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Road Trip / silver Linings (3)

von JaneS
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Chris Fehn Corey Taylor Craig Jones Joey Jordison OC (Own Character) Sid Wilson
27.10.2020
20.01.2021
69
288.324
2
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13.01.2021 3.583
 
Überraschende Kehrtwende



Während Lissy sich in Bens Küche austobte und ein gigantisches Mittagessen zubereitete saßen Colbey und Mallory zusammen mit den Kindern hier im Vorgarten des Hauses im Schatten der Bäume und spielten mit den Knirpsen. Diego und Ben räumten ihr weniges Zeug zusammen und standen am Benz, beide eine Zigarette rauchend und miteinander redend. Chris hingegen saß mit Craig auf der Treppe des Hauses und genoss die Ruhe, denn Liana war mit Amelia unterwegs und lenkte den kleinen Wirbelwind ein wenig von den Plänen ihrer Männer ab, derweil sie hier in den Tag lebten und die Minuten bis zum Abend zählten. Gestern Abend hatte er Craig und Melissa mit ins Poolhaus genommen und den jungen Leuten Raum für ihre kleine Party gelassen, sollten sie den Abend genießen und zusammen frei von Sorge feiern. Die alte Generation hatte sich stattdessen in seinem Wohnzimmer zusammen gesetzt und sehr lange und sehr ausführlich über das Thema Izzy, Sid, Amelia und diesen endlos langen Rattenschwanz dahinter gesprochen. Craig hatte Melissa endlich vollkommen ins Bild der Lage gesetzt und ihr alles bis ins Detail erklärt, wobei Melissa dieses ekelhafte Fotoalbum von Minas Verletzungen durchgeblättert hatte. Lissy kannte Minas Narben, die beiden Frauen waren eng befreundet gewesen und hatten sich zum Beispiel im Schwimmbad mit den Kindern eine Kabine zum Umziehen geteilt, dennoch hatte Liss irgendwann nur noch geweint und sich Vorwürfe gemacht, weil auch ihr im Leben an Minas und Sids Seite nie etwas derart abartiges aufgefallen war. Den Alkohol hatten sie gelassen, stattdessen hatte Chris sich mitten in der Nacht mit Craig auf die Terrasse seines Hauses gesetzt und stillschweigend eine Zigarette geraucht, um Ruhe einkehren zu lassen. „Die beiden werden das also wirklich durchziehen.“, brummte Craig neben ihm und sah zu Ben und Diego, die da hinten gerade den Kofferraum schlossen und wohl alles zusammen hatten, was sie für ihren Trip ins Verderben brauchten. „Hmm.“ summte Chris nur missmutig und zog an der Kippe, wobei sich eine Hand auf seine Schulter legte. „Und Lilly weiß davon, sagtest du?“, wollte der Sampler wissen, wieder nickte er nur. „Sie akzeptiert es und versteht, das Ben diese Geschichte für sich selbst zum Abschluss bringen muss. So wie es ist kann es nicht bleiben und im Schatten zu leben tut den Jungs auch nicht sonderlich gut, zumal Diego das in seinem Beruf nicht einmal kann. Ben hat mir letztens erklärt, wie das laufen wird, wenn Diego seinen Job für die Behörden an den Nagel hängt. Dann kommen sie ihn holen und der arme Kerl wird nie wieder auf freiem Fuß sein, eben weil er diesen gefährlichen Job macht und seinen Kopf für das Land hinhalten muss. Sie nutzen ihn aus, bis ins Mark, Craig. Und er kann in diesem Spiel nur verlieren. Was nützt all das Geld, welches er bekommt, wenn man ihn dennoch ins Gefängnis steckt für die Verbrechen anderer?“, fragte er leise und seufzte dabei, Diego und Ben kamen sehr gut miteinander aus und hatten eine enge Freundschaft entwickelt, bedingt durch die Schrecken, die sie miteinander teilten. Würden die beiden jungen Männer auch aufeinander Acht geben in brenzligen Situationen? „Hättest du je geglaubt, dass das Leben fern von unserer Heimat so grausam sein kann? Man hört davon, liest es in Zeitungen oder sieht es im Fernsehen, aber so richtig greifbar war das nie. Und jetzt sitze ich hier und sehe zu, wie Ben seine Sachen packt. Ein weiteres Mal zieht er in eine ungewisse Zukunft und ich kann nichts tun, um mein Kind davon abzuhalten oder zu bewahren. Ich kann nur hier bleiben, seine Kinder hüten und mich um Liana und Amelia kümmern. So viele Niederschläge in den letzten 25 Jahren, Craig, so viele Tränen und so oft den Wunsch, einfach aufzugeben und bei ihr zu sein und wieder sind mir die Hände gefesselt. Ich wünschte, ich könnte zu dem Zeitpunkt ihrer ersten Abreise in Ankeny zurückkehren, Mina die Locken aufwühlen und für klaren Tisch sorgen. Sid aus dem Haus werfen, Amelia befreien, Mina beistehen in ihrer schwierigen Zeit. Das geht nicht, ich weiß, aber das würde alles verändern. Ben wäre vielleicht nie entführt und gefoltert worden, Amelia wäre dafür aber auch nie mit Diego zusammen gekommen. Er hat mir gesagt, das sein Vater ihn im Garten angeleint hat, er wurde gehalten wie Vieh, Craig und das nur, weil dieser Mann sich eine Tochter gewünscht hat. Er wurde von seinem Vater fast totgeprügelt und nun sucht er nach ihm, mir macht dieser Gedanke eine Heidenangst. Amelia wird Morgen aus allen Wolken fallen.“, fügte Chris an und sah zu dem Sampler auf, der Diego und Ben scharf beobachtete. „Es war nicht außerhalb unserer Heimat nur so grausam. Sieh dir Amy an, es ist unter unseren Dächern passiert. Wir waren nur zu versiert auf das Leben, welches wir mit aller Macht so leben wollten. Frieden, Glück, Liebe. Wir sind eine Familie und dieser Scheiß. Solche Dämonen bloß nicht wahrhaben wollen, obwohl sie uns tagtäglich umgeben. Elá war das beste Beispiel. Und Mina. Verzeih, aber auch da haben wir viel zu lange die Augen vor verschlossen, wenn du mich fragst.“, antwortete Craig ernst und ja, da musste Chris nun stumm zustimmen, sie waren alle viel zu lange blind durch ihr Leben gelaufen und hatten all die gegebenen Hinweise nie auch nur bemerken wollen. „Sie schrieb in einem Brief, dass Rachel bei ihnen zuhause war und nach mir fragte. Mina ist ausgeflippt und hat Rachel in ihre Schranken verwiesen, so wie sich das lesen lässt. Ihr beide wart von Anfang an gegen meine Beziehung zu Rachel, hätte ich nur mal auf euch gehört. Rachel… warum fühle ich mich so taub, wenn ich daran zurückdenke und mir dann vor Augen halte, dass sie mit Sid im Bett gelandet ist?“, wollte Chris nun wissen und sah zu Emma und Max, die mit Mallory herumliefen und sich fangen und verküssen ließen. „Ich wäre an deiner Stelle scheiß wütend. Auf diese Pute und auch auf Sid, wie konnte er dich nur so hintergehen? Ausgerechnet dich, wo du all die Jahre den engsten Kontakt zu ihm hattest? Ich verstehe ihn nicht mehr und jeder Gedanke in meinem Kopf dreht sich im Kreis, wenn ich auf eine Lösung für Sids Verhalten kommen will. Da ist mehr im Spiel als wir ahnen, Chris, nicht nur Eifersucht oder Drogenrausch. Mal von Sids unglücklicher Verliebtheit in die Mücke abgesehen, warum ist Rachel mit ihm ins Bett gegangen, frag dich das mal. Um dir eins rein zu würgen, Monate nach dem Kontaktaus? Nein, da muss mehr im Spiel sein und ich komme einfach nicht dahinter.“, meinte Craig und sah ebenso zu Mallory, die sich mit Max im Arm ins Gras fallen ließ und trotz der Verletzungen an ihrem Mund heute herzhaft und glücklich strahlte. „Ich hab damals ein letztes Mal mit ihr geschlafen, im Wald. Sie kam spät abends in einem Porsche an, mit einem kurzen engen Kleid und mit einer langen Wallemähne stand sie vor mir und wollte sich aufrichtig verabschieden. ‚Gehen wir ein Stück‘ bat sie und keine Ahnung warum, ich wollte einfach noch einmal nur an mich denken. Sie war mir egal geworden, danach lief ich heim und wurde von Mina angehalten. Sie wusste, was geschehen war, ich hab ihr das alles offen gesagt. Sid hatte an diesem Abend diese Überdosis von diesem Teenie bekommen, erinnerst du dich daran? Einige Tage später rief Rachel mich an und fragte, ob ich eine Affäre haben möchte. Wir hatten alles verloren, sie trat nach. Und dann geht sie Wochen später mit ihm ins Bett, wo sie doch wusste, wer er war und was er mir bedeutet. Vielleicht hätte ich dieser Affäre zustimmen und mir vorstellen sollen, es wäre Elá, die in diesen Sekunden bei mir sein kann. Keine Ahnung, vielleicht hätte ich Familie Wilson vor diesen tragischen Dingen bewahren können.“, meinte er und dachte an diesen Abend zurück, wie Mina in seinen Armen so bitter um Sid geweint hatte. „Bullshit.“, konterte Craig belustigt und ja, auch das stimmte schon irgendwie. „Sie hätte eine Affäre mit dir begonnen und dann? Ben hätte das mitbekommen, Amy hätte nicht unter deinem Dach gelebt. Sie hat dich belogen, betrogen und in größter Not trotz deiner Instabilität sitzen lassen, ihr war es doch vollkommen schnurz, ob du dir was antust oder nicht. Und jetzt muss ich dir eine Frage stellen, Chris.“, meinte Craig, sodass Chris zu ihm aufsah. „Was denn?“, wollte er wissen, denn Craig hatte die Stirn in Falten gelegt. „Wie alt wäre Alessa heute?“, wollte der Sampler wissen und darüber stutzte Chris, sah zu Ben und dann wieder zu Mallory, die Emmchen was zu trinken gab. „Sie würde 19 werden, Ben war schon 3, als das…. Worauf willst du hinaus?“, erklärte er und sah wieder zu Craig, der die Stirn nun krauste. „So alt ist ihre Tochter. Und laut Sids Angaben begann die Affäre doch erst, als Ben und Amelia beide 4 Jahre alt waren, so in dem Dreh. Ben, komm mal her, bitte.“, rief Craig und darüber schluckte Chris nur, erschrocken und geschockt. Hatte er etwa doch noch eine Tochter, von der er nichts wusste?

Ben hörte sich das alles mit Diego, Mallory, und Colbey zusammen an, ruhig und darüber nachdenkend. Chris hingegen rauchte schon die dritte Zigarette nervös und ging es in Gedanken immer und immer wieder durch, es war nur ein One Night Stand in diesem Wald gewesen, nur ein letzter Abschied. Sie hatten nicht verhütet, Rachel hatte sich operieren lassen wollen. Und noch ein wenig Bäuchlein aus der ersten Schwangerschaft mit Alessa gezeigt, konnte eine Frau so schnell nach einerGeburt erneut empfängnisbereit sein? „...und deshalb kam mir gerade dieser Gedanke. Wir kennen nicht alle Fakten, die zu dieser Situation geführt haben und natürlich ist das alles auch von mir nur reine Spekulation, aber wenn ihre älteste Tochter jetzt 19 ist und Sid angeblich erst ein bisschen später eine Affäre mit Rachel begann, dann stimmt diese Rechnung nicht. Ben, ich will euch nicht schocken, aber wir sollten auf alles gefasst sein.“, erklärte Craig zu Ende und es wurde still, bis Ben sich räusperte. „Liana trägt eine besondere Seele in sich, die den Weg zu ihm zurück fand, das hat Mom mir gesagt. In einem Traum meinerseits, gar nicht so lange her. Und sie sagte, das auch Alessas Seele schon lange wieder Erinnerungen sammeln darf und den Weg zur Familie finden wird, ehe auch Mina vergessen darf.“, sagte Ben und jetzt ließ Chris die Zigarette fallen, sah zu seinem Sohn und trat auf den Kippenstummel. „Zwei Kinder verloren, zwei Kinder dazu gewonnen. Vielleicht sollten wir diese Familie doch suchen.“, warf Colbey ein und darüber nickte Diego, ehe der Latino den Kopf schüttelte. „Das machen wir auch, wenn Ben und meine Wenigkeit wieder hier ankommen und die Scheiße mit dem Kartell aus dem Weg geräumt ist. Dann und nur dann setzen wir uns mit diesem Scheiß auseinander, im Moment hab ich tausend Baustellen offen und komm zu nichts mehr. Sollte es so sein, dass diese junge Frau Bens Halbschwester ist, dann lässt sich das ja mittels Medizin herausfinden. Ben, wo willst du denn hin?“, fragte Diego und alles sah seinem Sohn nach, der stumm im Haus verschwand und sie einfach hier stehen ließ. „Das hätte sie mir nicht verheimlicht. Nicht nach der Sache mit Alessa, Craig. Wenn ich eine Tochter mit ihr bekommen hätte, also eine weitere Tochter, dann hätte sie mir das gesagt.“, brummte er und war übernervös, da rumorte es ganz tief in seinem Innern gewaltig. „Hätte sie das? Vielleicht war das der Grund, warum sie diese ‚freundschaftlichen Treffen‘ vorschlug? Vielleicht wusste sie, das sie schwanger war und wollte so den Kontakt halten, den du aber konsequent abgebrochen hast. Und als es kein Zurück mehr gab heftete sie sich Amys Vater an den Arsch, um unter zu sein und wenigstens deine Nähe nicht missen zu müssen.“, sagte Diego und wieder verstummten sie alle, bis Chris sich eine weitere Zigarette aus seinem Päckchen friemelte und fluchend entzündete. „Das kommt irgendwie total unerwartet, wenn ich das so sagen darf.“, murmelte Mallory und ja, das kam total unerwartet. „Chris, es sind doch nur Vermutungen. Ich finde trotzdem, dass wir das alles in Betracht ziehen müssen. Rachel kannst du kein Wort mehr glauben und Sid … das steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.“, sagte Craig dazu, aber Chris hob die Hand und blinzelte in den Himmel auf. „Er zuckte immer zusammen, wenn Rachels Name fiel. Zog sich zurück, wollte nicht darüber reden. Und dann seine ständigen Ansprachen auf Elá und meine Beziehung zu meiner Frau und auch zu Mina, ich hab das alles immer nur weg gegrinst und geglaubt, er würde einfach trauern. Rachel war total erstarrt, als ich sie in Vegas anrempelte. Sie war sehr nervös und man spürte, wie sie die Flucht ergreifen wollte. Oh Himmel über mir. Wenn das wahr ist und ich eine Tochter habe, was mach ich denn dann? Dreiecke, Craig, ich stehe wieder in einem beschissenen Dreieck und dieses Mal drücke ich mich dann in die Beziehung zwischen Sid und Rachel. Sieh mir in die Augen und sag mir, glaubst du sie liebt ihn aufrichtig? Wenn dieses Mädchen meine Tochter sein sollte und Sid davon nichts weiß, dann hat sie ihm das Kind untergejubelt. Liebt sie ihn oder verrennt er sich, so wie ich mich einst in ihrem Aussehen verrannt hab?“, fragte er und zog hektisch an der Kippe, nein das konnte doch nicht sein. „Ich wollte das nicht einmal, als es passiert ist. Lass uns Freunde bleiben, ein letztes Mal hauchte sie mir entgegen. Großer Gott.“, fügte er aufgeregt an und legte sich die Hand über den Mund, um nicht zu fluchen. Die Kinder waren hier, das war nichts für Kinderohren, was ihm da auf der Zunge lag. „So wie Ben nicht mit Amelia schlafen wollte und trotzdem Vater ihres verlorenen Kindes war. Eure Geschichte wiederholt sich.“, fügte Diego altklug an und mopste ihm die Kippe aus den Fingern, selbst Craig nickte und war ganz blass. „Sie wiederholt sich, das hab ich auch schon oft gedacht. Ben ist dir furchtbar ähnlich, Chris, das kannst du nicht abstreiten.“, sagte Craig und alle nickten sie nun hier, nur Chris seufzte erneut tief und aufgewühlt aus.

Es dauerte einige Minuten, in denen nur die Kinder brabbelten und Diego sich um Sebastián kümmerte, bis Ben dann wieder aus der Tür kam und ihn dabei anzwinkerte. „Und das werde ich auch immer sein, aber deshalb wiederholt sich die Geschichte ja nicht. Es wiederholt sich aus anderen Gründen, die wir noch nicht kennen. Ich bin kein Rockstar gewesen, soweit ich mich erinnere. Und Dad war nie in Mexiko in den Fängen eines Kartells versumpft, oder Dad? Hier, sieh dir das an, Craig.“, meinte Ben aus der Tür kommend mit Blick auf einige Blatt Papier gerichtet, welche er Craig in die Hand drückte. Mit dem Finger deutete Ben da auf eine Stelle, Craig las das und man sah den Sampler vorsichtig schlucken, oh großer Gott im Himmel, das durfte nicht sein. „Wo hast du das her, Ben?“, wollte Craig aber wissen und was hatte er denn da? „Ich hab Minas Briefe, dort stehen einige brisante Dinge und vertrauliche Daten. Unter anderem lag das hier in einem der Briefe anbei. Ich hab ihnen keine Beachtung geschenkt, bis du uns dieses Bild von dieser Familie zeigtest. Du sagtest, du hast die Geburtsurkunden gesehen, online, was stand denn dort?“, wollte Ben wissen und sah zu ihm rüber, weil Chris das Papier ergriff und eine Geburtsurkunde in den Händen hielt, eine echte Urkunde aus Atlanta. „Dort war kein Eintrag verzeichnet, weil Rachel nicht verheiratet war zum Zeitpunkt der Geburt.“, erklärte Craig und es wurde still, denn Chris schlug die Seite um und las auch die andere Urkunde. Elijah, Caden und Paul Junior hatten auf diesen Urkunden Sidney George Wilson als anerkannter Vater eingetragen, er bekannte sich also zu seinen Kindern. Aber auf der vierten Seite konnte Chris nicht hinsehen, das traute er sich gerade nicht zu. „Alexia hat den Weg zu uns zurückgefunden, Dad. Und Alessa wird ihren Weg auch finden, ich hatte eh schon so eine Vermutung, dass ich meiner Halbschwester irgendwann über den Weg laufen werde. Das sind originale Urkunden, Mina hat sie gebunkert und Abzüge davon machen lassen. Der hier lag dabei, soll ich vorlesen?“, fragte Ben leise und deshalb ließ Chris das Papier sinken, sah zu Ben und nickte schließlich, lesen konnte er jetzt nichts. „Okay, eh… hier, sie schreibt, das Sid mit Rachel in Des Moines gewesen wäre und sie zusammen das Grab von klein Naomi besucht hätten. Rachel war mit allen Kindern im Haus, Mina hat an diesem Tag eher zufällig in Johnston reingeschaut und dabei Mila, Caden und Elijah kennengelernt. Ich zitiere: ‚Chris, ihre Augenfarbe. Sie ist anders als die der anderen Kinder, heller. Rachel hat dunkelbraune Augen, Sids Augen sind eher wasserblau, das weißt du ja. Und auch die zwei Jungs haben eher dunkleres Blau in den Augen, Caden hat sogar leichte Braunschliere in der Iris. Aber Mila, dieses außergewöhnlich hübsche Mädchen, welches Elá so ähnlich sieht, sie hat Eis in den Augen. Ich war total verwirrt und hab Sid darauf angesprochen, er hat das abgetan als Blödsinn. Blaue Augen sind nun mal blaue Augen, fertig aus. Also hab ich mich hingesetzt und herum telefoniert. Wenn ich seine Schwester in England ans Telefon bugsieren konnte, dann finde ich auch jemanden, der mir Auskunft geben kann. Und siehe da, in ihrer Geburtsurkunde war kein Vater eingetragen, weil Rachel nicht verheiratet ist. Ich hab mir heute ihren Ausweis geklaut und bin hier in Atlanta zum Amt, ich will diese Urkunden haben, die originalen. Und jetzt sitze ich im Cadillac, schreibe diesen Brief und kann es nicht glauben. Sie hat uns alle so schrecklich hinters Licht geführt. Und Sid, dieser Dummbatz und Dussel von einem Mann hat nicht den leisesten Schimmer. Sollte ich es ihm sagen? Sollte ich es dir sagen, Chris? Benny hat eine Schwester, eine leibliche, die lebt. Und ich weiß es, was soll ich jetzt tun? Soll ich ihre Beziehung zerreißen, so wie sie meine zerriss? Aber dann zerreiße ich dich gleich mit und im Moment geht es dir nicht so gut, ihr Todestag nähert sich und ich merke, dass du dich wieder zurückziehst in die Einsamkeit, oh ich bin so verzweifelt. Mila ist deine Tochter und wenn du mir nicht glaubst, sieh auf die originalen Geburtsurkunden. Diese Frau ist das reinste Gift, Chris, so ein Monster!‘, schrieb sie hier. Das Datum des Briefes beläuft sich auf den Zeitraum vor meinem neunten Geburtstag. Da war Sids jüngster Sohn nicht einmal gezeugt oder gar geboren.“, sagte Ben und sah wieder zu ihm auf, gab ihm diesen Brief. Craig legte sich die Hand auf den Mund und Diego brummte mit der Kippe im Mundwinkel, die Chris sich zurücknahm und ebenfalls dran zog. Entschlossen, das mit eigenen Augen zu sehen nahm er die Papiere hoch, schlug die letzte Seite auf und las seinen Namen in der Urkunde, Rachel hatte ihn als Vater von diesem Mädchen angegeben und Sid wusste das nicht, oh das änderte so alles in diesem dummen und sinnlosen Spiel. „Ich hab eine Tochter.“, meinte er kühl und sah wieder zu Ben auf, der nickte. „Und ich weiß das schon länger, wollte nur nichts verraten bis zu dem Moment, in dem Sid vor mir steht und ich ihm das um die Ohren latzen darf. Es tut mir leid, Dad. Aber ja, ich hab eine Halbschwester, die in Atlanta sitzt und keinen Schimmer hat, wer sie wirklich ist. Eine weitere Fehn mit unseren Haaren und unseren Augen. Lilly nähert sich. Diego, fahr den Benz weg. Amelia sollte davon noch nichts erfahren und keine Vorahnung bekommen. Leben wir den Tag so normal wie es geht.“, bat sein Sohn, woraufhin Diego sich erhob und den Autoschlüssel hervorkramte. „Dios mio, in eurer Familie wird es auch nie langweilig, was?“, fragte der Latino und darüber schmunzelte Ben. „Warte mal, wenn Amy dir sagt, dass sie ein weiteres Kind unter ihrem Herzen trägt. Kann bei eurer Schluderei ja nicht mehr lange dauern. Ein Mädchen, darauf verwette ich meinen Hintern.“, konterte Ben haarscharf und zwinkerte wieder, Diego blinzelte etwas perplex und begann diebisch zu grinsen. „Ach, halt die Klappe und lass mich meine Frau genießen. Hochzeitsnacht feiert man nur einmal, oder? Ihr und euer schräges Verbindungsding, soll das mal einer verstehen.“, sagte Diego und grunzte vergnügt, Chris hingegen gab Craig die Urkunden zurück und seufzte nur wieder. Er hatte eine Tochter und Ben wusste das schon länger, Mina hatte es all die Jahre gewusst! Zu seinem Schock mischte sich Traurigkeit,w eil er nie die Gelegenheit bekommen hatte, dieses Kind zu sehen oder kennen zu lernen und auch Wut. Wut auf Rachel, die ihm das verschwiegen hatte. Auf Sid, der so blind durch sein Leben tapste und auch auf Mina, die nie ihren blöden Schnabel aufgemacht und ihn aufgeklärt hatte. Und er war wütend auf sich selbst, warum zum Teufel hatte er sich an jenem Abend auch hinreißen lassen? „Dad.“, bat Ben aber und berührte ihn, das schreckte ihn etwas aus der Wut auf. „Entschuldige, Benny. Ich… das überfordert mich gerade. Sie ist jetzt 19 oder wird 19, ich hab eine Tochter. Eine gesunde Tochter, das kann nicht sein. Die Ärzte sagten, ich hab einen Genfehler, ich kann keine Töchter zeugen. Wie ist das möglich?“, murmelte er und ließ sich umarmen, Ben war da und gab ihm Halt. „Glaubst du denn nicht an Wunder?“, murmelte Ben ihm zu und lächelte charmant, was Chris eine Gänsehaut einjagte. Mit dem gleichen Blick und dem selben Lächeln hatte Elá ihn das einst auch mal gefragt, hatte sie ihm diese Tochter geschickt?
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