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Zwischen den Welten

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Suspense / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Clarissa "Clary" Fray Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Magnus Bane Simon Lewis
27.10.2020
27.10.2021
16
63.302
19
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Dieses Kapitel
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30.10.2020 3.873
 
Simon Lewis fragte sich ob er träumte. Falls ja, konnte es sich nur um einen Albtraum handeln. Er kniff die Augen fest zusammen und öffnete sie dann hoffnungsvoll wieder einen winzigen Spalt. Doch das Bild das sich ihm bot, hatte sich nicht verändert.
Er befand sich mitten in einem Schneesturm. Und er hatte keine Ahnung, wie er dort hineingeraten war. Langsam drehte er sich im Kreis und suchte seine Umgebung ab. Weiße Flocken soweit das Auge reichte, der Boden war knöcheltief mit Schnee bedeckt. Neben ihm erhob sich ein imposantes Gebirge, das sich undeutlich aus dem weißen Treiben um ihn herum abzeichnete. Und – eine Hütte! Gottseidank.
Er watete durch den Schnee auf das kleine Gebäude aus dunklem Holz zu, das allerdings vollkommen verlassen schien -  die Fenster waren dunkel, aus dem Schornstein kam kein Rauch. Für den Moment versuchte er die drängende Unruhe und die Fragen in seinem Kopf zu unterdrücken. Damit konnte er sich befassen wenn er einen Unterschlupf vor der Kälte hatte. Im selben Moment, als er an Kälte dachte, fiel ihm auf, dass er gar nicht fror. Das war schon ziemlich seltsam, aber noch seltsamer war, dass er nicht fror obwohl er nur Jeans, Turnschuhe und einen Pullover trug.
Was zum Teufel war hier los?
Inzwischen hatte er die Hütte erreicht und griff auf gut Glück nach dem Türknauf.
Die Tür schwang unter seiner Berührung mühelos auf; er schlüpfte schnell hinein und zog sie hinter sich fest zu. Hier drin war der brausende Wind nur noch gedämpft zu hören, doch viel wärmer schien es auch hier nicht zu sein. Er klopfte die Schuhe ab und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren.
Die Hütte schien aus nur einen Raum zu bestehen. Ihm fiel sofort der aus groben Steinen gemauerte Kamin an der gegenüberliegenden Wand auf; daneben lagerte ein gut sortierter, mannshoher Stapel Holz. Zu seiner Linken stand ein altes, grob zusammengezimmertes Bett mit einer grauen Wolldecke und zu seiner Rechten ein sehr altmodisch aussehender Holzofen mit einem Kochtopf. Simon trat näher und riskierte einen Blick in den Topf; er war leer.
„Okay das ist echt gruselig!“, sagte er laut. „Ist das hier die versteckte Kamera oder sowas?“
Natürlich bekam er keine Antwort. Er fasste sich in die Jeanstaschen; vielleicht würde er hier etwas finden was ihm die ganze Situation erklärte. Doch auch diese waren leer. Er versuchte angestrengt sich zu erinnern. Er wusste wie er hieß. Das war doch schon mal gut. Andererseits hatte er absolut keine Ahnung, wie er hier gekommen war oder was er davor getan hatte. War jemand bei ihm gewesen? Bruchstückhaft blitzten dunkle, kluge Augen und schwarze Haare vor seinem inneren Auge auf. Als er jedoch versuchte, die Erinnerung näher zu betrachten, entglitt sie ihm in die hintersten Winkel seines Gehirns. Je mehr er sich anstrengte, umso weniger konnte er das Bild greifen. Die nagende Unruhe in seinem Inneren nahm zu; er wurde das Gefühl nicht los, dass diese dunklen Augen wichtig waren. Dass irgendetwas Schlimmes geschehen war.
Simon versuchte, nicht in Panik zu geraten. Dieses bedrohliche Gefühl hatte vermutlich einfach damit zu tun, dass er nicht wusste was hier los war. Vielleicht hatte ihm der Besitzer der dunklen Augen versucht etwas anzutun und er war hier her geflohen? Möglicherweise hatte man ihm auf den Kopf geschlagen – Amnesie. So lief das doch oft ab in Filmen oder dergleichen. Nicht dass er sich daran erinnern konnte, in letzter Zeit irgendwelche Filme gesehen zu haben. Sein Kopf fühlte sich allerdings sehr unversehrt an, wenn man von den schneenassen Haaren einmal absah. Das hier wurde mit jeder Sekunde merkwürdiger.
„Also gut“, sprach er wieder mit sich selbst.
Es war einfach zu still und das machte ihn nervös.
„Lass uns mal logisch an die Sache gehen. Es ist kalt und hier gibt es einen Kamin. Auch wenn ich noch nicht friere, wird das bestimmt bald passieren. Als erstes mache ich also mal ein Feuer. Genau das werde ich tun. Gute Idee, Lewis.“
Zu seiner großen Überraschung lag ein silbernes Feuerzeug auf dem Kaminsims. Irgendwoher hatte er sogar eine ungefähre Ahnung, was zu tun war. Und tatsächlich, als er sich nach einer guten halben Stunde aufrichtete, prasselten die rotgoldenen Flammen munter vor sich hin.
Das war also schon mal geschafft. Simon wischte sich die rußigen Hände an der Jeans ab und trat zwei Schritte vom Kamin zurück. Was sollte er als nächstes machen? Während er darüber nachdachte, wanderte sein Blick geistesabwesend vom Feuer zu den fein säuberlich aufgestapelten Holzscheiten… Moment mal. Er sah genauer hin. In dem dunklen Holz, aus dem die Wände der Hütte bestanden, war etwas… eine Art Fuge, eine Linie. Sie zeichnete sich nur ganz leicht ab. War da etwa eine Tür hinter dem ganzen Haufen Brennholz? Er begann den Stapel abzutragen und – tatsächlich! Eine gut versteckte Tür, so passgenau eingelassen, dass er sie vermutlich nicht einmal wahrgenommen hätte, wenn er nicht die oberste Reihe Holz gebraucht hätte um das Feuer in Gang zu kriegen.
Simon fragte sich kopfschüttelnd, wozu man in einer Hütte mitten in einem gottverlassenen Nirgendwo eine Geheimtür brauchte.
„Die Geheimtür im Nirgendwo“, sinnierte er vor sich hin. „Oder… die geheime Tür INS Nirgendwo? Eine Tür ins Geheimland. Die Nirgendstür. Das wäre ein cooler Titel für ein Lied!“
Er musste grinsen. Doch dann räumte er die letzten Holzstücke beiseite und wurde schlagartig wieder ernst. Hinter dieser Wand konnte sich alles Mögliche verbergen.
Er atmete einmal tief durch, legte die Hand gegen das Holz und drückte.

------ O ------

Ein Paar rote Augen starrten ihn an. Sie verfolgten hämisch seine Bewegungen, während er sich gehetzt im Raum umsah, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Etwas fehlte ihm, ein entscheidender Vorteil gegenüber diesen Augen, doch er kam nicht drauf was es war. Er setzte sich in Bewegung, lief auf die Tür zu, die hinter ihm in die Steinmauer eingelassen war. Aber je schneller er lief, umso weiter schien sie sich zu entfernen. Hinter ihm ertönte ein zischendes Lachen. „Du entkommst mir nicht!“ Er rannte noch schneller, wollte die Tür einholen, doch die war gar nicht mehr zu sehen. Vor ihm erstreckte sich nun ein endloser Gang, der in tiefster Schwärze zu enden schien. Alec rannte weiter, doch beim nächsten Schritt traf sein Fuß auf Luft. Er fiel, konnte sich nicht mehr bremsen, nicht anhalten, nicht einmal schreien. Der Fall presste ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Er ruderte verzweifelt mit den Armen, drehte sich um seine eigene Achse, Hände und Augen suchten etwas zum Festhalten. Und da, weit über ihm - zu weit - stand jemand an dem Abgrund über den er gefallen war, die Hand nach ihm ausgestreckt im vergeblichen Versuch ihm noch zu helfen. Magnus Bane.
Alec öffnete mit einem Schlag seine Augen. Adrenalin jagte kleine Stromstöße durch seinen Körper und für einen Moment konnte er nur flach auf dem Rücken liegen, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigt hatte. Durch einen Spalt in den Vorhängen fiel Sonnenlicht ins Zimmer und er konnte sehen, dass Jace nicht in seinem Bett lag. Wahrscheinlich schlief er bei Jenna. Alec holte tief Luft. Es war schon eine Weile her, dass er einen Alptraum gehabt hatte, doch nach dem Vorfall gestern Abend im Bad wunderte er sich auch nicht darüber.
Als der Schreck langsam nachließ, merkte er, dass sein rechter Arm eingeschlafen war. Er sah an sich hinab und stellte fest, dass Clarys Kopf die Ursache dafür war. Langsam und äußerst vorsichtig zog er seinen Arm unter ihr hervor. Er wollte sie nicht wecken, musste aber auch die Blutzirkulation wieder in Gang kriegen, denn seine Finger waren schon schmerzhaft taub. Sie regte sich, gab ein protestierendes Brummen von sich und öffnete ein Auge, um ihn durch ihre roten Locken hindurch anzublinzeln.
„Guten Morgen“, flüsterte Alec.
„Guten Morgen?“, krächzte Clary leise und setzte sich auf. Ihr Blick wanderte zur Uhr auf dem Nachttisch, die 09:27 Uhr anzeigte, dann gab sie ein leises Stöhnen von sich und ließ sich zurück in die Kissen fallen. Sie kuschelte sich an Alec, der immer noch seinen rechten Arm massierte.
„Viel zu früh“, murmelte sie und steckte ihre Nase genießerisch in seine Halsbeuge.
Alec schmunzelte, er war Frühaufsteher und halb zehn war für ihn eher spät. Andererseits hatte er auch nicht so viel getrunken wie seine beiden Freunde. Er trank eigentlich selten mehr als zwei oder drei Bier. Clary und er hatten sich gestern Abend noch mit Magnus unterhalten, schließlich hatte er ihn zu der Party eingeladen. Außerdem hatte er festgestellt, dass er sich gerne mit Magnus unterhielt. Der Neue war intelligent und witzig und hatte sie mit einigen Geschichten von seinen eigenen Partys unterhalten. Anscheinend hatte er sogar mal eine Geburtstagsparty für seine Katze gegeben, was Alec ein lautes Lachen entlockt hatte. Sie hatten festgestellt, dass sie im selben Englischkurs waren, was dann für neuen Gesprächsstoff über die Fächer und ihre Studienrichtungen geführt hatte. Der gestrige Abend hatte auf jeden Fall dazu beigetragen, dass Alec Magnus nun noch interessanter fand. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, sie würden sich schon viel länger kennen, als es tatsächlich der Fall war.
Clary lenkte seine Gedanken wieder in die Gegenwart, als sie anfing, leichte Küsse auf seinen nackten Schultern zu verteilen und ein zufriedenes Geräusch von sich zu geben. Sie schmiegte sich an ihn und begann seine Oberarme zu streicheln, zog ihre Fingerspitzen seinen Hals hinauf, dann über die Brust und weiter hinunter. Alec fing schnell ihre Hand ein, drehte sich zu ihr um und küsste sie auf den Mund. Er wusste, was Clary wollte und er wusste auch, dass er nicht mehr lange drum herum kommen würde. Aber er fühlte sich einfach noch nicht bereit. Abgesehen von der peinlichen Tatsache, dass er mit neunzehn Jahren noch Jungfrau war, konnte er es sich nicht richtig vorstellen. Sie wusste, dass sie seine erste Freundin war, doch er war nicht ihr erster Freund. Clary rutschte herum, bis sie auf ihm zu sitzen kam und verteilte mehr Küsse auf seiner Haut, die Spitzen ihrer langen Haare kitzelten ihn am Hals. Zum Schlafen hatte sie eins von seinen T-Shirts angezogen, doch ihre schlanken Beine waren unbekleidet und er spürte die weiche Haut an seinen eigenen nackten Beinen.
Na gut, das war schon ganz angenehm, dachte Alec und legte seine Hände auf ihre Hüften. Vielleicht konnte er sich bei Jace ein paar Tipps holen, wie er seine Hemmungen ablegen konnte. Falls er nicht vor Scham sterben würde sobald er das Thema ansprach. Er zog mit seinen Fingern kleine Kreise auf ihrem Rücken.
Sie küssten sich eine Weile, doch Alec machte keine Anstalten etwas anderes in Erwägung zu ziehen. Nach einigen Minuten wurde Clary drängender, leidenschaftlicher und auch ungeduldiger. Sie richtete sich auf und zog sich das T - Shirt über den Kopf, sodass Alec plötzlich mit sehr viel… Clary konfrontiert wurde. Ihre Locken fielen mit einem sanften Schwung auf ihren schlanken Rücken. Sie beugte sich wieder über ihn, Haut an Haut -
Die Tür zum Zimmer wurde aufgerissen und beide zuckten zusammen. Jace stolperte herein und in der nächsten Sekunde geschahen mehrere Dinge gleichzeitig: Clary quietschte und presste sich an Alec, Alec zerrte an der Decke an seinen Beinen, um Clary zu bedecken und Jace starrte mit großen Augen auf das Szenario vor ihm. Die verflixte Decke klemmte und Jace hatte seinen Blick noch immer nicht vom Bett abgewandt.
„Jace!“, fuhr Alec ihn an. Endlich drehte dieser sich um und bedeckte seine Augen mit den Händen. Nun löste sich auch die Decke und Alec hüllte seine Freundin darin ein.
„Sorry, sorry, ich hab ja nicht gewusst… war keine Absicht!“, brachte Jace zu seiner Verteidigung an.
„Wie wäre es mal mit anklopfen, wenn du weißt dass ich hier schlafe?“, kam es laut und wütend unter der Decke hervor.
„Wie wäre es mal mit Tür zusperren?“, gab Jace zurück und ließ die Hände von seinen Augen sinken.
„Wie wäre es, wenn wir uns alle beruhigen und du solange rausgehst, bis Clary sich angezogen hat“, ging Alec dazwischen. Er wusste, er sollte sauer auf Jace sein, doch eigentlich war er ihm irgendwie dankbar. Wieder hatte Jace ihn vor einer Situation bewahrt, in der er sonst Clarys Gefühle hätte verletzen müssen. Und er mochte es nicht, ihre Gefühle zu verletzen. Sie war ihm wichtig. Für seine… Probleme konnte sie schließlich nichts, da musste er schon selber dran arbeiten.
„Ist ja gut“, sagte Jace und hob beschwichtigend die Hände. Dann drehte er sich um und ging hinaus. Alec schlüpfte aus dem Bett und reichte Clary ihre Kleidung von gestern Abend.
Sie war immer noch wütend, als sie die Sachen entgegen nahm.
„Warum schafft dieser…. MENSCH“ – Alec war sich sicher dass sie etwas anderes hatte sagen wollen – „es eigentlich IMMER dann dazwischen zu platzen, wenn wir rummachen!“
Schnaubend zog sie sich an.
„Vielleicht mag ich dich nicht und will dir Alec verleiden“, ertönte es durch die Tür.
„Jace!“, rief Alec erneut. „Halt einfach den Mund okay?“
Schweigen von der anderen Seite. Alec trat auf Clary zu und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Er sah ihr ernst in die Augen.
„Tut mir leid.“
Sofort wurden ihre Gesichtszüge weicher.
„Ist schon okay. War ja nicht deine Schuld“, erwiderte sie und legte ebenfalls eine Hand an seine Wange. Er lächelte sie an, sie lächelte zurück.
„Kann ich jetzt endlich mal reinkommen?“, ließ sich Jace erneut vernehmen.
Mit großen Schritten durchquerte Clary das Zimmer, riss die Tür auf und funkelte ihn an.
„Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven! Jenna auch. Das nächste Mal platze ich bei euch rein, mal sehen wie dir das gefällt!“
Jace grinste zur Antwort nur auf sie hinunter.
Ich sperre meine Tür zu“, sagte er mit einem süffisanten Lächeln. Alec seufzte.
Mit einem kleinen Wutschrei stürmte Clary an ihm vorbei nach draußen und verschwand.
Alec sah Jace nur kopfschüttelnd an. „Wieso? Warum musst du sie eigentlich immer ärgern?“
„Sie lässt sich einfach leicht ärgern“, zuckte Jace mit den Achseln.
„Na das hat dich ja trotzdem nicht davon abgehalten uns anzustarren“, konterte Alec und verschränkte die Arme vor der Brust.
Für einen Moment sah Jace um Worte verlegen aus. Erneut zuckte er mit den Achseln und ließ sich auf sein Bett fallen.
„Ich hab nie gesagt, dass sie nicht gut aussieht.“
Alec wusste eigentlich, dass er mehr dazu sagen sollte, aber er rollte nur mit den Augen. Dann sammelte er seine Sachen ein und verschwand Richtung Dusche. Was für ein Start in den Tag.

------ O ------

Die Tür schwang mit einem leisen Knarren unter Simons Berührung auf. Er hatte sich auf fast alles gefasst gemacht. Spinnen, Kakerlaken, eine Abstellkammer, eine dunkle Treppe in ein komisches Kellerverlies… nur nicht darauf, dass er sich plötzlich einer leuchtenden Klinge gegenübersehen würde, die direkt auf sein Herz gerichtet war. Hinter dieser Klinge sah er ein paar dunkle Augen aufblitzen. Bevor er überhaupt Zeit hatte, auf irgendeine Weise auf die überraschende Bedrohung zu reagieren, hörte er ein erschrockenes Keuchen und dann wurde die Waffe gesenkt.
„Simon!“
Der Besitzer der seltsamen Leuchtklinge fiel ihm schwungvoll um den Hals.
„Beim Erzengel! Es geht dir gut. Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“
Anhand der Konturen des warmen Körpers in seinen Armen stellte Simon fest, dass es ein Mädchen war. Eine Fülle seidiger schwarzer Haare fiel über ihren Rücken.
Dunkle Augen, schwarze Haare. Er kannte dieses Mädchen, hatte vorhin noch ihr Bild vor seinem inneren Auge gehabt. Ein Name formte sich in seinem Geist.
„Izzy?“, fragte er zögerlich.
Sie löste sich etwas von ihm, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Ja?“
„Wo genau sind wir?“, sagte er und schluckte die eigentliche Frage, die er gehabt hatte hinunter, denn auf einen Schlag waren die Erinnerungen zurückgekehrt.
Izzy war seine feste Freundin und das leuchtende Ding, das sie in sein Gesicht gehalten hatte, war eine Seraphklinge. Izzy war nämlich eine Schattenjägerin und er… tja, er war ein Vampir. Deswegen hatte er vorhin im Schneesturm nicht gefroren. Vampire spürten keine Hitze oder Kälte mehr. Was er aber immer noch nicht wusste war, wie sie hierhergekommen waren. Oder warum er kurzzeitig keinerlei Erinnerungen mehr gehabt hatte.
„Ich hab absolut keine Ahnung“, antwortete sie und trat nun einen Schritt zur Seite um sich im Zimmer umzusehen, das Engelsschwert noch immer in der Hand.
Simon hingegen spähte über sie hinweg um zu sehen wo sie hergekommen war. Er sah einen Raum, ähnlich eingerichtet wie der in dem er sich befand. Nein, nicht ähnlich, erkannte er, als er hinüberging. Die beiden Zimmer waren absolut identisch. Ein Bett, ein Holzofen mit einem Topf darauf und ein Kamin, nur dass in diesem kein Feuer brannte.
Er drehte sich wieder zu Isabelle um. Sie hatte inzwischen dasselbe bemerkt wie er.
„Das ist echt gruselig“, stellte er fest. Sie nickte, wirkte aber gefasst.
„Wo sind die anderen, hast du sie gesehen?“
„Nein, niemanden. Ich bin vielleicht vor einer halben Stunde zu mir gekommen, ich stand draußen im Sturm. Dann hab ich diese Hütte entdeckt und als ich Feuer gemacht hatte, hab ich die Tür gefunden“, fasste Simon zusammen, was er bis jetzt erlebt hatte.
„Ich bin durch ein schabendes Geräusch wachgeworden, ich lag drüben in diesem Bett. Und dann hab ich bemerkt, dass das Geräusch aus der Wand kommt und hab mich davor aufgestellt und naja, den Rest kennst du ja“, erklärte sie.
„Wo ist deine Peitsche?“, fragte Simon, dem erst jetzt bewusst wurde, dass sie nicht in ihrer Hand gewesen war, als er die Tür aufgedrückt hatte. Izzy und ihre Peitsche waren eigentlich unzertrennlich. Als er den Blick senkte, sah er sie auch nicht an ihrem Handgelenk.
„Ich hab sie nicht gefunden. Es hat mich sowieso überrascht, dass ich meine Stele und einige Waffen noch hatte“, antwortete sie.  
Sie setzten sich zusammen auf das Bett in Simons Hälfte der Hütte. Er nahm ihre Hand und war sehr froh, dass er zumindest Izzy bei sich hatte. Seine Isabelle, seine wunderschöne Kriegerin mit den intelligenten Augen.  
„Hast du vorhin gewusst, wer du bist?“, fragte er sie.
„Weißt du denn nicht mehr wer du bist?“, fragte sie zurück und kniff die Augen leicht misstrauisch zusammen.
Das brachte ihn zum Lachen, trotz der ernsten Lage in der sie sich befanden.
„Doch, ich weiß wer ich bin. Aber bevor ich dich gesehen habe, war da nichts in meinem Kopf außer mein eigener Name. Ich weiß nicht mal mehr, was wir gemacht haben, bevor wir hier aufgewacht sind.“
Isabelle schnaubte. „Ja, das weiß ich auch nicht mehr. Ich wette, das ist irgendwas Dämonisches oder irgendein Zauber. Wir sollten draußen nach den anderen suchen. Wahrscheinlich geht es ihnen genauso, nur sie haben noch nicht hierhergefunden.“
Während sie sprach fiel ihm auf, dass sie zwar ihre Kampfmontur trug, aber auch sie hatte keine Jacke. Sie würde draußen erfrieren.
„Lass uns gehen“, drängte Isabelle und dachte dabei beunruhigt an ihren Bruder und Jace und natürlich an Clary, die sie erst vor kurzem gefragt hatte, ob sie ihre Parabatai werden wollte.
„Aber Izzy, du hast keine Jacke dabei. Ich gehe und suche die anderen und du wartest hier“, protestierte er.
Er hätte es besser wissen müssen. Als ob Izzy zurückbleiben würde.
„Hallo, Wärmerunen?!“, meinte sie, zückte ihre Stele und aktivierte eine Rune auf ihrem Unterarm. Dann aktivierte sie noch ihre Kraft- und Ausdauerrune, sowie die Rune für besseres Sehvermögen. Als ihr plötzlich ein Gedanke kam, blickte sie auf.
„Du hast nicht zufällig etwas bei dir, das wir tracken können?“
Simon schüttelte bedauernd den Kopf, er hatte ja vorhin schon seine Taschen durchsucht.
„Wäre ja auch zu einfach“, grummelte sie, steckte die Stele ein und reichte Simon einen Dolch. Dann steckte sie ihre Seraphklinge ein und marschierte los.
Sie traten aus der Hütte. Es hatte aufgehört zu schneien. Eine endlose, weiße Weite breitete sich vor der Hütte aus und ohrenbetäubende Stille umfing sie und drückte auf ihre Ohren. Nicht ein einziges Geräusch kam durch den Schnee bei ihnen an, nicht einmal Simons Vampirgehör schnappte etwas auf. Die Sonne stand weißleuchtend am Himmel. Keine Wolke war zu sehen, keine Vögel oder andere Tiere. Rechts neben der Hütte zog sich eine Gebirgskette entlang, der einzige dunkelgraue Farbtupfer im allumfassenden Weiß.
„Wow was hab ich da Bock drauf!“, sagte Simon laut. Isabelle fing an zu lachen und verschränkte ihre Finger mit seinen. Ein kurzer, ermutigender Druck ihrer Hand an seiner.
„Wir schaffen das. Wir haben Edom überlebt“, sprach sie ihm gut zu.
Sie liefen eine Weile schweigend durch den Schnee, dann kam Simon eine Idee.
„Denkst du das hier ist auch eine Dämonendimension?“
„Darüber hab ich auch schon nachgedacht“, gestand Izzy ihm, „aber da ich bis jetzt noch am Leben bin, halte ich es für unwahrscheinlich.“
Das hatte Simon fast vergessen. Durch ihr Engelsblut konnten Schattenjäger keine Dämonenwelten betreten ohne zu sterben.
„Gut“, war alles, was ihm dazu einfiel. Er hatte nämlich nicht vergessen, wie sie in Edom am himmlischen Feuer fast gestorben war und er war froh, dass sie hier keiner solchen Gefahr ausgesetzt war. Zumindest soweit sie bis jetzt wussten.
Sie liefen weiter, immer geradeaus. Simon hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr; seiner Meinung nach waren sie schon eine halbe Ewigkeit gelaufen, doch ihre Umgebung änderte sich kein bisschen. Nirgends war auch nur eine Spur von ihren Freunden zu finden. Einzig seine und Isabelles Fußabdrücke hinter ihnen störten das Bild der makellosen Schneedecke.
Die Sache kam ihm immer merkwürdiger vor.
Plötzlich erkannte er in weiter Ferne einen Fleck. Seit seiner Verwandlung hatte er wirklich gute Augen, konnte aber dennoch nur ausmachen, dass dieser braun war und eine eckige Form hatte.
„Izzy, kannst du das auch schon sehen?“, fragte er aufgeregt.
Sie blickte in die Richtung, in die er zeigte, schüttelte dann aber den Kopf. Ihre Rune für erhöhtes Sehvermögen reichte auf dieser Entfernung noch nicht aus.
„Ich kann einen braunen Fleck sehen“, teilte er ihr mit.
„Ein Bär?“, mutmaßte Isabelle.
„Nein, dafür ist es zu eckig. Vielleicht eine andere Hütte?“
„Dann hoffe ich, dass die anderen dort sind!“, meinte sie und wünschte sich in diesem Moment, sie und Clary wären schon Parabatai, denn dann hätte sie ihre Freundin gespürt. So wie auch Alec und Jace sich immer spürten. Jetzt aber blieb ihr nichts anderes übrig, als zu hoffen. Entschlossen schritt sie noch weiter aus. Nach einer Weile konnte auch sie sehen, was Simon sah. Die beiden tauschten einen Blick und zogen ihre Waffen, während sie weiterliefen.
Beim Näherkommen wurde klar, dass es sich tatsächlich um eine Hütte handelte.
„Clary! Alec! Jace!“, rief Simon laut, doch es kam keine Antwort.
Sie waren nun vielleicht noch einen Meter entfernt. Isabelle ging mit gezückter Klinge voraus, verlangsamte ihre Schritte, scannte die Umgebung nach möglichen Gefahren. Simon blickte zurück in die Richtung aus der sie gekommen waren, doch auch von dort war nichts Gefährliches auszumachen. Ein erneuter Blickwechsel, ein Nicken und Izzy trat mit dem Fuß gegen die Hüttentür. Simon folgte ihr dicht auf den Fersen mit gezücktem Dolch und ausgefahrenen Fangzähnen.
Der Raum war leer. Er sah ein Bett, einen Holzofen, einen leeren Kamin und neben dem Kamin - eine offene Tür. Ein sehr ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus und sein Nacken fing an zu kribbeln. Izzy trat vor ihm durch die offene Tür und sah sich im Zimmer dahinter um. Er konnte sehen, wie sie erstarrte und trat hinter sie. Das ungute Gefühl in seinem Magen verdichtete sich zu einem Knoten, als er sah, was sie sah.
Ein Bett, ein Holzofen und ein Kamin, in dem ein Feuer flackerte. Und auf dem Kaminsims lag ein silbernes Feuerzeug.
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