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Sei kein Frosch! oder: Mit Brille wär das nicht passiert ...

von Amatra
OneshotAllgemein / P12
24.10.2020
24.10.2020
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Seit hundert Jahren lebten die Frösche und Kröten glücklich und zufrieden, konnten wandern wohin sie wollten – und in den Ferien wanderten sie jedes Jahr nachts zu jenem Tümpel, in dem sie als Kaulquappe aufgewachsen waren.

Doch eines Tages, es war kurz vor der Wanderzeit, da geschah etwas Merkwürdiges: immer mehr Frösche und Kröten starben unterwegs oder kamen mit schweren Verletzungen an ihrem Ziel an.

Froschforscher und Krötenwissenschaftler fanden bald heraus, dass es an einer neuartigen Asphaltbahn lag, die über den Winter gebaut worden war. Sie wussten noch nicht viel darüber, aber sie warnten ihre Artgenossen: „Seid vorsichtig! Es besteht Lebensgefahr, vor allem für die Alten und Schwachen unter uns! Bleibt dieses Jahr besser zu Hause, bis wir mehr über diese neuartige Sache wissen.“


Ach, aber die einfältigen Frösche wollten nicht hören – was sollte schon dran sein, an so einem bisschen Asphalt? Das kam doch immer wieder vor, dass sowas gebaut wurde und es kam auch immer wieder vor, dass es mal die ein oder andere Kröte erwischte. Und wenn schon? Es gab Schlimmeres – Störche zum Beispiel! Oder Reiher. Wenn man bedenkt, wie viele grüne Hüpfer diesen jährlich zum Opfer fielen.

Die neuartige Asphaltbahn führte direkt von Sarsburg nach Covid. Doch auch andere Regionen waren betroffen, überall wurden Autobahnen gebaut und überall dort starben unzählige Kröten und Frösche.


„Das ist eine Bahndemie“, verkündete der Hohe Rat der Kröten schließlich. „Wir müssen alles dicht machen, bis wir mehr darüber in Erfahrung gebracht haben.“
In aller Eile wurden Zäune und Gräben errichtet, verletzte Frösche wurden in Eimern gesammelt, weil gar nicht genügend Platz war in den Unkenhäusern, um alle zu behandeln.

Die Wissenschaftler gaben unterdessen nicht auf, sie beobachteten weiter und machten beinahe täglich neue Entdeckungen. „Es gibt Lichter, rote und weiße – die einen sind unbedenklich, die anderen aber können tödlich sein!“

„Alles Quatsch“, quakten einige Zweifler besonders laut, „Mond und Sterne leuchten auch weiß und an denen ist noch niemand gestorben! Alles nur Angstmacherei.“


Da man nun schon mehr über diese Bahndemie wusste, wurden die strengen Regeln wieder ein bisschen gelockert und die Grenzen geöffnet. „Augen offenhalten“ hieß es nun.


„Halte Abstand von der Straße und pass auf, ob dort ein weißes oder ein rotes Licht ist“, lehrte der blaue Frosch am Fahrbahnrand. Er trug eine dicke Brille. „Nur bei roten Lichtern darfst Du los.“

Der farbenblinde Frosch zuckte mit den Schultern: „Die Lichter sehen alle gleich aus, es kann einen erwischen oder nicht. Ein Restrisiko ist immer.“ Daraufhin hüpfte er los und wurde noch auf der Mittelspur von einem Motorrad erfasst.


Der blaue Frosch versuchte es erneut, als eine mürrische Kröte des Weges kam. „Keine unnötigen Reisen, bleibe besser daheim! Siehst Du nicht, dass die Lichter lebensgefährlich für unsereins sind?“

„Welche Lichter? Da sind überhaupt keine Lichter“, gluckste die blinde Kröte, „da sind keine und es gab sie auch nie. Das ist eine Verschwörung der Optiker und der Glasindustrie, Du solltest Dich nicht vom System instrumentalisieren lassen!“ Fortwährend schimpfend kroch die Kröte weiter, direkt vor ein Auto, das sie ungebremst überfuhr.

Es stellte sich heraus, dass Frösche und Kröten nicht besonders gut sehen konnten, aber mit einer einfachen Brille wäre es ihnen möglich gewesen, die herannahenden Lichter früh genug zu erkennen und sich und ihre Artgenossen zu schützen.



Der Hohe Rat wurde einberufen und es wurde beschlossen, dass alle Kröten und Frösche nachts eine Sehhilfe zu tragen hätten.

Und so hüpften viele mit Brille umher, manche hielten sich eine alte Glasscherbe vor die Augen und wieder andere dachten, es würde reichen, sich regelmäßig mit der Zunge und reichlich Spucke über die Augen zu lecken. Aber manche weigerten sich gleich ganz, sich überhaupt etwas ins Gesicht zu halten, behaupteten, sie könnten es aus gesundheitlichen Gründen nicht und wedelten mit Attesten von irgendwelchen Unken.


Übers Jahr wurde es besser. Nur noch wenige fielen den weißen Lichtern zum Opfer, da die meisten doch sehr einsichtig waren und Sehhilfen trugen.

Als aber die Ferienzeit begann, drängten alle zu ihren Tümpeln. Sie wurden unvorsichtig, der Brille überdrüssig – trugen sie oben auf dem Kopf oder um den Hals oder vergaßen sie gleich ganz.

Viele Reiserückkehrer wurden unterwegs angefahren und verletzt, wenn sie es überhaupt bis zur heimischen Leitplanke geschafft hatten.

Wiederholt mahnte der Hohe Rat der Kröten zur Umsicht und drohte mit erneuten Schließungen. Dies passte vielen nicht. Sie versammelten sich auf den Wegen, demonstrierten gegen die Maßnahmen und für die Reisefreiheit. Dass auf anderen Straßen bereits unzählige Artgenossen verendeten, interessierte sie nicht. Sie wollten sich nicht einschränken, weder im Dienste der eigenen Gesundheit, noch zum Schutz der anderen.


Wieder tat der blaue Frosch seine Pflicht und sprach ein paar junge Hüpfer an, die gerade am Fahrbahnrand herumtollten: „He! Ihr! Ihr seid zu nah, haltet Abstand! Und bitte setzt Eure Brillen richtig auf.“

Da lachte ihn die Bande aus: „Uns trifft’s schon nicht, wir sind jung und haben kräftige Schenkel! Geh und nerv die alte Erdkröte dort drüben, die gehört zur Risikogruppe und …“ Weiter kamen sie nicht, da rollte ein großes Lastwagenrad über sie hinweg.

Die alte Erdkröte verkroch sich, als der blaue Frosch sich ihr zuwandte. „Pah, ich habe mein Leben gelebt, auch ohne Brille. Lass mich in Ruhe.“

Verzweifelt wandte sich der blaue Frosch einem Laubfrosch zu, der eine viel zu kleine Scherbe trug, jedoch freundlich lächelte und mit großen Sprüngen auf die Fahrbahn zuhielt.

„Kannst Du die weißen und roten Lichter sehen?“, erkundigte sich der blaue Frosch.

„Aber ja“, nickte der Laubfrosch, „ich fürchte sie nicht. Du musst einfach positiv denken und darfst den Glauben nicht verlieren, dann geschieht Dir nichts. Gute Mächte werden uns behüten.“

Was sollte der kleine blaue Frosch nur tun? Er wollte doch nur alles richtig machen! War es denn wirklich übertrieben, immer mit Brille herumzuspringen und alle unnötigen Wege zu vermeiden? Auch er wollte endlich wieder zu seinem Tümpel und dort seine Freunde und Verwandten treffen, aber er hielt sich an die Empfehlungen, um zu überleben. Um weiterhin ohne bleibende Schäden herumhüpfen zu können. Der blaue Frosch hat schon so viele weiße und rote Lichter vorbeiziehen sehen und bisher ist ihm nie etwas zugestoßen … auch weil er stets den Abstand eingehalten hat.

Er sah dem Laubfrosch nach und erkannte durch seine dicken Brillengläser, wie dieser die Autobahn überquerte, zwischen all den weißen und roten Lichtern herumwirbelte und schließlich schwerverletzt auf der anderen Seite ankam. Ob er jemals wieder hüpfen kann, bevor ihn der Storch holt, bleibt ungewiss.


Kurz darauf wurden die Krötenschutzzäune wieder errichtet. Diesmal für immer.
Es gab nicht mehr viele Kröten und kaum noch Frösche.
Alle verbliebenen mussten Brillen tragen. Überall.

Traurig hüpfte der blaue Frosch am Zaun entlang.
Ach, hätten sich nur alle frühzeitig an die Regeln gehalten, dann wäre es nie so weit gekommen.
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