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Das Theater der Toten

GedichtPoesie, Horror / P16 / Gen
24.10.2020
24.10.2020
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Das Theater der Toten

Ich wurde als Tom Fiedler einst geboren
Und war als Tom, der Träumer bald bekannt;
Recht viele hielten mich für einen Toren,
Auch Mondkalb wurde manchmal ich genannt.
Ich wuchs heran und träumte immer wieder
Sowohl des Nachts als auch in Sonnenstunden;
Doch was ich sah, schrieb ich in Versen nieder
Und blieb der Welt der Träume eng verbunden.
Als ein Student von dreiundzwanzig Jahren
Lief eines Nachts bei Vollmond ich umher;
Es wisperten die Winde von Gefahren,
Und schließlich fand ich meinen Weg nicht mehr.
So schlich im matten Licht des Erdtrabanten
Mit müden Schritten ich durch enge Gassen,
In denen kläglich nur Laternen brannten;
Mein Gang erlahmte, denn ich war verlassen.
Doch fern von mir ertönte eine Uhr,
Die dumpf und schwer zur vollen Stunde schlug,
Als kalt die Luft durch meine Kleidung fuhr.
Derweil sah ich im Dunkel einen Zug,
Der ratternd raste und noch einmal pfiff,
Bevor er in der Finsternis verschwand;
Ich spürte Furcht, die würgend mich ergriff,
Und bald erzitterte auch meine Hand.
Am Himmel aber zogen Wolken auf,
Die tintenschwarz den bleichen Mond verschlangen;
Ich zweifelte sogar am Zeitenlauf,
So dicht war ich von Düsternis umfangen.

Doch dann gewahrte im Laternenschein
Ich endlich einen bleichen, jungen Mann.
„Du wanderst, Tom, des Nachts hier so allein?“
So sprach er mich mit heis'rer Stimme an.
Ich war erstaunt, er war mir nicht bekannt,
Er schien hingegen mich genau zu kennen.
Des Mannes Kleidung war sehr elegant,
Doch seine Augen muß ich feurig nennen:
Denn tief in ihnen wohnte rote Glut.
Dann freilich schwand das unheimliche Bild,
In diesem Augenblick hob sich mein Mut;
Die Winde aber wehten weiter wild.

Der Jüngling wollte ins Theater gehen
Und drängte mich beharrlich, mitzukommen;
Ich konnte ihm nicht lange widerstehen
Und sagte zu, wenngleich auch höchst beklommen.
So führte er mich zu dem Festspielhaus,
Aus dem Foyer ergoß sich mattes Licht;
Das Bauwerk sah schon recht verfallen aus.
Doch kein Besucher zeigte sein Gesicht,
Da alle Gäste bleiche Masken trugen,
Die ihre Mienen vollständig verhüllten;
Ein Cembalist indessen spielte Fugen,
So daß die Harmonien den Raum erfüllten.
Weithin bekannt war hier wohl mein Begleiter,
Dem viele ihre Ehrerbietung zeigten;
So gingen recht gemächlich wir nun weiter,
Wobei vor ihm fast alle sich verneigten.

Wir nahmen endlich unsre Plätze ein,
Der Vorhang aber war so rot wie Blut;
Den Raum erhellte vielfach Kerzenschein,
Der Vorhang hob sich, doch mir sank der Mut.
Ein großer Globus wurde nunmehr sichtbar,
Dann traten vier maskierte Mimen auf;
Vernunft, so sagte einer, sei verzichtbar
Und hemme nur die Welt in ihrem Lauf.
Der Mime sprach: „Ich bin der Haß; hier seht
Ihr noch den Stolz, den Neid und auch die Gier.
Wir sind der Sturm, der Liebe schnell verweht;
Zerstörung freut mich, Krieg ist mein Pläsier!“
Die Gier sprach: „Laßt uns plündern, laßt uns rauben!
Wir wollen lüstern uns im Tanz bewegen
Und an das Wachstum ohne Ende glauben;
Der Wahnsinn selbst erteilt uns seinen Segen!“
Maskierte Tänzer stürmten auf die Bühne,
Bejubelt trat danach der Wahnsinn ein:
„Nun tanzt, daß niemals mehr das Land ergrüne!“
So rief der Wahnsinn in den Saal hinein.
Obszöne Tänze wurden nun geboten,
Das derbe Spiel erschien mir als recht dumm;
Die Gier erzählte unterdessen Zoten,
Sie sprang dabei, und warf mit Geld herum.
Der Wahnsinn rief: „Laßt mich mein Wort verkünden“,
Er hielt ein Feuerzeug in seiner Hand,
„Drum will die Welt ich mit Benzin entzünden!“
Dann setzte er den Globus rasch in Brand.

Doch während die Ekpyrosis so gräßlich
Den Saal erhellte, sagte mein Begleiter:
„Das Ende naht, und sei es noch so häßlich;
Das Spiel ist aus und geht nun trotzdem weiter!
Wir wollen unsrem Gast nun demonstrieren,
In wessen Haus so hell die Erde brennt;
Drum solltet ihr euch alle demaskieren,
Damit Tom Fiedler endlich euch erkennt!“
Die Masken fielen, mir entfuhr ein Schrei;
Ich fand mich von Skeletten dicht umgeben!
Die Larven gaben stets nur Knochen frei,
Denn keiner der Besucher war am Leben.
Doch mein Begleiter sagte nun zu mir:
„Ich bin der Tod, dies ist mein Schattenreich;
Schon bald bist du so tot wie alle hier!“
Sein Blick war starr, sein Antlitz kalt und bleich.

Wie sollte den Gerippen ich entrinnen?
Die Toten waren in der Überzahl;
Ich konnte niemals gegen sie gewinnen,
Mir blieb Verzweiflung nur und dunkle Qual.
Doch dann ergriff mich eine warme Hand;
Wer packte mich? Es war der Cembalist!
Er sprach: „Ich werde Geist der Kunst genannt
Und führe dich hinaus in kurzer Frist!“
Der Tod schrie auf und drohte mit Verderben,
Der Kunstgeist aber lachte ihn nur aus:
„Die Kunst wird niemals mit dem Künstler sterben!“
Dann führte er behutsam mich hinaus.
Der Mond schien wieder in den Morgenstunden,
Ich weinte nun vor Dankbarkeit und Glück;
Mein Retter aber war bereits verschwunden,
Den Heimweg legte ich allein zurück.
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