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Ein Leuchten am Himmel

OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Red Velvet
30.10.2020
30.10.2020
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Sie hatte sich heimlich davon geschlichen. Weg von der Party mit ihrer fröhlichen Stimmung, den grellen bunten Lichtern und dem Alkohol, den sie aus Plastikbechern tranken, als wäre er Wasser.

Stattdessen lag sie mit angewinkelten Knien auf der warmen, vom Sommerregen feuchten Erde, hatte die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt und spürte, während sie in den dunklen, tiefblauen Nachthimmel starrte, die harten Erhebungen der Lederarmbänder in ihrem Nacken.

Die hohen Schuhe hatte sie sich schon längst von den Füßen gestreift und sie neben sich achtlos ins Gras geworfen, um ihre blanken Füße in den warmen, erdigen Untergrund zu stämmen und die Zehen von den weichen Grashalmen kitzeln zu lassen.

Während sie rastlos in den Himmel über sich starrte, war ihr alles egal. Es war egal, dass ihr Rock schon über ihre aufgestellten Knie gerutscht war oder dass ihre Gedanken immer wieder ungewollt zu diesem einen Gesicht fanden oder dass am Himmel kein einziger Stern leuchtete, der ihr hätte Licht spenden können. Stattdessen verlor sie sich selbst in ihren Gedanken und den Bildern dieses verdammten Mädchens; hörte wie durch Watte den drängenden Bass der Party; sah aus den Augenwinkeln die flackernden Lichter und bog automatisch die Mundwinkel nach oben. Wie immer, wenn sie an sie denken musste, und begann im Takt ihres Herzschlages zu seufzen.
Sie konnte dieses Gefühl nicht benennen, aber es war angenehmer als die bleierne Melancholie, die die Party in ihr auszulösen schien.

»Hey«

Die Stimme neben ihr tauchte so plötzlich auf, dass Joohyun vor Schreck zusammenzuckte und reflexartig die Hand streckte, um ihren verrutschen Rock wieder über die Beine zu ziehen. Erst dann merkte sie, wer sich da zu ihr verirrt hatte und kurz zog sich ein feiner, ziehender Stich durch ihre Brust.
Dunkle, warme Augen konnte sie in dem Halbdunkel erkennen und wären ihre Mundwinkel nicht schon längst nach oben gewandert, hätten sie es spätestens jetzt getan. Was für eine Ironie, dass nun ausgerechnet das Mädchen aus ihren Gedanken neben ihr hockte und ihr ein vorsichtiges Lächeln zuwarf.

»Hey«, erwiderte Joohyun ganz leise, um den Moment nicht zu stören, wenngleich der Lärm der Party das Gegenteil zu verkörpern schien. Es fühlte sich nicht richtig an, jetzt lauter zu sprechen.
Sie stütze sich auf, glättete ihr Top und ihre Haare, während sie schüchtern zu Seulgi blinzelte, die sie noch immer aus diesen schönen, warmen, weichen, braunen Augen ansah, das Joohyun auch ohne Alkohol ganz schwummrig wurde.

»Ich bin Seulgi«, stellte diese sich vor und Joohyun widerstand angestrengt dem Drang ein ›Ich weiß‹ zu erwidern. Das würde doch viel zu seltsam wirken und sie wollte sich ganz bestimmt nicht vor der anderen blamieren. Nicht jetzt, wo sich ihr Traum tatsächlich erfüllte und sie mit ihr sprechen konnte.

»Du hast hier so alleine dagesessen und das hat mir nicht gefallen.«

Unwohl fuhr Joohyun nun ihren Rock glatt, obwohl sie wusste, dass die Falten dennoch bleiben würden. Hoffentlich hielt die andere sie jetzt nicht für einen Freak, der Hilfe brauchte oder keine Freunde hatte. Das war sie nicht, nur manchmal brauchte sie einfach etwas Abstand.

