Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Road Trip / silver Linings (3)

von JaneS
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Chris Fehn Corey Taylor Craig Jones Joey Jordison OC (Own Character) Sid Wilson
27.10.2020
30.05.2021
135
563.631
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
27.10.2020 3.862
 
Schattenseiten



Das Leben, so wie Ben es vor seiner Reise in die Staaten gekannt hatte war gänzlich verschwunden. Seit seiner Reise nach Los Angeles schlug alles nur noch Loopings und wilde Flanken, alles war aus den Fugen geraten und das nur, weil Damian sich einst von einer jungen Mexikanerin hatte hinreißen lassen, die ihm alle möglichen Details zur Familie aus der Nase gezogen hatte. Es war lange her, diese Zeit in Mexiko, die er hatte überstehen müssen, aber an manchen Tagen war dieser Schrecken noch immer so nah und real, dass das Erlebte in dieser längst vergangenen Zeit alles wieder zu Boden riss, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte. Ja, das Leben von früher war verschwunden und man hatte da eine Kerze ausgepustet, deren Docht im Wachs versunken war und sich nicht mehr entzünden ließ. Doch auch wenn diese Schatten noch immer nah waren und ihn in manchen Träumen oder Therapiestunden zu Boden rissen und verschlangen, so drehte sich die Welt da draußen auch unaufhörlich weiter. Von Tag zu Tag gewöhnte er sich an das Haus, gewöhnte sich an dieses neue, etwas anders gewordene Leben und versuchte, all seine Wunden ausheilen zu lassen. Das war einigermaßen gelungen, sein Körper war zumindest wieder vollkommen gesund und auch die von diesen Monstern verursachte Sucht nach diesem Rauschgift hatte Ben erfolgreich hinter sich gelassen, körperlich war er fit und trainiert. Sport war sein Ausgleich geworden, jeden Abend gönnte er sich eine oder zwei Stunden zum Auspowern und zum Rauslassen der Emotionen, die sich in ihm aufstauten. Hauptsächlich Wut war da in ihm, für die er kein Ventil fand. Wut auf alles und jeden, der mit diesem Road-Trip durch Mexiko irgendwie in Verbindung stand. Einzig die Narben hier und da erinnerten ihn gelegentlich an diese Scheiße, manchmal schmerzten seine Finger oder die Narbe an seinem Kopf, wo man ihm den Schädel mit einem Schlag hatte reißen lassen. Seelisch sah die Sache anders aus, diese Wut fraß ihn manchmal auf. Liana war eine absolut großartige Stützte und hatte ihm so viel und so sehr geholfen, das selbst der Psychologe manchmal nur erstaunt da saß und manche Stunden überspringen musste, weil Lilly ihn mit ihrem Strahlen einfach verzauberte. Doch auch seine Ehe litt unter diesen Monstern und Schatten, an manchen Tagen stand Ben neben sich und war depressiv oder wie ausgewechselt. Manchmal kam Liana ins Wohnzimmer und setzte sich zu ihm, dann stand er auf und ging weg. Diese Nähe war ihm dann zu viel, zum Atmen brauchte er manchmal die Einsamkeit.  Oder sie kuschelte sich an ihn heran in ihrem Ehebett, dann drehte er ihr den Rücken zu und könnte heulen, weil er so kaltschnäuzig ihr gegenüber war. Das Schlimmste war, das Ben diese Kaltschnäuzigkeit ihr gegenüber nicht verstand oder kontrollieren konnte, das kam und ging in Schüben. Sie lächelte es immer weg, wenn er in ruhigen Momenten eine Entschuldigung dafür murmelte und sich erklären wollte, sie lächelte einfach nur. Sex war kein Thema im Moment, sie hatten es nach der Geburt von Jake ein paar Mal probiert, aber irgendwann in den etwas intimeren Momenten blitzen ihm die Bilder von Camilla oder diesem widerwärtigen José vor dem inneren Auge auf und das führte meist dazu, das Ben mit Panik abbrach oder aus dem Schlafzimmer flüchtete. „Was mach ich nur, hm? Sag deinem Daddy, was ich noch machen soll.“, murmelte er und sah zu Jake, der Knirps lag hier auf seiner Krabbeldecke und lutschte vergnügt an seinem Beißring herum. Sein Sohn war jetzt 4 Monate alt, die Zwillinge hingegen waren etwas über ein Jahr alt und spielten da draußen im Sonnenschein des Frühlings bei Liana auf der Decke mit ihrem Zauberwürfel herum, der ‚Boing‘ machte, wenn er gedreht wurde. Über 8 Monate war ins Land gezogen seit seiner Rettung letztes Jahr im Oktober und über 8 Monate hatte Ben die größten Probleme mit ganz alltäglichen Dingen zu bewältigen, alleine einkaufen zu gehen oder sich einen Job zu suchen war gänzlich unmöglich in seiner Ausgangsposition. Laut seinem Psychologen machte er riesige Fortschritte, zu seinem Sohn blinzelnd fragte Ben sich aber, wie das alles weitergehen sollte. Das Haus in Napier war hergerichtet worden und wurde momentan vermietet, Aroha kam alle paar Wochen mal zu Besuch und half Lilly dann mit den Kindern, genau wie sein Dad, der ja da hinten im Poolhaus lebte und einen ruhigen Lebensabend mit der neuen Frau an seiner Seite verbrachte. Sein Dad war glücklich mit Aroha und das zeigten die beiden auch ganz öffentlich, gerade war Aroha aber in Napier und sein Dad drüben bei Diego in der Finca, was auch immer er dort trieb. Wieder zur Tür raus sehend beobachtete Ben seine Frau und winkte ihr, sie hatte seinen stillen Ruf gehört und sah zu ihm rüber. Neben ihr saß Colbey, die Wache aus Mexiko, der in den letzten Wochen auch öfter hier anzutreffen gewesen war. Der junge Mann sah nach dem Rechten, kümmerte sich um Haus und Hof und half Diego immer mal wieder bei irgendwelchen Arbeiten. Einmal die Woche kam ein Auto an und meist saß Colbey oder Carlo darin, sie brachten Taschen voller Geld in Diegos Haus. Das Geschäft mit dem Heroin lief wieder, das Kartell hatte sich neu organisiert und tja, Diego ging seinem Beruf wieder nach und verdiente sich reich. Einmal die Woche stand so eine kleine Tasche mit Geld hier an der Tür, da Ben ja nicht arbeiten konnte. Meistens waren es so viele Scheine, dass er aufgehört hatte die Bündel zu zählen, aber Diego kümmerte sich um die Familie und hielt sein Versprechen. „Jake, ich glaube, deine Mama flirtet da draußen.“, murmelte er und beobachtete Lilly, wie sie über Colbey lachte und sich galant wie immer die langen Haare hinter das Ohr strich, die sich aus ihrem leichten Zopf gelöst hatten. Sie trug ein Sommerkleidchen, da es im Juni hier in Kalifornien schön warm war und sah aufreizend aus, Colbey lag halb neben ihr auf der Decke im Gras und spielte mit Emmchen und der Rasselraupe, die das Kind vergötterte. Wie die beiden sich ansahen und miteinander lachten, das ließ Ben seufzen. Liana hatte es nicht leicht in dieser Ehe, er sah ihre Sehnsucht nach Liebe und Einigkeit, er sah ihre Sehnsucht nach Sex und körperlicher Zuneigung, doch konnte er es einfach nicht über sich bringen. Selbst mit sich allein ging das nicht, der Gedanke an das Erlebte in diesem mexikanischen Bad machte ihn jedes Mal einfach nur fertig. Ben war sich bewusst, dass das kein Flirt war, kein absichtlicher Flirt. Liana liebte ihn und er vertraute ihr voll und ganz, doch er konnte ihre Sehnsucht diesbezüglich auch verstehen und sah es kommen, dass er sie früher oder später deshalb verlor. Über 8 Monate waren ins Land gezogen, ihren 20.sten Geburtstag hatte er komplett verschlafen und war mitten in der Nacht erst wach geworden, weil die Medikamente ihn ausgeschaltet hatten. Ihren 21. Geburtstag würde er hoffentlich nicht verpassen und hoffentlich mit ihr mitfeiern können, wenn sie sich vorher nicht doch von ihm ab wendete. Da saß sie in ihrem hübschen Kleid, hell strahlend und lachend gab sie Colbey ein Glas mit Wasser und berührte dabei seine Hand, die beiden waren sich nahe. Er dankte ihr, Ben konnte es selbst von hier aus hören, wie das Lachen verklang und wie die beiden sich für eine Sekunde zu lange ansahen, ehe Colbey einen Schluck trank und Liana sich irritiert davon zu Max drehte. „Was soll ich nur machen?“, murmelte er und blinzelte, dieser Kloß in seinem Hals tat weh und machte ihn nur wütender auf diesen Scheiß. Er war glücklich mit Lilly, sie kuschelten, sie küssten sich. Und sie umarmten sich und ihre Verbindung war glasklar und tiefer geworden, doch da fehlte etwas in ihm, was in der Wüste Mexikos verloren gegangen war.

Plötzlich knackte das Türschloss hier im Raum, Lilly kam herein und schloss die Tür wieder, ging vor ihm in die Knie und berührte seine Hand ganz sachte, um sich mit Ben zu verknüpfen. „Warum rufst du mich denn so laut?“, fragte sie sanft und sah ihn an, ihre Lippen waren leicht geschminkt und erinnerten ihn an Kirschen, so rot waren sie heute. Seufzend schmiegte er seine Hand an ihre Wange und schüttelte den Kopf, ehe er die Augen schloss und zitternd durchatmete. „Ich… du flirtest mit ihm?“, fragte er leise nach, sah zu der Tür und auch Liana sah da raus, Colbey rasselte für Emmchen wieder mit der Raupe und schien ganz angetan zu sein von diesen Kindern. „Nein, Ben. Er hat nach dir gefragt, er ist deinetwegen hier.“, antwortete Liana und sah ihn wieder an, Ben drückte ihre Hand und besah sich ihren Ehering. „Vielleicht solltest du dich von mir lösen, Kleines. Glücklich sein und ein erfülltes Leben führen. Ich ziehe dich doch nur herunter.“, murmelte er und sah ihr wieder auf die Lippen, dieses Rot gefiel ihm irgendwie. Es war nicht zu knallig, eher wie leicht gefärbter Labello der so. „Was redest du denn da schon wieder?“, fragte sie und lauschte seiner Wut, seiner Traurigkeit und auch der leichten Eifersucht, die er nicht unterdrücken konnte. „Er kann dir Schutz bieten. Und ich glaube, er würde dich gut behandeln. Dich und die Kinder.“, brummte er und blinzelte, weil Liana ihn in ihre Arme zog und Ben erst jetzt merkte, das da Tränen in seinen Augen brannten. „Du bist so ein Blödmann manchmal, weißt du das?“, fragte sie leise und ja, der Gedanke sie zu verlieren war alltäglich geworden, auch wenn es Ben innerlich zerriss. „Du wirst mich nicht verlieren. Hör doch auf damit, Ben, bitte! Ich bin hier, egal wie schwer es manchmal ist, ich bin bei dir. Wir lieben uns, wir gehören zusammen.“, sagte sie und ließ ihn etwas los, um Ben ins Gesicht sehen zu können. „Und wenn ich dir sage, dass ich will, dass du zu ihm gehst? Mit ihm ausgehst, dich amüsiert, da draußen in der echten Welt dein Leben lebst und nicht mit mir hier vor dich hin vegetierst? Er mag dich, geh mit ihm aus, Lilly. Lass dich zum Tanzen entführen, küsse ihn, genieße diese Leidenschaft.“, antwortete er und sah ihr schlechtes Gewissen, weil sie Colbey vielleicht doch ein wenig zu sehr angelacht hatte. Und nun sank sie aufgrund seiner Wut etwas zusammen, sah zu Jake und schüttelte den Kopf. Ja, Ben war wütend, da kochte es in ihm hoch und er wusste nicht einmal warum. Warum schrie dieser Schatten in ihm gegen alles Normale an und warum schloss sie sich selbst so weg? „Weil ich dich liebe, du Idiot. Weil mich andere Männer nicht interessieren, egal wie sehr ich mich auch nach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe sehne. Weil ich nur dich sehe, Ben. Und du tust mir weh mit dieser Wut.“, sagte sie leise und rutschte etwas weg, gab ihm aber die Hand, sodass ihre Verbindung zueinander bestehen blieb. „Es tut mir leid, Lilly. Ich weiß nicht einmal selbst, warum ich so wütend bin. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin. Und ich verstehe nicht, wie du es mit mir aushalten kannst. Es tut mir leid, kleine Sonne.“, murmelte er und küsste ihren Handrücken, ehe er zu der Gartentür sah und Colbey mit den Zwillingen beobachtete. Sein Dad stand nun mit Diego dort draußen im Rasen bei dem Mexikaner, die drei Herren amüsierten sich über die Kinder. „Ich weiß, dass du wütend bist, Ben. Ich sehe dich doch so klar wie nie zuvor. Lieber ein Leben zurückgezogen mit dir, als ein Leben da draußen gänzlich ohne dich. Ben, ich kann ohne dich nicht leben, versteh das doch.“, sagte sie und sah zu Jake, der gluckste. „Ich ohne dich auch nicht, Kleines. Dein Verlassen würde mich komplett ruinieren. Aber du kannst doch trotzdem leben. Ausgehen, tanzen, Spaß haben. Du kannst...“, begann er und wurde von einem unerwarteten Kuss unterbrochen, denn Liana wusste, was er ihr sagen wollte. Sie hätte sich die Erotik auch woanders holen können, hatte er das schließlich auch getan auf seinem unfreiwilligen Trip. „Halt die Klappe, du Blödmann. Halt einfach nur die Klappe.“, bat sie verletzt klingend und küsste ihn nochmal, drückte sich ihm ein wenig entgegen und schmiegte ihre kleinen Hände an seinen Hals. Dieser Kuss war so voller Sehnsucht und Sinnlichkeit, das Ben nach dieser Frau griff, sie näher zog und das Kind hinter ihr ausblendete. Das Rauschen in ihm nahm zu, betäubte die Welt um ihn herum und mit einem Mal gab es nur noch Lilly, die ihren Kuss öffnete und sanft um eine etwas intensivere Berührung bat. Bereitwillig öffnete auch Ben den Kuss ein wenig mehr hielt Liana fest und genoss diese Liebe, genoss dieses Prickeln der Wut in seiner Brust, die Leidenschaft in ihm entfachte. Das funktionierte doch auch, warum klappte alles andere einfach nicht mehr? „Mmh!“, brummte Liana ihn an und gab ihm einen Ruck, der Ben schmunzeln ließ. Es ihr gleichtuend hob er sie an, auf seinen Schoß, berührte ihre nackten Beine und lehnte sich nach hinten in das Sofa hinein, sodass sie halb über ihm hing. Knutschend wie verliebte Teenager ließ er sich von ihr locken, dieses Mädel konnte knutschen, das glaubte ihm keiner. Und ihre Finger, sie stahlen sich frech unter sein Shirt, berührten seine Haut und machten sich daran seine Hose zu öffnen, deshalb verkrampfte Ben sich abrupt und unterbrach den so schönen Kuss, um ihre Hand festzuhalten. „Entschuldige. Bitte entschuldige, Benny, ich hab mich hinreißen lassen. Es tut mir leid, sieh mich an. Ich bin da. Lass mich los, bitte, du tust mir weh.“, murmelte Liana und stand auf, gab ihm Platz und strich durch seine Haare, sodass er den Krampf in seinem Innern lösen konnte. Genau so ging es ihm einfach jedes Mal, sobald sie ihm näher kam. Dann griff er nach ihren Händen, tat Lilly weh, wurde ruppig und das wollte er nicht, sie war ja eh so klein und zart. „Es geht. Es geht schon.“, brummte er angestrengt und zuckte zusammen, weil es an der Tür klopfte. Das Geräusch erschreckte ihn, deshalb ließ er Liana nun los und hielt sich an dem Sofa fest. „Es tut mir leid, Ben. Komm ruhig rein, es ist offen.“, bat Lilly und war an die Tür getreten, sein Dad kam ins Wohnzimmer und schien gute Laune mitzubringen, doch der Mann bemerkte seine Anspannung auch sofort. „Hey, alles gut hier?“, fragte Chris und besah sich Lianas Handgelenk, Ben stand auf und war innerlich komplett am toben. „Alles gut hier, ich geh mir was zu trinken holen.“, meinte er und lief aus dem Wohnzimmer, schnellen Schrittes und aufgeschreckt lief er durch das Haus zur Treppe, nach oben ins Schlafzimmer hinein, wo er ab und an allein schlief und erst dort angekommen keuchte er vor Schmerzen auf, seine Seite brannte und die Panik nahm ihm die Luft. So sah sein Leben aus, auch nach all der langen Zeit an diesem sonnigen Fleck Erde, wo sie als Familie den Reset-Knopf gedrückt hatten und sich wieder finden konnten. So sah es in Bens Seele aus, körperliche Nähe brachte ihm nichts als Panik und Schmerz, ließ ihn die Flucht ergreifen. Würde er dem nachgeben, würde er Liana wehtun und das scheute ihn gleich noch viel mehr.


Ben nachsehend und zitternd stand sie im Wohnzimmer neben Chris und atmete flach aus, ehe sie sich die Hand über den Mund legte und sich schüttelte. „Was war denn hier los?“, fragte ihr Schwiegerpapa und griff nach ihr, Liana aber richtete nur ihrem Rock glatt nach unten und sah zu Jake, der hier auf der Krabbeldecke vor sich hin quiekte. „Er… und ich hab… keine Ahnung. Er meinte, ich soll mir einen Partner suchen, mit dem ich leben kann. Ausgehen kann, flirten und Spaß haben. Einen Partner, der mich küssen und anfassen kann, ohne Panik zu kriegen. Ich hab ihm den Mund verboten und gesagt, er soll nicht so mit mir reden, mir tut das weh. Als er wieder damit anfing, dass ich ja auch außerhalb unserer Ehe ein bisschen Leben leben soll und mich nicht so einzupferchen brauch hab ich seinen Stuss mit einem Kuss gestoppt. Das ging etwas zu schnell für Ben, er hat gekrampft und mich geblockt. Alles ist gut, das war meine Schuld. Ich muss aufhören damit, so einfach ist das.“, nuschelte sie zitternd und zog sich das gelockerte Haargummi aus den Haaren, die ihr wieder bis zum Po reichten und gut nachgewachsen waren. „Liana.“, meinte Chris nur und sah sie an, doch sie schüttelte den Kopf, band sich einen neuen Zopf und hob Jake hoch, damit das Kind auch in die Sonne kam. „Meine Schuld. Ich müsste es mittlerweile besser wissen. Komm Krümel, gehen wir in den Garten.“, meinte sie und sah nochmal zum Flur, denn Ben war die Treppen hoch gelaufen und nicht in die Küche verschwunden. „Soll ich mit ihm reden?“, fragte Diego in der Tür stehend, Liana drückte sich aber an den beiden vorbei und atmete nur tief ein. Ihre Ehe war um so vieles komplizierter geworden und nach der langen Zeit sehnte sie sich nach Ben. Was ja auch verständlich war, irgendwie, auch wenn sie seine Abwehr ebenso verstand. „Ah, Belleza bringt Jake mit. Na Hallöchen du Krümel, dich hab ich ja seit Tagen nicht gesehen.“, sagte Colbey, der bei den Zwillingen saß und streckte die Arme nach ihrem Sohn aus, Liana setzte sich aber mit Jake in ihren Armen hin und sah zum Haus, wo Chris und Diego verschwunden waren. „Darf ich dich was fragen?“, wollte sie wissen und gab Jake jetzt doch rüber, Colbey nickte jedoch nur und begrüßte das Kind freudig. Diese Menschen waren zu ihren Freunden geworden, waren sie da, wenn man Hilfe brauchte. Als Jake geboren worden war hatte Diego sich um Ben gekümmert, Mallory und Chris waren bei ihr und der Hebamme geblieben, als es im Schlafzimmer plötzlich ganz schnell ging. Jake war eine schnelle Geburt gewesen, binnen einer halben Stunde war er da gewesen und Ben hatte doch plötzlich neben ihr gesessen und als erster Mensch der Welt seinen Sohn begrüßt. „Natürlich, kann ich was für dich tun?“, fragte Colbey und beachtete nur Jake, der nun auf seinem Schoß saß und von diesem Mann gehalten wurde. „Flirte ich mit dir?“, fragte Lilly offen und sah zu diesem Kerl, der nun überrascht eine Augenbraue hob und sie ansah. Colbey konnte außer Hunger nicht wirklich viele Emotionen zeigen, von daher fiel es Liana schwer, da irgendwas herauszulesen. „Flirte ich denn mit dir?“, konterte er mit einer Gegenfrage und darüber seufzte sie nur, sie wusste es nicht. Sie hatte in ihrem Leben nie mit einem Mann so geflirtet oder so, außer mit Ben natürlich. Und der Gedanke an die Eifersucht und den Schmerz in Ben ließ sie schluchzen, das alles war schwer zu tragen an manchen Tagen. „Whow hey Belleza, no llores. Qué esta pasando?” (Weine nicht. Was ist denn los?), fragte Colbey leise nach und legte Jake neben sich, um sie zu berühren, das ließ sie schaudern. “Nichts ist los. Das Leben ist nur so anders geworden seit… Mexiko. Und ich wünsche mir an manchen Tagen meinen Mann zurück. Ich vermisse ihn, obwohl er direkt hier bei mir ist. Er sagt, ich soll ausgehen, leben, mich mit anderen Männern treffen und Spaß am Leben haben. Dieser Blödmann, er weiß genau, dass ich nur ihn sehen kann und dann wird das alles so verkrampft und schwer. Tut mir leid, Colbey. Du solltest das nicht hören oder dir zu Herzen nehmen.”, schluchzte sie und nahm Max in den Arm, der seine Arme nach ihr ausstreckte. “Ah, veo el problema.”, (Ah, ich sehe das Problem.), murmelte Colbey nun leise und gab ihr eine der hier liegenden Servietten für ihre Tränen. “Ben wurde schwer verwundet, nicht nur körperlich. Sieh nicht den Schmerz oder die Wut in ihm. Sieh die Absicht dich davor zu schützen. Er würde dir wehtun, wenn er dir so nahe kommen würde, aus dem einfachen Grund, dass er Angst vor diesem seelischen Schmerz hat. Was macht eine Ratte in Panik, wenn man sie in die Enge treibt, Belleza? Sie springt dir kreischend und beißend ins Gesicht und wehrt sich. Hier, siehst du? Das will er nicht. Lieber würde er dich freigeben und sagt dir, du sollst leben, weil er es noch nicht kann. Wie lange ist es her, dass er dich angefasst hat?”, fragte der Mann vor ihr, betrachtete die Rötung von Bens Griff an ihrem Handgelenk und das war eine sehr intime Frage, Liana blinzelte den Kerl an und war etwas baff. “So lange?”, fragte er noch hinterher und jetzt nickte sie, sah beschämt zur Decke hinab. “Es war die Nacht, bevor er nach Washington flog. Drei Tage vor seinem Verschwinden damals. Ich wusste, dass ich ihm für immer Lebwohl gesagt hab damals, dass das eine Reise ohne Wiederkehr für ihn sein würde. Dass das so… strapazierend werden würde hätte ich da noch nicht geahnt. Wir leben jetzt fast ein dreiviertel Jahr hier und die Therapie stagniert. Ich weiß nicht mehr weiter.”, gab sie ehrlich zu und wischte sich wieder über die Wangen, Colbey hingegen nickte nur stumm und sah zu Jake, strich dem Kind sachte über den Bauch. “Ich sah ihn dort, Belleza. Ich war in diesem Bunker in San Salvador dabei, war in diesem Raum, wo er angekettet war. Ich hab die Frau erschossen, die Ben so gefoltert hat und ich sah seinen Blick, als der Schuss aus meiner Waffe sie tötete. So etwas hinterlässt Spuren hier drinnen. Als ich ihn bei dem Transport fragte, wie weit er bei José gehen würde, da schottete er sich komplett ab und sagte, das es nichts mehr gäbe, was ihn jetzt noch schocken könne. Er war bereit sich José zu unterwerfen, nur um Camilla und auch dich sowie die Kekse hier am Leben zu erhalten. Ben hat sich aufgegeben, für euch. Und als es in der Wüste vor der Stadt zum Schusswechsel kam und er durch die Wache neben mir angeschossen wurde, sahen wir es alle in ihm. Er gab auf, wollte einschlafen und nichts mehr spüren. Camilla war sicher, Amelia und Diego waren sicher. Du warst sicher. Im Auto, als wir ihn wiederbelebten murmelte er deinen Namen. Immer wieder murmelte er deinen Namen. Hmm, er will aus seiner Nussschale ausbrechen und kann es nicht. Ich kenne das, als ich gefangen war kam ich mir auch so panisch hilflos vor. Und ich hab sehr vielen Menschen sehr weh getan, Belleza, bis ich erkannte, dass das nicht hilft. Ben wird dir wehtun, wenn du ihm zu nahe kommst und das macht er ganz unbewusst, es ist ein Schutzmechanismus in seinem Kopf. Er hat großes Leid erfahren und schaltet sofort auf Autopilot, das ist nicht seine und auch nicht deine Schuld. Es tut mir leid, dass das alles so schwer für euch geworden ist.”, erklärte Colbey ruhig und sah zum Haus, Liana hingegen wischte Max über das Gesicht und küsste das Kind, verstand, was Colbey ihr versuchte zu sagen. “Ich kann seinem Wunsch aber nicht nachgeben. Ich will das nicht. Ich sehne mich danach, aber ich will es nicht.”, murmelte sie angestrengt und schloss die Augen, weil Colbey seine Hand in ihren Rücken legte und sie anlächelte. “Ich weiß.”, war alles, was er dazu sagte, Liana hingegen nickte nun und ließ Max laufen, sah ebenso zum Haus und hörte die stummen Schreie in Bennys Seele nur zu deutlich.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast