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Seiltänzer III

von Ricky VL
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
25.10.2020
20.03.2022
70
161.679
14
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
25.10.2020 2.403
 
„Stopp! Halt!“ Die kleine warm eingepackte Karawane wurde während des spontan angesetzten Familienbummels abrupt durch David ausgebremst. „Das ist er.“

Irritiert starrten Remo und seine Tochter Lucy auf David, welcher dann der Verwunderung ein Ende setzte, indem er mit seinen Augen auf die nobel gestaltete Auslage hinter der Schaufensterscheibe eines extravaganten Herrenausstatters in der Hamburger Innenstadt zeigte. „Der Anzug wäre doch genau der Richtige für unsere Hochzeit. Elegant, dennoch leger, körperbetont und modern geschnitten. Na, und die Farbe ist doch mit vielem kombinierbar.“

„Und sicherlich wird er unser gesamtes Budget sprengen,“ sah Remo bereits das Konto in die weiten Abgründe des Minus rutschen. Beim Erkunden des gewünschten Objektes konnte er nämlich lediglich den Namen eines italienischen Top – Designers entdecken. „Da stehen ja nicht mal Preise dran. Vermutlich unbezahlbar.“

„Den Preis können wir leicht herausfinden,“ ließ David sich nicht so fix abfertigen und am Ende vermutlich auf Stangenware aus einem möglichst preiswerten Bekleidungs - Discounter festnageln. „Lass uns mal reingehen. Bestimmt können die uns auch passende Hemden und Krawatten empfehlen.“

„Das könnt ihr doch ein anderes Mal,“ stand der kleinen Lucy nun wirklich nicht der Sinn nach langen Anproben und Diskussionen. „Wir wollten doch auf den Weihnachtsmarkt, und dann sollte ich doch etwas bei Toysland aussuchen, was mir der Weihnachtsmann bringt.“

„Das machen wir ja auch gleich noch.“ David drückte mittlerweile die Tür zu der exklusiven Herren – Boutique auf.

„Und wie lange dauert das?“ maulte Lucy, wodurch nun auch David allmählich die Lust verlor, die Glastür wieder zurückfallen ließ. „Dann eben nicht.“

„Leute, streitet euch nicht.“ Wie so oft stand Remo mal wieder zwischen den Fronten, denn Lucy entwickelte sich zunehmend immer stärker auf das Charakter – Niveau ihrer Mutter, die auch stets ihren Willen durchsetzen wollte, egal wie. David gab zwar oft nach, was Remo aber schon im Endeffekt leid tat, denn er wollte immer beiden wichtigen Menschen ins seinem Leben gerecht werden. Wie in diesem Fall galt es eine Abwägung zu treffen. „Wir erkundigen uns jetzt kurz nach diesem Anzug und gleich geht es sofort rüber zum Weihnachtsmarkt. Wir haben ja auch noch den ganzen Nachmittag Zeit.“

„Du hast doch auch kein Interesse an diesem Anzug. Wozu also jetzt der Kompromiss?“ folgte von David die direkte Breitseite für den Kommissar, was Lucy auszunutzen wusste. „Dann können wir ja gleich auf den Markt. Ich will Karussell fahren.“

Remo platzte der Kragen. Mit Schwung stürmte er das Ladengeschäft, kam direkt vor einem geschniegelten und polierten Verkäufer zu stehen, der seinen erhabenen Blick von oben gerichtet auf die Kleinfamilie zielte. „Guten Tag! Kann ich ihnen in irgendeiner Form helfen?“

„Das wird sich zeigen,“ blieb Remo in der Spur, denn solche arroganten Typen kannte er schon aus beruflichen Gründen zu genüge. „Mein zukünftiger Mann und ich hätten gerne diesen Anzug dort aus dem Schaufenster anprobiert.“

„Den Anzug dort?“ Der Verkäufer ließ umgehend seine Augen rollen. „Soll ich ihnen vielleicht erst mal den Preis nennen? Oft erledigt sich dann weiteres von selber.“

„Der Preis interessiert uns nicht. Wir bezahlen eh mit der Kreditkarte meines zukünftigen Schwiegervaters. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt,“ spielte Remo seine Show perfekt runter, woraufhin David aufpassen musste, dass sein Schmunzeln über diese dreisten Lügen nicht auffiel und er nicht sogar noch laut loslachen musste.

„Ah ja, gut, dann wollen wir sie doch passend zum erfreulichen Anlass einkleiden,“ drehte sich auf mal der Wind. „Ihre Größen dürften wir bestimmt am Lager haben. Ich schaue sofort. Nehmen sie doch solange Platz. Darf meine Kollegin ihnen einen Kaffee bringen und für die kleine Dame eine erfrischende Limonade?“

„Da sagen wir doch nicht nein,“ stieg nun auch David mit ins Geschehen ein.

Nachdem der Verkäufer jedoch gewinnorientiert nach nebenan verschwand, setzten die drei sich in die bequeme Sitzgruppe, wo David sich nicht länger zurückhalten konnte. „Ich wusste gar nicht, dass mein Vater unsere Hochzeit finanziert.“

„Kommen deine Mama und dein Papa denn zur Hochzeit?“ hakte nun Lucy ungehemmt nach. „Letztens hast du doch gesagt, dass du mit denen nichts mehr zu tun haben willst.“

„Und so wird es auch bleiben,“ stand für David außer Frage, legte daraufhin den Zeigefinger auf seine Lippen. „Aber pssst, das muss der Verkäufer ja nicht erfahren.“

„Ich finde das aber blöde. Wenn ich mal heirate, will ich schon, dass mein Papa und meine Mama dabei sind. Und du natürlich auch, David.“ Die Worte des Mädchens sind für David durchaus nachvollziehbar, doch für sich wollte er diese Wünsche nicht zulassen. Remo wusste genau, wie David darüber dachte, auch wenn es ihm persönlich leid tat, denn auch er würde seine Familie niemals ausschließen wollen. Mitfühlend nahm er dennoch Davids Hand und drückte sie aufmunternd, bevor der Verkäufer wieder zu der Familie stieß. „Ich habe nicht zu viel versprochen. Die Herren können dann zur Anprobe schreiten.“

*****

„Eric hat mich angefunkt. Er sammelt mich gleich vorne an der Ecke ein.“ Noch während der Verkündung steckte Nils sein Handy weg und griff dann zur Tasse, um am Tresen des Blue Ringo einen letzten Schluck Kaffee daraus zu nehmen. Stellas Augen schwenkten direkt zu ihm. „Eric, euer neuer Kommissar?“

„Aus dem müssen wir noch erst einen basteln. Man merkt Eric schon an, dass er fast zwanzig Jahre nur Streife gefahren ist,“ äußerte Nils sich über den frisch zugeteilten Kollegen, was Stella durchaus zu kommentieren wusste. „Ich kenne viele Mädels und Jungs, die auf der Straße ihren Job machen. Sollen sie deswegen ein Leben lang dasselbe tun?“

„Das ist ja wohl kaum zu vergleichen,“ wies der Polizist mit gesetzestreuem Beamten - Vollblut in seinen Adern von sich, schob dabei die leere Tasse über die Theke. „Und natürlich sollte jeder seine Chance ergreifen. Unseren Eric kriegen wir auch schon noch hin.“

„Ich kann mich gut daran erinnern, wie du damals in Remos Truppe geankert hast. Du musstet dich auch erst reinfuchsen und Federn lassen,“ holte die Barkeeperin die Vergangenheit ans Licht, räumte nebenbei die Tasse ab. „Lasst ihn doch erst mal ankommen.“

„Schatz, du vergisst, dass ich einen viel schwierigeren Stand hatte. Markus hat echt kein gutes Haar an mir gelassen. Und heute ….“ Mit Schwung sprang Nils vom Barhocker und zog sich seine Jacke über. „Und heute stellt sich heraus, dass ich mich von einem Mörder schikanieren lassen habe.“

Beim letztem Satz musste Stella ihren Blick für Sekunden von ihrem Freund entziehen, ehe sie sich ihm wieder zuwandte. „Noch ist er ja nicht verurteilt.“

„Liebes, der Mann hat den Mord an dieser Frau gestanden. Eiskalt hat er sie im Hafen mit seiner Privatwaffe erschossen. Kein Richter der Welt wird ihn freisprechen, ob er nun Kommissar ist oder nicht,“ stand für Nils bereits das Urteil fest. „Er wird für mindestens 15 Jahre in den Knast gehen.“

„Und wenn es doch jemand ganz anderes war?“ versuchte Stella noch etwas zu retten, auch wenn sie wusste, dass es eigentlich gar keine Rettung gab. Das machte ihr auch Nils mit deutlichen Worten klar. „Nochmal. Markus hat sich für schuldig erklärt. Er hat ein Geständnis unterschrieben. Aus dieser Nummer kommt er nicht mehr raus.“

„Du bist doch Kommissar, und du müsstest doch auch schon mal erlebt haben, dass Leute ein Geständnis abgelegt haben und dann war es doch jemand ganz anderes,“ setzte Stella nach, hielt dabei aber ihr genaues Wissen bestens unter Verschluss.

„Was sich dann in den letzten zehn Minuten vom Tatort aufklärt,“ verwies Nils an die Fiktion – Krimis im Fernsehen. „Die Realität hier draußen an der Front ist eine ganz andere. So, ich muss dann auch los, Schatz. Mach dir also keinen Kopf um Markus.“

Mit flotten Schritten eilte Nils hinter den Tresen, verabschiedete sich mit einem Kuss von seiner Partnerin, ehe er das Lokal verlassen wollte. Im Eingang drehte er sich dann jedoch nochmal zu seiner rothaarigen Freundin um. „Ach, wo wir gerade bei Eric waren. Der Herr plant demnächst seinen Einstand zu geben und möchte uns zum Essen einladen. Also Remo mit David und wir Zwei. Seine Frau soll ausgezeichnet kochen können.“

„Na, dann bekommst du ja auch endlich mal etwas genießbares zum Essen,“ zwinkerte Stella dem Mann in der Tür zu, erklärte sich dann aber bereit die Einladung anzunehmen. „Wenn es passt, gerne. Wenn David dabei ist, wird mir jedenfalls nicht langweilig, falls ihr Gendarmen nur über das Strafgesetzbuch fachsimpelt.“

*****

„Lucy hat heute mal wieder sehr über die Stränge geschlagen,“ musste Remo nicht nur sich später, nach dem Einkaufsbummel samt Weihnachtsmarktbesuch, zu Hause eingestehen. Während er sich ein neues Shirt aus dem Kleiderschrank fischte, wanderten Davids Augen zu ihm hinüber. „Deine Tochter lernt gerade sich bei allem Möglichen durchzusetzen. Ich will mich ja nicht grundlegend einmischen, aber vielleicht wird es Zeit hin und wieder auch die Handbremse anzuziehen.“

„Wir haben sie zu sehr verwöhnt. Okay, vielleicht habe ich auch nicht immer gleich die Kelle hochgehalten?!“ gab Remo ehrlicherweise zu, woraufhin er aber Rückendeckung seitens seines Partners bekam. „Und ich bin beim Verwöhnen ja auch nicht immer ganz unschuldig gewesen und habe auch mal, vielleicht auch mal öfter, etwas erlaubt, obwohl ich wusste, dass du es verbieten würdest oder sogar hast.“

„Tja, wir scheinen die perfekten Eltern zu sein,“ behauptete der leibliche Vater des Kindes mit einem Augenzwinkern, der anschließend mit seinem Lächeln auch wieder eines auf das markante aber wunderschöne Gesicht von David zaubern konnte, denn Remo bemerkte schon, dass David nachdenklich wirkte, als er auf dem Bett einige Spielsachen aus den Taschen herausnahm und ausbreitete. „Die Meerjungfrau und der Meerjungmann. Ein Wunder, wie du es geschafft hast, die beiden Puppen unbemerkt nach Hause zu schleusen.“

„Limited Edition. Und das hübsche Kerlchen hier stand da nur noch ganz alleine im Regal. Ich musste mir etwas einfallen lassen, und es ist ja gut gegangen. Unsere Tochter wird ganz große Augen machen.“ David begutachtete die erlegte Beute, die Lucy unbedingt vom Weihnachtsmann geschenkt haben wollte. Natürlich stehen noch viele andere Spielzeuge auf der Liste, aber die mussten noch abgewogen und dann eventuell erobert werden. Als die beiden Männer dann ein Geräusch auf dem Flur hörten, schien die Überraschung allerdings aufzufliegen. Schnell wurden die beiden Figuren in ihren Schachteln zurück in die Taschen befördert und dann von David auf dem Kleiderschrank gepackt, während Remo die Lage auf dem Flur checkte. Zum Glück konnte er Entwarnung geben. „Ach du bist es nur.“

Die Bobtail – Hündin Donna schlich sich an Remo vorbei ins Schlafzimmer, holte sich bei David die benötigten Streicheleinheiten ab. Der Kommissar hingegen prüfte derweil, ob Lucy wirklich nicht in der Nähe verweilte. Nein, Lucy und der Fernseher bildeten im Erdgeschoss eine Einheit, somit nahm auch Remo wieder Kurs auf David, denn dieser Nachmittag brachte ja noch mehr ans Licht, was geklärt werden musste. „Lucys Andeutung und die Frage wegen deinen Eltern?“

„Was soll damit sein?“ Die Stimmung drohte wieder in eine andere Richtung zu schwenken. „Lucy kann nichts für den Murks, der mein Leben betrifft. Außerdem hat sie ja recht. Die meisten Kinder möchten, dass ihre Eltern bei so einem besonderen und wichtigen Tag dabei sind. Ich will es eben nicht, und basta!“

„Ich rede ja nicht von Brigitte und Paul. Was ist mit deinen ….?“ begann Remo erneut Davids wahrer Vergangenheit und eben Herkunft auf die Spur zu kommen. Doch David wollte davon nichts wissen, fuhr Remo ohne Pardon in die Parade: „Diese Personen werden nichts besser sein als die Menschen, die mich groß gezogen haben. Sie haben mich, ohne mit der Wimper zu zucken, weggegeben. Sie wollten mich nicht. Warum sollte ich sie wollen?“

„Aber das weißt du doch nicht,“ blieb der Polizist eher bei den möglichen Fakten. „Bisher kennen wir nur die Version von deiner Mutter, sorry von Brigitte. Was ist, wenn die Frau, die dich geboren hat, gar nichts von einer Existenz weiß. Vielleicht denkt sie, dass du tot bist. Kann doch auch sein, dass du ihr gleich nach der Geburt weggenommen wurdest. Laut Brigitte warst du zwei Wochen alt, als du zu ihr gekommen bist.“

„Ja klar, oder Mami Sonnenschein wollte mich unbedingt loswerden. Erst wild durch die Gegend vögeln. Scheiß auf Pille, Kondom, Aids und oh, plötzlich ein lebendiges Wesen, was jetzt aber echt ungünstig kommt. Schnell weg damit, Umtausch ohne Kassenbon.“ Für David gab es keinen ersichtlichen Grund irgendjemanden Fremden irgendwas zu verzeihen. Auch Redebedarf gab er nicht freiwillig zu. Warum sich also weiter mit diesem Thema beschäftigen. „Lass es einfach, Remo. Für mich ist alles vom Tisch.“

„Wir haben ja noch nicht einmal probiert, ernsthaft nach deinen biologischen Eltern zu suchen. Vielleicht ist doch alles ganz anders,“ appellierte Remo nochmals, strich dabei ebenfalls durchs dichte Fell der sanftmütigen Donna. „Ich für meinen Teil würde nicht gerne mit so vielen ungeklärten Fragen bis ans Ende des Lebens wandern.“

„Das musst du ja auch nicht. Bei dir ist ja alles nach Bilderbuch gemalt,“ konnte David zwischendurch auch schon mal ungerecht werden. Genervt von der ganzen unnützen Diskussion schoss er aus dem Zimmer, ließ Remo zurück, welcher sich für einen Augenblick machtlos sah, aber dennoch so gerne helfen würde.

Tatenlos wollte der Kommissar jedoch nicht bleiben. Fälle, die nie aufgeklärt wurden, gibt es zu genüge. Ein guter Polizist knackt irgendwann das Geheimnis, das wie ein Schatten über die zerstörte Welt lag. Licht musste ins Dunkle. Dafür musste jede kleine Flamme genutzt werden. Remo zog sein Handy aus seiner Hosentasche, öffnete daraufhin die Tür zum Balkon und trat in die Dunkelheit des kühlen Dezemberabends hinaus. Nachdem er sich auf dem Polizeipräsidium verbinden ließ, landete er genau dort, wo er hinwollte. „Hallo Julia, Remo hier. Gut, dass ich dich noch erreiche.“

Seine Augen richtete er hinaus in den kleinen Garten hinterm Haus. „Du musst mir bitte, so bald du Zeit erübrigen kannst, einen großen Gefallen tun. Ich brauche aus den Archiven alles, was mit Säuglings – oder Kindesentführungen zu tun hat. Auch, was das Thema illegale Adoption betrifft. Eben alles an Ungereimtheiten mit Kleinkindern und Neugeborenen, was sich um 1990 plus minus zwei, drei Jahre abgespielt hat. Möglichst bundesweit, aber auch international Irgendwo muss es eine Spur geben.“

Seine Kollegin merkte am anderem Ende an, dass es sich um eine Mammutaufgabe handele, während Remo sich drehte, um sich mit dem Rücken ans Geländer des Balkons zu lehnen. Dabei prallten seine Augen mit voller Wucht in den bösen Blick von David, der in der Tür stand und wohl dem Gespräch gelauscht hatte. „Ich ruf dich zurück, Julia. Danke schon mal.“

„Ich sage es dir jetzt zum letztem Mal, Remo Dorn,“ peitschte Davids Stimme durch die Kälte. „Ich will, dass du meine Vergangenheit ruhen lässt. Ich will nicht 30 Jahre zurückfliegen, um mir meine Existenz auf diesem Planeten erklären zu lassen. Wenn du ein Problem damit hast, dann haben wir Zwei wirklich eins.“
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