesetzt hatte, versuchte das Blatt immer noch, sie mit sich zu locken.
Zilla stieß ein entnervtes Schnauben aus, beugte sich vor und bot Pascal den Arm an, damit er auf ihren Rücken klettern konnte. Er hielt sich an dem Horn auf ihrer Schulter fest und verhakte die Schuhspitzen in ihren Rückenplatten, um über ihre Schulter spähen zu können.
Dann folgte Zilla dem leuchtenden Blatt.

Erstaunlich viele Wege in dem Dorf waren breit genug für Zilla, was vermutlich an der Präsenz von Gaëlles Stolloss lag. So hatten sie jedoch keine Schwierigkeiten, dem Blatt bis zum hinteren Dorfrand an der inneren Mauer hinterherzugehen. Pascal konnte im Licht des abnehmenden Mondes hoch über ihnen den furchterregenden Bergpass nach Osten erkennen, der noch immer tief im Schnee lag.
Das Blatt verharrte einen Moment lang vor der Mauer, dann sank es zu Boden.
Pascal blickte ihm ein wenig bedröppelt hinterher.
War es das jetzt?
Hatte ihnen einfach nur ein Geistpokémon einen Streich gespielt?

„Psst. Hier oben.“

Zilla riss den Kopf hoch und Pascal verlor bei der plötzlichen Bewegung beinahe den Halt.
Als er wieder klar sehen konnte, erkannte er eine Frau, die auf der Mauer saß und zu ihm herabblickte. Sie wurde schwach von einem grünen Licht erhellt, das von unter ihrem Umhang zu kommen schien. Vielleicht verbarg sie dort eine Laterne.
Zilla knurrte sie böse an.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich würde euch doch nicht meinen Standort verraten, wenn ich euch etwas tun wollen würde. Achtung!“
Sie löste sich aus ihrer Position und sprang von der Mauer.
Zilla ging zwei Schritte rückwärts, als sie direkt vor ihnen landete und sich aufrichtete.
„Erinnerst du dich an mich?“, fragte sie, wobei sie ihre Stimme gedämpft hielt.
Pascal musterte sie, so gut er das in dem knappen Licht über Zillas Schulter hinweg konnte. Sie war nicht viel älter als er, hatte lange braune Haare, die sie zu einem Zopf geflochten trug, wobei ein paar ausgebüxte Strähnen ihr Gesicht rahmten. Und große, helle Augen. Sehr große Augen.
„Wir haben uns auf dem Weg vor Frescora kurz getroffen“, erklärte sie, „vor ... ein paar Tagen, meine ich. Mein Name ist Vianna.“

Pascal bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass er sie nur anstarrte. Er nickte langsam, um zu zeigen, dass er verstanden hatte. Auch wenn er eigentlich gar nichts verstand. Was war hier los? Was wollte sie von ihm?
„Ich ...“ Sie atmete tief durch. „Ich bitte dich, mir zuzuhören. Nur einen Moment.“
Sie streckte eine Hand aus und deutete auf ihn. Jede ihrer Bewegungen war betont langsam, was wohl daran lag, dass Zilla alles akribisch beobachtete.
„Das Ding, mit dem du geschrieben hast... Man nennt es ein 'Handy' oder 'Smartphone', nicht wahr?“
Pascal blinzelte. Dann nochmal.
Dann sprang er von Zillas Rücken und tastete nach dem Handy, das sie soeben angesprochen hatte – und verfluchte sich innerlich, als er feststellte, dass es in seiner Tasche in der Scheune lag.
Also blieb ihm nur, zu nicken und dabei zu hoffen, dass sein Herz nicht vor Aufregung in seinen Rippen hängen blieb.

Aber das schien Vianna zu genügen.
„Hör zu, ich kenne deinen Namen nicht, aber das ist jetzt nicht so wichtig. Du bist in Gefahr! Du musst hier so schnell wie möglich raus.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Lass mich dich mitnehmen. Ich kann dich in Sicherheit bringen.“
Die Aufregung in Pascals Brust ermattete. Er musterte die dargebotene Hand, als Zilla sich knurrend zwischen sie schob.
„Bitte. Ich kann alles erklären, aber jetzt ist keine Zeit.“ Sie versuchte, einen Schritt auf ihn zuzumachen, doch Zilla schnappte einmal blitzschnell in die Luft. Das war wohl unmissverständlich.
„Aber Gaëlle wird versuchen, dich umzubringen! Ich kann … ich kann es euch beweisen! Ceres...“
Etwas regte sich unter ihrem Umhang. Das grüne Licht schwankte, doch weiter passierte nichts.
Viannas Stimme nahm plötzlich einen unendlich sanften Ton an: „Ceres, bitte. Bitte, zeige es ihnen.“
Viannas Umhang beulte sich ein wenig aus, dann schob sich ganz zaghaft ein leuchtender Fühler darunter hervor.
Pascal versteifte sich ein wenig, da er erneut mit einem Käferpokémon rechnete, doch dann stockte ihm der Atem.
Der Körper des Pokémons leuchtete in einem biolumineszenten Grün, elfenhafte Flügel hielten es in der Luft. Statt Haaren sprossen auf seinem Kopf Blätter, die sich zu einer festen Knospe verdrehten. Und als Pascal sich selbst in den riesigen Augen gespiegelt sah, erkannte er, dass das Pokémon genauso viel Angst hatte, wie er.

Ein Celebi.

Selbst Zilla konnte sich nur zu einem halbherzigen Brummen durchringen, als das Celebi sich enthüllte und vor ihnen in die Luft stieg. Es hob die beiden Arme und deutete mit je einem auf Zilla und Pascal. Dann schoss grünes Licht in seine Augen.


Pascal fand sich in einer seltsam verzerrten Umgebung wieder. Alle Farben wirkten gedämpft, als hätte jemand einen blauen Filter über das Bild gelegt. Die Luft roch anders, irgendwie voller. Pascal hatte das Bedürfnis, sich über die Augen zu reiben, doch er konnte sich nicht rühren.
Dann sah er sich selbst an sich vorbeigehen.
Er war nicht allein unterwegs, sondern zusammen mit Gaëlle und hinter ihnen folgten die beiden Stolloss, deren Schritte den Boden zum Beben brachten.
Pascal blickte der kleinen Gruppe hinterher, wie sie eine steinerne Brücke überquerten, die über den Gebirgsbach tief darunter führte, und dann noch länger, bis sie wieder ein gutes Stück weg waren.
„Los, komm!“ Viannas Stimme.
Er wandte kurz den Blick nach links, wo er sie neben sich sah, wie sie lossprang. Er folgte ihr, stets darauf bedacht, von der Gruppe vor ihnen nicht entdeckt zu werden. Pascal wurde von dem Tempo fast schlecht. Er erkannte, dass sein Sichtfeld weiter sein musste, als normal. Vereinzelt leuchteten ihm grelle Punkte auf dem Boden entgegen – Blumen, wie er feststellte, als er dicht über einer entlang flog und dabei ihren Duft aufschnappte.
Er flog.
Sein Magen machte einen Salto.

Sie verfolgten ihn und Gaëlle, bis diese in einer Spalte im Berg verschwanden. Das musste die Frosthöhle sein.
Vianna bewegte sich schneller, um aufzuschließen. Als sie um den Eingang der Höhle spähten, trug der Hall Gaëlles Stimme zu ihnen:
„Wir müssen den Adern ein Stück weit ins Innere folgen. Elva frisst hier schon ein paar Jahre davon.“
„Das ist gut“, flüsterte Vianna, „vielleicht können wir ihn dort drin irgendwo abfangen.“
Sie folgten weiter Gaëlles Stimme, immer tiefer in die Höhle hinein. Die Kriegsherrin sprach von den Essgewohnheiten ihres Stolloss und stellte Pascal manchmal ein paar einfache Fragen, auf die Stille folgte. Es war seltsam, sein eigenes Schweigen so von außen wahrzunehmen.

Plötzlich wurde das Gespräch von wütendem Knurren und Poltern unterbrochen. Rasch schlüpfte er unter Viannas Umhang, als sie ihn zu sich winkte. Sie eilten vor und sahen gerade noch, wie Gaëlle die beiden wütenden Stolloss erfolgreich in unterschiedliche Ecken scheuchte.
„Sie sind sehr territorial wenn es ums Fressen geht“, stellte sie atemlos fest. Dann führte sie Pascal zu einem Nebengang, der von der Haupthöhle abzweigte.
„Hier. In dieser Kammer kann Godzilla fressen, ohne in Elvas Blickfeld zu sein.“
Vianna spannte sich an. Sie warteten auf den richtigen Augenblick, um an Gaëlle vorbei zu huschen.

