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Bedingungslos

GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
OC (Own Character) Richard Kruspe
26.10.2020
22.07.2021
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22.07.2021 2.478
 
Wider Erwarten amüsierte sich Jane mit ihren Jungs und Khira richtig gut. Nach den obligatorischen Fragen nach ihrem Befinden spielte ihre Schwangerschaft keine wirkliche Rolle mehr. Während Nick sich nicht unterstehen konnte, wieder dezent mit Khira zu flirten, kramte Ian die alten Geschichten hervor, die immer für ein paar Lacher gut waren.
„Erinnerst du dich noch an den Typen, dem wir eingeredet haben, wir wären Geschwister?"
Jane schlug bei der Erinnerung an den denkwürdigen Abend eine Hand vor den Mund. „Gosh, yes! Ich war erstaunt, wie schnell er uns geglaubt hat."
„Moment mal, ihr beide habt jemandem vorgemacht, ihr wärt Geschwister?", hakte Khira lachend nach. „Und der hat euch geglaubt? No way!"
„Doch, doch. Wir mussten ihm nur eine kleine Geschichte von einer Mutter erzählen, die sich zuerst in einen schwarzen und dann in einen weißen Mann verliebt hat. Das hätte uns zu Halbgeschwistern gemacht. Hat ihm eingeleuchtet", bestätigte Jane.
„Nur hätte sich mein Vater nie getraut, an solche Sachen mit Muriel überhaupt zu denken", stellte Ian klar.
„Die beiden kennen sich?"
Wieder entblößte Ian beim Lächeln seine strahlend weißen Zähne. „Wie's der Zufall so will, kennen sich unsere Eltern alle. Wir haben es irgendwann mal hingekriegt, sie alle zusammenzubringen. Danach hat mein Dad mich ziemlich beeindruckt zur Seite genommen und gemeint, Muriel wäre eine klasse Frau, aber eine von denen, bei denen man bei jeder Berührung Angst haben müsse, man könnte was kaputtmachen."
„Du vergisst, dass er dann noch gefragt hat, ob ich auch so wäre."
Bei Janes Anmerkung kam rund um den Tisch Gelächter auf.
„As if! Die Goldenblatt-Girls können mehr ab, als man ihnen ansieht", stellte Stu schmunzelnd fest.
Dave pflichtete ihm bei. „So lovely, both of them. Und nicht aus Zucker."
Nick wandte sich von Khira ab und Jane zu. „Es ist ein Fehler, Dave dein Bier mittrinken zu lassen. Er verträgt so wenig."
„Poor sausage. Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert. Den Liebesdienst erweist er mir völlig freiwillig. Aber ich glaube, du liegst richtig. He's had enough." Sie strich Dave über die Wange. „Cuppa coffee, dear?"
„Naw, I'm okay", wehrte er ab.
War er nicht. Sie alle konnten sehen, dass sein Blick immer wieder verwaschen den Fokus verlor. Ian bestellte bei Charly per Handzeichen einen starken Kaffee und lehnte sich näher zu Jane hin. „Schläft dein Baby gerade?"
Sie schüttelte den Kopf. „Wach und aktiv, wie immer um diese Zeit. Guess she's missing her dad's voice."
„Where is he, anyway?"
„Ein enger Freund und Geschäftspartner gibt eine Party, zu der die gesamte Band eingeladen ist. Guess it'll be a lot of fun."
„Da wird es viele Frauen geben, die deinen Süßen anhimmeln und mit ihm spielen wollen", mutmaßte Ian leise.
„Probably. Mal sehen, ob er heute Nacht nach Hause kommt und wonach er dann riecht", gab Jane mit gedämpfter Stimme zurück. Ihr Kumpel hatte das ausgesprochen, was ihr die ganze Zeit schon im Kopf herumspukte. Natürlich gönnte sie Richard seinen Spaß, hoffte aber, dass er sich nicht von einer der willigen jungen Frauen angraben ließ.

Richard hatte keine Ahnung, wie nahe Janes Befürchtungen der Realität kamen, doch er trug sie in Gedanken bei sich. Er dachte gerade an Oonas Herztöne, als ihm eine Frauenstimme von hinten ins Ohr hauchte.
„Da bist du ja, Richard. Ich habe schon überall nach dir gesucht. Du hattest erst Geburtstag, aber ich hatte noch gar keine Gelegenheit, dir richtig zu gratulieren."
Wie die Stimme sich eine richtige Gratulation vorstellte, deutete ihre Hand an, die in eindeutiger Absicht zuerst über seinen Hintern und dann über seinen Schritt rieb. Fühlte sich nicht mal schlecht an, aber okay, so richtig übel fühlten sich solche Fummeleien ja im Prinzip nie an. Er musste sich anstrengen, sich an ihren Namen zu erinnern.
„Hallo, Cassandra. Nicht nötig. Wir hatten eine nette Party."
Gott allein wusste, mit welchem Namen besagte Cassandra zur Welt gekommen war, aber Cassandra war es mit Sicherheit nicht gewesen. Er glaubte nicht, irgendwann einmal mit ihr geschlafen zu haben, hoffte aber, die Andeutung würde als Abfuhr genügen. Weit gefehlt.
„Dann bist du ja noch im Training. Wie wär's mit einer kleinen Privatparty bei mir? Nur du, ich und mein ganz  besonderes Geschenk an dich." Dabei rieb sie ihre Brüste an seinem Rücken.
Gott, schon wieder solche Plastikteile! Okay, es mochte Schlimmeres geben, aber toll fühlte sich das gerade auch nicht an. Kein Vergleich zu dem, was er jeden Tag anfassen durfte, konnte und wollte.
Er wandte sich zu Cassandra um. „Danke, aber daraus wird nichts. Ich bin hier noch nicht fertig. Die Kollegen und ich sind schließlich auch geschäftlich da." Bloß nicht aufmunternd dabei schauen, sonst dachte sie, er wolle nur mit ihr spielen.
In ein paar Metern Entfernung standen Schneider, Paul und Till beisammen, beobachteten das Schauspiel und machten sich ihre eigenen Gedanken dazu.
„Die gibt sich echt Mühe, Scholle rumzukriegen", stellte der Drummer fest.
„Schafftse ooch. Kiek ma', wie er sich mit ihr unterhält."
Till warf dem Gitarristen einen missbilligenden Blick zu. „Schafft sie nicht. Sieh' ihn dir doch mal an - reine Abwehrhaltung." Sein Kumpel hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lächelte beim Sprechen nicht.
„Vielleicht lässt er sie nur zappeln, um sie so richtig anzuheizen", schlug Schneider vor.
„Blödsinn. Scholle weiß bloß nicht, wie er sie wieder loswerden soll", widersprach der Sänger entschieden. „Ich habe sowieso noch was mit ihm zu bequatschen." Mit ein paar entschlossenen Schritten überwand er die wenigen Meter, die ihn von Richard und dessen aufdringlicher Verehrerin trennten.

„Ah, Till! Schön, dass du ..." Das klang blöd, ganz so, als hätte er seinen Kumpel seit Ewigkeiten nicht gesehen. Richard räusperte sich. „Was gibt's?"
Der Sänger hätte um ein Haar laut gelacht. Die Erleichterung in der Stimme seines Freundes war nicht zu überhören, und das dankbare Lächeln in seinem Gesicht hätte er sich am liebsten eingerahmt.
„Baby hat da hinten jemanden, den er uns vorstellen wollte." Er musterte Cassandra einen Moment lang mit versteinerter Miene. „Hallo, Cassandra. Du nimmst jetzt mal schön deine Finger vom Kollegen Kruspe und lässt ihn arbeiten."
„Aber ich wollte ihm doch unbedingt zum Geburtstag gratulieren. So richtig." Die junge Frau lächelte anzüglich. „Du kannst uns gern Gesellschaft leisten. Hattest doch schließlich auch erst Geburtstag."
„Stimmt, gerade erst. Anfang Januar." Till merkte, wie Richard neben ihm grinste. „Nichts für ungut, aber ich bin aus dem Alter raus, in dem man sich mit dem Kumpel um ein Mädel prügelt. Such' dir jemand anderes zum Spielen."
„Aber-" setzte Cassandra wieder an.
Langsam wurde ihm ihre Beharrlichkeit zu viel. „Nichts aber. Wir erledigen jetzt unsere Arbeit und du amüsierst dich weiter." Damit drückte er Richard eine Hand ins Kreuz und steuerte ihn zurück zu Paul und Schneider. „Die wollte es aber wirklich wissen", murmelte er genervt vor sich hin.
„Danke für die Rettung. Die Kleine war wie eine Krake - Tentakel überall." Vor nicht allzu langer Zeit wäre er mit Freuden auf die Avancen eingegangen, aber nun? Nun saß daheim eine Frau in Cassandras Alter, die jeden Tag ein wenig dicker wurde, weil in ihr sein Kind wuchs.
„Keine Ursache. Die Kollegen waren übrigens der Meinung, du würdest mit der Krake abziehen, um ein bisschen Spaß zu haben", klärte Till ihn auf.
„Seid ihr irre? Na, besten Dank für die hohe Meinung, die ihr von mir habt", blaffte Richard seine Freunde an.
Schneider zuckte ungerührt mit den Schultern. „Sah halt danach aus."
„Die hat sich mächtig ins Zeug jelegt", bestätigte Paul. „Hätt' uns nich' jewundert, wenn de da schwach jeworden wärst."
Wahrscheinlich hätte es niemanden verwundert, musste Richard sich eingestehen. Er holte tief Luft und nickte. Punkt für die Kollegen.
„Sie wusste, wie sie zupacken muss. Trotzdem ... Ich überlasse es den rothaarigen Tennisspielern dieser Welt, sich mit einem Partyluder in die Besenkammer zu verdrücken. Daheim in meinem Bett liegt eine Frau, die sich gerade furchtbar fett und behäbig fühlt, dabei aber immer noch niedlicher aussieht als drei dieser Cassandras zusammen."
„Wie geht's deiner Jane? Alles in Ordnung bei ihr?", erkundigte sich der Drummer ohne Humor in der Stimme.
„Keine Probleme, danke der Nachfrage. Wir haben uns heute, oder vielmehr gestern, die Herztöne angehört."
„Und?"
„Klang wie du, wenn du trommelst. Die Kleine war ziemlich aufgeregt, weil der Doc vorher überprüft hat, ob sie sich schon gedreht hat. Der Schluckauf, den sie hatte, war nicht von schlechten Eltern." Richard verschwieg, dass er den Mitschnitt der Herztöne auf seinem Telefon mit sich herumtrug.
„Find' ick schön, dass dir dit wichtjer is' als die kleene Krake vorhin. Is' nich' mehr lang hin, oder?" Paul klopfte seinem Kollegen freundschaftlich auf die Schulter.
Er schüttelte den Kopf. „Nur noch zwei Monate. Ich kann's nicht erwarten, Oona endlich im Arm zu halten."
„Und Janey?", hakte Till nach. „Wie geht's ihr? Aufgeregt?" Ihm war die Britin so sehr ans Herz gewachsen, dass ihn solche Details interessierten.
„Nicht wirklich. Eher ein bisschen ängstlich. Sie will alles perfekt machen und die Geburt möglichst schnell hinter sich bringen. Kann man ihr nicht verdenken, oder?"
„Absolut nicht."
Besonders bei Schneider waren die Eindrücke noch frisch genug, um den Wunsch nachvollziehen zu können.
Paul winkte jemandem zu, bevor er auch seine Kollegen darauf aufmerksam machte. „So, nu' is' dit ooch jeklärt. Dann können wa zum Jeschäftlichen überjeh'n. Baby steht da hinten und fuchtelt janz verzweifelt mit den Armen, weil er will, dass er beachtet wird."
Sie folgten der Bitte um Aufmerksamkeit. Schließlich waren sie nicht auf dieser Party, um über Familienangelegenheiten zu quatschen, sondern, um Kontakte zu pflegen.

Nick und Ian hatten es sich nicht nehmen lassen, Khira und Jane im Taxi nach Hause zu begleiten. Stu hatte es mit Dave ähnlich gehalten. Nachdem er ihn in ein Taxi bugsiert hatte, stieg er mit ein, um seinen betrunkenen Kumpel nicht sich selbst zu überlassen.
Es war niedlich gewesen, Nicks Verabschiedung von Khira zu beobachten. Er hatte, ganz entgegen seiner üblichen Art, Zurückhaltung geübt und sich mit einem Küsschen auf die Wange bis zum nächsten Mal empfohlen. Jane hatte ihre Freundin aufmerksam angesehen, um herauszufinden, wie wahrscheinlich eine nächste Verabredung war. Allem Anschein nach recht wahrscheinlich, denn Richards Tochter hatte ihr schönstes Lächeln im Gesicht und so rote Wangen, dass man ihre Freude selbst ohne Straßenbeleuchtung bemerkt hätte.
Inzwischen lag Jane im Bett, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, auf Richard zu warten. Es hatte nicht länger als zehn Minuten auf der Couch gedauert, bis sie eingesehen hatte, dass es keinen Sinn hatte, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Er würde schon irgendwann eintrudeln. Ob er sich auf der Party mit einer anderen Frau amüsiert hatte, würde sie auch am Morgen noch herausfinden.

Richard ging fest davon aus, Jane im Wohnzimmer vorzufinden, eingekuschelt auf der Couch und mit einem alten Film im Fernsehen. Trotzdem schloss er die Wohnungstür leise auf und bewegte sich vorsichtig durch seine Wohnung. Ein schneller Check der Küchenuhr brachte ihn schnell wieder davon ab, noch irgendwen vor dem Fernseher zu suchen. Es war halb drei in der Nacht und vollkommen zu recht mucksmäuschenstill.
Er schlich sich ins Schlafzimmer und knipste seine Nachttischlampe an. Hätte er auch nur eine Sekunde lang mit dem Gedanken gespielt, sich auf Cassandra einzulassen, hätte er den Anblick, der sich ihm bot, nicht mehr genießen können. Seine hochschwangere Freundin lag inmitten abpolsternder Kissen auf dem Rücken und hatte wegen der Hitze die Bettdecke zurückgeschlagen. Das Oberteil, das eigentlich längst zu eng war, bedeckte nur noch den obersten Teil ihres Bauches. Richard lächelte vor sich hin. Eine schnelle Nummer mit Cassandra hätte ihm das alles unwiderruflich vergiftet.
Als er dabei war, sich auszuziehen, wachte Jane auf. „Hey, darling. Had a good party?"
„Hey. Ihr sollt doch schlafen. Ja, war eine gute Party, aber ich muss unter die Dusche." Er kroch über seine Hälfte des Bettes hinweg zu ihr hin, um sie zu küssen. Wie gut sich das anfühlen konnte, redlich geblieben zu sein. „Wie war dein Abend mit den Jungs?"
„Great fun. A good booze for the boys, lots of laughter, the Royal family. As always", erstattete sie nicht sehr munter Bericht.
„Freut mich für dich. Wie haben sich meine Töchter benommen?"
Jane lächelte. „One's been kicking me all evening. To give you a clue - it wasn't Khira. And you? Lots of horny women?"
Die Frage brachte Richard zum Lachen und verschob seine Dusche. Mit einem leisen Seufzen ließ er sich neben ihr auf die Matratze sinken. „Hauptsächlich eine, die sich nur ungern abschütteln lassen wollte. Ich habe Tills Hilfe gebraucht, um sie wieder loszuwerden. Ein freches Luder war das, kann ich dir sagen. Statt sich vom Acker zu machen, hat sie Till einen Dreier angeboten."
„But he wasn't game?"
„Nein, er wollte sie auch nicht. Weder zu dritt noch zu zweit", erklärte er belustigt. Seine Hand legte sich auf ihren Bauch. „Ich muss mir keine Sorgen machen, Janey, weil du meine Eier dranlassen kannst. Denk' bloß nicht, dass ich deine subtile Warnung vergesse, wenn ich allein unterwegs bin."
Ihre Hand tätschelte seine. „Good man. Don't forget your fat girlfriend while you're having fun."
„Spinnerin. Gib' mir kurz Zeit für eine Dusche. Ich möchte nicht nach Zigarettenrauch riechen, wenn ich neben meiner fetten Freundin einschlafe."
Um sich selbst am Einnicken zu hindern, rappelte Richard sich auf und verschwand ins Badezimmer. Runter mit der Farbe im Gesicht, runter mit dem Haarstyling, runter mit den fremden Gerüchen. Für diese Nacht verabschiedete sich RZK Superstar zusammen mit Shampoo und Duschgel in den Abfluss der Dusche. Jane genügte es, wenn ein zerknitterter Richard neben ihr lag. So sehr er in seiner Rolle aufging, so entspannend fand er es noch immer, vor ihr einfach nur er selbst sein zu dürfen.

Bei seiner Rückkehr hatte Jane die Kissen so gelagert, dass sie beide bequem liegen konnten, ohne auf Körperkontakt verzichten zu müssen. Er schlüpfte unter die Decke, legte seine Hand zurück auf Janes Bauch und strich liebevoll darüber.
„Shh, Oona! Schlaf' schön, Kleine. Daddy ist ja da."
„We've been missing you all evening, love", murmelte Jane schläfrig.
„Ich euch auch", gab Richard zu.
Was sich so leicht dahinsagte, stimmte tatsächlich. Er hatte sie sich an seiner Seite gewünscht. Oh, es würde großartig werden, wenn er sie endlich zu solchen Anlassen mitnehmen konnte! Dann würden es ihre Hände auf seinem Hintern und seine Hände auf ihrem sein, nicht die irgendwelcher billiger Cassandras.
 
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