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Trugbilder

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Jacobs Schwester / Bruder Patricia Rakepick Rowan Khanna
31.10.2020
31.10.2020
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Hallo ihr Lieben,

zum Anlass des Tages gibt es hier ein Oneshot zu meinem Charakter Danielle Cavendish zu lesen, das einen sehr großen Interpretationsspielraum bietet.
Ich würde mich freuen, eure Theorien und Gedanken dazu zu hören und wenn es euch gefällt, wäre ich nicht abgeneigt, eine Fortsetzung zu schreiben.

Happy Halloween und viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße
RedQueen


~~~♕~~~



Trugbilder



Das Unwetter, das draußen tobte, spiegelte die Gefühlswelt in meinem Inneren wider. Vorsichtig lehnte ich mich an das vereiste Fenster und spürte sofort, wie die Kälte durch den Stoff meines Umhangs drang und meinen Arm taub werden ließ. Obwohl der Oktober erst endete, herrschte bereits die schottische Kälte über den Ländereien und gab einem jeden somit das Gefühl, bereits im tiefsten Winter zu sein.
Ein bekümmertes Seufzen entwich mir, als meine Gedanken zu dem Fest schweiften, die anlässlich des Feiertages gegeben wurde. Obwohl Halloween jedes Jahr wiederkehrte, war es doch immer wieder ein besonderes Event mit einer extravaganten und sorgfältig geplanten Feier. Dumbledore ließ jedes Jahr sogar verschiedene Komitees ernennen, die unterschiedliche Aufgaben zu erledigen hatten.
Die letzten Jahre hatte ich mit Freude an der Feier und auch an der Planung teilgenommen, doch dieses Jahr war einfach alles anders.

Seit Rowans Tod durch Madam Rakepick hatte sich einfach alles verändert. Ich hatte meine beste Freundin verloren und mein Bruder war unauffindbar. Nachdem wir ihn im Verwunschenen Verlies gefunden hatten, hätte ich gerne mehr Zeit mit ihm verbracht, doch er hatte sich sofort auf den Weg gemacht, um Madam Rakepick zu finden und sie zur Strecke zu bringen. Warum hatte er sich denn nicht ein wenig Zeit für mich nehmen können? Doch Rowans Tod hatte meinen Kummer besiegelt.
Ich hatte mich von meinen Freunden distanziert und wollte einfach nur noch alleine in meinem Schlafsaal am Fenster sitzen und warten bis das Unwetter vorüberzog und die Sonne durch die dunklen Wolken brach. Doch ich hatte inzwischen die Hoffnung verloren, dass ich in meinem Leben jemals wieder die Sonne sehen würde.

Leise Schritte, die immer näherkamen, rissen mich aus meinen Gedanken und ließen mich aufhorchen. Ich erkannte Skye an ihrem Räuspern. Obwohl sie nicht den Schlafsaal mit mir teilte, war sie in den letzten Wochen oft zu mir gekommen, da es den Jungen verboten war, die Schlafsäle der Mädchen zu betreten.

„Ich dachte, wir könnten gemeinsam zur Halloweenfeier gehen. Ich habe gehört, dass Penny wieder an der Organisation beteiligt war und sogar Dumbledore bei der Dekoration geholfen hat. Es wird sicher viel Spaß machen“, hörte ich Skye mit einer leichten Nervosität in der Stimme sagen.

Ich sah sie nicht an, doch beobachtete ihr Spiegelbild im Fenster. Es war ihr anzusehen, dass sie Angst hatte, etwas Falsches zu sagen und mich somit zu verletzen.
Doch keine Worte der Welt konnten mich mehr verletzen, denn durch eine Tat war mir alles genommen worden.

„Ich möchte nicht auf die Feier gehen“, antwortete ich mit einer ausdruckslosen Stimme. „Aber ich bin mir sicher, dass ihr euch amüsieren werdet.“

Skye schwieg für einen Moment. Sie sah sich hilflos im Zimmer um, doch nichts und niemand konnte sie bei ihrem Vorhaben, mich zu überreden, doch zur Feier zu gehen, unterstützen.

Als ich bemerkte, dass sie nicht gehen wollte, entschied ich, ihr gegenüber ganz offen und ehrlich meinen Wunsch zu äußern.

„Ich würde jetzt lieber alleine sein.“

Skye machte einen bedauernden Gesichtsausdruck, doch gab sich schließlich mit einem Nicken geschlagen.

„Natürlich. Wenn du etwas brauchst, wir sind immer für dich da.“

Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ den Schlafsaal. Ich seufzte erneut.
Mir war aufgefallen, dass ich das in letzter Zeit oft getan hatte. Ich hatte das Gefühl, dass das das einzige war, wofür ich noch die Kraft hatte und auf irgendeine Weise war es befriedigend.

Ich wusste nicht, wie viele Stunden ich am Fenster gesessen und nur in die Ferne hinausgeblickt hatte, doch ich spürte, wie meine Augenlider allmählich schwer wurden.
Ich hatte bemerkt, dass wenn ich genau hinhörte, ich tatsächlich die Stimmen und das Gelächter aus der Großen Halle hören konnte. Doch ich hatte mich damit abgefunden, dass ich es mir entweder nur einbildete oder einer meiner Freunde die Dreistigkeit besessen hatte, diese Geräusche mit einem Zauber für mich hörbar zu machen. Doch egal was es war, ich hatte nicht im Geringsten vor, auf diese Feier zu gehen. Für mich gab es keinen Grund zum Feiern.

Als ich erneut bereit war, mich in meinen Gedanken versinken zu lassen, wurde ich allerdings durch ein Geräusch davon abgehalten. Ich wusste nicht genau, was es gewesen war, dass mich abgelenkt hatte, doch es hatte meine volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Ich blickte zu der Tür des Schlafsaals, die verschlossen war und sich nicht rührte. Da war es wieder. Das Geräusch. Nun war es deutlich lauter gewesen und ich hatte erkannt, dass es eine Stimme gewesen sein musste. Sie hatte zu mir gesprochen, doch nicht deutlich genug, um etwas verstehen zu können.

„Danielle.“

Nun war es ganz deutlich und ich sah mit einem unruhigen Blick im Zimmer um. Ich überlegte bereits, ob irgendein Schüler es wagte, mir einen Streich zu spielen, doch dann musste ich an diese Stimme denken, die meinen Namen gesagt hatte.
Obwohl ich für einen Moment daran glaubte, dass es Jacob gewesen sein könnte, musste ich mir eingestehen, dass ich diese Stimme noch nie zuvor gehört hatte. So glaubte ich es jedenfalls.

„Danielle.“

Als ich meinen Namen erneut flüstern hörte, stand ich langsam vom Boden auf und griff in meinen Umhang nach meinem Zauberstab.

„Lumos“, sagte ich und an der Spitze meines Zauberstabs erschien ein grelles Licht, das mich blendete und mir mehr die Sicht nahm, als sie mir zu geben.

Als sich meine Augen allerdings an das Licht gewöhnt und ich den ganzen Schlafsaal abgesucht hatte, musste ich frustriert feststellen, dass ich mir die Stimme vermutlich nur eingebildet hatte.

„Nox.“

Ich steckte meinen Zauberstab wieder ein und wollte mich gerade wieder an meinen Platz am Fenster setzen, als ich ein merkwürdiges Gefühl bekam.
Es war ein Kribbeln, das in meiner Brust begann und sich daraufhin in meinem ganzen Körper ausbreitete. Ich kannte dieses Gefühl, doch konnte es nicht für möglich halten.
Als ich mich auf der Stelle umdrehte, erblickte ich endlich den Ursprung dieses Gefühls, das mir eine Wärme gegeben hatte, die ich am liebsten sofort wieder aus meinem Körper verbannt hätte.

Es war das glänzend blaue Licht gewesen, das vor mir in der Luft schwebte und von silbernen Fäden umgeben war. Für einen Moment war ich zu perplex, um darauf reagieren zu können. Es war ein Patronus.
Ein Patronus ohne Gestalt, der mich anzusehen schien, obwohl er keine Augen hatte.

„Danielle.“

Dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass die Stimme direkt aus dem Patronus zu mir zu sprechen schien. Ich wusste, dass die meisten meiner Freunde keinen Patronus herausbeschwören konnten, doch es gab auch viele Menschen, die ich kannte, die diesen Schutzzauber mit einer enormen Macht beherrschten.
Unwillkürlich kamen die Gedanken an die Nacht von Rowans Tod zurück.
Es war Madam Rakepick gewesen, die uns mit ihrem mächtigen Patronus vor den zahlreichen Dementoren gerettet hatte. Und es war die bösartige Hexe gewesen, die den Todesfluch auf Ben gerichtet, doch letztendlich Rowan getroffen hatte.

Aus Neugierde machte ich einen zaghaften Schritt auf den gestaltlosen Patronus zu, der daraufhin sofort zurückzuschrecken schien. Nun bewegte er sich langsam in Richtung Tür und ich hatte das dringende Gefühl, dass ich ihm folgen musste.
Als er durch die Tür verschwunden war, beeilte ich mich, um ihm folgen zu können. Doch als ich im Gemeinschaftsraum angekommen war, hatte ich ihn verloren. Möglicherweise hatte er diesen auch bereits verlassen.
Ich blickte mich im menschenleeren Raum um und versuchte genau hinzuhören. Doch das einzige, das ich hörte, war das Knistern des Feuers im Kamin.
Und wieder seufzte ich frustriert. Ich war mir inzwischen sicher, dass ich verrückt geworden war. Doch noch bevor ich mich wieder auf den Weg zum Schlafsaal machen konnte, vernahm ich das Geräusch leichter Schritte. Keine Schritte, es klang wie Pfoten.
Mit weit aufgerissenen Augen und einem wild klopfenden Herzen drehte ich mich in die Richtung, aus der ich das Tapsen der Pfoten gehört hatte und stieß einen kurzen Schrei aus. Ich schlug mir mit der Hand auf dem Mund, um mich selbst zum Schweigen zu bringen.

Der Patronus war nun kein gestaltloser mehr gewesen, sondern er hatte eine Form angenommen. Es war die Form eines Patronus, der sich wie Feuer in mein Gedächtnis eingebrannt hatte.
Mir stiegen Tränen in die Augen und ich wusste nicht einmal, ob es Tränen der Traurigkeit oder der Wut gewesen waren, als mich die Augen der Löwin aufmerksam musterten. Es war ihr Patronus gewesen. Der Patronus der Frau, die meine beste Freundin umgebracht hatte.
Ich wusste nicht einmal, was ich tun oder sagen sollte und auch die Löwin sah mich einfach nur mit großen Augen an.
Als ich langsam wieder zur Besinnung kam, zog ich langsam meinen Zauberstab aus meinem Umhang, wobei mich der Patronus aufmerksam beobachtete. Ich hatte keine Ahnung, welchen Zauber ich auf einen Patronus zaubern musste, um ihn verschwinden zu lassen, doch die Wut, die mich in diesem Moment packte, ließ mich alle Zauber aussprechen, die mir durch den Kopf gingen.

„Flipendo.“ Nichts geschah.

„Stupor.“ Der rote Blitz ging einfach durch den Patronus hindurch und prallte gegen die Wand hinter ihm.

„Incendio.“ Ich sah zu, wie das Feuer aus meinem Zauberstab strömte und sich an das erstbeste heftete, das es finden konnte. Zuerst war es nur der Teppich vor dem Kamin, der Feuer fing, doch bevor es den Sessel erreichen konnte, löschte ich es mit dem Zauberspruch Aguamenti.

Erschöpft ließ ich mich auf die Knie sinken. Es kostete mich zu viel Anstrengung, die Tränen in meinen Augen zu behalten und so hinderte ich sie nun nicht mehr daran, meine Wangen zu benetzen und mich erbittert weinen zu lassen.
Nachdem ich das Gesicht in den Händen vergraben und mein Körper vor Schluchzern gezittert hatte, spürte ich erneut das Kribbeln und die Wärme in mir, die mich erkennen ließen, dass der Patronus sich mir näherte.
Sofort stand ich auf und richtete erneut den Zauberstab auf die Löwin, die mich weiterhin nur ansah.

„Halte dich von mir fern, du grausame Hexe“, flüsterte ich, ohne zu wissen, ob die Besitzerin des Patronus mich hören konnte.

Doch die Löwin schien von meinem Zauberstab oder meiner Entschlossenheit nicht beeindruckt gewesen zu sein. Stattdessen lief sie mit fließenden Bewegungen an mir vorbei und hinterließ dabei eine Spur von silbern glänzendem Licht. Ich folgte ihrem Weg mit einem aufmerksamen Blick. Vor der Tür des Gemeinschaftsraums blieb sie kurz stehen, blickte über die Schulter, sodass sich unsere Blicke begegneten und verschwand durch den Bogen in der Wand.
Ich deutete das als Zeichen, ihr zu folgen, doch ich wusste nicht, ob ich das wollte. Alles in mir sträubte sich dagegen, diesem Patronus zu folgen. Doch was hatte ich zu verlieren? Meine Freunde waren alle auf der Feier bei Dumbledore und den anderen Lehrern und mein Bruder konnte durchaus selbst auf sich aufpassen.
Jeder Mensch, der mir noch etwas bedeutete, konnte mir in diesem Moment nicht genommen werden und war in Sicherheit. Jeder Mensch, außer mir.

Mein Körper folgte wie von alleine dem Patronus hinaus aus dem Gemeinschaftraum.
Das ganze Schloss wirkte wie leergefegt und das einzige, was zu hören war, waren die Treppen, die beim Bewegen wie Geröll klangen und der Donner, der außerhalb des Schlosses sein Unwesen trieb. Die Hand, in der ich meinen Zauberstab hielt, begann vor Aufregung zu zittern.
Ich sah mich kurz um und entdeckte dann den Löwinnen-Patronus einige Meter von mir entfernt. Sie schien auf mich zu warten und ich beeilte mich, um mit ihr Schritt halten zu können.
Mit einem unguten Gefühl folgte ich ihr. Ich wusste nicht, wohin sie mich führen würde und da es etwas mit Madam Rakepick zu tun haben musste, konnte es nichts Gutes sein. Doch meine Neugierde war stärker als diese Angst.

Tatsächlich führte mich die Löwin in ein Stockwerk, das ich zuvor noch nie betreten hatte und ich wusste auch nicht einmal, ob irgendjemand dieses Stockwerk schon einmal in meiner Gegenwart erwähnt hatte. Es kam mir fast schon vor, als hätte der Patronus mich ohne mein Wissen in einen Geheimgang geführt, der auf keiner Karte von Hogwarts zu erkennen war. Vermutlich nicht einmal auf der Karte des Rumtreibers.
Es war ein dunkler Gang, den ich da betreten hatte, doch der Patronus wies mir den Weg und spendete mir sein Licht, sodass ich nicht komplett im Dunklen tappte.

„Wo führst du mich hin?“, fragte ich in die Dunkelheit hinein, ohne eine Antwort zu erwarten.

Die Gefühle der Wut und Traurigkeit waren verflogen und ich fühlte mich auf einmal wieder so wie bei der Suche der Verwunschenen Verliese. Wobei es nun nur noch eines war, das es zu finden galt, bevor „R“ dessen Schatz an sich reißen konnte.

Als wir das Ende des Ganges erreicht hatten und wir vor einer verschlossenen Holztür standen, verwandelte sich plötzlich die Gestalt des Patronus wieder in die bläuliche Kugel aus Patronus und erhob sich in die Luft. Ich sah der Verwandlung fasziniert zu und konnte meinen Blick nicht von dem silbernen Licht nehmen.
Doch im nächsten Moment verkleinerte sich der Patronus vor meinen Augen, als würde jemand seine Hände um ihm herum legen und ihn zerquetschen, sodass am Ende nichts mehr von ihm übrig war. Schließlich verschwand der Patronus gänzlich und mit ihm das Licht, das den Gang erhellt hatte.

„Lumos“, sagte ich, um wieder etwas erkennen zu können.

Vor mir war nach wie vor die große Holztür, die ich von allen Seiten musterte. Konnte ich sie einfach mit Alohomora öffnen? Ich konnte es nur herausfinden, indem ich es ausprobierte.
Ich löschte das Licht meines Zauberstabs und sprach den Zauber aus, der dazu bestimmt war, verschlossene Türen zu öffnen. Tatsächlich hörte ich ein leises Klicken, was mir zeigte, dass der Zauber gewirkt hatte.
Ich legte meine Hand auf das Holz und drückte sie mit leichter Kraft auf.

Mein Herz hämmerte mir wie wild gegen die Brust und mein Atem beschleunigte sich drastisch. Hinter dieser Tür konnte sich alles befinden und ich war nur eine einfache Hexe mit einem Zauberstab und ein paar wenigen Erfahrungen mit den Verwunschenen Verliesen.
Doch als die Tür offenstand und ich mit einem Schritt in den Raum eintrat, stellte ich fast schon enttäuscht fest, dass er leer war. Was hatte ich auch erwartet? Vielleicht war ich davon ausgegangen, dass die feige Madam Rakepick sich mir gestellt hätte.

Als ich mich ausgiebig in dem Raum umsah, fiel mir allerdings auf, dass er doch nicht so leer war, wie ich auf den ersten Blick angenommen hatte. Ich machte einige Schritte in den Raum, um mir den großen Spiegel, der zu meiner Rechten an der Wand stand, genauer anzusehen.
Sein Rahmen bestand aus Gold und an dessen oberem Rand war eine Inschrift eingraviert worden.
NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT NANIEDTH CIN.
Ich runzelte die Stirn und las mir die Inschrift noch etwa zwei- bis dreimal durch. Ich hatte keine Ahnung, was für eine Sprache das sein sollte und noch weniger, was es bedeuten sollte.

Schulterzuckend richtete ich meinen Blick auf das verstaubte Glas des Spiegels. Eine leicht verunsicherte Danielle Cavendish blickte mir entgegen und bei meinem eigenen Anblick musste ich tief einatmen. Wie lange war es doch her, seit ich mich das letzte Mal in einem Spiegel betrachtet hatte.
Ich drehte langsam meinen Kopf zur Seite, dabei fielen mir die blonden Haare auf, die in den letzten Jahren deutlich gewachsen waren. Rowan hatte immer gesagt, ich trug pures Gold auf meinem Kopf.

Bei dem Gedanken an Rowan spürte ich, wie meine Sicht erneut durch die aufkommenden Tränen verschwamm. Doch plötzlich glaubte ich eine weitere Person im Spiegel zu erblicken.
Ich drehte mich sofort um, stellte jedoch fest, dass ich immer noch alleine in dem Raum war. Ich war mir sicher, dass ich durch den Staub auf dem Spiegel und die Tränen nur etwas gesehen hatte, was aber eigentlich gar nicht da gewesen war.
Als ich mir die Tränen aus den Augen wischte und zurück in den Spiegel blickte, ließ ich vor Schreck meinen Zauberstab fallen und wich verängstigt zwei Schritte zurück. Ich hatte richtig gesehen.
Die Person stand in dem Spiegel hinter mir. Und es war nicht irgendeine Person, sondern es war Rowan.
Sie war lebendig und lebte und lächelte mich fröhlich an.

„Rowan!“, rief ich und drehte mich erneut um. Doch sie war nicht da. Sie war tot.

Als ich mich erneut zurück zu dem Spiegel drehte, sah ich Rowan allerdings immer noch in dem Spiegelbild.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Hatte sich einen Schüler einen Scherz mit mir erlaubt und diesen Spiegel zu einem Trugbild verflucht? Ein Spiegel, der Illusionen hervorrief?

„Rowan“, flüsterte ich, doch das Mädchen sagte nichts darauf und lächelte mich nur weiterhin an.

Mein Herz wurde schwer und ich spürte, wie meine Beine immer schwächer wurden. Rowan sah so glücklich aus. Sie sah aus, als wäre sie glücklich da, wo sie war. Doch warum konnte ich nicht glücklich sein?

„Rowan, es tut mir so leid“, sagte ich mit einer brüchigen Stimme. „Ich bin schuld, dass du in dieser Nacht im Verbotenen Wald gewesen bist. Ich konnte dich nicht beschützen. Ich war nicht stark genug.“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und obwohl ich wusste, dass das nur ein Trugbild und nicht real war, musste ich diese Worte loswerden.

Im nächsten Moment erschien eine weitere Gestalt an meiner Seite in dem Spiegel. Obwohl ich wusste, dass das nicht real war, hatte ich das dringende Bedürfnis, mich umzudrehen und doch noch einmal nachzusehen.
Ich glaubte daran, dass diese zwei Personen, die mich im Spiegel ansahen, zwei Gefühle von mir darstellten, mit denen ich derzeit zu kämpfen hatte. Schuld und Wut.
Ich entschied mich also dazu, mich doch noch einmal umzudrehen, um mein Gewissen zu beruhigen und im nächsten Augenblick traf mich der Schlag und ich wäre fast über meine eigenen Füße gestolpert.

Sie war nicht nur im Spiegel zu sehen. Sie war tatsächlich da. Rowans Mörderin, Madam Rakepick.
Schnell tastete ich nach meinem Zauberstab, bis ich angespannt feststellte, dass ich ihn hatte fallen gelassen und er direkt vor den Füßen der rothaarigen Hexe lag.

„Ich schwöre bei Merlin, dass ich Sie umbringen werde“, rief ich aufgebracht, doch die Hexe lachte nur leise auf.

„Sie können mich nicht umbringen, Miss Cavendish“, erwiderte sie mit einem missbilligenden Grinsen auf den Lippen. „Denn wie Sie eben gesagt haben, sind Sie nicht stark genug dafür.“

Mein ganzer Körper begann sich vor Zorn zu schütteln, als ich daran dachte, dass sie all die Worte gehört hatte, die ich zu Rowan gesagt hatte.

„Sie haben keine Ahnung“, fauchte ich, um mich irgendwie gegen sie zu wehren, doch Madam Rakepick sah mich weiterhin mit einem verspottenden Blick an.

„Sie haben also Rowan Khanna in diesem Spiegel gesehen!?“

„Was geht Sie das an?“, entgegnete ich.

Die Hexe kicherte erneut und hob daraufhin meinen Zauberstab auf. Ich biss mir auf die Lippe. Sie konnte es nun mit einem Fluch beenden und ich hatte Möglichkeit, ihr zu entkommen.

„Nun, wenn ich ehrlich bin, geht es mich tatsächlich nichts an, allerdings ist es sehr interessant“, sagte Madam Rakepick und warf ebenfalls einen kurzen Blick in den Spiegel.

Ich konnte fast schon zusehen, wie ihr ihre Gesichtszüge entglitten und sie mit einem fast schon traurigen Blick ihr Spiegelbild betrachtete. Doch ich konnte nichts außer der Hexe selbst in dem Spiegel erblicken.

„Ein Schüler hat ihn verflucht, richtig?“, fragte ich, woraufhin Madam Rakepick sich von dem Spiegel abwandte und mir in die Augen sah.

Sie machte fast den Eindruck, als hätte sie in dem vergangenen Moment alle Fassung verloren. Über ihre Lippen huschte erneut dieses missbilligende Grinsen.

„Sie mögen es wohl, sich die Dinge einfach zu reden, nicht wahr? Dieser Spiegel geht über all Ihre Vorstellungen hinaus, Miss Cavendish.“

Sie machte eine kurze Pause und deutete mit ihrem Zauberstab auf den Spiegel, ohne noch einmal hineinzusehen.

„Dies ist der Spiegel Nerhegeb. Er ist ein uralter Spiegel, der kein Trugbild ist und immer die Wahrheit zeigt.“

Ich hatte noch nie von diesem Spiegel gehört, doch es fiel mir immer noch zu glauben, dass er nicht nur eine Täuschung war.

„Und was zeigt dieser Spiegel? Warum sehe ich Rowan in ihm?“, fragte ich, um die Hexe herauszufordern.

„Können Sie sich das nicht denken?“

Madam Rakepick lächelte nun fast schon freundlich und ich versuchte darüber nachzudenken, was es war, das der Spiegel mir mit Rowan zeigte.

„Sie müssen Sie wohl schrecklich vermissen, wenn Sie sie in dem Spiegel sehen“, meinte Madam Rakepick mit einer bedauernden Stimme, von der ich nicht wusste, ob sie echt oder nur gespielt war. „Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass Sie Ihren Bruder sehen würden.“

„Was hat das denn jetzt mit meinem Bruder zu tun?“, fuhr ich sie verärgert an.

Anstatt ihren Zauberstab weiterhin auf den Spiegel zu richten, bewegte sie ihn nun auf mich zu. Ich musste schlucken, als die Hexe mich mit ihren blauen Augen anfunkelte.

„Sie verstehen es immer noch nicht“, sagte sie trocken. „Dieser Spiegel zeigt einem Menschen sein Innerstes. Die tiefsten und ehrlichsten Wünsche seines Herzens.“

Nun verstand ich es. Ich hatte meine beste Freundin verloren und aus diesem Grund sah ich sie in diesem Spiegel. An Madam Rakepicks Lächeln sah ich, dass sie erkannt haben musste, dass sich es nun begriffen hatte.

„Dann müssen Sie wohl sich selbst mit dem Schatz des letzten Verwunschenen Verlieses sehen, habe ich Recht?“

Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand augenblicklich.

„So wie dieser Spiegel Wahrheit spricht, ist es doch auch ein großes Geheimnis, das er ein jedem zeigt.“

Ihre Worte klangen so, als hätten sie von Dumbledore kommen können und ich brauchte einen Augenblick, um darüber nachzudenken. Was hätte wohl Rowan in diesem Spiegel gesehen? Sicherlich einem ganzen Haufen Bücher mit jeder Menge Zeit.
Bei diesem Gedanken schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Diese Vorstellung hätte ihr sicherlich gefallen.

Als ich mich zurück in der Wirklichkeit wiederfand, blickte ich die Hexe entschlossen an.

„Sie werden dafür bezahlen, was Sie uns angetan haben“, sagte ich mit einer ruhigen, aber bedrohlichen Stimme.

„Ach, Miss Cavendish.“

Madam Rakepick ließ ihren Zauberstab sinken und stemmte eine Hand in die Seite.

„Der Tod muss nicht Ihr Feind sein. Er kann zu Ihrem Begleiter werden.“

„Nun, wenn Sie den Tod als Begleiter haben möchten, ist das Ihre Sache, aber ich möchte das nicht“, entgegnete ich.

Madam Rakepick kicherte erneut.

„Das Reich der Toten und das der Lebenden ist viel näher, als Sie glauben. Sehen Sie sich doch nur um. Geister gibt es nicht nur an Halloween.“

Mit diesen Worten erhob sie erneut den Zauberstab gegen mich und bevor ich überhaupt etwas sagen oder tun konnte, sah ich bereits einen grünen Lichtstrahl auf mich zukommen.


*******


Ich riss vor Schreck die Augen auf und hätte mich fast an der Luft verschluckt, die ich einatmete. Mein Hals war staubtrocken und ich tastete nach meinem Herzen, das in Höchstgeschwindigkeit gegen meine Brust stieß.
Als ich mich umsah, erkannte ich, dass ich noch immer im Schlafsaal am Fenster sah. Die Stimmen aus der Großen Halle waren immer noch deutlich zu hören, doch das Unwetter war vorübergegangen. Die verschwundenen Wolken gaben endlich den Blick auf einen sternenklaren Himmel frei und das Licht des Vollmondes schien in seiner ganzen Schönheit durch das Fenster und erhellte den ganzen Raum.
Als ich realisierte, dass ich vermutlich nur eingeschlafen war, lehnte ich mich erleichtert an die Steinwand hinter mir und versuchte meinen Atem zu beruhigen.
Sofort musste ich zurück an Madam Rakepick und an diesen Spiegel denken. Ob er wirklich existierte oder hatte ich ihn mir nur mit meiner Fantasie ausgedacht?

Ich schüttelte den Kopf, um meine Gedanken zu ordnen und wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Dabei bemerkte ich, dass die Gefühle der Traurigkeit und des Kummers über Rowans Tod viel kleiner geworden waren.
Hatte es etwas damit zu gehabt, was Madam Rakepick gesagt hatte? Doch ich wollte nicht an diese Hexe denken.
Ich hatte das dringende Bedürfnis zu meinen Freunden in die Große Halle zu gehen und mit ihnen Halloween zu feiern. Rowan hätte es sicherlich so gewollt und auch wenn sie sie nun nicht mehr sehen oder mit ihr sprechen konnte, wusste sie, dass sie noch da war.
Mit diesem Gedanken stand ich auf und verließ eilig den Schlafsaal.

Mit freudiger Erwartung durchquerte ich den Gemeinschaftsraum und bemerkte nicht die silberne Löwin, die neben dem Kamin ruhte und ein zufriedenes Schnurren von sich gab.

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