Doch dann veränderte sich Viannas Ausdruck.
„Bi?“, fragte Pascal leise und erschrak ob der Stimme, die aus seiner Kehle drang. Nicht seine Stimme, aber Stimme. Ein Laut. Der Drang, nach seinem Kehlkopf zu tasten und das Vibrieren dort zu fühlen war beinahe unerträglich, doch er war dem Willen dieses fremden Körpers unterworfen.
Und der ließ ihm keine Zeit, diesen Gedanken zu vertiefen.
Vianna sprang auf und riss ihn mit sich – er schlüpfte aus ihrem Umhang, gerade um zu sehen, wie Elva den Kopf senkte. Gaëlle deutete mit einer herrischen Geste auf die Wand, hinter der er selbst und Zilla gerade verschwunden waren.
Vianna rief etwas, doch da stürmte das Mega-Stolloss bereits vor und rammte die Wand.
Sofort begann es im Inneren der Höhle zu rumpeln und zu tosen und Pascal begriff das Geschehene noch nicht, als Elva auch schon ein zweites mal die Wand rammte. Steine begannen zu fallen und irgendwo in weiter Ferne hörte er Zilla brüllen.


Dann fand er sich keuchend im Hier und Jetzt wieder.
Sein Kopf hämmerte höllisch und er klappte in die Knie. Mit einer Hand krallte er sich in den Boden, mit der anderen fuhr er sich zitternd über das Gesicht und durchs Haar.
„Es tut mir leid“, hörte er Vianna sagen. „Ich weiß, es ist unangenehm.“
Unangenehm war gar kein Ausdruck. Er war gerade von der Attacke Seher getroffen worden!
120-Psycho-STAB ratterte sein Gamerhirn herunter, aber das war völliger Blödsinn, vermutlich bewegte sich ein Pokémon wie Celebi komplett außerhalb aller Messungen. Und worüber dachte er hier gerade eigentlich nach? Was er gesehen hatte... was er gesehen hatte, war...

Bevor seine Gedanken auch nur halbwegs anfangen konnten, sich zu formieren, hatte Zilla ihn kurzerhand am Kragen gepackt und zog ihn erst auf die Füße, dann auf ihren Arm. Mit grimmigen Schritten begann sie, ihn der Festungsmauer entlang zum nächsten Tor zu tragen.
„Halt, Halt!“ Vianna holte im Eilschritt zu Zilla auf. „Ihr müsst zur anderen Seite! Es gibt dort Leute, die euch helfen wollen.“
Zilla ignorierte sie stur und erst Pascals nachdrückliches Hämmern gegen ihre Schulter brachte sie dazu, die Richtung zu ändern. Leute, dachte er. Er wusste nicht, was sie mit 'Leute' meinte, aber sich auf ihre aktuellsten Worte zu konzentrieren, lenkte ihn davon ab, genauer über die Vision nachzudenken.
Seine Sachen, fiel Pascal da ein.
Verflucht, er brauchte seine Sachen!
Aber Zilla ließ sich auch durch wildes Herumrutschen und mehr Trommeln gegen ihre Stahlplatten nicht zu einem weiteren Richtungswechsel bewegen. Verzweifelt streckte er sich in Richtung seines Schlafplatzes aus, als sie den passierten, aber alles, was er bewirkte war, dass er beinahe den Halt auf Zillas Arm verlor und sie deswegen ihren Griff um ihn noch enger zuzog.
Da glitt Vianna an ihnen vorbei wie ein Schatten und lief zielstrebig in die Scheune. Als sie wieder zu ihnen aufschloss, hatte sie Pascals Tasche in den Händen. Zilla knurrte sie wütend an, als sie Pascal die Tasche zuwarf.

„Was ist da unten los?“, rief da jemand aus der Dunkelheit.
Pascal fuhr zusammen und stieß ein ersticktes Hicksen aus, als er sich beinahe an seinem Atem verschluckte. Er schlang die Arme um Zillas Hals und presste sich an sie. Sein Herz hämmerte jetzt beinahe so sehr wie sein Kopf. Oder tat es das schon die ganze Zeit?
Sie befanden sich jetzt vor dem Tor in der anderen Festungsmauer, derjenigen, die das Dorf nach Nordwesten hin absperrte, und durch das sie auch hineingekommen waren. Von den Zinnen der Mauer herab starrte sie ein Wachmann an, der ihnen seine Fackel entgegen streckte. Die Flamme spiegelte sich in Zillas Stahlkörper und untermalte den wilden Ausdruck, der sich in ihre Augen gedrängt hatte. Sie sah aus, als würde sie gerade überlegen, wie sie dem Mann die Fackel samt Hand entreißen könnte.
Vianna flitzte an ihnen vorbei und rief: „Zum Tor, rasch!“ Dann rief sie nach ihrem Celebi und deutete auf die schweren Flügeltüren. Das Leuchten des Pokémons intensivierte sich, als es mit seinen Psychokräften an den Toren zu rütteln begann.
Dem Wachmann schienen einen Moment lang fast die Augen aus dem Kopf zu fallen, dann begann er, Alarm zu schreien.
Zilla brüllte zurück, dann wandte sie sich ebenfalls dem Tor zu.
Kurzerhand trabte sie los und reckte den Kopf vor, um das Tor zu rammen.
Offensichtlich war dieses nicht darauf ausgelegt, von Innen belagert zu werden, denn es gab unter den vereinten Kräften von Zilla und Ceres nach wenigen Angriffen nach.

Trotzdem hatte die Zeit gereicht, um weitere Menschen auf den Plan zu rufen.
„Stehen geblieben!“, schallte Gaëlles Stimme über das Dorf hinweg und als Pascal über die Schulter blickte, sah er Elva wie eine Lawine auf sie zustürmen. Eine beängstigend schnelle Lawine, als das Stolloss plötzlich einige Glieder seines schweren Schweifs abwarf und beschleunigte. Autotomie.
Vianna blieb schlitternd stehen und drehte sich noch in der Bewegung um.
„Geht!“, rief sie ihm über die Schulter hinweg zu. „Den Berg hinab, nach Westen! Wir machen das!“
Das ließ Zilla sich nicht zweimal sagen und Pascal war außer Stande, Einwände zu erheben. Vianna richtete sich kampfbereit auf und um das Celebi begannen sich schimmernde Zauberblätter zu sammeln. Dann raste Zilla um eine Biegung und die beiden entschwanden aus Pascals Blick.


Die ersten hundert Meter ihrer wilden Flucht schüttelten Pascal so sehr durch, dass er nicht glaubte, jemals wieder klar denken zu können. Dann verfiel Zilla langsam in einen kontinuierlichen Rhythmus, bei dem sich ihre regelmäßigen Schritte anfühlten wie das Rumpeln eines Dampfantriebs. Manchmal wurde der Rhythmus gebrochen, wenn eine Steigung zu steil war und Zilla sie mehr hinabschlitterte als -rannte.
Pascal hatte keine Ahnung, ob sie in die richtige Richtung liefen. Alles, was er tun konnte, war, sich weiter an Zillas Hals zu klammern und ihr zu vertrauen.

Es mochten einige Minuten oder schon Stunden vergangen sein – Pascal hatte das Zeitgefühl völlig verloren – als Zilla schließlich innehielt. Sie stieß ein Schnauben aus, das Pascal nicht recht zu deuten vermochte.
Bis er den Kopf hob und Vianna erblickte.

Sie saß auf einem Findling, ihren Wanderstock quer über die Knie gelegt, und schien erstaunlich wenig außer Atem zu sein. Im Gegenteil. Sie wirkte, als würde sie schon länger hier auf ihn warten.
Das Celebi schob den Kopf unter ihrem Umhang hervor und Pascals Gedanken fügten sich quälend langsam zu einem Bild zusammen.
Celebi.
Zeitreisen.
Vermutlich wartete sie wirklich schon länger auf ihn.
„Ihr könnt euch beruhigen“, sprach sie. Ihre Stimme war sanft aber fest. Vianna hob den Blick an Pascal vorbei zum Berg. „Sie werden nicht kommen.“
Pascal löste vorsichtig die völlig durchgefrorenen Arme von Zillas Hals und drehte sich langsam um, um Viannas Blick zu folgen.
Von Osten zog die Dämmerung auf und bedeckte die weißen Gipfel in der Ferne mit einem rosa Schimmer. Darunter war alles Grau in Grau und Pascal konnte den Standort der Festung nicht einmal erahnen.

Vianna erhob sich und blickte von ihrem Felsen auf sie herab.
„Ihr könnt euch jetzt Zeit lassen. Ihr werdet am Saum der Leere erwartet. In … zwei Tage müssten es sein.“
Sie deutete in eine Richtung, in der der Himmel noch sehr viel dunkler war. „Geht immer nach Westen. Wenn ihr die Ebenen erreicht, folgt dem Fluss, bis ihr den Rand der Wüste erreicht. Da sind ein Kriegsherr namens Corentin mit einem Gengar und einer Frau. Sie ist eine Zeitreisende. Genau wie du.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, warum ihr hier seid. Ich verstehe das alles selbst noch nicht. Aber jetzt ist nicht die Zeit, das zu klären. Wir werden uns wiedersehen. Und dann werde ich mehr wissen.“
Sie wandte sich wieder Pascal zu und sah ihn durchdringend an. „Sieh zu, dass du dem Ring nicht in die Finger läufst.“

Zilla hatte begonnen, Pascal langsam abzusetzen, doch noch ehe er den Boden richtig unter den Füßen spürte, war Vianna verschwunden.
Pascal hätte sich ärgern sollen, doch er wollte jetzt nicht zu genau darüber nachdenken.
Er zitterte am ganzen Körper.
Er würde jetzt erst mal einfach nur ein klein bisschen zusammenbrechen.
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