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Skyforger - Ein Traum von stürmender Wahrheit

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 Slash
28.10.2020
28.11.2020
10
16.828
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☆Vᴇʀsᴀɢᴇʀ☆


Anna

Das Feuer war aus und Kälte erfüllte den Raum. Anna blinzelte ins kalte, gräuliche Morgenlicht und setzte sich leise auf. Niemand war wach und man vernahm nur das Geräusch leisen Atmens, ab und zu unterbrochen von einem Schnarchen ihres Onkels.
Mit müdem Ächzen rieb sich die junge Hüterin die Augen und ließ die Decke von ihren Schultern gleiten, um aufzustehen. Sie bewegte die kalten Hände, hauchte sie an, damit ein wenig Wärme ihre Finger erreichte.
Die Schale mit Suppe, die für ihre Cousine gefüllt worden war, stand unberührt neben der Feuerstelle. Holten sich die Toten nicht immer, was man ihnen im Trauerjahr darbot? Langsam tappte Anna auf Zehenspitzen dorthin, um die kalte Schale aufzuheben und mit ihr vor die Tür zu treten. Der in der Nacht frisch gefallene Schnee war glitzerndes Pulver, das ihre bloßen Füße umschmeichelte. Und eisige Kälte in sie aussandte. Doch die junge Hüterin war es gewohnt, barfüßig durch den Schnee zu laufen. Es war schließlich ein Teil ihres Trainings.
„Wenn sie doch tot ist, verzeih mir, Lexcryn“, flüsterte Anna und hockte sich hin, um die Suppe in den Schnee zu kippen. Dann häufte sie ihn darüber, damit Lexa auch ja nichts davon bemerkte. Sie würde sich freuen, wenn die Schale wieder leer war.
Beinahe lautlos schlich sich Anna wieder in den Wohnraum zurück und stellte die Schale zurück dorthin, exakt dorthin, von wo sie sie genommen hatte. Schnell rieb sie dann den Schnee von ihren Füßen, bis diese vor Wärme angenehm kribbelten und zog dann schnell die warme Wollstrumpfhose über die leicht schuppige Haut.
Die Schuppen würden sich noch weiter ausbilden und fest werden wie ein eiserner Panzer, resistent gegen Kälte und kaum zu zerstören von Waffen. Die ältesten Hüter brauchten nicht einmal mehr Schuhe, was Anna beneidete.
Damit die Strumpfhose nicht rutschte, schlang sie einen schmalen Gürtel um ihre Hüfte und zog dann mit einer fließenden Bewegung das Nachthemd aus. Von dem Haufen zu Füßen ihrer Schlafmatte zog sie dann einen grob gestrickten, kurzen Pullover von grauer Farbe mit einem hohen Kragen und Aussparungen am Rücken für ihre Flügel, die sie vorsichtig hindurchsteckte. Mit Bündchen befestigte sie das Kleidungsstück an den Handgelenken und unter der Brust. Als Nächstes kam eine knielange Hose, die bis hoch über die Hüfte reichte. Einen breiten Gürtel, der ein aus Leder- und dunkelblauen Wollstreifen zusammengewebtes kariertes Muster darstellte, schlang Anna noch um die Hüfte und schnürte ihn an der Seite zusammen.
Gerade als sie in die knöchelhohen Schuhe ohne Schnürung schlüpfte, regte sich ihr Cousin und setzte sich auf. Müde rieb er sich die Augen. „Blöde Frühaufsteherin“, grummelte er. „Verwöhnter Langschläfer“,  erwiderte Anna mit einem verschmitzten Lächeln. „Anna, heute ist welcher Tag?“ Luis ließ sich zurücksinken und zog die Decke wieder über sich. Die junge Hüterin verdrehte die Augen und seufzte theatralisch. „Lexcryns Zeremonie. Und an Lexcryns Zeremonie wollt ihr alle ausschlafen, ich weiß doch.“ Sie sprang auf. „Aber ich nicht. Die Sonne geht nämlich auf.“ Und von Sonnenaufgängen in den Bergen konnte man nie genug bekommen. Anna nicht. Sie sprang auf und lief hinaus.
Die Bergspitzen hatten sich rosarot verfärbt. Vor allem die Hochgipfel und die sie umgebenden Wolken strahlten im morgendlichen Licht. Anna beobachtete die vom starken Wind aufgewirbelten Schneefahnen über den eleganten Graten, die ebenfalls von der Sonne bestrahlt rosa wurden.
Ein Lächeln schlich sich auf die Lippen der jungen Hüterin. Sie konnte bald dort oben sein. Dort oben, wo ihre Cousine auch war und von den Größten ihres Volkes lernen durfte. Anna beneidete Alra darum, doch ihre Zeit war bald gekommen.
Die Zeit, da sie die Berge besiegen würde. Das als unschaffbar Geltende schaffte. Die Hochgipfel würde sie erreichen, koste es was es wolle. Vielleicht konnte Alra ihr schon etwas beibringen. Ein Jahr war sie schließlich schon dort und lernte. Oder sie war tot und lernte, wie es in Lexcryns Gegenwart ist. Aber Annas Cousine war stark. Annas Cousine wusste, wie man sich ordentlich sicherte. Und Annas Cousine war eng verbunden mit den Bergen wie mit einem innigen Geliebten. Manches Mal wünschte sich die Hüterin ein ebensolches Verhältnis zu Felsen, Eis und Schnee. Doch ihre große Liebe zu den Bergen kam nicht annähernd an Alras heran.
„Ihr hättet sie niemals sterben lassen, nicht wahr?“, flüsterte die junge Hüterin und legte eine krallenbewehrte Hand auf den eisigen Felsvorsprung neben ihr, als würden die Berge ihr eine Antwort geben. Diese aber kam nicht, was Anna ein leises Seufzen entlockte. Inzwischen strahlte der Schnee wieder weiß im Licht der aufgegangenen Sonne. So schön, so tödlich.
„Anna? Kommst du herein?“, wurde sie von der Stimme ihrer Mutter aus allen Gedanken gerissen. Aus der Türöffnung drang der wunderbare Geruch nach frischem Brot. Lexas frischem Brot. Ihre Tante bereitete den Teig schon seit der halben Woche vor und nun, zu Lexcryns Zeremonie gab es endlich, endlich das ersehnte frische Brot.
Vier Tage. Das sollte das ganze Geheimnis sein. Während die meisten nur drei Tage in die Vorbereitung steckten, nahm sich Lexa vier. Und ihr Brot schmeckte wie kein anderes.
So lange hatte Anna also hier draußen gestanden und alle Zeit im Nachdenken über ihre Cousine vergessen? Schnell nickte sie und trat in den Wohnraum ihrer Familie, der schon wieder angenehm warm war. Viel besser als am frühen Morgen noch. Auf der Platte über dem Feuer lagen die flachen Brotlaibe und verströmten ihren süßlich würzigen Duft.
Sie setzte sich auf ihren angestammten Platz zwischen ihre Eltern und wartete darauf, dass Lexa das Brot verteilte. Ihre Tante lächelte selig. „Die Schüssel von Alra war leer“, erzählte sie mit sanfter Stimme und pikste mit einer schlanken Kralle in einen Brotlaib. „Sie ist immer noch sicher bei Lexcryn...“
„Wunderbar, Lexa.“ Veta legte mit ehrlicher Erleichterung eine Hand auf die Schulter der Hüterin. Anna verkniff sich ein leises Seufzen. Es machte ihre Tante glücklich, zu glauben, dass Alra tot und bei Lexcryn war, als lebendig und verschollen. Also war es eine gute Tat, die Schüssel immer auszuleeren.
Endlich befand ihre Tante das Brot für gut genug und zog den Laib von der heißen Platte. Noch verführerischer wurde der Duft, als sie ihn in Stücke riss und diese verteilte.
Auf einmal fühlte es sich an, als hätte Anna ein Loch im Bauch und ihr Magen grummelte missbilligend, als sie ihre Zähne nicht sofort in den luftigen Teig schlug, sondern warten musste, bis jeder sein Stück erhalten hatte.
„Vater, darf ich heute bei Lexcryns Zeremonie nach ganz vorn mit Luis?“, fragte Anna, während sie vor sich hin aßen, hoffnungsvoll. „Es steht ja nun fest, dass ich in diesem Jahr zu den Hochgipfeln Reise und keines mehr warte.“ Thul gab ein leises Ächzen von sich und blickte lange in die Luft. „Veta? Was meinst du?“
Annas Mutter nickte. Die junge Hüterin jubelte leise, verstummte aber unter den grimmigen Mienen Lexa und Wolfs. „Du solltest dich nicht darüber freuen, ein Jahr früher zu sterben“, fauchte ihre Tante und erhob sich ruckartig. Ihre Flügel zitterten gefährlich. „Wenn ich könnte, würde ich Luis hierbehalten. Aber das zweite Kind muss immer gehen. Ihr könnt es Anna noch verbieten, Thul!“ „Lexa.“ Annas Onkel griff nach der Hand seiner Frau, damit diese sich wieder hinsetzte und beruhigte. „Lexa, du weißt um Annas Fähigkeiten…“
„ICH WUSSTE AUCH UM ALRAS FÄHIGKEITEN!“ Mit einem Knall entfalteten sich die Flügel der Hüterin. Erschrocken zuckte Anna zusammen. Und nicht nur sie. „UND TROTZDEM IST ALRA GESTORBEN. SIE IST GESTORBEN. DIE BERGE HABEN SIE UMGEBRACHT. UNSERE TRADITIONEN HABEN SIE UMGEBRACHT“, kreischte Lexa schrill, das Gesicht verzerrt von Wut und Trauer.
„UND JETZT RAUS! ALLE MITEINANDER! VERSCHWINDET ZU LEXCRYNS ZEREMONIE! ZU EUREM VERSAGER, DER UNSERE KINDER TÖTET!“
Wolf warf dem Rest seiner Familie einen flehenden Blick zu. Wenn Lexa wütend war, wusste jeder, dass er auf gar keinen Fall noch irgendetwas von sich geben durfte. So schnell wie möglich eilten Anna, Luis, Thul und Veta hinaus ins Sonnenlicht, sodass sie Lexas wütende Schreie nur noch dumpf hören konnten.
„Warum musstest du es auch vor Lexa fragen, Anna?“, zischte ihr Vater, angesteckt von der Wut ihrer Tante. „Du weißt genau, dass sie das nicht verträgt.“ „A-aber…“ „Kein Aber, Anna. So schlimm hat sie zwar noch nie reagiert, aber du musst dich nach der Zeremonie unbedingt bei ihr entschuldigen, verstanden?“, schaltete sich Veta streng ein. Kleinlaut nickte Anna.
Sie warteten, bis die Sonne zum Windbrecher hinaufgestiegen war. Wolf und Lexa waren nicht mehr zu hören, ließen sich aber auch nicht blicken. „Wir müssen gehen“, erhob Thul wieder die Stimme. „Sie kommen bestimmt gleich nach. Oder sie kommen gar nicht mehr. Wolf wird entscheiden, ob er mit Lexa zur Zeremonie gehen kann oder nicht.“ Anna blickte betreten zu Boden. Es war allein ihre Schuld, dass sich ihre Tante nun so aufregte und Sachen sagte, die sie nicht sagen wollte. Die sie nicht sagen sollte. Die junge Hüterin dachte schon die ganze Zeit über ihre Worte zur Entschuldigung nach, kam aber zu keinerlei Ergebnis.
Als sie hörte, wie ihre Eltern und ihr Cousin die Flügel entfalteten, tat sie es ihnen gleich und wartete nur darauf, dass Thul ihr nun verbieten würde, an diesem Tag die Zeremonie zu besuchen und die Segnung Lexcryns zu empfangen. Doch nichts Dergleichen geschah und sie erhoben sich in die Lüfte, um zum Hort der Venophidé zu fliegen, wo die Zeremonie stets abgehalten wurde.
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