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Höllenkreise

von xanonyme
MitmachgeschichteAbenteuer, Horror / P18 / Mix
26.10.2020
10.06.2021
57
214.913
11
Alle Kapitel
194 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
10.06.2021 4.756
 
Sorry für den Kapitelspam. Aber es ist fertig und ich stelle mich in letzter Zeit nicht mehr so gut damit an, mit dem Upload zu warten, wie noch zu Vorrats-Zeiten.
Ich schulde euch noch Review-Antworten, vielen Dank mal dafür, die kommen spätestens am Wochenende. Ich schätze, das nächste Kapitel wird etwas länger dauern - also versprochenerweise länger als zwei Tage ^^.
Und hier mal die offizielle Info: Die neue MMFF wird irgendwann im Juli kommen, der Termin hält. Ihr habt dann aber noch genug Zeit für die Steckbriefe, sollte ich mit dieser hier jetzt wirklich schon früher als Mitte Juli fertig werden. Ich rechne die Zeit, die sie früher hochgeladen wird als Mitte Juli dann einfach auf die Frist drauf. :]


Arena Tag 6, 16:00 Uhr
Erhebung


Twyla Corbyn (Distrikt 8)



Twyla streifte ohne Kopf und Ziel durch die Berge. Ihr war heiß und kalt gleichzeitig, ihre Haare fielen ihr ständig ins Gesicht und störten das Sichtfeld, aber Twyla fand in diesem Moment nicht die Kraft dazu, etwas dagegen zu unternehmen.
Sie schwitzte und ihr Atem ging schnell. Bei jedem Schritt nach oben begann ihre Lunge, mehr zu brennen, aber Twyla blieb in Bewegung. Sie wusste nicht, wohin sie wollte, aber sie wusste sehr wohl, dass sie nicht einfach dasitzen konnte, um auf ihren Tod zu warten.
Die Arena kam ihr vor wie eine stetige Wechselwirkung aus Lebenswillen und Todesakzeptanz. Man dachte, man würde sterben. Dann passierte es nicht. Man schöpfte Hoffnung. Und diese wurde dann einfach in einer einzigen Sekunde wieder zerstört.
Twyla kam sich unglaublich einsam vor. Konnte es sein, dass sie Castors Gesellschaft bereits jetzt vermisste? Eigentlich hatte sie gedacht, dass das Gefühl, welches sie beim Weggehen beschlichen hatte, verschwinden würde. Aber das hatte es nicht getan. Es war immer noch da. Twyla fühlte sich leer. Leer, verlassen und verzweifelt. Sie konnte gar keinen klaren Gedanken darüber fassen, wie sehr ihr der Boden unter den Beinen weg gezogen war. Vielleicht hätte sie es niemals vor Castor zugegeben, aber seine Anwesenheit hatte so viele Dinge besser gemacht, selbst damals, als sie sich noch ständig gestritten hatten. Wenn man es richtig bedachte, dann hatten sie eigentlich niemals damit aufgehört. Ein kleines, trauriges Lächeln schlich sich auf Twylas Gesicht.
Es war einfach die Tatsache gewesen, dass das Bündnis oder die Freundschaft oder was auch immer mit Castor es ihr ein kleines Stück weit erlaubt hatte, zumindest in ihrem Kopf den Anschein von Normalität zu wahren. Dass sie hier drin bisher noch nicht wahnsinnig geworden war, war vermutlich dem Umstand zu verdanken, dass er da gewesen war. Und jetzt war er weg. Was er wohl gerade tun würde? Würde es ihm ebenso schlecht gehen wie ihr?
Was hatte er sich überhaupt die ganze Zeit gedacht, als sie zusammen unterwegs gewesen waren? Was war ihm durch den Kopf gegangen in dem Moment, in dem er sie am vierten Tag zu sich gezogen und geküsst hatte? Twyla hätte ihn das nie gefragt. Niemals. Weder vor ihm hatte sie zugeben wollen, dass sie das interessierte, noch vor dem Kapitol. Dem verdammten Kapitol.
Twyla fuhr sich mit ihren Fingern kurz über ihre Lippen bei der Erinnerung an den vierten Tag. Sie fühlten sich spröde an, ausgetrocknet. Beinahe wie ein Spiegelbild ihrer selbst.
Die Achterin blieb einen Moment stehen und hielt inne. Einerseits zwangen sie ihre Lungen dazu und andererseits wollte sie nach unten blicken. Sie wollte es nicht direkt – eher verspürte Twyla einen inneren Drang, das zu tun.
Sie befand sich mittlerweile ein gutes Stück in den Bergen. Komisch, irgendwie hatte sie gar nicht mitbekommen, wie viel Strecke sie bereits hinter sich gebracht hatte. Hatte sie überhaupt eine Pause gemacht?
Twyla öffnete bei dieser Gelegenheit ihren Rucksack und nahm die Wasserflasche heraus. Beim Trinken beäugte sie ihre Hände. Sie waren krebsrot.
Zu mir sagst du immer, ich soll mir Sonnenschutz auftragen, und selbst tust du dir keinen auf deine Wasserleichenhaut, Zwerg.
Ja, vermutlich hätte er so etwas in der Richtung gesagt. Vielleicht hätte er dann Sonnenschutz hervorgeholt und ihn ihr in die Hand gedrückt. Vielleicht hätte er ihn ihr auch selbst aufgetragen, so wie damals, am zweiten Tag. Twyla hätte dazu irgendeinen garstigen Kommentar abgelassen, aber sie hätte ihn gewähren lassen.
Twyla verstaute ihre Flasche wieder und suchte mit ihren Augen die Umgebung unter sich ab. Die Häuser der Stadt sahen alle irgendwie gleich aus. Und auch die Ansicht von oben ließ keine Schlüsse darauf zu, wo sich was befand. War das da hinten das Haus, vor dem sie am Vortag gesessen hatten? Von dem aus sie aufgebrochen waren, bevor…
Twyla fuhr sich mit der Zunge über das Innere der oberen Zahnreihe. Ihre Zähne fühlten sich immer noch rau an vom Erbrechen. Es wunderte sie ein klein wenig, warum ihr in diesem Moment nicht sofort wieder übel wurde, nachdem sich gerade das Bild, oder vielmehr das Gefühl in ihren Kopf drängte, wie es war, als sich die Klinge in Cindrans Magen versenkt hatte. Das Unangenehmste war allerdings danach gewesen, als Twyla die Entscheidung getroffen hatte, noch einmal zuzustechen. Den Arm dabei zu heben und ihn dann in vollem Bewusstsein auf sein Herz zurasen zu lassen, Druck ausüben zu müssen, damit sie überhaupt irgendetwas ausrichten würde. Aber das alles hatte in diesem Moment keinerlei Bedeutung mehr. Noch gestern hatte sie gedacht, dass das der Weg zum Ziel sein würde. Die Aussicht darauf, dass Castor und sie hier wieder raus kommen könnten, hatte ihr Kraft verliehen, die jetzt nicht mehr da war. Überhaupt war nicht mehr viel von ihrem alten Ich da.
Twyla verspürte keinerlei Bedürfnis, zu schreien oder zu fluchen. Ihr fiel nicht einmal mehr ein Name ein, mit dem sie die Spielemacher betiteln hätte können, den sie als passend empfunden hätte.
Das alles hier war einfach nur vollkommen krank. Vielleicht hätte Twyla ihre Wut hinausgeschrien, wenn sie die Kraft dazu gefunden hätte, aber dem war nicht so.
Sie blickte weiterhin nach unten. Sah Häuser. Vermutlich war dasjenige, das ihr zuvor am äußeren Rand der Stadt aufgefallen war, überhaupt nicht das, bei dem sie gewartet hatten. Es sah alles so gleich aus. Twyla konnte sich nicht einmal mehr richtig daran erinnern, in welche Richtung sie in den letzten Stunden gelaufen war. Begonnen hatte sie mit dem Aufstieg nach links. Weil Castor rechts von ihr gestanden hatte. Sie hatte ihm einfach den Rücken zugewandt und war auf den Berg hinauf gegangen. Hatte er einfach dort gestanden und gewartet? Wie lange?
Aber danach verblassten ihre Erinnerungen an den Weg. Sie konnte sich nicht einmal mehr in Gedanken rufen, wie die Landschaft, die sie nun schon hinter sich gelassen hatte, ausgesehen hatte. Aber auch hier wieder… eigentlich sah ja alles irgendwie gleich aus.
Twyla schloss den Reißverschluss ihres Rucksackes und schnallte ihn sich wieder um. Als der Stoff ihrer Oberbekleidung gegen ihren Rücken gedrückt wurde, merkte sie, wie sehr sie geschwitzt hatte.
Das Shirt war nass und mittlerweile kalt. Twyla jagte ein Schauer über den Rücken, sie bekam Gänsehaut an den Armen. Also setzte sie sich wieder in Bewegung. Wenn sie hier drin sterben würde, dann sicherlich nicht an einer verdammten Unterkühlung. Wobei das vermutlich gar nicht möglich war. Aber Twyla hatte sich das Sterben sowieso ganz anders vorgestellt, als es ihr bisher hier in der Arena begegnet war.
Sie wusste nicht, wie lange sie unterwegs war, ihre Gedanken drifteten erneut ab. Zurück zu Cas und dort hin, worüber sie in der letzten Nacht geredet hatten. Twyla war tatsächlich so voller Hoffnung gewesen, dass sie ihm im Flüsterton Dinge erzählt hatte, von denen sie nicht gedacht hatte, dass sie für irgendwelche Ohren hier in der Arena bestimmt sein würden.
Sie hatte erfahren, dass Cas einen Zwillingsbruder hatte und hatte ihm erzählt, dass sie selbst auch zwei Brüder hatte, zwei jüngere. Sie hatte ihm erzählt, dass sie hoffte, die beiden hätten nicht zugesehen, als sie Cindran umgebracht hatte. Und ihre Mutter auch nicht. Cas hatte sie nach ihrem Vater gefragt und Twyla hatte ihm erzählt, dass er die Familie verlassen hatte. Dass er genauso war wie das unverlässliche Pack Männer, das ihr ständig überall begegnete.
„Bin ich auch unverlässlich?“
Cas hatte dabei nicht einmal gegrinst, Twyla glaubte, dass es eine ehrlich gemeinte Frage gewesen war. Und sie hatte nur gelächelt und gesagt: „Ein bisschen. Aber ich muss zugeben, dass du mich positiv überrascht hast.“
Dann hatte er doch gegrinst, ihr über den Kopf gestrichen und sie in den Arm genommen. Twyla war weg gedöst. Hatte nicht einmal mehr daran gedacht, was am Abend vorgefallen war. Aber jetzt dachte sie daran. An Cindran und den Druck auf dem Messer.
Nun wurde ihr doch wieder speiübel. Twyla klammerte sich an die Felswand, um sich irgendwie auf den Beinen zu halten. Sie konzentrierte sich darauf, zu atmen. Einfach nur zu atmen. Ein und aus.
Irgendwann richtete sich die Achterin wieder auf und ging weiter. Es nützte nichts. Diese Dinge hätte sie sich überlegen sollen, bevor sie jemandem ihr Messer hineingejagt hatte.
Einen Fuß setzte Twyla also nun vor den anderen. Immer noch hatte sie kein Ziel vor Augen. Vielleicht würde sie doch in naher Zukunft stehen bleiben und einfach warten…
Und mit dem ersten Teil ihres Gedankens hatte Twyla recht.
Sie blinzelte zweimal, als sie zuerst ein Geräusch wahrnahm und dann sah, wie sich etwas ein paar Meter über ihr in ihr Blickfeld schob. Besser gesagt jemand. Twyla war nicht erpicht darauf gewesen, hier drin noch irgendjemandem zu begegnen, aber die Person vor ihr war wohl diejenige, auf die sie am meisten verzichten hätte können.
Castors Distriktpartnerin sah nicht überrascht aus. Möglicherweise hatte Bia Twyla auch schon von Weitem erblickt und einfach nur auf sie gewartet. Twyla hätte es nicht gemerkt. Sie schaffte es nicht, sich innerlich dafür zu verfluchen.
In Bias Gesicht spiegelten sich Müdigkeit und Schmerz. Ihre Kleidung war übersät mit Blutflecken und ihre Haare waren verklebt. Die Jacke hatte einen Riss am Ärmel. Aber Twyla machte sich keine Gedanken darüber, was auf Bias Arenaweg vorgefallen sein könnte.
Sie starrte die Zweierin nur an. Und wurde zurück angestarrt. Twyla haderte mit sich. Sollte sie das Messer ziehen? Würde das überhaupt irgendetwas bewirken? Bia sah fertig aus. Dennoch. Die Zweierin überragte sie um fast einen ganzen Kopf, brachte sicherlich fast das Doppelte von Twylas Gewicht auf die Waage und sie hatte ein Schwert umgeschnallt. Es war kürzer als dasjenige, das Cas immer benutzt hatte. Unter dem Riss in der Jacke konnte man einen sehnigen Oberarmmuskel erkennen.
Bia hatte sich noch nicht bewegt, sie starrte weiter. Aber am Vormittag hatte es drei Kanonen gegeben. Es waren noch fünf Tribute im Rennen. Sicherlich würde sie nicht lange fackeln.
Wäre es angebracht, weg zu rennen? Vermutlich. Twyla senkte ihren Blick.
„Er hat dich also laufen lassen.“
Ruckartig hob Twyla ihren Kopf wieder. Bias Stimme hörte sich kratzig und abgebrochen an. Es war eine Feststellung gewesen, mehr nicht. Man konnte keine Folgerung aus dem Satz ablesen. Aber irgendetwas störte Twyla dennoch massiv. Er hat dich also laufen lassen. Irgendwie hörte sich das so an, als hätte Bia nicht damit gerechnet. Als wüsste sie irgendetwas über Cas oder Twyla oder sie beide oder darüber, wie Castor sich verhalten würde. Beinahe klang es so, als dachte Bia, sie hätte besser gewusst, wie er sich verhalten hätte sollen. Die Aussage war einfach nur unglaublich anmaßend. Diese…
„Schlampe“, zischte Twyla schnell und leise, machte auf dem Absatz kehrt und hetzte los.
Sie sah nicht nach hinten, registrierte nur durch das Geräusch von lauten Schritten, dass Bia ihr folgte. Der Weg war steinig und wenn man falsch auftrat, dann lief man Gefahr, hinzufallen. Twyla spürte einzelne kleine Kiesel unter ihren Stiefeln wegrollen, während sie rannte.
Die Schritte hinter ihr wurden lauter, bedrohlicher. Twyla drehte sich im Laufen um und sah, dass Bia näher kam. Sie kam in unglaublich großen Sätzen auf sie zu.
Die Achterin versuchte, ihr Tempo zu beschleunigen, biss die Zähne zusammen und rannte um ihr Leben. Sie rannte über die Stufen, die sie zuvor bezwungen hatte, versuchte, die Abzweigungen, die sie nahm, zufällig zu wählen, aber Bia kam ihr immer näher. Twyla glaubte, den Atem der Zweierin an ihrem Ohr zu hören, bevor sie von hinten gepackt und zu Boden gestoßen wurde.
Ihr Gesicht kam auf dem Boden auf, Erinnerungen an den ersten Arenatag flammten in ihrem Kopf auf, das Reiben am Steinboden, das Aufplatzen der Haut, das Gewicht, das sich auf sie legte. Ihre Haare, die gepackt und an denen gezogen wurde.
Als Bia ihr gesamtes Gewicht auf Twyla drückte und ihren Kopf nach hinten zog, während sie ihr einen Schlag gegen die Schläfe verpasste, stieß Twyla einen Schmerzensschrei aus. Sie versuchte, sich aus dem Griff zu befreien, aber merkte schnell, dass die Karriera ein anderes Kaliber darstellte als Liron. Bia ließ Twyla keinen Millimeter Spielraum. Sie drückte ihr das Knie in den Rücken, bekam ihren linken Arm zu fassen, verdrehte ihn ihr nach hinten, nahm den rechten dazu und hielt Twyla fest.
Die Schmerzen waren überwältigend. Aber Twyla würde nicht aufgeben. Sie warf sich mit aller Kraft auf die linke Seite, strampelte mit den Beinen, hoffte, damit irgendeinen Treffer zu landen, aber der Effekt blieb aus.
„Halt still, dann geht es wenigstens schnell“, raunte Bia, während sie Twyla immer noch am Boden festdrückte und ihr die Arme verdrehte.
Das Geräusch des Ziehens eines Schwertes fand seinen Weg in Twylas Ohren. Sie trat erneut aus und wusste nicht wie und warum, aber gleich darauf ertönte ein Klirren am Boden und die Waffe rutschte durch die Steine nach unten. Hatte sie es jetzt geschafft?
Twyla warf sich noch einmal mit aller Kraft auf die andere Seite. Ihre Arme taten unglaublich weh, die Luft blieb ihr langsam weg und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie ignorierte es, so gut es ging. Der Griff und der Druck wurden lockerer. Ein kleines Bisschen noch…
Gerade wollte Twyla nach vorne ausbrechen, da wurde sie ruckartig wieder in ihre vorige Position gebracht. Die Arme verdreht, der Körper von einem Knie auf den Boden gedrückt. Bia begann, sie an ihren Armen nach hinten zu ziehen. Dann spürte Twyla etwas Kaltes an ihrer Kehle.
„Tut mir leid, Kleine“, sagte Bia, bevor sie den Dolch an Twylas Ohr ansetzte und durchzog.


Caspian Henshaw (Distrikt 4)


„War es das erste Mal, dass du jemanden getötet hast?“, fragte Jonte leise und betreten.
Caspian schüttelte den Kopf. Er kaute auf einem Streifen Trockenfleisch herum. Um die Mittagszeit hatten Jonte und er jeweils ein Sponsorengeschenk bekommen.
Die Notiz, die dabei gewesen war, hielt Caspian seitdem in seiner linken Hand umklammert.
Kannst du dich erinnern, was wir besprochen hatten? Nicht aufgeben. Sieh zu, dass du es schaffst. B.
Er hatte den Zettel nicht losgelassen. Aber erst jetzt am Nachmittag hatte er es geschafft, etwas von den Nahrungsmitteln, die neben ein paar Medikamenten für Caspians Arm darin enthalten gewesen waren, zu sich zu nehmen. Und selbst das verlangte Caspian in dem Moment alles ab.
Würde er sich wirklich an die Anweisung auf der Notiz halten können? Erinnerte er sich daran, was sie besprochen hatten? Eigentlich erinnerte Caspian sich nur an den verdammt peinlichen Moment, als er gedacht hatte, es wäre eine gute Idee, Balon zu küssen. Das war es nicht gewesen, natürlich nicht. Eigentlich war gar nichts eine gute Idee gewesen, das er bisher so verzapft hatte, so kam es Caspian zumindest vor. Es war auch keine gute Idee gewesen, Stellan zu vertrauen, offensichtlich. Hatte er ihre Freundschaft wirklich derartig missinterpretiert?
Beim Gedanken daran bildeten sich erneut Tränen in Caspians Augen. Er schaffte es allerdings, sie zurück zu halten. Vermutlich deshalb, weil er am Vormittag schon recht viel geweint hatte. Er fühlte sich zu müde zum Weinen, viel zu müde.
Gott, er musste so eine erbärmliche Existenz hier drinnen abgeben.
„Bei mir auch nicht“, sagte Jonte dann, „also… ich hab auch schon…“
Caspian hob seinen Kopf an. Er sah zu dem blonden Jungen und bemerkte, dass der ähnlich ausgelaugt wie er selbst auf einem Stück Brot herumkaute.
Sie hatten nicht viel miteinander geredet in den letzten Stunden. Caspian hatte nur sein Zeug zusammengesammelt, sich von Stellans Leiche weg bewegt und sich ein paar Straßen weiter wieder niedergelassen. Jonte war ihm dabei gefolgt wie ein Schatten.
„Wer war es bei dir?“, fragte Caspian leise. Er fühlte sich zu kraftlos, um beim Sprechen auch nur irgendeinen Funken Interesse zeigen zu können, andererseits war ihm die Ruhe auch unangenehm. Er war viel zu alleine mit seinen Gedanken, wenn es still war. Mit den Gedanken an Stellan und dem, was passiert war.
Verdammt, Stellan hatte ihn damals doch aus dem See geholt. War das wirklich nur passiert, weil er Caspian gebraucht hatte? War Caspian für Stellan nur ein Werkzeug gewesen, um die Spiele zu gewinnen? Er wollte das nicht so sehen. Aber wenn man nachdachte, was Caspian nun den ganzen Tag massiv getan hatte, dann war das wohl die einzig stichhaltige Erklärung, die es für sein Verhalten gab.
„Ariadne“, sagte Jonte.
„Ariadne?“
Caspian wurde nun doch etwas hellhörig. Es kam ihm vor wie eine andere Welt, als er damals in die Arena gestartet war. Sie waren zu siebt gewesen, ein sehr großes Karrierebündnis. Mit Ariadne an Bord. Ariadne, die beim Einzeltraining eine hohe Punktzahl erreicht hatte. Caspian wusste allerdings nicht mehr, welche genau.
Der Siebener nickte.
„Wie hast du das angestellt?“, fragte Caspian.
Er beobachtete den Jungen, wie er mit krummem Rücken dasaß, die dünne Axt neben sich abgelegt, eine Hand in der Jackentasche und mit der anderen ein Stück Brot haltend, an dem er sicherlich die letzte halbe Stunde gekaut hatte.
„Die Alte… nein.“
Jonte machte eine kurze Pause. Dann sprach er weiter.
„Wir hatten sie kurzzeitig in unser Bündnis aufgenommen. Also Dara und ich.“
„Und dann hast du sie umgebracht?“
„Ey…“, flüsterte er, „Ich hab sie nicht einfach so umgebracht. Sie hat… jemanden angegriffen, mit dem ich mich im Training gut verstanden hab. Aber ja, ich hab sie wohl trotzdem umgebracht. Der Grund ändert nicht viel, was?“
Caspian zuckte mit den Schultern und veränderte seine Sitzposition ein wenig. Er wandte sich Jonte zu.
„Der Grund ändert für mich sehr viel. Wenn es keinen Grund gegeben hätte, mich zu verteidigen, dann hätte ich wohl auch nicht…“
Jonte nickte unmerklich und Caspian folgerte, dass er wohl verstanden hatte.
„Fühlt es sich deshalb aber besser an?“, fragte der Siebener.
„Nein.“
Nein. Das tat es ganz und gar nicht. Caspian dachte daran, wie er sich gefreut hatte, als er erfahren hatte, mit Stellan in einem Team zu sein. Er war der Meinung gewesen, dass das so viel wieder gut machte. Vielleicht hatte es ja doch jemand gut mit ihm gemeint, hatte er geglaubt. Irgendjemand, der das Glück verteilte. Die Tatsache, dass Stellan da gewesen war, hatte Caspian Hoffnung gegeben. Scheiße, er hatte seinen Distriktpartner wirklich gemocht. Aber Stellan hatte ihn wohl nicht gemocht. Zumindest nicht so sehr, dass dieses Mögen ein Hindernis dargestellt hätte, Caspian einfach anzugreifen.
Sie hätten sich doch auch einfach auftrennen können. Dann hätte niemand von ihnen sterben müssen – doch. Aber nicht durch die Hand des jeweils anderen.
„Hey, Jonte?“
Der Angesprochene schluckte den letzten Bissen von seinem Brot hinunter und sah Caspian an.
„Ja?“
„Wieso hast du eigentlich… ich meine, warum hast du mich gewarnt, als Stellan angegriffen hat?“
„Wenn ich das so genau wüsste“, gab der Siebener zurück.
Er heftete seinen Blick wieder an den Boden und begann mit den Fingernägeln eine erdige Kruste von dem Steinuntergrund, auf dem sie saßen, abzukratzen.
„Ich denke“, fuhr er dann irgendwann fort, „ey, das war eine Bauchentscheidung. In dem Moment sind mir halt die Möglichkeiten, was jetzt passieren könnte, ganz schnell durch den Kopf gegangen. Und irgendwie muss mir dann eingefallen sein, dass es eine bessere Idee wäre, dir zu helfen, anstatt es nicht zu tun.“
„Hm.“
Caspian blickte in die Ferne und dachte über die Antwort nach. Eine Bauchentscheidung also. Er wollte gerade nachfragen, da redete Jonte von sich heraus weiter.
„Weißt du, ey, als ihr mich gestern aufgegabelt habt… Ich hab echt gar nicht mehr gewusst, wo mir der Kopf steht. Für einen Moment hab ich gedacht, es ist jetzt aus mit mir. Oder naja, eigentlich hab ich das zweimal gedacht. Zuerst als Dara mich in Stellan hineingeschubst hat und dann als er sie umgebracht hat und wieder aufgetaucht ist. Und als mir aufgefallen ist, dass du auch noch da bist und ich den verdammten Dreizack in deiner Hand gesehen hab. Irgendwas hat mich trotzdem zurückgehalten, gleich wegzurennen.“
Caspian lachte kurz auf.
„War das nicht einfach nur deine Lunge?“
Auf Jontes Gesicht erschien ebenfalls ein kleines Lächeln.
„Vermutlich zum Großteil, ja. Aber da war schon noch was anderes. Du hast irgendwie gar nicht so bedrohlich gewirkt. Außer dann, als du mich einfach umarmt hast, ey, da ist mir der Arsch auf Grundeis gegangen.“
Der Siebener grinste. Und Caspian grinste zurück.
Er beobachtete, wie Jonte den Rest seines Sponsorengeschenkes auseinander nahm und eine kleine Packung Kekse hervorzog. Er riss sie auf und schob sich einen davon in den Mund. Der Siebener musste wohl mitbekommen haben, dass Caspian das mit Interesse verfolgt hatte, hielt ihm die Packung entgegen und fragte: „Willst du was ab?“
„Gern, danke“, entgegnete Caspian und griff hinein.
Vermutlich hätte er bei diesen trockenen Dingern zu Hause nicht einmal in Betracht gezogen, eines davon zu essen, aber hier in der Arena schmeckten sie himmlisch. Den letzten richtigen raffinierten Zucker hatte Caspian vor einer Woche zu sich genommen, als er noch im Kapitol gewesen war.
„Dir muss nicht der Arsch auf Grundeis gehen, wenn ich dich umarme, weißt du“, sagte Caspian kauend, „Ich hab das wirklich so gemeint. Ich hab mich wirklich gefreut, als du zu uns gestoßen bist.“
„Das ist mir mittlerweile schon klar. Aber, Alter, hast dich nicht eher drüber gefreut, dass Stellan dir erlaubt hat, mich leben zu lassen?“
Vermutlich war die Aussage auflockernd gemeint gewesen, aber irgendetwas regte sich dabei in Caspian. War ihr Verhältnis wirklich so unausgeglichen gewesen? War es immer Stellan gewesen, der die Entscheidungen für sie beide getroffen hatte?
Caspian reflektierte über die bisherigen Geschehnisse. Am Anfang war das wohl nicht von großer Bedeutung gewesen. Aber dann, später… Stellan hatte entschieden, dass sie die Karrieros verlassen würden. Wie hatte er es nochmal begründet? Caspian würde ihm das schulden. Weil er zugelassen hatte, dass Ariadne Stellan verletzt hatte. Das war keine Absicht gewesen! Aber dennoch hatte Caspian sich so verdammt schuldig gefühlt und Stellans Aussage hatte dieses Schuldgefühl nur noch mehr verstärkt.
Stellan hatte im Weiteren außerdem entschieden, dass er Caspian aus dem See holen würde. Er war so verdammt dankbar dafür gewesen, dachte, dass Stellan für ihn dabei sein Leben riskiert hatte. Um Caspians Willen. Aber im Nachhinein betrachtet sah es wohl ganz so aus, als wäre die Motivation eine gänzlich andere gewesen.
Stellan hatte auch entschieden, dass sie Rej und Tass sowie Dara und Jonte angreifen würden. Als Caspian und Jonte dann so nebeneinander gestanden waren, hatten sie beide darauf gewartet, bis Stellan zurückkehren würde und etwas tun würde. Caspian hätte Jonte vermutlich angegriffen, wenn sein Distriktpartner das von ihm verlangt hätte. Er hätte es nicht gewollt und sicherlich wahnsinnig gelitten, allerdings wäre seine Loyalität zu Stellan wichtiger gewesen.
„Er war wohl wirklich derjenige, der meine bisherige Zeit in der Arena gestaltet hat“, stellte Caspian also fest.
„Ey, ich wollte dich jetzt nicht runterziehen“, kommentierte Jonte das Gesagte.
„Nein, ist okay“, sagte Caspian, „Vermutlich war es an der Zeit, dass mir das jemand mal gesagt hat.“
Eine kurze Weile war es still, beide kauten an ihren Keksen herum und Caspian verband sich die Wunde an seinem Unterarm, die Stellan ihm zugefügt hatte. Er schluckte eine entzündungshemmende Schmerztablette in Anbetracht der Tatsache, wie die Verletzung aussah. Nicht gut. Gar nicht gut.
Caspian hatte noch nicht viel darüber nachgedacht, wie es jetzt weitergehen würde. Aber es war fraglich, ob er den Arm überhaupt würde verwenden können. Zu allem Übel war es auch noch der rechte.
Als Jonte die Packung Kekse zusammenknüllte und in weitem Bogen von sich warf, fühlte Caspian sich wieder dazu bewogen, etwas zu sagen.
„Du hast mir immer noch nicht genau gesagt, warum du schlussendlich mir geholfen hast und nicht Stellan. Also warum die Bauchentscheidung?“
Vielleicht störte es den Siebener, dass Caspian dieses Thema nicht fallen ließ, aber es ging nicht anders. Er musste das wissen, er brauchte jetzt irgendeine Art von Richtungsvorgabe darüber, was Jonte sich dabei gedacht hatte, was er prinzipiell von ihm dachte, er brauchte das als Angelpunkt. Einfach, um nicht wieder auf etwas Geheucheltes hereinzufallen, um nicht noch mehr seelische Schrammen abzubekommen, als er ohnehin schon hatte. Lieber war es ihm, dass Jonte ihm ins Gesicht sagen würde, dass es reine Kalkulation gewesen war, als dass er sich in irgendetwas verkopfte, das nicht so war. Caspian hatte in der Tat genug von vorgegaukelten Freundschaften.
Er hatte damit gerechnet, dass Jonte wieder ausweichen würde, und dementsprechend überraschten ihn die Worte, die folgten, doch bis zu einem gewissen Grad.
„Um ehrlich zu sein, ey, hat der Moment, als Stellan dir in den Rücken gefallen ist, ein bisschen was in mir getriggert. Dara ist mir ja auch in den Rücken gefallen. Ich will die restliche Zeit, die mir noch bleibt, und wenn’s nur’n paar Stunden sind, lieber mit jemandem verbringen, der ein korrekter Kerl ist, als mit jemandem, der das nicht ist. Ich denke, ich wollte einfach lieber, dass du überlebst. Hatte nicht wirklich was mit Strategie zu tun.“
Caspian stellte seine Wasserflasche auf den Boden, die er die letzten Momente in seiner Hand gedreht hatte, stand auf, ging auf Jonte zu und schloss ihn in die Arme.
Er hatte doch tatsächlich so viele Gedanken an seine eigene Situation verschwendet, dass er überhaupt nicht mitbekommen hatte, wie sehr der andere Junge gelitten haben musste. Dara hatte ihn auch verraten. Und dennoch saß Jonte jetzt da und unterhielt sich offen mit ihm. Er spürte, wie der andere die Umarmung zögerlich erwiderte. Es fühlte sich ehrlich an, beinahe freundschaftlich.
Jonte fand, dass er ein korrekter Kerl war. Die Formulierung fand Caspian ziemlich grotesk, aber dennoch freute er sich darüber. Er fand auch, dass in Jonte ein korrekter Kerl steckte. Zumindest war von dem ganzen Macho-Gehabe, das der Siebener beim Interview und auch in der Trainingszeit – aufgefallen war das wohl jedem – an den Tag gelegt hatte, nicht mehr allzu viel übrig geblieben.
Caspian löste sich und platzierte sich direkt neben Jonte.  
„Danke, dass du mir geholfen hast“, sagte er.
„Kein Ding, Alter“, kam zurück.

Ein paar Minuten später wurde es kühler in der Arena und die Hymne ertönte. Caspian hatte das Gefühl, dass sie diese heute früher abspielten als sonst. Am Himmel erschienen die Gesichter der beiden aus Distrikt Eins, das von Stellan und außerdem das des Mädchens aus Distrikt Acht.
Beim letzten Gesicht zuckte Jonte unmerklich zusammen.
„War sie es?“, fragte Caspian, als die Melodie verstummte.
„Wen meinst du?“
„Twyla. War sie es, die von Ariadne angegriffen worden ist? Du meintest doch, ihr hättet euch vor der Arena gut verstanden.“
Jonte zögerte, aber nickte dann.
„Das tut mir leid“, sagte Caspian.
Der Siebener lächelte ein wenig.
Dann waren es jetzt also noch vier Tribute. Er selbst, Jonte, Castor und Bia. Wie würde es weitergehen? Theoretisch konnte jeder mit jedem gewinnen. Caspian merkte, dass er während des Gesprächs irgendwie wieder Mut gefasst hatte. Wenn Twyla nicht mehr da war, die vermutlich Jontes erste Wahl für einen gemeinsamen Sieg gewesen war, dann wusste der Junge nun sicherlich nicht, was er tun sollte. Caspian fand, dass er nett war. Und er stand wirklich in seiner Schuld. Auf ganz andere Art, als das bei Stellan der Fall gewesen war. Jonte hatte sich für ihn entschieden, auch wenn er nicht gewusst hatte, wie der Kampf ausgehen würde. Er hatte sich nicht für ihn entschieden, weil er sich mit Caspian die besseren Chancen ausgerechnet hatte als mit Stellan, sondern weil er Caspian als Mensch gewählt hatte.
„Hey, Jonte“, sagte Caspian also.
„Ja?“
„Was denkst du, kriegen wir das hin gegen die beiden?“
Der Blick des Siebeners, der ihn traf, wirkte überrascht.
„Ey, wieso willst du mit mir gewinnen, wenn es mit den anderen viel einfacher geht?“
„Naja, das ist doch ganz offensichtlich. Ich denke, du bist ein korrekter Kerl.“
Er lächelte. Jonte lächelte zurück. Caspian streckte dem anderen seine Hand entgegen und Jonte schlug ein. Damit war es wohl besiegelt.
„Dann brauchen wir jetzt halt nur noch nen richtig fetten Plan. Die beiden sind echt richtige Endgegner... du weißt, was ich meine“, sagte Jonte.
Caspian lachte kurz auf und nickte.
„Den überlegen wir uns.“







† Twyla Corbyn (D8)


Heute noch ein Nachwort: Viele von euch haben es vorhergesehen, ich habe es auch gewusst, und jetzt, wo es Twyla offiziell erwischt hat, flenne ich wie ein Baby. Ihr letztes Wort war ein Schimpfwort. *snief*
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