»Es ist alles okay«, nuschelte sie und stand auf, um das Gefühl der Unsicherheit abzuschütteln. Nicht, das es helfen würde. »Ich komme nur manchmal mit solchen Situationen nicht klar.«

»Mit den vielen Menschen«, fragte Seulgi verständnisvoll und kräuselte zart und süß die Nase. Und - oh Gott - wenn Joohyun ihr nicht schon längst verfallen wäre, dann wäre sie es spätestens jetzt. Doch statt die Hand der anderen zu ergreifen und ihr über die Wange zu streichen, wie sie es sich mit ziehender Brust wünschte, schüttelte sie nur verlegen den Kopf.

»Mit den vielen Gedanken im Kopf«, erklärte sie leise und starrte nachdenklich in den Himmel. »Mit Dingen die ich nicht einschätzen oder benennen kann, aber die mich beschäftigen.«

Sie hatte sich schon darauf gefasst gemacht, dass Seulgi anfangen würde zu lachen, aber das tat sie nicht. Eher schien ihr ein Licht aufzugehen und das Verständnis in ihren dunkeln Augen vertiefte sich noch.

»Das kenne ich«, gab sie leise zu und schaute mit Joohyun gemeinsam in den dunklen Himmel, der so dunkelblau mittlerweile war, dass er schon beinahe schwarz wirkte. »Aber ich weiß auch, dass es nichts bringt, die Dinge kaputt zu denken und sich in Theorien zu verlieren. Das macht uns die Realität nur schlecht und verwirrt uns.«

Wehmütig strich sie sich eine ihrer pechschwarzen Haarsträhnen hinter das Ohr, nur um sich dann verlegen wieder Joohyun zuzuwenden. Joohyun, die immer noch nicht wusste, womit sie diese Unterhaltung verdient hatte.

»Ich kenne aber ein paar Tricks, um die Gedanken für einen Moment zu vertreiben. Bis morgen früh zumindest«, grinste sie und hielt Joohyun plötzlich ihre Hand entgegen.
»Zum Beispiel in dem du mit mir tanzt!«

Als Joohyun sie nur fassungslos anstarrte, weil sie nicht realisierte, was da gerade geschah, lachte Seulgi nervös und etwas zu hoch. »Okay. Das ist jetzt unangenehm. Du musst natürlich nicht. Ich- «

»Gerne. Ich würde gerne mit dir tanzen«, fiel ihr da Joohyun schnell und laut ins Wort, das beide kurz erschraken. Die Blicke verhakten sich ineinander.

»Wirklich?« Seulgi fragte ganz sanft und warm und leise. Wie sie nun einmal war. Und Joohyun fand es toll, wie sehr die andere versuchte auf sie Rücksicht zu nehmen. So wahnsinnig toll. Auch wenn sie immer noch nicht wusste, was das zu bedeuten hatte.

»Wirklich«, sagte Joohyun leise.

Da hielt Seulgi ihr ein weiteres Mal strahlend die Hand entgegen und Joohyun nahm sie in ihre. Genoss das wohlige Gefühl auf ihrer Haut.

Gemeinsam schlenderten sie den flackernden Lichtern entgegen. Vielleicht etwas langsamer als es normal war, vielleicht weil keiner es eilig hatte und sie den Moment noch etwas länger auskosten wollten.

Die Tanzfläche war ein enges, schwitziges Durcheinander voller Ausgelassenheit und ohne jegliche Scham. Dort zwischen den angetrunkenen Leuten und der Stimmung, die auf sie überschwappte, fing auch Joohyun an sich betrunken zu fühlen. Spätestens als Seulgi sie vorsichtig an beiden Händen näher zog und diese sachte an ihren Hüften platzierte. Immer mit dem Blick zu Joohyun, um sicher zu gehen, dass es okay für sie war. Und es war okay für Joohyun. Mehr als das.
Mit jeder weiteren unsicheren Bewegung taute sie weiter auf, schlang mutig die Arme um Seulgis Hals und verlor sich für einige Momente in den dunklen weichen Augen. Und auch wenn sie dieses Gefühl noch immer nicht einschätzen konnte, es fühlte sich unglaublich gut an und es zauberte ihr ein zartes Lächeln auf die rot geschminkten Lippen.

Sie tanzten eng beieinander, obwohl das Lied dafür viel zu schnell und zu laut war. Aber das fühlte sich einfach besser an. Richtiger. Seulgi lachte ausgelassen, als Joohyun sie schwungvoll drehte. Dann ließ sie sich zurück in die Arme der anderen fallen, legte ihren Kopf an ihre Brust und so tanzten sie immer weiter eng umschlungen, alles andere ausblendend.

»Du siehst schön aus«, murmelte Seulgi irgendwann in Joohyuns Oberteil und spürte deren vibrierendes Lachen.

»Du schaust mich doch gar nicht an.«

»Ich weiß es ja auch. Habe dich ja vorhin schon gesehen.«

»Und jetzt hast du es satt mich anzuschauen? Also ich könnte dich stundenlang nur ansehen, Kang Seulgi.«

»So meinte ich das nicht«, verteidigte sich Seulgi lachend, auch wenn sie den Schabernack deutlich aus Joohyuns Worten heraushörte. »Aber ich brauche dich nicht ansehen, um zu wissen, dass du hübsch und lustig und talentiert bist. Das weiß ich schon und der Moment ist sowieso zu schön, um ihn mit Oberflächkeiten zu unterbrechen.«

Sie seufzte entspannt, als sich eine von Joohyuns zarten Händen in ihren Nacken verirrte und über den weichen Ansatz ihrer Haare streichelte.

»Ach und woher weiß du das?«, wollte Joohyun leise wissen und versuchte sich ihre steigende Nervosität bei der Frage nicht anmerken zu lassen.

»Ganz einfach: Ich schaue dich nicht zum ersten Mal an, ich höre dich nicht zum ersten Mal. Nur war ich immer zu schüchtern, um etwas zu sagen.« Verlegen vergrub sie den Kopf tiefer in Joohyuns Oberteil und sah  nicht das erleichternde und strahlende Lächeln der anderen über ihr Geständnis.

»Ich auch, Seulgi, ich auch«, flüsterte Joohyun zurück.

Mit roten Wangen sah Seulgi auf und griff nach Joohyuns Hand. Und auch wenn sie das Gefühl noch immer nicht einschätzen konnte, Joohyun fand es wunderschön.

Sie schlenderten zurück. Hand in Hand, wie sie gekommen waren. Zu langsam, um den Moment auszukosten zu können. Ein stiller Versuch die Zeit anzuhalten und nie wieder loszulassen. Aber ihre Schritte trugen sie weiter, bis sie immer noch Hand in Hand nebeneinander im Gras lagen. Joohyuns Kopf auf Seulgis Brust. Beide mit dem Blick in den Himmel, der immer noch dunkel war, ohne einen einzigen Stern.

»Warum lächelst du?«, fragte Seulgi Joohyun nach einer Weile, als sich deren Augen wieder mit ihren verfingen.

»Weil ich dich mag«, wisperte Joohyun und schien das Gefühl in ihrer Brust endlich einordnen zu können. »Weil du der Grund bist, warum ich abends seltsam vor dem Spiegel tanze und unter der Dusche anfange zu singen.«

Und als sie Seulgis warme, dunkle Augen auf sich spürte, wusste sie, dass sie das Gefühl richtig eingeschätzt hatte. Denn mit Seulgi brauchte sie gar keine Sterne, die ihr den Himmel erhellten und ihr den Weg weisten - Seulgi war ihr Leuchten am Himmel.

                               ✽

Kein neues Kapitel zu 900 Katzen, ich weiß. (Schande über mein Haupt!)

Dafür dieser Oneshot, weil ich nicht schlafen kann und das Bedürfnis hatte ein paar Worte und vielleicht Gefühle auf die Welt loszulassen.

Ich hoffe, er hat euch gefallen und ich habe nicht zu viele Gramatik und Rechtschreibfehler übersehen, aber es ist ja auch drei Uhr Nachts - ich garantiere für nichts. ;3

Kritik ist gerne gesehen! ^^

Alles Liebe,
Eure (todmüde ins Bett fallende) MissZ :)
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