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Blutgier

GeschichteThriller, Horror / P18 / Gen
Jäger
26.10.2020
26.10.2020
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2.022
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26.10.2020 2.022
 
Ich sitze in der Küche. Dampfend wartet der Kaffee auf dem Tisch darauf, von mir getrunken zu werden. Das Ticken der Uhr wird begleitet vom regelmäßigen Geräusch der Seiten. Ich blättere in einem Album, es enthält verbotene Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, die ich lieber vergessen würde. Wie mit einem glühenden Eisen haben sich die Bilder in mein Gehirn gebrannt. Mein gesamtes Leben werden sie mich verfolgen.
Gedankenverloren blättere ich durch die Seiten. Ihre Stimmen lassen mich aufschrecken. "Vater", die Zwillinge kommen in freudiger Erregung zu mir. Ihre tief grünen Augen strahlen mir entgegen. Das dunkle Haar ist bei Beiden zusammen gebunden. In ihren bunten Kleidern hat man das Gefühl, von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Sie strahlen über das ganze Gesicht. Ihr lächeln lässt selbst den wundervollsten Sonnenaufgang verblassen. Die Mädchen sind Fluch und Segen zugleich. Sie sind das perfekte Ebenbild ihrer Mutter. Sie wiederum ist das einzige Überbleibsel einer grauenvollen Nacht.
Ich kann mir schon denken, weshalb sie so aufgeregt sind. Es ist bald wieder soweit. Jedes Jahr, pünktlich eine Woche bevor es los geht, bitten sie darum. Jedes Jahr ist meine Antwort die gleiche. Sie sind noch so jung. Ihrer Bitte nachzukommen hieße, ihnen ihre Unschuld zu nehmen. Ich fürchte, mich vor dem Tag, an dem ich ihre Bitte nicht mehr abschlagen kann. Und ich fürchte mich vor dem Gedanken, dieser Tag könnte bereits gekommen sein. Denn es ist Brauch, einer, den man nur ungern weiter gibt. Und doch hat er seinen Sinn. Obgleich ihn viele nicht verstehen.
"Erzählst du uns heute deine Geschichte?" Sarah legt einen flehenden Ausdruck auf. Ihre Schwester Carol hebt bettelnd die Hände. Ich lege mein Album zur Seite. Einen großzügiger Schluck Kaffee, dann widme ich mich den Mädchen. "Das sind keine Geschichten für kleine Kinder, die ohnehin schon lange schlafen sollten." Natürlich sind sie anderer Meinung. Sie sind immer anderer Meinung, wenn es um die alten Jägergeschichten geht. Ihre Mutter steht mit verschränkten Armen in der Tür. Einst habe ich sie bei einer solchen Jagd gerettet. "Gönnst du deinen Töchtern keine Schauermärchen vor dem zu Bett gehen?" Wenn es doch nur Märchen wären. Gerade Elizabeth sollte das wissen. Ihre gesamte Familie wurde bei einer dieser Geschichten ausgelöscht. Einschließlich ihrer Schwester.
"Peter von nebenan durfte die Geschichten schon im letzten Jahr hören." Für gewöhnlich kann ich Carol keinen Wunsch abschlagen. Wenn es aber um die Erzählungen geht, endet meine väterliche Wehrlosigkeit. "Du bist aber nicht Peter von nebenan." Bisher lauschte Elziabeth einfach den kläglichen Verhandlungsversuchen. Heute jedoch mischt sich die Mutter in die Diskussion ein. "Wie lange willst du ihnen noch vorenthalten, worum es in dieser Nacht wirklich geht?" Ihr Blick wird weicher, als sie fortfährt. "Sie sind alt genug. Und wir können es jederzeit beenden." Früher oder später müssen sie es wohl erfahren. Mir gefällt es trotzdem nicht. Kindern von Schrecken erzählen, die selbst einen ausgewachsenen Mann an den Rand des Wahnsinns treiben können, diese Logik entzieht sich meinem Verständnis von Fürsorge. Auskommen werde ich dem wohl trotz Allem nicht. Nicht, nachdem Elizabeth sich ihnen anschließt.
Liz macht ein Feuer, während ich in meinem Sessel Platz nehme. Die Mädchen sitzen erwartungsvoll zu meinen Füßen. Ein letztes mal atme ich tief ein, also würde es mich mehr Mut kosten, als den Zwillingen selbst. "Einmal im Jahr", beginne ich mit der Erzählung. "Einmal im Jahr ist es Brauch, den Kindern von vergangenen Tagen zu erzählen. Den Tagen, als die Jäger nur in wenigen Teilen der Welt zu finden waren."

Allen Orts hörte man Legenden. Sie alle erzählten von Yharnam, einer Stadt weit im Osten. Kaum einer wagte zu glauben, es könne etwas wahres daran sein. Was man hörte war viel zu fantastisch. Irgendwann kam auch ich in das Alter, da man mir von den alten Legenden erzählte. Mächtige Männer und Frauen, ganz besondere Menschen, die die Stadt beschützten. Denn regelmäßig kam eine Zeit, in der man sein Zuhause nicht verlassen durfte. Niemand wusste so recht warum. Eines wussten sie aber alle. Wer dagegen verstieß, dem sollte schreckliches Unheil widerfahren.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Eines Tages würde ich die Stadt selbst sehen, mit eigenen Augen. Dann würde ich schon wissen, was dahinter steckt. Vielleicht konnte ich auch zu einem dieser mächtigen Männer werden. Ich würde die Stadt schützen und am nächsten Tag würde man mir zujubeln. Sie würden mich mit ihrem Dank überschütten. Wenn die Geschichten stimmten, so erwartete mich eine ruhmreiche Nacht. Lange hatte ich geübt und mich darauf vorbereitet. Ich hatte Waffen, Arznei befand sich in ausreichenden Mengen in meinem Gepäck, sogar für einen Informanten innerhalb der Stadt hatte ich gesorgt. Ein leichtes Unterfangen war es nicht, die Einheimischen waren nicht gut auf Fremde zu sprechen. Am Ende hatte ich alles, was ich brauchte, um gut gerüstet zu sein. In Wahrheit konnte mich nichts auf das vorbereiten, was mich hinter der Stadtmauer erwartete.

Die Zwillinge sehen mich erwartungsvoll an. Elizabeth hat neben mir Platz genommen. Ich bereue bereits überhaupt damit angefangen zu haben. Man sollte Kindern keine Angst machen. Nicht einmal, wenn es einem Zweck dient. Und Angst bekomme ich schon bei der bloßen Erinnerung daran. Elizabeth zuliebe habe ich nie darüber gesprochen. Sie hasst die Jagd mindestens ebenso, wie ich. Ihr Alptraum beschränkt sich auf das Wissen um das Schicksal ihrer Familie. Ich jedoch bin Teil des Alptraums, den wir selbst befreit haben.

Um mich während der Nacht nach draußen zu wagen, musste ich mich den Jägern anschließen. Dies war einfacher gesagt, als getan. Eine Waffe und eine Hand voll Fläschchen machten einen noch lange nicht zum Jäger. Es bedurfte eines Rituals. Eines, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, für Fremde schon gar nicht. Ich war enttäuscht, wie sehr hatte ich mich darauf gefreut. Nun sollte die Nacht für mich ihr Ende finden, noch ehe sie begonnen hatte. Niemand von normalem Blut würde die Nacht außerhalb der schützenden Wände seines Heims überleben. Doch ich hatte Glück, wenn man es denn so nennen konnte. Ich fand einen Mann, der Willens war, mich in das Ritual einzuweihen. Er würde einen Jäger aus mir machen. Dazu benötigte er nur ein wenig meines Bluts. Im Gegenzug wollte er lediglich ein Fläschchen für seine Studien. Ein paar Tropfen Blut dafür, dass er aus mir einen Jäger machte. Ein kleiner Preis für die Erfüllung meines Traums. In Wirklichkeit unterzeichnete ich einen Pakt mit dem Teufel.

"Aber ich dachte, du wolltest unbedingt Jäger werden." Carol sieht mich verständnislos an. Wenn er doch nur etwas Blut wollte, hätte es ein perfektes Geschäft für mich sein sollen. "Das Problem war nicht die Gegenleistung." Ihre Mutter lächelt, als sie versucht dem Kind den Handel zu erklären. "Das Problem ist die Jagd für sich. Dadurch, dass dein Vater zum Jäger wurde, hat er sich zur Teilnahme verpflichtet." Nun versteht Carol überhaupt nichts mehr. Ihre Schwester blickt ungeduldig zu uns auf. "Wann kommen die Ungeheuer?" Inzwischen ist es dunkel geworden. Das Zimmer wird nur von den Flammen im Kamin erhellt. Geduld war noch nie ihre Stärke. "Sie kommen früher, als dir lieb ist. Und wenn du nicht vorsichtig bist, kommen sie, um dich zu hohlen." Beim zweiten Satz legt sich ein verschwörerischer Ton in meine Stimme.

Während des Rituals sollten meine Augen geschlossen sein. Der Fremde legte besonderen Wert darauf. Wenn ich nicht träumen würde, so meinte er, würde das Ritual nicht funktionieren. Ich verstand nicht was daran so wichtig sein sollte. Andererseits konnte es mir gleich sein. Wenn ich wieder erwachte, würde ich mein Ziel erreicht haben. Ich lag auf einem Metalltisch in einer Art Krankenhaus. Es musste etwas besonderes sein. Laut den Erzählungen des Fremden wurden hier ausschließlich Jäger behandelt. Vor der Jagd erhielten sie die letzte Weihe. Wenn die Sonne wieder aufging, kümmerte man sich um die Verletzungen, die sie sich im Kampf zugezogen hatten. Und selbst die Verletzungen waren besonders. Die von normalem Blut konnten eine solche Wunde unmöglich überleben. Sie waren so besonders, dass sogar der ein oder andere Jäger den Tod durch sie fand.
Natürlich erfüllte das Krankenhaus noch einen weiteren Zweck. Den nämlich, zu dem ich in jener Nacht auf dem metallenen Tisch lag. "Schließt gleich eure Augen, wir sind spät dran." Gurte wurden überall an meinem Körper festgezogen. "Es bleibt noch genug Zeit, für euch jedenfalls. Wenn ihr zurückkehrt, werdet ihr wohl allein sein." Ich war nervös, wie genau sollte dieses Ritual ablaufen? Was würde mit mir geschehen? Wer sollte all die Gurte lösen, um mich zu befreien? Ich schloss meine Augen, ungewiss wie lange es wohl dauern würde und was mich erwartete.
Ein merkwürdiges Gefühl ergriff von mir Besitz, als würde ich in einem Strudel festhängen. Die Zeit verging wahnsinnig schnell und doch kam es mir vor, als vergingen Tage, bis ich das nächste mal die Augen öffnete. Als ich es tat, wünschte ich mir fast augenblicklich die Dunkelheit zurück. Das Zimmer in dem ich eingeschlafen war, war nicht mehr wieder zu erkennen. Bücherregale waren umgeworfen, daneben sammelten sich achtlos weggeworfene medizinische Geräte. Einige Fläschchen lagen In einer Pfütze, sie sahen aus, wie jene, die der Fremde nutzte, um mir das Blut abzunehmen.
Die roten, hell leuchtenden Punkte in der Schwärze der Finsternis bemerkte ich erst, als es zu spät war. Mit mir war etwas böses erwacht. Und dieses Böse starrte mir nun aus lauernden, roten Augen heraus entgegen. Das Augenpaar bewegte sich, es kam näher, wie mir schien. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen Laut hervor, während die Augen immer näher kamen. Bis sie zu einer grauenhaften Fratze wurden. Lange Fangzähne ragten an den Seiten des Mauls hervor. Ich betete zu Gott, obgleich ich mir das hätte sparen können. Wo ein solches Monster frei umher wanderte, konnte Gott unmöglich anwesend sein. Auf allen Vieren kroch mir das Ungetüm entgegen. Bei jedem Schritt scharrten riesige Klauen über den Boden, jede einzelne größer als meine gesamte Hand.
Das Monster beugte sich über meinen Leib. Ein riesiges Maul öffnete sich, bereit mich zu verschlingen. Ein Schwall heißen, stinkenden Atems schlug mir entgegen. So würde ich als von dieser Welt gehen. Als Jäger zwar, jedoch als einer, der noch vor dem Kampf sein Leben ließ. Panisch schloss ich meine Augen. Die Kreatur stieß ein entsetzliches Heulen aus. Als ich meine Augen öffnete, ging das Monster schwer verletzt zu Boden. Ein grässliches Röcheln entfuhr der Kehle. Die Kreatur brach in einer Pfütze aus Blut zusammen.

"Das reicht für heute, Kinder. Ab ins Bett." Bis vor wenigen Augenblicken hätte man meinen können, die Kinder langweilen sich zu Tode. Jetzt, wo die Bestie in Erscheinung tritt, sitzen sie mit gebannter Miene vor mir. "Aber doch nicht jetzt," beschwert sich Sarah. "Gerade, wo es spannend wird." Es gibt noch genug Tage, um Geschichten über entsetzliche Monster und heldenhafte Jäger zu hören. "Eure Mutter hat recht, das war reichlich Blutdurst für einen Abend." Elisabeth bringt die Zwillinge zu Bett, während ich mein Album verstaue.
Noch lange hören wir die Mädchen reden. Liz möchte ihnen den Mund verbieten, damit sie endlich schlafen. Ich halte die Frau zurück. Sollen sie reden, irgendwann wird die Müdigkeit doch siegen. Und so wie ich damals meine Weihe zum Jäger erhielt, so bekamen die Mädchen heute ihre eigene, wenn auch nur die des Zuhörers.
Während die zarten Stimmen zu uns dringen, denke ich über meine Erzählung nach. Wie nah soll ich an der Wahrheit bleiben? Wie viel ist den Mädchen wohl zuzumuten? Zeugt dieser Brauch überhaupt von Verantwortung? Der Sinn ist mir durchaus verständlich. Den Kindern klar zu machen, wie gefährlich es in den Straßen ist, kann kaum als falsch verstanden werden. Doch braucht es dafür wirklich Geschichten, die manch einer lieber vergessen würde? An uns Jägern ist nichts Rühmliches. Allein wir sind der Grund, warum Geschichten erst erzählt werden müssen. Als ich ihnen eine gute Nacht wünsche, sage ich den beiden: "Vergesst nicht, wo wir stehen geblieben sind. Es gibt noch viel zu erzählen." Sie werden es nicht vergessen. Und genau das ist meine Sorge.
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