Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwischen den Welten

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Suspense / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Clarissa "Clary" Fray Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Magnus Bane Simon Lewis
27.10.2020
27.10.2021
16
63.302
18
Alle Kapitel
90 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
27.10.2020 4.511
 
Der hochgewachsene, schlanke Junge am Spind mit der Nummer 505 zog seit zwei Tagen alle Blicke auf sich. Nicht, weil er neu an der Schule war und noch nicht einmal, weil er braune Haut hatte und eindeutig nicht amerikanisch aussah. Nein, er fiel auf wegen seiner Kleidung und der pink - goldenen Strähnen in seinen schwarzen Haaren.
Normale Jugendliche in ihrem Alter trugen Jeans, T – Shirt und Turnschuhe oder wenn sie im Footballteam waren, manchmal auch Trikots. Der Neue trug auch Jeans, aber sie waren schwarz, enganliegend und mit silbernen Nieten bestückt; er trug auch ein T – Shirt, aber darauf stand in silbern glitzernder Schreibschrift „I banged your Mom“. Er trug auch keine Turnschuhe, sondern schwarze Stiefel. Jede Hand schmückten jeweils zwei Ringe und ein funkelnder Ohrring im linken Ohr rundete die Erscheinung ab.
Dass er angestarrt wurde, schien er gar nicht zu bemerken oder es war ihm auch einfach egal. Er holte gerade die Bücher für die Nachmittagsstunden heraus, verschloss seinen Spind und machte sich wieder auf den Weg. Alec Lightwood sah ihm interessiert nach, während er in die entgegengesetzte Richtung ging.
Er meinte gehört zu haben, dass der Neue Magnus Bane hieß und aus Bali kam. Warum man allerdings von einem so schönen Ort wie Bali nach Amerika ziehen sollte, verstand er nicht so ganz. Warum man so einen typisch englischen Nachnamen hatte, wenn man aus Indonesien kam, verstand er auch nicht. Vielleicht hieß er aber auch anders, irgendwas indonesisches, was sich ähnlich wie Bane anhörte?
„Meine Güte“, kicherte Clary neben ihm und unterbrach damit seine Gedanken, „der kann sich ja gleich Emo auf die Stirn schreiben.“
Alec drehte den Kopf wieder nach vorne, lächelte auf seine Freundin hinab und machte einen zustimmenden Laut. Sie waren am Klassenzimmer angekommen, in dem Clary Kunst hatte und ihre Wege trennten sich hier. Alec würde zum Footballtraining weitergehen. Er beugte sich hinunter und küsste sie kurz auf den Mund.
„Bis später dann!“, meinte er und sie strahlte und verschwand im Klassenzimmer, ihr hellroter Pferdeschwanz wippte dabei von links nach rechts.
Alec schob seinen Rucksack weiter die Schulter hinauf und bahnte sich durch die anderen Schüler einen Weg nach draußen. Als er durch die Tür ins Freie trat, musste er kurz innehalten und blinzeln, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten; es war ein sonniger Tag mit einer leichten Brise. Der Geruch nach Herbst lag schon zaghaft in der Luft, die für den Staat New York typische Sommerhitze hatte sich abgeschwächt. Der August und der halbe September waren in einem Wirbel aus Kursen, Footballtraining und seiner noch neuen Beziehung mit Clary nur so vorbeigezogen. Aber Sommer war Alecs liebste Jahreszeit und solange das Wetter noch so warm war, wollte er es am vor ihm liegenden Wochenende ausnutzen. Vielleicht würde er ein paar Leute zusammenbekommen um an dem kleinen See abzuhängen, der sich auf dem Campus befand.
„Na, hast du auf mich gewartet?“, erklang eine Stimme neben ihm.
Jace Herondale, Alecs bester Freund, war hinter ihm aus der Tür gekommen und ebenfalls auf dem Weg zum Training.
„Immer doch“, erwiderte Alec belustigt. Sie setzten sich gemeinsam in Bewegung.
„Jenna und die anderen Cheerleaderinnen haben für heute Abend was geplant“, sagte Jace. Alec seufzte. „Schon wieder? Wieso wird hier eigentlich jedes Wochenende irgendwas getrunken?“
Jenna war Jace‘s Freundin der Woche. Seit sie hier am College waren, hatte er schon mit drei verschiedenen Frauen Dates gehabt. Alec musste zugeben, dass er das nicht verstand.
Clary reichte ihm vollkommen aus. Er hatte kein Bedürfnis, sich immer wieder neu auf jemand einzustellen oder verschiedene Frauen zu erobern.  Vor Clary hatte er genaugenommen gar kein Bedürfnis gehabt, überhaupt Frauen zu erobern. Sie war seine erste Freundin.
Jace lachte jetzt und boxte Alec gegen die Schulter.
„Was ist das überhaupt für eine Frage? Wir sind Freshmen! Das hier ist ein College“, - er betonte das Wort College, als wäre die eigentliche Bedeutung des Wortes natürlich ‚wöchentliche Saufgelage‘ statt ‚Hochschule‘- „und du kommst doch oder? Immerhin müssen wir noch unseren letzten Sieg feiern!“
Alec verdrehte die Augen und murmelte etwas Zustimmendes. Clary wollte mit Sicherheit zu der Party gehen, also blieb ihm eigentlich auch nichts anderes übrig. Soviel zu seinem Plan.
Inzwischen waren sie beim Footballfeld angekommen und betraten die Umkleiden, wo die anderen Jungs aus dem Team schon umherliefen und sich umzogen. Eine Mischung aus Bohnerwachs, Leder und Old Spice lag in der Luft.  Jace und Alec schlüpften in ihre Schutzmontur und die Mannschaftsuniform in dunkelblau und weiß, die Farbe ihres Colleges, dann gingen sie mit den anderen hinaus aufs Spielfeld.
Nach dem Aufwärmen kamen sie zusammen und besprachen die heutigen Spielzüge. Währenddessen ließ Alec seinen Blick über die Tribünen schweifen und erkannte zu seiner Überraschung den Neuen unter ein paar anderen Schülern. Es war ein offenes Training, was bedeutete, dass Mitstudenten zuschauen konnten, aber Alec hätte nicht erwartet, dass der andere Junge sich für Sport interessieren würde. In diesem Moment drehte Magnus seinen Kopf und Alec hatte das eigentümliche Gefühl, dass er ihm direkt in die Augen sah. Schnell wandte er seinen Blick wieder ab, als hätte er was Verbotenes getan; dann musste er über sich selber lachen. Aus dieser Entfernung und mit dem Helm, den er trug, konnte man ihn wohl kaum von seinen Teammitgliedern unterscheiden. Außerdem kannten sie sich nicht einmal; warum also sollte der andere wegen ihm beim Training zusehen? Vielleicht mochte er einfach Football und überlegte ins Team einzutreten. Bei seiner Statur wäre er beim Laufsport vielleicht besser aufgehoben, dachte Alec und sah noch mal zu den Rängen. Aus irgendeinem Grund fand er Magnus wahnsinnig faszinierend; vielleicht weil ihm noch nie jemand mit einem solch ungewöhnlichen Äußeren begegnet war. Er musste feststellen dass der Blick des Neuen immer noch auf ihm ruhte.
„Lightwood! Langweile ich dich vielleicht?“, riss ihn die Stimme des Trainers aus seinen Gedanken und er spürte wie er rot anlief. Rasch sah er wieder nach vorne.
„Nein, Sir, entschuldigen Sie bitte!“
„Eine Extrarunde ums Feld für alle, weil Lightwood das Training heute offensichtlich nicht anspruchsvoll genug findet“, verkündete der Trainer und es ertönte ein kollektives Aufstöhnen.
„Was war das denn?“, wollte Jace wissen, während sie losliefen.
„Der Neue sitzt bei den Zuschauern“, antwortete Alec achselzuckend, „ich hab mich nur gefragt was er beim Football will.“
„Der Neue ist irgendwie komisch wenn du mich fragst. Wer färbt sich denn als Mann die Haare pink? Und diese Klamotten mit all dem Glitzer! Mit Sicherheit spielt der fürs andere Team!“, schnaubte Jace amüsiert.
Alec lachte automatisch, als hätte Jace einen Witz gemacht. Dann ließ er das Thema fallen und konzentrierte sich auf seine Atmung um kein Seitenstechen zu bekommen.
Nach einem wirklich anspruchsvollen Training, welches Alec und Jace jegliche Muskeln spüren ließ die sie hatten – auch Muskeln, von denen sie nicht einmal gewusst hatten, dass sie sie überhaupt hatten -  entließ der Trainer sie für den heutigen Tag und sie trabten zurück zur Umkleide um sich zu duschen und umzuziehen.
„Ein paar von den Seniors fahren nachher los und besorgen Alkohol für uns“, erzählte Jace und hielt die Tür der Umkleide für Alec auf. Die Sonne stand mittlerweile schon tief am Horizont und die Temperatur war fühlbar gesunken. Ein leichter Wind fuhr durch seine noch feuchten, tiefschwarzen Haare und ließ die Blätter der Bäume rascheln.
„Großartig und wann und wo steigt das Ganze dann?“, erkundigte er sich.
Bevor Jace antworten konnte, ertönte neben ihnen eine Stimme, die er nicht kannte.
Sie klang angenehm tief und samtig und hatte einen leichten Akzent, den Alec nicht zuordnen konnte. „Hört sich an, als gäbe es heute Abend eine Party.“
Sie drehten sich um. Vor ihnen stand der Neue, die Hände in den Hosentaschen vergraben und lächelte leicht. Er hatte Kopfhörer um den Hals gehängt und seine schwarzen Haare mit den bunten Strähnen waren mit Gel zu Stacheln geformt.  Das rotgoldene Lichtspiel der untergehenden Sonne beleuchtete sein elegant geschnittenes Gesicht und die mandelförmigen Augen. Aus dieser Nähe konnte Alec sehen, dass sie dunkelbraun waren, fast schwarz, doch irgendetwas war seltsam an ihnen. Als läge ein Schatten darüber.
Alec blinzelte. Nein, das hatte er sich eingebildet. Es waren ganz normale braune Augen.
„Ja, fürs Footballteam als Siegesfeier. Wir haben das erste Spiel der Saison letztes Wochenende gewonnen“, sagte Alec.
Er streckte eine Hand aus. „Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Alec.“
Der andere ergriff seine Hand, umfasste Alecs Finger mit einem festen, selbstbewussten Griff und schüttelte sie kurz.
„Magnus Bane“, stellte er sich vor.
Jace reichte ihm nun ebenfalls seine Hand und nannte seinen Namen.
„Und, Magnus, was machst du hier beim Training?“, wiederholte Jace die Frage, die Alec sich vorhin schon gestellt hatte.
„Ich hatte überlegt vielleicht beizutreten“, bestätigte Magnus Alecs Vermutung. „Aber ich bin wohl leider zu spät dran. In anderen Sportteams sind aber noch Plätze frei.“
Jace nickte auf eine Weise, die besagte, dass er sich das schon gedacht hatte.
Eine kleine Pause trat ein. „Willst du heute Abend vielleicht auch vorbei schauen? Auf der Party meine ich?“, unterbrach Alec zu seiner eigenen Überraschung das Schweigen.
Er war immer höflich zu Fremden, ging ihnen aber ansonsten aus dem Weg. Er war niemand, der mit allen möglichen Leuten Kontakte knüpfte, denn er fand Menschen im Allgemeinen anstrengend und fasste schwer Vertrauen. Seine Handvoll Freunde aus Highschoolzeiten, darunter Jace, sowie seine Familie, und jetzt Clary reichten ihm eigentlich. Obwohl er immer noch Magnus ansah, spürte er den entgeisterten Blick, den Jace ihm zuwarf, ganz deutlich.
Alec kannte diesen Blick; er fragte wortlos ob er den Verstand verloren hatte.
„Gern, wieso nicht. Ich liebe Partys“, grinste Magnus.
„Dann ist das also abgemacht“, erwiderte Alec und lächelte.

---------O-----------

Ein wenig später betraten Jace und Alec ihr gemeinsames Zimmer und Alec holte sein Handy aus der Tasche, die er dann achtlos in die Ecke neben dem Schreibtisch warf. Er ließ sich aufs Bett fallen, streckte seine langen Beine aus und schrieb Clary eine SMS, um ihr wegen heute Abend Bescheid zu geben. Die Wohnheimzimmer waren alle ähnlich eingerichtet, doch man konnte ihnen seinen persönlichen Stempel aufdrücken. Es gab zwei Betten, zwei Kleiderschränke und zwei Schreibtische, sowie ein Waschbecken mit einem Spiegel.
Alec hatte eine dunkelblaue Tagesdecke über dem Bett ausgebreitet, die seine Mutter für ihn genäht hatte. Ein Poster von seiner Lieblingsfootballmannschaft hing darüber, ebenso wie Fotos seiner Familie und auf seinem Schreibtisch stapelten sich die Blöcke und Bücher meistens kreuz und quer. In seinem Schrank hingen ein paar Jeans, T-Shirts und Hoodies; er hatte nie viele Klamotten besessen.
Jace' Seite des Raums hingegen war penibel ordentlich. Sein Bett war faltenfrei gemacht, die Bücher im Schrank verstaut, die Schreibtischoberfläche leer bis auf seinen Laptop.
Wie jeden Tag räumte er zuerst seine Sachen aus dem Rucksack, bevor er ihn an einen Haken an der Tür hängte. Dann drehte er sich zu Alec um.
„Also, was soll ich anziehen?“, erkundigte Jace sich bei seinem besten Freund.
Dieser zuckte mit den Schultern. „Jeans und T Shirt? Oder vielleicht das Ballkleid in der hinteren Ecke deines Schranks?“, fügte er mit einem Anflug von Humor hinzu.
„Haha“, erwiderte Jace trocken. „Du bist wie immer eine große Hilfe. Ich weiß gar nicht, wie du Clary rumgekriegt hast mit deinen zwei unterschiedlichen Pullovern. War es der grüne oder der blaue, der ihr Herz erobert hat?“
Alec warf eins seiner Kissen nach Jace, das dieser mühelos auffing und zurückwarf.
„Ich habe mehr als zwei Pullover“, sagte Alec möglichst würdevoll. Sein mangelndes Interesse an seinem äußeren Erscheinungsbild war eine Art Running Gag zwischen ihnen beiden. Jace grinste nur und öffnete seinen Schrank. Alec steckte seine Nase in ein Buch, das er für den Englischkurs brauchte, konnte sich aber nicht richtig konzentrieren, denn Jace unterhielt sich mit ihm, während er seine blonden Haare mit Gel nach hinten kämmte, sich rasierte und Aftershave auftrug.
Zwei Stunden später verließen sie ihr Zimmer und liefen den langen weißgekalkten Flur entlang bis zum Gemeinschaftsraum. Es waren schon einige Schüler da, und leise Musik kam aus einer Anlage in einer Ecke. Der Raum wurde nur von einer Lichterkette beleuchtet, die sich am oberen Ende der Wand einmal durchs komplette Zimmer zog. Ein paar graue Sofas und Sessel standen an der rechten Seite im Kreis um einen Tisch, in denen sich bereits einige Jungs aus Alecs Klasse fläzten, mit einem Budweiser in der Hand. Nicht weit davon entfernt gab es einen Pooltisch, an dem schon fleißig gespielt wurde.
Der Gemeinschaftsraum war der Dreh- und Angelpunkt jeder Etage. Hier traf man sich, um den neuesten Klatsch zu erfahren oder mit seinen Freunden abzuhängen. Doch Alec hing die meiste Zeit sowieso mit Jace oder Clary zusammen und er machte sich nichts aus Klatsch. Ehrliche Gespräche zog er einfach vor. Das war auch der Grund, wieso er unter der Woche fast nie hier war; am Wochenende ließ ihm Jace aber keine Wahl, denn irgendwie gab es immer irgendetwas zu feiern. Während sie ihre Klassenkameraden mit Handschlag begrüßten, füllte sich der Raum zusehends. An der linken Wand standen zwei Tische, auf denen auf einer Papiertischdecke Alkohol, rote Plastikbecher und Snacks ausgebreitet waren. Die beiden steuerten darauf zu und holten sich gerade ein Bier, als jemand Alec von hinten umarmte. Da die Arme ungefähr auf Höhe seines Bauches waren – und weil ihn außerdem sonst niemand umarmte – wusste er, dass es sich um Clary handelte. Er drehte sich zu ihr um.
„Hi Fremder“, begrüßte sie ihn mit funkelnden Augen und einem kleinen Lächeln.
Ihre roten Locken waren zu einem Dutt zusammengesteckt, aus denen einige lose Strähnen hingen und ihr Gesicht umrahmten. Sie trug ein luftiges lavendelblaues Sommerkleid und klimpernde goldene Armreifen mit dazu passenden Ohrringen. Sie sah sehr hübsch aus.
Alec sagte es ihr und sie strahlte.
„Dankeschön.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz, dann nahm sie sich einen Weißwein vom Tisch und verschränkte ihre Finger mit seinen.
„Ist Jenna nicht mit dir gekommen?“, fragte Jace und ließ den Blick über die Menge wandern.
„Nein. Ich hab sie unten getroffen, sie sagte sie hätte noch was mit den Mädels zu besprechen, würde dann aber gleich nachkommen.“
Ihr Tonfall war neutral, aber Alec wusste, dass sie Jenna nicht unbedingt mochte.
„Oh. Na gut“, sagte Jace und zuckte mit den Achseln.
Inzwischen war der Raum schon ziemlich voll. Die Musik wurde lauter gedreht und ein paar Leute fingen an zu tanzen. Clary wurde von einer Klassenkameradin aus dem Kunstkurs in ein Gespräch verwickelt und Jace und Alec unterhielten sich über das Training.
Als Jenna schließlich auftauchte, widersetzte sich der Begrüßungskuss von Jace sämtlichen Anstandsregeln und Alec wandte sich leicht unbehaglich ab.
Clary schmunzelte, als sie das sah, nahm ihn bei der Hand und zog ihn in die Mitte des Raumes um zu tanzen. Alec war sich wirklich nicht sicher was davon jetzt schlimmer war und unterdrückte ein Seufzen. Aber Clary mochte tanzen, also bemühte er sich ihr zuliebe.
Dabei ließ er den Blick über die anderen Studenten schweifen - was ihm aufgrund seiner Körpergröße nicht schwer fiel - auf der Suche nach pinken und goldenen Farbtupfern. Er war gespannt ob Magnus seiner Einladung wirklich folgen würde, doch bis jetzt konnte er ihn nirgends sehen.
Die Party wurde zusehends lauter, die Luft wärmer und stickiger und die Anzahl der Getränke die Alec konsumierte, wurde mehr. Sie hatten Pool gespielt und dann eins der Sofas ergattert. Dort saßen sie nun, Jenna auf Jace‘ Schoß und Clary neben Alec. Der überlegte gerade, ob er sich noch ein Bier holen sollte, während Jace offensichtlich fest entschlossen war den Preis für das längste Knutschen des Abends zu gewinnen. Clary hatte anscheinend auch genug von den beiden. Sie stand auf und reichte ihrem Freund die Hand. In der Annahme dass sie noch einmal tanzen wollte, ließ er sich auf die Füße ziehen. Doch er hatte sich getäuscht – sie steuerte auf die Tür zu.
„Aber Clary, wo willst du hin?“, rief er gegen den Lärm der Musik an. Sie antwortete nicht, sondern bahnte sich einen Weg durch die Menge, vorbei an eng tanzenden Paaren und Jungs, die verlegen auf ihren Füßen wippten. Er lief ihr hinterher, folgte dem warmen Druck ihrer kleinen Hand aus dem Gemeinschaftsraum hinaus und den Flur entlang bis zum hinteren Ende, wo die Tür in der nackten weißen Steinmauer zum Treppenhaus führte. Die Geräusche der Party waren hier nur noch gedämpft zu hören. Endlich blieb sie stehen, drehte sich zu ihm um und schaute ihn erwartungsvoll an. Alec dämmerte langsam was sie vorhatte: sie wollte, dass er sie küsste. Langsam beugte er sich herab und drückte seine Lippen auf ihre und ein kleines Seufzen entfuhr ihr.
Alec konnte spüren, dass sie ihre Oberschenkel anspannte um zu springen und er streckte die Arme aus und fing sie auf, drückte sie eng an sich als sie ihre Beine hinter seinem Rücken verschränkte. Rasch überbrückte er den kurzen Abstand zu der Wand hinter ihr und lehnte sie dagegen, was ihr erst recht zu gefallen schien; sie umfasste seine Oberarme mit festem Griff und vertiefte den Kuss. Doch auch wenn alles zwischen ihnen so war, wie er es aus Filmen kannte, blieb das von solchen Filmen versprochene Feuerwerk in Alec wie jedes Mal einfach aus. Kein helles Leuchten, keine sanfte Musik in den Ohren und kein wildes Verlangen nach ihr, dass ihn dazu gebracht hätte, sie zum nächsten Bett zu tragen.
Natürlich, es war ganz angenehm sie zu küssen, sie war weich und warm und roch gut, aber das war auch schon alles. Es war einfach angenehm. Manchmal fragte Alec sich, ob sich Liebe so anfühlte oder ob er vielleicht nicht in Clary verliebt war. Aber sie war seine erste Freundin und er wollte alles richtig machen.
Seine Gedanken schweiften ab, zum Picknick letztes Wochenende, als sie auf ihm gesessen hatte und ihr Oberteil ausgezogen hatte. Ihre langen feuerroten Haare hatten einen starken Kontrast zu ihrer cremeweißen Haut gebildet, als sie sich herabgebeugt hatte um ihn zu küssen. Umgeben von dichten Büschen und Bäumen hatte sie sich offensichtlich keine Sorgen gemacht gesehen zu werden und sehr deutlich gezeigt dass sie ihn wollte. Die erwartete Erregung, von der Jace ihm schon oft erzählt hatte, war bei Alec aber ausgeblieben. So sehr er sich bemühte, es geschah einfach nicht viel in ihm. Vielleicht war er ja kaputt? Irgendwas war bestimmt nicht mit ihm in Ordnung.
Alec seufzte innerlich und versuchte sich wieder auf den Kuss zu konzentrieren, erkundete ihren Mund mit seiner Zunge und entlockte ihr ein kleines Stöhnen. Clary war ganz offensichtlich erregt; mit ihr schien alles zu stimmen. Sie war hübsch, klug und beliebt und eines Tages nach dem Footballtraining einfach zu ihm gekommen um zu fragen, ob er mit ihr ausgehen wolle. Während seine Freunde um ihn herum johlten und pfiffen, hatte er zugestimmt. Es war ihm einfach logisch erschienen. Und nun gingen sie seit genau sechs Wochen miteinander.
„Alec, Clary, nehmt euch ein Zimmer!“, ertönte eine bekannte Stimme hinter ihnen amüsiert und Alec löste sich von seiner Freundin und drehte sich um. Es war Jace, in jeder Hand einen roten Plastikbecher mit Bier.
„Ich hätte es wissen müssen, dass ich dich so finde“, neckte er.
„Oh. Hey Jace“, sagte Alec leicht verlegen und ließ Clary langsam auf den Boden. Sie schien nicht sonderlich erfreut, als sie im Schutz von Alecs breiten Schultern ihr Kleid richtete und fauchte unwirsch: „Nehmt euch ein Zimmer, das sagt der Richtige! Was willst du?“
„Nur die Freuden der Gesellschaft meines besten Freundes. Auch wenn er seit sechs Wochen so einen seltsamen Schatten hat“, antwortete Jace ihr und reichte Alec einen der Becher. Clary schnaubte, während Alec sich sein Lachen verkniff und nur ein kleines Schmunzeln auf sein Gesicht trat. Sie sah aus, als läge ihr noch eine weitere spitze Bemerkung auf der Zunge.
„Ich wollte sowieso schon seit einer Ewigkeit mal auf die Toilette“, kam Alec einer möglichen Beleidigung seines Freundes zuvor. Er küsste sie kurz auf den Mund und reichte ihr seinen Becher. „Wenn du willst, geh doch schon mal mit Jace zurück, ich komm dann nach.“
Insgeheim war er froh über die Unterbrechung.  
Clary schmollte, nickte aber. „Na gut, von mir aus.“
Nicht unweit von hier befand sich der Waschraum für die ganze Etage.
Das erste, was Alec auffiel, als er den Raum betrat, war eine Eiseskälte und ein furchtbarer Geruch. Wurde hier nicht mehr geputzt? Er hielt sich die Nase zu und sah sich gleichzeitig nach einem offenen Fenster um, was die Temperatur erklären konnte. Doch die Oberlichter an der gegenüberliegenden Wand waren alle geschlossen. Außerdem war es Ende September, fiel Alec ein, es war draußen gar nicht so kalt. Wieso also hier drin?
Irgendetwas war komisch. Er spürte, wie eine Gänsehaut seine Arme überzog und sich seine Nackenhaare aufstellten. Er trat noch ein paar Schritte in den Raum, dann sah er sich langsam um. Sein aufmerksamer Blick schweifte über die offenen Duschen auf der rechten Seite des Raums, über die Toilettenkabinen auf der linken Seite, bis zu den Waschbecken daneben. Eine Neonröhre flackerte leicht, als sein Blick in einen der Spiegel über den Waschbecken fiel.
Alec wollte schreien, aber es kam nur ein ersticktes Geräusch aus seiner Kehle. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er wirbelte herum, die Fäuste nach oben gerissen. Aus dem Spiegel hatten ihn ein Paar glühendrote Augen angeschaut, die in einer Art schwarzem, formlosen Schatten zu schweben schienen. Doch als er jetzt auf die Stelle blicken konnte, wo sich die Augen hätten befinden müssen, war nichts zu sehen. Ungläubig starrte Alec auf die gelb geflieste Wand, auf den Boden davor, doch da war nichts. Mit einem merkwürdigen hohen Rauschen in den Ohren drehte er sich widerstrebend zurück zum Spiegel. Ohne es zu bemerken, ging er gleichzeitig zwei Schritte nach hinten, Richtung Tür.
Doch bevor er sich vergewissern konnte, dass sich wirklich nichts aus einem Horrorfilm mit ihm im Bad befand, bekam er einen heftigen Schlag in den Rücken. Der Stoß traf ihn mit einer solchen Wucht, dass er auf Hände und Knie fiel und erschrocken aufkeuchte.  
„Oh mein Gott, entschuldige bitte! Ich hab nicht damit gerechnet, dass da direkt hinter der Tür einer steht!“, rief jemand. Eine warme Hand berührte ihn am Oberarm. „Ist alles in Ordnung?“
„Nein, das tut echt weh“, stieß Alec zwischen den Zähnen hervor. Und tatsächlich hatte er das Gefühl, jemand hätte ihm zwischen den Schulterblättern die Haut abgeschabt.
Die Hand verließ seinen Oberarm und legte sich vorsichtig auf die schmerzende Stelle.
Die Körperwärme des Unbekannten schien seltsamerweise zu helfen, denn der Schmerz ebbte langsam ab. Alec rappelte sich wieder auf die Füße und sah sich nach dem Missetäter um. Es war Magnus.
„Geht’s wieder?“, wollte dieser wissen und sah Alec prüfend ins Gesicht. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich leicht. „Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen. Ist bei dir alles in Ordnung?“
Bei dem Wort ‚Gespenst‘ drehte sich Alec abrupt zum Spiegel, doch da war nichts zu sehen, keine Augen, kein Schatten. Nur sein eigenes Gesicht, durch den zweifachen Schock kreidebleich, mit riesigen dunkelblauen Augen. Wie um alles in der Welt konnte er sich so etwas eingebildet haben? Er rieb sich kurz mit beiden Händen über das Gesicht.
„Ja, ich … ich dachte ich hätte etwas gesehen, aber… vielleicht vertrag ich einfach das Bier nicht, dass sie auf der Party verteilen“, beantwortete er Magnus Frage.
Der Neue sah ihn weiterhin unverwandt an und Alec meinte einen Ausdruck von Überraschung über Magnus‘ Gesicht huschen zu sehen.
„Was hast du denn gesehen?“, fragte er ganz ernsthaft. Nicht ein Hauch von Spott lag in seiner weichen Stimme. Vielleicht war es das Gefühl ernst genommen zu werden, welches Alec dazu veranlasste ehrlich zu antworten.
„Rote Augen und einen komischen Schatten hab ich im Spiegel gesehen… wie aus einem Horrorfilm“, meinte er zögernd. „Aber das ist albern. Und als ich mich umgedreht hab, war da auch nichts.“
Er sah zu Magnus auf. Dass jemand größer war als er selbst erlebte Alec sehr selten.
„Hm, das klingt echt gruselig. Wahrscheinlich hätte ich mir in die Hose gemacht“, gab Magnus ungeniert zu und fing an zu lachen. Es war ein ansteckendes Lachen und Alec stimmte ein.
„Gottseidank hab ich das nicht“, grinste er. Das erinnerte ihn an den ursprünglichen Grund aus dem er die Toilette überhaupt erst betreten hatte und er verschwand schnell in eine der Kabinen. Als er sich anschließend die Hände wusch, trat auch Magnus aus einer Kabine und stellte sich an das Waschbecken neben ihm.
„Ich hab dich gar nicht gesehen auf der Party, warst du schon da?“, erkundigte Alec sich und griff nach dem Papier im Spender um sich die Hände abzutrocknen.
„Ach, erst seit ungefähr einer halben Stunde“, kam die Antwort.
„Und gefällt es dir?“
Magnus gab einen unverbindlichen Laut von sich.
„Was denn?“
„Da wo ich herkomme, haben wir etwas stilvoller gefeiert“, erklärte Magnus, erläuterte aber nicht näher, was denn genau stilvoller gewesen war, als eine Freshmen – College Party.
„Du kommst aus Indonesien oder?“, fragte Alec, warf sein Papier in den Mülleimer und wandte sich zum Gehen. Er hielt die Tür auf und sie betraten gemeinsam den Flur.
„Ja“, bestätigte Magnus.
„Darf ich fragen, wieso du nach Amerika gezogen bist?“
Magnus gluckste. „Ganz schön direkt. Bis jetzt hat mich das noch keiner gefragt.“
„Ja dass ich direkt bin wurde mir schon öfter vorgeworfen“, bekannte Alec und lächelte.
„Ich habe hier Freunde, die mir sehr wichtig sind. Und mein Vater hat einen guten Job hier angeboten bekommen.“
„Was arbeitet denn dein Vater?“
„Bei einem Bauunternehmen, das auf Abrissarbeiten spezialisiert ist. Man könnte sagen, mein Vater ist der König der Zerstörung“, sagte Magnus mit einem leicht belustigten Unterton.
„Ein bekanntes Unternehmen?“, wollte Alec wissen, doch inzwischen waren sie am Gemeinschaftsraum angelangt. Neben der Tür lehnte Clary und wartete. Sie war allein, Jace war vermutlich schon wieder bei Jenna. Als sie erkannte, wer neben ihrem Freund herlief weiteten sich ihre grünen Augen einen Moment überrascht, dann streckte sie jedoch die Hand aus und ging auf Magnus zu.
„Hi, ich bin Clary, Alecs Freundin und wer bist du?“
Magnus stellte sich vor.
„Alecs Freundin?“, hakte er nach. „Ihr seid zusammen?“
Clary schmiegte sich an Alec und nickte.  Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte er sich, dass sie nicht so anhänglich wäre und musste den Drang unterdrücken, Abstand zu ihr zu nehmen. Dann schämte er sich für seinen Gedanken und legte ihr einen Arm um die Schultern. Verliebte waren nun mal anhänglich. Er sollte sich wirklich mehr bemühen.
„Hast du denn eine Freundin?“, wollte sie von Magnus wissen. Der schüttelte den Kopf.
„Hier sind ein paar süße Mädels dabei heute Abend“, sagte Clary fröhlich und zwinkerte Magnus zu. Er grinste.
„Na, dann geh ich mal am besten rein und schau mich um. Wir sehen uns später.“
Sie nickten sich kurz zu, dann verschwand er in der Menge der tanzenden Schüler.
Als Alec ihm folgen wollte, hielt Clary ihn auf.
„Was hattest du denn mit dem komischen Neuen zu tun?“
„Er ist überhaupt nicht komisch, er ist sehr nett“, sagte er mit einem Anflug von Ungeduld. „Er war zufällig auch auf dem Klo und wir sind eben zusammen zurück gelaufen. Wo ist eigentlich Jace?“
„Jenna hat ihn in Beschlag genommen. Und da sagt er was über uns.“ Sie kicherte.
„Na komm, lass uns wieder reingehen“, schlug Alec vor und nahm sie bei der Hand.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast