Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Narrennächte

von Iltshy
GeschichteFantasy / P12 / Gen
24.10.2020
24.10.2020
1
944
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
24.10.2020 944
 
Diese Geschichte liegt seit Jahren auf meinem PC. Irgendwie hatte ich nie das Gefühl, dass sie eine Fanfiction ist, aber irgendwie mag ich sie trotzdem gerne. Deshalb lade ich sie nun doch hier hoch.

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°


Narrennächte: Eine Mär




Seit Jahrhunderten branden die Wellen gegen die steilen Felsen. Der Stein ist glattgeschliffen, Wellen und Springfluten haben ihn in mühevoller Arbeit geformt.

Senkrecht ragen die Klippen nach oben und an die Kante schließen sich fast nahtlos die Mauern der großen Burg an. Aus schweren, schwarzen Steinblöcken erbaut ragen sie über das Meer hinaus, die Türme blicken wachsam in alle vier Winde. An einem dieser Türme befindet sich, hoch über den tosenden Wogen, ein kleiner Balkon.

Hier pflegte der König an den lauen Abenden im Sommer zu sitzen, dem Meer und den Möwen zu lauschen und kandierten Ingwer zu naschen.

An dem Abend, von dem hier die Rede sein soll, war er nicht allein. Sein Hofnarr leistete ihm Gesellschaft. Seit nunmehr sieben Tagen erzählte er dem Herrscher jeden Abend eine fortlaufende Geschichte von außergewöhnlicher Länge und Detailreichtum.

Der König saß gespannt lauschend in einem Sessel, die Beine auf einen Schemel gelegt, die Schale mit den Ingwerstücken griffbereit neben sich und horchte auf den Wind, der mit seinem Heulen das fulminante Ende der Geschichte zu untermalen schien.

Der Narr saß dem König auf einem Stuhl gegenüber. Er bot einen prächtigen Anblick in seinem leuchtend roten und goldgelben Wams, das mit zahllosen kleinen Glöckchen versehen war, die bei jeder Bewegung in lustiges Klingeln ausbrachen. Auch an der Narrenkappe fanden sich solche Glöckchen. Das Gesicht war hinter einer goldenen Maske verborgen, die ein freundliches Lächeln zierte.

Die Geschichte verklang und ließ den König in nachdenklichem Schweigen zurück. Der Narr, der in den Jahren seiner Dienerschaft gelernt hatte, wann es besser war, nichts zu sagen, blickte an der Mauer hinauf. Einige Möwen kreisten um die Zinnen, die sich dunkel gegen den Nachthimmel abhoben.

„Also sind sie am Ende auch nicht glücklich geworden“, sagte der König schließlich mit einer Stimme, die so ganz anders klang als die, die er tagsüber für die Regierungsgeschäfte zu verwenden pflegte.

„Ich denke nicht“, antwortete der Narr höflich.

Der König nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Wieder herrschte eine Zeitlang Stille. Dann erbat er etwas, das ihn schon lange interessierte.

„Nimm deine Maske ab, Narr. Ich möchte gerne dein Gesicht sehen.“

Ein leises Klingeln war zu hören, als sich der Narr geschmeidig erhob. „Mit Verlaub, Herr, aber das werde ich nicht tun. Ich bitte darum, mich entfernen zu dürfen.“

Auf den Wink des Königs hin verneigte sich der Narr und schlüpfte nach drinnen.

Der König blieb alleine auf dem Balkon zurück und fühlte sich plötzlich ein wenig einsam. Die letzten Sätze der Geschichte schienen sich in der Brüstung verfangen zu haben und wehten im Wind.



Während des nächsten Tages bekam er den Narren nicht zu sehen. Er ging den Regierungsgeschäften nach, erließ ein Gesetz, reformierte ein anderes, hörte Bittsteller an und speiste am Abend vorzüglich. Doch während dieser Stunden wuchs seine Neugier. Was mochte der Narr hinter seiner stets lächelnden Maske zu verbergen haben?

Gegen Abend kam ihm ein Gedanke. In seinen Privatgemächern würde der Narr die Maske wohl kaum tragen.

Nachdem die meisten Lichter erloschen waren, verließ der König noch einmal seine Gemächer und klopfte an des Narren Tür. Gespannt von einem Bein auf das andere tretend wartete er, doch als ihm geöffnet wurde, sah er nur das altbekannte goldene Lächeln.

Am nächsten Abend wartete er länger, bevor er sich aufmachte. Und am übernächsten noch länger. In der vierten Nacht gestand er sich zähneknirschend ein, dass seine Absicht längst durchschaut worden war.

In dieser Nacht schlief der König schlecht, warf sich von einer Seite auf die andere und wachte am nächsten Morgen müde und übellaunig auf. Und nachdem er seine lästigen Gedanken einen weiteren Tag hin und her gewälzt hatte, entschloss er sich, nicht länger auf sein Glück zu vertrauen.

Mitten in der fünften Nacht klopfte der König an seines Hofnarren Tür. Es dauerte eine Weile, bis ihm geöffnet wurde, doch dann blickte er wieder in die starre Maske aus Gold.

„Herr?“, fragte der Narr mit einer knappen Verneigung und der König meinte, einen leisen, spöttischen Unterton in seiner Stimme zu hören.

„Ich kann nicht schlafen, Narr. Komm mit mir auf den Balkon und vertreibe mir die Zeit, während ich auf den Schlaf warte.“

Der Narr folgte ihm wortlos, doch dem König kam es so vor, als sei alle Spannung aus dem glockenbehangenen Körper gewichen.

Als er auf den Balkon trat, klang ihm das Rauschen der Wellen und das Heulen des Windes laut in den Ohren. Es war eine klare Nacht und eine schmale Mondsichel verbreitete bleiches Licht.

Der König trat an die Brüstung und blickte aufs Meer hinaus. Als er sicher war, dass der Narr hinter ihm stand, drehte er sich um, packte die Maske und riss sie mit einem Ruck vom Gesicht des Narren.

Der Narr wehrte sich nicht und der erschrockene König blickte in ein Gesicht, das dem seinigen zum Verwechseln ähnlich sah. Die selben Lippen, das selbe Kinn, die selbe Nase. Das selbe Erstaunen, dass auch er zu verspüren glaubte. Er hätte geglaubt, in einen Spiegel zu blicken, wäre da nicht der Ausdruck der Augen gewesen. Diese Leere, die er nicht zu deuten wusste.

Der Narr beugte sich über des Königs Hand und drückte einen kaum spürbaren Kuss darauf.

„Jetzt gibt es keinen Wunsch, den Ihr noch an mich habt, Herr“, sagte er.

Und mit einer einzigen Bewegung stützte er die Hände auf die Brüstung und schwang seinen Körper darüber ins Nichts.

Das vielstimmige Klingeln, das seinen Fall begleitete, sollte den König bis an sein Lebensende verfolgen.



03.06.11
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast