Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Yumestar ist zurückgekehrt [Creepypasta]

von Yumestar
OneshotParodie, Horror / P16 / Gen
OC (Own Character)
25.10.2020
25.10.2020
1
7.349
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
25.10.2020 7.349
 
Yumestar ist zurückgekehrt


Dokumentiert von Yumestar


Eine paradiesische Insel, inmitten des blauen Ozeans… Voller Serienkillern, Leichen, Suizidgewilligten und Mörder-Miis. Okay, nein, so möchte ich das nicht anfangen, aber mittlerweile müsste jeder wissen, was ich von meiner Insel halte. Sie ist schräg, verrückt, einzigartig und hat ein ordentliches Liebesproblem. Das mag ja noch erträglich klingen, aber eigentlich ist es die Hölle.
Das einzige, was mich überhaupt wieder zu dem Spiel gebracht hatte, war meine Fanfiktion Das normal verrückte Leben auf der Insel Heveneria. Ein halbes Jahr war das letzte Update her. Ich dachte, ich könnte noch einmal über die Insel berichten. Nach einem Tag wurde mir bewusst, warum ich dieses Spiel so lange nicht mehr gespielt hatte.
Es machte einen wahnsinnig, verrückt. Danach wollte man in die Irrenanstalt.
Aber irgendwie kehrte man immer wieder zu diesen liebenswürdigen Dingern zurück. Könnte Hypnose sein… Oder Sucht. Spiel-Sucht. Oder die Sucht nach Gefahr.

Nun solltet ihr vorab wissen, dass ich ein friedfertiger, ruhiger Mensch mit einem großen Sinn für Humor und Dramatik war. Eigentlich waren die Miis gar nicht so schlimm, das Spiel machte Spaß und Übertreiben tat ich, damit die Kapitel besser ankamen. Obwohl es stimmte, dass die Polizei von Heveneria nach einem gestohlenen Kassenbon ermittelt hatte und dass Klopapier jedes Liebesproblem lösen konnte (Ich mag Klopapier nicht… Zumindest nicht in diesem Spiel).
Jedenfalls, worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist, dass das, worüber ich jetzt berichte, zwar ein wenig Dramatik angehaucht wurde, aber definitiv so passiert ist.
Vertraut mir, denn womöglich bin ich die Einzige, der man auf dieser Insel noch trauen kann.

Alles begann damit, dass ich meine Runde über die Insel drehte. 60 Miis lebten hier, Stress pur am Morgen. Quengelnde Miis, die mich bereits vorwurfsvoll anstarrten, wenn ich ihre Wohnungen betrat.
„Ich habe Hunger“ oder „Ich möchte etwas essen“, diese Sätze gepaart mit einer verlangsamten Musik, die hungrige Mägen ankündigte… Das war schon eiskalter Schauer genug, um wach zu werden. Dabei hatte ich meine morgendliche Dusche hinter mir.
Ich fütterte Hansi, Yumestar, Y, eben diejenigen, die unten und damit am längsten im Mii-Apartment wohnten. Natürlich kam ich da auch zu Magicant, die Antagonistin aus meinem Roman. Natürlich grüßte sie mich mit: „Töte dich!!!“, ihre Standard-Phrase, welche bei meiner Mutter, die im selben Raum war, eine zuckende Augenbraue zur Folge hatte. Ich nahm meinen Handheld und ging in mein Zimmer rauf. Mein Frühstück war gegessen und die Miis sollten in aller Ruhe versorgt werden. Nicht, dass es ruhig bleiben würde. Nun, zumindest schaffte ich die zweite Etage, bevor ich entschied, zum Morgenmarkt zu gehen. Die Miis da oben würden mich sicher noch bestrafen, dafür, dass ich sie nicht versorgte, aber so war das nun eben mit dem Klassensystem. Haben wir in Deutschland auch. Die müssen damit leben können.

Ich sammelte die Spenden ein und wurde um 254,60 Euro reicher. Dann traf ich Tee, Kapitän der SS Tetra, auf dem Marktplatz. Er verkaufte Gammelmilch mit dem Slogan: „Echte Kenner wissen den Wert zu schätzen!“
Ich war glücklich. Denn mit dieser Gammelmilch könnte ich meine Miis ein wenig foltern. Ich liebte es, zu sehen, wie sie die Gesichter verzogen… Nun ja, zumindest die Vorstellung war angenehm. Und für 0,05 Euro das Stück lohnte sich der Kauf eines 99-Packs.
Als ich vom Morgenmarkt kam, sah ich, dass es Mii-Nachrichten gab. Hach herrlich, die Verblödung aller Seelen, der Rundfunk der Dummen… Kassenbon-Entführung hier, Tomaten-Ufo da, Geburtstag von so und so… Aber über mich wurde ja nie berichtet. Schöne Sache. Dabei führte ich einen Blog über die Insel! Und der wurde mit keinem Wort erwähnt.

Ich drückte also auf den Button mit den Sendermast rechts oben und wurde sogleich von einem epischen Intro empfangen, das offensichtlich von der Tagesschau geklaut worden war. Es war L aus Death Note, der mir die Nachrichten vortrug. Als Titel wurde mir: „Yumestar ist zurückgekehrt!“ angezeigt. Ich biss die Zähne zusammen. Es gab schon seltsame Zufälle auf meiner Insel. Sollte ich deswegen besorgt sein? Ich schüttelte den Kopf und hörte mir an, was L zu berichten hatte.
„Zeugen sollen gesehen haben, wie Yumestar aus ihrer Wohnung gegangen war“, erzählte L mit ruhiger Stimme und spickte auf seine Karten, bevor er sich kurz umdrehte, als wollte er sich versichern, dass man das Bild sah. Ich sah es. Ein gewöhnliches Apartment, in welchem die Lichter ausgeschaltet waren. Ich musste beinahe lachen, denn ich wusste, dass mein Mii ein Gold-Zimmer besaß. Manchmal war es echt lustig, wie unlogisch diese Nachrichten waren. Irgendeine Standard-Nachricht, in welche man Platzhalter mit den Namen der Miis tauschte. So funktionierte doch das Spiel-Prinzip, nicht wahr?

L redete weiter, „Man hat gesehen, wie sie später mit einem Berg voller Klopapierrollen zurückgekehrt ist.“
Ich atmete scharf die Luft ein und verrollte die Augen. Hier war jener Moment, in dem ich kurz davor war, dass Spiel auszuschalten und mich besserem zu widmen. Eine neue Folge Pokémon würde gleich laufen. Vielleicht schaute ich mir lieber an wie Ash und Go sich wie ein niedliches Schwulen-Pärchen verhielten, während sie ihren Träumen nachjagten. Das war unterhaltsamer als das.
Die letzten Worte von L hätte ich fast nicht mitbekommen, so abgelenkt war ich von dem Gedanken. Doch irgendwie brannten sich die Worte in mein Gedächtnis:
„Was steckt wohl dahinter? Finde es heraus.“
Vielleicht war es lediglich meine Einbildung, doch ich glaubte, dass der Ton ein wenig düsterer und geheimnisvoller geworden war. Womöglich war es aber nur die Betonung, die bei L etwas seltsamer eingestellt war. Ich würde es bald fixen.

Ich verließ die Mii-Nachrichten und wurde von einem Anruf aufgehalten.
„Hallo!“, sagte Samantha, die erst kürzlich mit Nightmare ins Mii-Viertel gezogen war. Ich war verwundert. Erwarteten die beiden ein Kind? Um ehrlich zu sein blickte ich bei dem Baby-Boom meiner Insel nicht mehr durch. Gefühlt alle wollten ein Kind haben.  Doch es war eigenartig. Immerhin hatte ich die beiden erst kürzlich verheiratet.
Als ich mich darauf einließ und in deren Mii-Haus geführt wurde, stand Samantha bereits mit einem Baby im Arm vor mir. Neben ihr lächelte Nightmare. Er war wohl ein überglücklicher Vater. Aber irgendetwas war seltsam. Nicht die Musik. Die hatte den gewöhnlichen, beruhigenden Klang, der etwas Schönes ankündigte. Nein. Die Räumlichkeit war auch normal.

Ich schob meine Paranoia darauf, dass ich heute Morgen zu viele Creepypastas gelesen hatte. Irgendetwas mit einem erhängten Luigi oder einem mörderischen Mario Party Game. Ich wollte etwas sehen, aber da war nichts. Mein Spiel war normal. Ich bildete mir womöglich Dinge ein. Ja, ich hoffte womöglich, dass etwas Großartiges und Spannendes passieren würde, damit ich ebenfalls darüber berichten könnte. Nun waren aber die meisten Creepypastas aus Einbildung und Kreativität entstanden; Beides besaß ich in Maßen.
Aber man musste schon Dinge sehen, um darüber berichten zu können. Und ich sah nichts. Ich hatte lediglich das mulmige Gefühl, dass weder Samantha noch Nightmare einen Kinderwunsch geäußert hatten.

„Stell dir nur vor, wir haben ein Baby!“, verkündete Samantha mit Stolz. Ich nickte. Ich sah es. Nun ja, eigentlich nicht, denn der Kopf des Babys war abgewandt wie es üblich war.
„Was wäre dir lieber, ein Junge oder ein Mädchen?“, fragte sie mich.
Doch gerade als die Optionen erschienen, waren sie auch schon wieder weg. Hä? Hatte ich womöglich zu schnell geklickt? Wahrscheinlich begann ich wirklich Dinge zu sehen, die nicht da waren. Diese Miis machten mich wahnsinnig und verrückt.

„Es ist ein Junge“, erklärte Samantha und ich hielt den Atem an. Eigentlich, um mich darüber zu freuen, dass der Zufall mir einen Jungen beschert hatte. (Da ich doch Meta-Knight als deren erstes Kind wollte). Doch irgendwie setzte die Freude aus. Schock nahm den Platz ein. Ich blinzelte und schüttelte den Kopf über das Baby, das ein so deformiertes Gesicht hatte, dass ich es nicht beschreiben wollte. Klar, Nightmare trug eine Sonnenbrille und sah nicht gerade hübsch aus (eben wie im Anime), aber 50 Prozent der Schönheit seiner Mutter dürfte es doch geerbt haben? Es war grässlich. Diese kleinen, runden Punkte als Augen, diese schwarzen Augenbrauen, die wie Hörner aussahen, dieser viel zu breit grinsender Mund. Na, wenigstens hatte es eine Stupsnase.
Die Frage, ob das Baby aussähe, wie ich es mir gewünscht hatte, überhörte und übersah ich. Vielleicht war ich in solch einem Schock und Aufruhr, dass ich Ja gedrückt hatte, obwohl ich es liebend gerne geändert hätte. Doch ich zweifelte daran. Nicht, daran dass ich es geändert hätte, sondern daran, dass ich Ja gedrückt hatte.
Vielleicht war ich aber auch so sehr mit den Abläufen des Spieles vertraut, dass ich es einfach übersah. Zu viele Babys in kurzer Zeit. Langsam nervte es nur noch. Und ich könnte das Kind später immer noch umgestalten.

Ich fokussierte mich wieder auf das, was Samantha sagte: „Wir haben uns zusammen einen Namen ausgedacht. Und der Name lautet…“
Ich klickte weiter. Samanthas Mund bewegte sich, aber ich hörte keinen Ton. Die Musik machte mir aber deutlich, dass ich den Ton hatte. Lange betrachtete ich das Mii, welches mich ansah, als hätte es den Namen seines Kindes vergessen. In der Textbox erschien kein Name. Sie war leer. Mir wurden die Optionen angezeigt, aber ich brauchte ein paar Sekunden, um das alles zu begreifen. Ein Fehler? Ich glaubte nicht an Bugs oder Easter Eggs oder so etwas. Darüber hatte ich genügend gelesen. So ein Fehler existierte nicht. Konnte sein, dass ich den Namen überhört hatte, aber nein, ich habe ganz deutlich die Bewegung ihres Mundes gesehen. Und es gab keinen Namen. Es war, als wäre das Baby nie benannt worden. Als würde es nicht existieren.
Ich fragte mich, wie das möglich sei.

„Ich weiß ja nicht…“, war meine Antwort, sowohl auf das Baby als auch auf den Sachverhalt. Außerdem wollte ich das Baby zumindest Meta-Knight nennen, wo ich schon keine Kontrolle über das Aussehen gehabt hatte.
„Nein.“
Ich musste zweimal lesen, um mich zu versichern, dass Samantha mir die Namensänderung verboten hatte.
Was, bitte? Ein kalter Schauer durchzuckte mich. Meine Atmung verschnellerte sich. Ich war nicht für Horror-Spiele gemacht und die meisten spielte ich wenn überhaupt zusammen mit meiner besten Freundin. Five Nights at Freddy’s und Oki Doki Literature Club verfolgten mich noch immer in meinen Träumen. Alpträume, wohl angemerkt. Und meine Güte, warum sollte Tomodachi Live ein Horror-Spiel sein?
Ich meinte, ich war mir sicher, dass mit dem Spiel etwas nicht stimmte. All die Zufälle, meine seltsamen Bewohner, die Stimmen… Ist euch je aufgefallen, dass Tomodachi Live in roten Buchstaben auf dem Startbildschirm erscheint? Nicht? Dann achtet nächstes Mal besser darauf!

Ich wurde aus dem Haus gekickt. Verblasstes Bild und ich befand mich wieder im Auswahlmenü der Insel.
Okay, sagte ich mir, beruhig dich und denk nach.
Ich tat das, was ich für richtig hielt. Ausschalten.
Nun, das war zumindest mein Plan gewesen. Ich speicherte und drückte auf die Home-Taste, aber nichts geschah. Ich drückte den Power-Knopf, wahrscheinlich länger als fünf Sekunden, höchstwahrscheinlich sogar 10, vielleicht auch 20. Und nichts geschah.
Wäre es eine Geschichte gewesen, hätte ich über das Klischee gelacht, aber nein, gerade war mir nicht zu Lachen zumute. Weinen wollte ich aber auch noch nicht. Mir war ein wenig schlecht, so wie es immer war, wenn ich mich unwohl fühlte. Mein Körper reagierte stark auf ungewöhnliche oder gruselige Dinge. Und ich hasste es.
Übelkeit und Horror. Die schlimmste Kombination.

Ich drückte noch immer auf den Power-Knopf, verfluchte Silver dafür, dass er nicht ausging.
„Verdammt, du bist doch nicht Pinky!“, sagte ich ihm. Das Schimpfen war eine Art, mich abzulenken. Über meine Nintendos zu reden, die gleichzeitig meine OCs waren, beruhigte mich immer. Also erkläre ich euch besser, dass Silver mein Nintendo New 3DS Xl ist und dass Pinky mein Nintendo 3DS war. Ja, Betonung auf ‚war‘. Nachdem ich ihn als Kind auf die Küchenfliese hab fallen lassen, ähnelte er mehr einem zweigeteilten Haufen Elektronik als einem funktionsfähigen Handheld. Wenn ich damals in seiner halbwegs guten Zeit den Power-Knopf drückte, ging er nicht sofort aus. Daher auch der Vergleich mit Silver. Denn er ging gerade auch nicht aus.
Aber Silver war höchstens zwei oder drei Jahre alt und vielleicht mein bester Handheld. Kaum Kratzer, keine Störung, nicht einmal ein Bildschirmriss so wie es bei meiner Switch der Fall war. Er sollte funktionieren.
Warum verdammt tat er es nicht!?

Ihr wollt wahrscheinlich lieber wissen, wie die Geschichte weitergeht, nicht wahr? Verzeiht, ich musste mich wie gesagt mit meinen Nintendos ablenken. Es geht wieder mit der Übelkeit und ich denke, ich bin bereit. Schließlich bin ich nicht mehr allein. Ich habe angefangen, die Ereignisse aufzuschreiben, um zu dokumentieren, was geschieht. Ja, neben mir liegt Silver, die Tomodachi Live Musik dröhnt die ganze Zeit in meinen Ohren. Diese eintönige, fröhliche Musik. Ich glaube, ich nehme das Flackern des Bildschirmes war. Ich will nicht so recht hinschauen. Ich kriege Probleme mit dem Atmen, wenn ich doch zur Seite blicke. Warum schiebe ich das Ding nicht einfach weg? Warum klappe ich Silver nicht einfach runter?
Ehrlich gesagt habe ich noch Hoffnung, dass der Akku bald versagt. Dann ist alles vorbei. Kein Horror könnte nach Stromausfall überleben. Nun, mancher Horror kam erst, nachdem alle Lichter aus waren, aber dieser würde damit beendet sein.
Schmerzvoll erinnere ich mich gerade daran, dass ich Silver für eine Übernachtungsparty aufgeladen hatte, aber vergessen hatte, ihn mitzunehmen. Stattdessen hatte ich meinen Switch-Ladekabel bei meiner Freundin vergessen. Gestern abgeholt.
Ihr wollt wissen, wie es weitergeht? Das will ich auch wis… Scheiße, da hat sich etwas auf dem Bildschirm bewegt. Okay, kurze Erklärung: Ich weiß nicht, wie der ganze Horror hier endet, weil ich mittendrin bin. Was habe ich Besseres zu tun, als zu schreiben? Vielleicht passiert etwas, vielleicht geschieht nichts. Kann sein, dass ich mir das alles eingebildet habe. Kann sein, dass meine Sinne mit mir durchgedreht sind. Es ist morgens. Ich bin hellwach. Ich habe Angst.
Gott, ja, ich habe verdammte Angst. Und wenn ich Angst habe oder emotional belastet bin, schreibe ich.
Aber es ist ein wenig schwer, wenn meine Finger zittern.

Ich wende mich dem Spiel zu. Tu das, was ich in diesem Moment für das Sicherste halte: Ich gehe einkaufen. Etwas zu essen. Es gibt Neues. Frikadelle. Ich sperre das Wissen, das Frikadellen aus Fleisch gemacht werden, weg. Weit weg. Will nicht an Kannibalismus denken. Hatte so einen Fall auf der Insel schon. Natürlich war das ein Scherz. Amor hatte Fleischbällchen gekocht, obwohl ich ihm keine gegeben hatte (laut einem beobachtenden Mii) und ich schloss auf Kannibalismus. Anderes Thema. Ihr kennt doch sicher den Roboter, der einen bedient, oder? Kann sein, dass ich mich täusche, aber war der schon immer augenlos? Sein Kopf ist mir zugewandt. Der breite Schlitz, wo normalerweise grüne Augen blinzelten, ist schwarz. So tiefschwarz, dass ich das Gefühl habe, davon eingesogen zu werden. Es hilft nichts, dass der silberne Strich-Mund zu keinem Lächeln verzogen ist. Lediglich die niedliche Verkaufsuniform mit der orangen Schürze gibt mir noch den Hauch eines beruhigenden Gefühls.
Nein, nichts daran ist beruhigend. Ich kaufe die Frikadellen, elf Stück, weil ich mich einmal verklicke und ich höre nichts. Kein „Danke“, kein „Bitteschön.“ Der Roboter starrt mich an wie eine ausgeschaltete Maschine. Ich spüre die Übelkeit hochkommen. Muss die Gedanken an Five Night at Freddy’s loswerden. Er wird mich nicht anspringen. Er wirkt eher… ausgeschaltet. Ich verlasse den Supermarkt, ohne dass ich ein „Kommen Sie wieder“ höre.
Doch, ich höre es, nachdem der Bildschirm gelb geworden war.
„Kommen Sie nicht wieder.“

Ich weiß nicht warum, aber ich gehe als nächstes zum Hutgeschäft. Hasenhut und Fes haben neue Farben. Wieso erinnert mich der Hasenhut an Bonny aus FNAF? Ich glaube, ich werde paranoid, aber… Nein. Es ist alles normal. Der Roboter sieht mich nicht an, sondern deutet auf das Item, das ich kaufe. Grüne Augen scheinen durch den schwarzen Schlitz. Er blinzelt ganz gewöhnlich. Hab ich mir das im Supermarkt nur eingebildet? Ein Streich oder eine Rachefeldzug meines Kopfes, nachdem ich mir diese Creepypastas reingezogen habe?
Mir ist noch nie aufgefallen, dass der Hutverkäufer menschliche Arme hatte. Seine Arme waren in Hautfarben und er trug ein realistisch aussehendes, gestreiftes T-Shirt. Schaut nach, wenn ihr mir nicht glaubt. Wenn ich es so betrachte, sieht der Roboterkopf fast deplatziert aus. Wieso sind die Verkäufer nicht ganz menschlich? Warum überhaupt Roboter?
Verschont mich mit Verschwörungstheorien und Creepypastas, wenn ich gerade inmitten dieses Horrors bin.
„Vielen Dank!“, sagt er, als ich den Laden verlasse. Und der Bildschirm wird gelb.

Nun gut, ich werde mich auch noch in dem Kleidungsladen wagen. Doch zuerst. Ich sehe den Bildschirm flackern. Vielleicht ist es nur das Licht, das sich auf dem oberen Bildschirm spiegelt. Ich hab dunkelste Helligkeit an. Womöglich kommt das Flackern deswegen. Es ist schon etwas gruselig. Aber es ist kein starkes Flackern. Ich würde es womöglich nicht einmal bemerken, wenn ich nicht so aufmerksam und angespannt wäre.
Ich betrete die Boutique und dort steht… Magicant. Großartig, ich werde von einer Killerin bedient. Es ist das erste Mal, dass ich erheitert lache. Es ist Ironie, dass ihr Anblick mich beruhigt. Aber alles wäre beruhigender als Roboter. Selbst eine rothaarige Killerin mit Psycholächeln in Verkaufsfrau-Kleidung. Ich kaufe alle Kleidung, denn ich habe keine davon. Und bei jedem Kauf, nickt Magicant mir anerkennend zu, als würde ich das Richtige tun.
Ich fühle mich wie eine Marionette in diesem Spiel, gelenkt von Entscheidungen, auf die ich keinen Einfluss nehme. Ich tue die Dinge einfach, ohne sie zu hinterfragen. Es ist ein normales Spiel, doch das Prinzip ist ein anderes.
Es ist ungewöhnlich.

„Herzlichen Dank!“, sagt Magicant, als ich die Boutique verlasse.
Ich habe Tränen in den Augen. Lacht nicht. Es ist, weil sie „Herzlichen Dank“ gesagt hat, statt das übliche „Vielen Dank!“
Sagt mir, dass ich bei Verstand bin. Dass ich mir das nur eingebildet habe. Ja, meinetwegen darf es ein Spielfehler sein. Womöglich sagen die Verkäufer auch mal „Herzlichen Dank“, ohne eine böse Absicht.
Aber eigentlich sollte es das nicht.
Und ich begreife, dass ich in etwas hineingeraten bin, aus dem ich liebend gerne flüchten würde.
Ich habe ja schon immer gesagt, dass mit dieser Insel etwas nicht stimmt. Dass sie nicht ohne Grund von Wasser umgeben ist. Ich kann nicht schwimmen. Ich bin eine Gefangene dieser Insel.
Aber ich bin die Spielerin. Ich habe die Kontrolle über das Spiel. Warum bin ich jetzt diejenige, mit der gespielt wird? Obwohl, sie spielen nicht mit mir. Alles lässt sich rational erklären. Zu 70% habe ich mir alles nur eingebildet und mein Hang zur Dramatik hat diese Wahrnehmung verstärkt. Manchmal sehe ich eben Dinge, die nicht da sind.
Aber meistens abends, nachts, wenn es dunkel wird.

Sonnenlicht scheint durch meine Fenster, beleuchtet den Raum. Es regnet, aber das Klopfen dessen ist sanfter als die eintönige Musik des Auswahlmenüs. Ich weiß nicht, wohin ich gehen will. Ob ich überhaupt woanders sein will als im Menü. Es macht mir Angst, die normalen Dinge zu sehen und ich fürchte mich davor, Veränderungen zu sehen. Etwas blinkt auf dem oberen Bildschirm. Vielleicht war es nur das Icon eines Miis, das auf den Marktplatz gegangen ist. Soll ich dorthin? Ich riskiere es.

Ich weiß nicht, welches Mii auf dem Brunnen sitzt. Es ist eines von meinen. Eines der ausgezogenen Kindern. Höchstwahrscheinlich von Rachel und Zack. Es streicht über die Wasseroberfläche des Brunnens und spritzt Wasser. Es hat Spaß. Eigentlich sollte mich der Anblick beruhigen, aber… Ist es normal, dass das Wasser so hoch spritzt? Und sah ich da nicht gerade etwas Rotes? Verdammt sag mir nicht, dass da eine Leiche im Wasser ist. Ich kann es nicht gut erkennen. Ich sehe nur das Stück eines Mii-Haares, die Hälfte seines rechten Gesichtes, getrübt vom Wasser. Wer es ist? Sie erinnert mich an mein erstes erstelltes Mii im Mii-Maker; Ich.
Ich presse die Hände an meinen Mund. Ich höre jemanden ausatmen. Das könnte ich gewesen sein. Es hat Ähnlichkeit mit einem Rauschen, nein, eher mit dem Stöhnen der Minecraft-Männer oder dem erleichterten Ausatmen des Spielers. Ich verlasse den Marktplatz. Ich halte es keine Sekunde länger mehr aus.

Als ich wieder im Auswahlmenü bin, ist die Sicht auf meiner Insel verzerrt. Ich schaue von weiter oben auf die Insel. Beruhigend, wie viel Distanz ich gewonnen habe. Auf dem Marktplatz wird mir kein Mii-Icon mehr angezeigt. Ich frage mich was mit dem Kind passiert ist, aber eigentlich will ich es nicht wissen. Der Bildschirm flackert. Nun ein wenig heftiger. Könnte aber sein, dass ich nicht recht sehe.
Ich drücke auf den Park. Dort ist ein Ereignis. Mittagsmarkt.
Das Gefühl, das ich spüre, habe ich so noch nie gefühlt. Ein Kälteschauer überkommt mich, angefangen bei meinem Zeh, der aus seiner Starre erwacht ist, zu meinen Knien hoch bis zu meinem Bauch und Oberkörper, wo ich mich heftig schüttle. Mir ist schlecht.
Das Kind sitzt dort beim Verkaufsstand. Dasselbe wie vom Brunnen. Die Musik ist ruhig, aber tief. Ich empfinde sie als beängstigend. Der Ton wird schiefer, nicht schrill. Es klingt einfach falsch. Und dann verstummt der Ton.
Zum Verkauf steht ein Mumienkostüm.

Ich weiß, dass bald Halloween ist, aber das weiß das Spiel nicht. Das ist nicht Animal Crossing New Horizons, sondern Tomodachi Live. Ich kaufe zwanzig davon und werde rausgekickt. Das Kind redet weiter, spricht über seine 20-jährige Erfahrung und dass er mit einem Künstler zusammengearbeitet hat und was sonst noch alles. Die Worte ziehen an mir vorbei wie die Wolken über das Mii-Apartment vorbeiziehen. Man wird im Moment der Angst aufmerksamer und wachsamer. Man bemerkt Details, die man vorher nie wahrgenommen hat.
Ich gehe zurück zum Marktplatz, denn dort ist wieder jemand. Y. Ich habe eine andere Perspektive auf den Brunnen, kann nicht sehen, ob das, was ich für eine Leiche gehalten habe, noch da drin ist. Y zieht am Brunnen vorbei und bleibt kurz daran stehen. Er schaut hinein und geht weiter. Aus meinem Sichtfeld. Die Schritte, die ich höre, machen mir Angst.
Und plötzlich taucht er auf der linken Seite auf. Zieht eine weitere Runde. Der Himmel flackert bedrohlich und dieses Mal bilde ich es mir nicht ein. Es ist real. Und verdammt, wenn alles, was ich bisher geschrieben habe, eine Lüge war, dann ist zumindest dieser Teil real.

Ich beobachte, wie Y immer wieder an derselben Stelle stehen bleibt und ins Wasser schaut. Was geht wohl gerade durch seinen Kopf? Fragt er sich, wer die Leiche ist? Sieht er sie überhaupt? Oder ist es Zufall, dass er ins Wasser blickt?
Er bleibt wieder stehen und dieses Mal dreht er sich um. Er sieht mich an. Mitleid liegt in seinem Blick, aber das hätte ich mir genauso gut einbilden können. Zumindest ich verspüre Mitleid für diesen armseligen Pixelhaufen, der eine Leiche gesehen hat.
Meine Mutter ruft ich runter. Ich schreie zurück, dass ich komme. Ich schüttelte mir den Schock aus den Gliedern und werfe einen letzten Blick zum Handhelden. Ich werde vom Marktplatz geworfen. Ich verlasse meine Zimmer und entscheide mich, nichts zu sagen, weil es doch alles noch Einbildung sein könnte. Und wer hätte mir das schon geglaubt, wenn ich das hier erzähle? Wahrscheinlich halten die meisten Leser das immer noch für eine Creepypasta. Werde es dort vermutlich auch hochladen. Denn ich will mich damit abfinden, dass das eine Creepypasta ist und nicht mehr.
Aber es ist mehr.
Und das wird mir bewusst, als ich zurückkomme.

Der Nintendo liegt dort, wo ich ihn zuletzt hingelegt hatte. Ich setzte mich zurück vor dem Laptop, bevor ich das Spiel wieder in die Hand nehme. Und ich gehe zum Pfandhaus. Ich tue es aus einer Art Zwang, die Entscheidung traf ich jedoch selbst.
Im Pfandhaus liegen 12 Klopapierrollen. Wären es 13 gewesen, wäre das wohl ein Ticken gruseliger gewesen, aber es waren 12, was genauso gruselig war. Und dazu diese Melodie, die immer dieselbe war und so unfertig klang. Die mal lauter und mal leiser wurde, als kündigte sie etwas Großes an, das gleich wieder zurückgenommen wurde. Etwas kommt, aber es kommt nicht jetzt.
Vielleicht geht es die ganze Zeit nur darum, dass ich warte. Es passt: Ich kann das Spiel nicht verlassen. Ich beobachte und betrachte, aber ich kann nicht handeln. Und manche Entscheidungen werden mir genommen. Dazu das Gefühl, dass ich etwas erwarte. Irgendetwas wird passieren.

Doch erstmal sind da diese 12 Klopapierrollen und natürlich sehe ich den seltsamen Zufall, der auch euch nicht entgehen wird, wenn ihr das später lest. In den Nachrichten wurde von Yumestar und Klopapierrollen berichtet. Und hier sind sie nun. 12 Klopapierrollen, die mir Angst bereiten. Ich habe kein Phobie vor ihnen, aber ich bemerke die Anspielung. Ich treffe auf denselben Feind wie damals beim Liebesdrama. Ob mich das paranoid macht? Sehe ich deswegen diese Dinge?
Mir fällt gerade erst auf, dass der Roboter im Pfandhaus einen metallenen Unterarm hat, der gar nicht zu seiner Kleidung passt. Schaut nach, wenn ihr mir nicht glaubt. Es ist so.
Als hätte der Roboter gewusst, dass ich über ihn rede, dreht er sich zu mir und blinzelt. Mehr tut er nicht. Ich verlasse das Pfandhaus mit dem ekligsten Gefühl, das ich je hatte.
Ein Anruf.
Ich glaub, ich kotze gleich.

Niemand ist dran. Der Anruf wird eingeblendet. Ich höre das Klingeln, doch bevor dort ein Mii erscheint, verschwindet es wieder. Ist das meine erste Warnung? Soll mir das ein Zeichen geben? Der Regen wird stärker. Das Wetter draußen scheint sich der Spannung anzupassen. Ich glaub, es hagelt sogar. Ich schaue zum Fenster und verpasse deswegen, was im Spiel geschieht. Hätte die Musik für einen winzigen Moment nicht aufgehört, hätte ich es womöglich nicht einmal bemerkt. Nur aus dem Augenwinkel erhasche ich etwas Rotes oder Blaues. Es war so schnell, dass ich die richtige Farbe vergessen habe.
Ich versuche nochmals, Silver auszuschalten. Es klappt nicht. 5, 10, 15, 20, 25, 30 Sekunden…
WARUM GEHT DER VERDAMMTE SCHEISS NICHT AUS!?!?

Ich gebe mich geschlagen für das, was als nächstes passieren wird. Falls überhaupt etwas passieren wird. Doch erstmal muss ich essen gehen. Die Frage ist, ob ich in meiner Angst überhaupt etwas runterkriege. Ich brauche Ablenkung. Vielleicht ist der Akku leer, sobald ich zurückkehre. Und deswegen lasse ich das Spiel wieder alleine. Ich hoffe sogar, ich verpasse, was passieren wird. Auch wenn das eine eher traurige Geschichte wäre. Zumindest ist es eine Realistische.

Als ich von guter Pommes und einem zu würzigen Schnitzel zurückkomme, finde ich meinen Touchpen nicht. Womöglich habe ich ihn in meiner Panik mitgenommen und unten liegen gelassen. Passiert mir öfters. Mit den halbfettigen Fingern geht es auch. Silver wird mir nicht dafür danken. (Vielleicht schaltet er sich ja deswegen aus.)
Das Speichersymbol blinkt und ich habe Hoffnung, dass ich das Spiel endlich beenden kann. Doch ein Fingerdrück darauf führt mich nicht zu der Frage, ob ich speichern möchte, sondern ob ich das Spiel verlassen möchte.
Ich halte die Luft an und schlucke, da das, was ich gerade zu mir genommen habe, wieder raus möchte. Schnell gehe ich durch, ob diese Frage normal ist, ob diese schon immer gestellt wurde. Ich bin mir sicher, dass es nämlich „Bisherigen Spielverlauf speichern?“, hieß und nicht: „Möchtest du das Spiel verlassen?“
Ich klicke auf „Ja“, vielleicht ein wenig zu schnell, vielleicht ein wenig zu hoffnungsvoll. Ich bin voller Zuversicht, doch das war falsch.

Speichervorgang abgeschlossen. Weiterspielen?

Der Schreck durchzuckt mich. Ich blinzle. Habe ich falsch gelesen? Habe ich mich getäusch… Was!? Das Spiel hat Ja gewählt, noch während meine Finger auf der Tastatur tippten. Der Bildschirm wird weiß, so wie es immer geschieht, wenn gespeichert wurde. Und er bleibt eine ganze Zeit lang weiß. Ich hoffe sogar, dass das Spiel gefreezt ist, dass der ganze Horror ein Ende hat. Ein Spielfehler höchstwahrscheinlich. Oder war etwas in dem Schnitzel?
Ich werde wieder ins Menü geschickt. Nichts Auffälliges. Außer, dass ich immer noch hier bin. Ein Mii-Icon über den Freizeitpark. Ich sehe das Karussell, welches sich zu einer fröhlichen Musik im Kreis dreht. Die Pferde hüpfen auf und ab. Es ist beruhigend. Magicant läuft am Karussell vorbei. Ich liebe ihr rotes Outfit. Diese roten Hasenohrschlafe und das Riesenschleifenkleid. Mir fällt erst jetzt auf, wie passend diese Kombination zu ihren roten Haaren und braunen Augen ist. Doch diese Gedanken dienen nur der Ablenkung. Dreamy, also die Tochter meines Miis, läuft ebenfalls vorbei. In ihren verträumten Augen liegt etwas Schleierhaftes und Trauriges. Sie steigt auf das Karussell. Die Kameraperspektive verändert sich. Ich sehe das Karussell nun von Nahe, die Musik ist lauter geworden, aber ist fröhlich geblieben. Im Hintergrund fährt die Achterbahn. Man hört sie ab und an vorbeirauschen. Magicant stellt sich an die Absperrung des Karussells und schwenkt fröhlich die Arme hin und her. Nichts Auffälliges. Habe ich mich doch getäuscht? Suche ich nur nach Hinweisen, um das zu erklären, was ich mir eingebildet habe? Ich verlasse den Vergnügungspark genau in dem Moment, in dem Magicant sich nicht bewegt. Kompletter Stillstand, so als hätte man bei einem Live-Konzert den Knopf für Aufhören gedrückt, nur ohne, dass sich ihre Augen weiteten. Nein, sie stand einfach da. Still verharrt in der Pose, wo ihre Arme nach vorne geschwankt waren.
Ich kehrte zurück. Von Dreamy und Magicant war keine Spur mehr. Stattdessen saßen dort das Kind, was ich für meinen Geschmack zu oft gesehen hatte und Rachel. Also doch ihr Kind. Ob mich das beruhigt, weiß ich jetzt auch nicht mehr.

Kopfschüttelnd verließ ich den Vergnügungspark und ging ins Café, wo Nagisa und Karma an einem Tisch saßen. Ich sah sie von oben. Fühlte mich wie eine Überwachungskamera. In genau diesem Moment schaut Karma auf und sieht mich einige Sekunden an. Dann wendet er sich ab und trinkt einen Schluck seines Kaffees. Ich kann ihn schlucken hören. Vielleicht bin aber auch ich das, da ich entdeckt wurde. Noch einmal fliegt Karmas Blick umher. Irgendwie gruselig, diese Animation, da sie so stockend und schlecht animiert wurde. Aber ich bin bessere Grafiken gewöhnt, seit ich auf der Switch spiele. Ich verlasse das Café. Ich fühle mich schrecklich.

Der Wortanzahl abzulesen, befinde ich mich seit mindestens fünf Stunden im Spiel, wenn nicht sogar länger. Der Akku erscheint mir unendlich beständig, nicht so wie bei der Switch, die nach zwei Stunden Zelda: Breath Of The Wild den Geist aufgibt und an die Ladestation gehört. Es hilft nichts, dass meine Helligkeit so tief gesetzt wurde. Das Ding hält mindestens noch 12 Stunden durch. Ich habe morgen eine Englische Prüfung. Ich kann doch nicht so lange warten.
Beende es, denke ich mir und spreche es wie ein leises Gebet aus. Zu wem ich bete? Ich weiß es nicht. Vielleicht zu Pinkys Seele, die im Nintendo-Grab ruht. Vielleicht zu Gott, damit ich eine bessere Note in Englisch bekomme. Vielleicht aber auch zu… Hansi.
Er hat mich gerade angerufen.
„Hallo!“
Ich darf auf kein Baby hoffen, oder?

Der Bildschirm flackert stärker als zuvor. Ich befinde mich eindeutig in einem der Häuser. Die rechte Seite des Bildschirms ist so stark verdunkelt, dass ich nur die Umrisse der Küchenmöbel erkennen kann. Ich neige den Handheld zur Seite und lasse ihn vor Schreck fallen. Ich sah den Umriss von meinem Mii, Yumestar und neben ihr einen kleineren Schatten. Wäre das das Silhouettenspiel gewesen, hätte ich eindeutig verloren. Ich erkenne dieses Mii nicht wieder.
„Ebenbild von Yumestar.“ Es waren Hansis Worte, die mich zurück zum Spielgeschehen brachte. Ich verdeckte die eine Seite des Bildschirmes, denn ich wollte es nicht sehen. Das war noch schlimmer als die erhängte Sayori in Oki Doki Literature Club. Auch da hatte ich meine Hand schnell über mein Handy gelegt, auf dem ich das Let’s Play gesehen hatte. Und doch hatte ich mich vor dem Schock nicht schützen können.
Mir stießen Tränen in die Augen und ich presste meine Hände an die Lippen. Das Atmen fiel mir schwer. Ich quietschte ein jämmerliches „Ja“, auch wenn ich noch mit dem Finger den Bildschirm berühren musste, bevor die Textbox weiterging.

ist erwachsen geworden.

Der Bildschirm wurde schwarz, so wie immer, wenn das Pärchen im Mii-Haus etwas anderes tat. (Ich beobachtete die Liebenden sehr oft, war ich doch leidenschaftliche Shipperin). Yumestar und Hansi saßen zusammen am Tisch. Getränke und etwas zu Essen auf der Dunkelholztischplatte. Verliebte Musik und Herzchen. Ich fühlte mich alles andere als in einer Romanze.
Was zum Teufel passiert hier? Warum verändern sich die Szenen? Ich sehe schreckliche Dinge und im nächsten Moment, ist alles normal, als wäre es nie geschehen. Ich wollte das Mii-Viertel verlassen, aber der Pfeil war ergraut. Die Auswahl unmöglich. In den anderen Häusern war das Licht aus. Vorsichtshalber mache ich mit meinem Handy ein Beweisfoto.
Die Szene ändert sich wieder. Das schwarze Flackern macht mir Angst. Mein Mii und Hansi sitzen auf dem Sofa und unterhalten sich. Sie wirken normal und glücklich. Vielleicht. Vielleicht bin ich verrückt geworden. Ich schaue nach unten. Der Pfeil ist wieder orange. Im Haus von Yuki und Flöckchen leuchtet ein Licht. Die zweite Häuserreihe… scheint zu schlafen. Die Rollladen sind runter, eben so wie bei Nacht. Ich kann nicht draufdrücken. Deswegen klicke ich auf das andere Haus. L ist bei Yuki. Sie schauen Fernsehen und jubeln. Doch im nächsten Moment jubelt nur noch Yuki. L hat aufgehört und sieht zu mir. Die Augenringe, die ihm normalerweise ein Pandaaussehen verliehen, wirkten jetzt auf mich beängstigend. Er schien… ermüdet. Erschöpft. Aber die Mii-Nachrichten werden sicher nicht an ihm gezerrt haben.

Ich bekomme das Gefühl, dass etwas vor sich geht. Mehr, als ich in meinem Blog vermutet habe. Keine Untergrundorganisation oder eine Polizeiwache. Nein. Das hier ist eine Nummer größer. Vielleicht etwas Übernatürliches. Aber nein, womöglich lässt sich alles erklären.
Ich drücke wieder auf das Haus meines Miis. Sie und Hansi sitzen immer noch auf dem Sofa, plaudern. Ich zähle eins und eins zusammen, rufe Hansi. Augenblicklich verstummt das Gespräch und beide sehen mich geschockt an, obwohl der Kopf meines Miis kurz nach unten sinkt. Verdächtig.
„Guten Tag“, grüßt Hansi mich mit rauer, angekratzt klingenden Stimme. Er klang ein wenig traurig, aber das hatten mechanische Stimmen wohl an sich.
Er blickt mich mit seinen großen, schwarzen Augen an und ich habe das Gefühl, dass sie mich einsaugen. Ich schüttle meinen Schock ab, auch wenn ich noch nicht ganz verstehe, woher mein plötzlicher Mut kommt. Womöglich rührt er daher, dass ich eine Vermutung habe, was hier geschehen ist. Es ist nur ein Spiel, aber es ist so viel mehr als das.

Da ist eine Sprechblase über seinen Kopf und ich drücke sie. Er sagt: „Promis, die ich sehr liebe, verschwinden oft von der Bildfläche.“
Zufall? Womöglich. Ich schenke ihm ein mitleidiges Lächeln. Es graust mir vor mich selbst. Wie ich plötzlich so ruhig bin. So gemächlich. So verstehend. Vielleicht bin ich endlich akklimatisiert gegen Horror. Ich blicke auf den FNAF Comic, den ich mir kürzlich gekauft hatte… Und muss noch schaudernd den Blick abwenden.
Nein. Womöglich habe ich immer noch Angst.
Ich verlasse das Apartment und das Mii-Viertel. Ein Anruf.
Ich erwarte Yumestar.
Obwohl sie wohl eher nicht.
Zu meiner Überraschung ist es Magicant. Sie ruft an, sagt „Hallo!“ und das war’s. Es ergibt keinen Sinn. Das Einzige, worauf ich mich stütze, ist die Annahme, dass mein Mii gestorben ist. Yumestar ist tot.

Ich fürchte mich, doch ich traue mich zu den Mii-Apartments. Während des Horrors habe ich diesen Ort bewusst gemieden. Vielleicht, weil ich mich vor den Miis fürchtete, vielleicht, weil andere Dinge interessanter waren. Vielleicht entging mir aber auch der normalste Ort, eben weil er so normal und uninteressant wirkte.
Aber dieses Mal war nicht alles normal. Dinge geschahen, die unbegreifbar waren. Man sah sie und doch glaubte man nicht daran, bis sie einen vernichteten. Ich selbst war lange genug in der Rolle, um das endlich zu begreifen.
Ich ging in das Gold-Apartment 102. Es lag im Dunkeln. Keine Textbox sagte mir, wo Yumestar war. Wo würde sie auch sein? In ihrem Haus. Noch während ich tippe, werde ich zu einem anderen Apartment geführt. Ringos Apartment. Sie steht da und tut nichts.
Großartig, wie das Spiel versucht, mich von den Dingen abzulenken. Wie ich getäuscht werde.

Ich drücke zurück auf Yumestars Apartment. Ich rufe sie und schaue weg. Die Musik verändert sich nicht. Es bleibt die immer gleiche, fröhliche Musik, die mir mittlerweile unheimlich geworden war. Vor allem passte sie nicht zu dem, was ich sah. Oder was ich zu sehen hoffte. Ich atmete tief durch, schob das Nintendo weit genug von mir weg und zwang mich hinzusehen. Allein das bisschen, was ich aus der Ferne sah, genügte mir um zu wissen, dass ich mich gleich übergeben werde. Da half auch nicht das leichte Schwanken der Kamera oder das Bildschirmflackern. Oder die abnormale Dunkelheit.

Schon einmal in einem Apartment gewesen, welches komplett in Dunkelheit lag? Wahrscheinlich, wenn du nicht gerade in einem Familienhaus oder in einer WG wohnst. Und kennst du das Gefühl, wenn du dich durch die Dunkelheit tastest, weil alle Vorhänge zugezogen sind, obwohl es Tag ist? Während du dich beeilst, um den Lichtschalter zu finden, stolperst du und fällst auf den Boden. Du kauerst dich zusammen, da du dich vor den Monstern fürchtest, die im Schatten auf dich lauern. Du willst schreien und doch sagst du kein Wort, aus Angst, überfallen zu werden.
Ungefähr dieses Gefühl habe ich gerade und ich sitze in meinem Zimmer. Der Regen hat aufgehört. Die Sonne scheint direkt auf den Bildschirm, blendet die Sicht darauf und ich hätte nicht dankbarer sein können. Ich zittere so stark, dass ich zwei Anläufe brauche, bis ich den Satz fertig getippt habe. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen, lese mir die Nachrichten durch, die der Englisch LK geschrieben hat und bin beruhigt, dass wir in der mündlichen Prüfung nur zehn Minuten diskutieren müssen.
Aber ich habe immer noch Angst vor dem, was vor mir liegt.

Obwohl… Es ist nicht Silver, der mir solche Angst einjagt. Es ist die Dunkelheit und die Verlassenheit eines Apartments, in dessen Mitte ein Körper liegt, der meiner ist. Ich starre nun förmlich auf die blonden Haare, vereinfacht dargestellt in einer Pixelform. Diese großen, blauen Augen, die zwar blinzeln, aber das Einzige sind, was sich an dem Körper regt. Die Hände ohne Finger, diese typischen Bällchen, ruhen auf der Brust des Wesens, welches mich darstellen soll. Der Körper liegt auf dem goldenen Boden als wäre es eine kostbare Mumie in einer Museumsausstellung (und sogar diese sah wesentlich besser aus). Und ich schlucke so heftig, dass ich glaube, gleich ist es vorbei.
Zumindest mit dem Behalten meines Mittagessens.

„Yume“, bringe ich zwischen meinen zusammengepressten Lippen hervor. Ich weiß nicht, warum es mich so zerstört, sie tot zu sehen. Sie war meine Erschaffung, meine Identität und meine Persönlichkeit. Sie war ein Teil von mir, sichtbar gemacht durch das Spiel namens Tomodachi Live.
Hatte ich nicht erwähnt, wie es mich beruhigt, über meine OCs zu sprechen? Das ist, weil ich sie… unendlich liebe.
Und hier liegt sie nun. Yumestar. Ich kriege ein Gefühl wie bei Among us, wenn man eine Leiche findet und von dieser berichten will. Aber hier ist kein Knopf, auf dem „Report“ steht. Der Rückkehr-Pfeil ist ergraut. Der obere Bildschirm zeigt das, was das Leben meines Miis war: Sie hasste Donuts und liebte Lasagne, Trüffel und Roastbeef. Ihr Magen war leer. Womöglich hätte ich ihre Leibspeise rausgefunden, wenn ich ihr noch etwas mehr gegeben hätte. Ihre Hobbys waren Angeln, Skateboard Fahren, Musik machen und Ballett. Manchmal las sie auch ein Buch. Ich blätterte weiter. Es sticht im Herzen. Sie hatte einen Ehepartner, Hansi, mit welchem sie extrem zufrieden war. Und drei Kinder. Y, Dreamy und Bill. Bill war das Kind, das am Brunnen gespielt hatte. Er war mit Rachel befreundet, nicht ihr Kind. Ich erinnere mich wieder. Und noch nie hat die Erinnerung an ein Karussell so weh getan, wie jetzt. Ich sehe den Brunnen vor mir, wie Y stehen bleibt. Dieses traurige Gesicht blitzt vor meinen Augen auf und jagt mir Schuldgefühle ein. Ich erinnere mich an Dreamy… und wie sie verschwand.

Dreamy ist erwachsen geworden.

Das war es, was ich nicht lesen wollte – oder nicht konnte. Dieser schwarze Bildschirm, der mir solche Angst bereitet hatte, dass ich weggesehen hatte. Diese kleine Silhouette… Das war ihre gewesen.

Ich sehe wieder das Karussell vor mir, höre diese fröhliche, bezaubernde Melodie, die sich mir ins Ohr gesetzt hat. Nicht das schönste Lied, wenn man auf eine Leiche blickt. Es klopft jemand an die Tür des Mii-Apartments, aber das bin nicht ich. Ich weite die Augen, geschockt, dass sie da ist. Der Pfeil leuchtet auf. Nie habe ich schneller mit dem Finger geklickt. Ich drücke auf Verwaltung. 59 Miis. Ich gehe raus. Raus aus dem Mii-Apartment. Anruf.
Es ist Magicant.
Und dieses Mal kein fröhliches Hallo.

Der Bildschirm wird gelb. Nun, wenigstens kein Schwarz. Und ich lande bei ihr im Haus. Lord, ihr Ehemann ist nicht anwesend. Ich werfe einen Blick auf den unteren Bildschirm. Mir ist nie aufgefallen, dass das Haus meines Miis am Anfang der Reihe und ihres am Ende als letztes steht. Die Beobachtung fasziniert mich, dient mir aber nur als schwacher Trost für das, was kommen soll.
Magicant steht vor mir. Sie trägt dasselbe Outfit, doch langsam kommt es mir nicht mehr schön vor. Unweigerlich kommt mir die Frage auf, ob man bei dieser Grafikqualität Blut auf einem roten Kleid sähe oder ob es mit den Pixeln verschmelzen würde. Ich schüttle mich. So genau will ich es dann doch nicht wissen.
„Was möchtest du, Magicant?“, frage ich und weiß nicht, woher ich den Mut finde, überhaupt laut zu sprechen. Nicht, dass sie mich überhaupt hören würde.
Sie starrt mich an. Unmöglich, dass sie mich gehört hat. Diese braunen Augen bereiten mir Angst. Sie saugen mich nicht ein, aber sie halten mich auf Distanz. Es ist, als wüsste sie, dass uns ein Bildschirm und Millionen Dateneinheiten voneinander trennten.
Und sie schien enttäuscht über dieses Wissen. Ich war tatsächlich froh.
Es ist nur ein Spiel, erinnere ich mich und schließe die Augen. Dann atme ich tief durch und öffne die Augen wieder. Das Haus liegt in Dunkelheit. Magicant ist verschwunden. Es ist, als wäre sie nie da gewesen.

Ich lehne mich gegen mein Bett und stoße ein tiefes Seufzen aus. Ich fühle mich der Lösung nahe, glaube, dass Magicant Yumestar ermordet hat und Dreamy gleich dazu. Ich habe doch gesehen, was beim Vergnügungspark geschah. Ich sah die traurigen Blicke. Ich war Magicant so oft begegnet. Doch alles, was ich sah, ergibt keinen Sinn. Es hat keinen Zusammenhang. Und der Versuch, die Dinge zusammen zu fügen, ist gescheitert.
Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Das Blau des Himmels beruhigt mich. Ich höre ein Klopfen und schaue auf das Spiel.
Aber ich bin im Auswahlmenü. Das Klopfen kommt von meiner Tür. Ich bin ungewöhnlich ruhig. Vielleicht, weil man ganzer Körper betäubt ist. Weil mein Kopf sich von dem isoliert, was er für möglich hält, obwohl es schlichtweg unmöglich ist. Weil da definitiv nicht Magicant vor meiner Tür stehen wird.
Und doch… Möglich wäre es.

Manchmal sehe ich Dinge, die nicht existieren. Sie kommen und gehen, wie Einbildungen und ich kann nicht sagen, ob sie real sind oder nur von meiner Kreativität erschaffen wurden. Sie steht an meiner Tür, lehnt am Rahmen und sieht mich länger an. Fast kritisch musternd. Ich versichere ihr, dass alles in Ordnung sei. Sie reicht mir meinen Touchpen und schließt die Tür hinter sich. Es war meine Mutter.
Ich blicke zurück auf mein Spiel. Gehe auf Verwaltung. 60 Miis.
Und vielleicht war das doch alles nur Teil einer Creepypasta.

Mein Name ist Yumestar. Ich glaubte nicht, an die Dinge, die auf Heveneria vor sich gingen. Vor drei Monaten klopfte jemand an meinem Apartment. Es war am helllichten Tag und ich dachte mir nicht viel dabei, als eine vertraute Person an meiner Tür stand. Sie gab mir meinen verlorenen Gegenstand wieder und schloss die Tür hinter sich. Wir waren allein im Zimmer, als sie mich tötete.
Als ich erwachte sah ich diejenige, dessen Ebenbild ich war. Sie sah Dinge, die sie nie hätte sehen sollen und sie kam nie wieder zurück.
Manchmal beobachte ich meine alten Freunde und meine Familie. Und obwohl uns ein Bildschirm trennt, habe ich das Gefühl, dass sie meine Präsenz auf der anderen Seite wahrnehmen können. Sie wissen, dass ich existiere.
Und dass ich eines Tages zurückkehren werde.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast