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Mo Dao Zu Shi - Großmeister der dämonischen Kultivierung (Deutsch)

von Hualian
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 Slash
Jiang Cheng Jin Ling Lan Yuan Lan Zhan Wei Ying Wen Ning
24.10.2020
29.11.2020
15
45.847
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22.11.2020 2.134
 
Kapitel 12 – Kultiviertheit (Teil 2)

Das Brandmal zog Wei Wuxians gesamte Aufmerksamkeit auf sich und er fragte sich, ob seine Sinne ihm einen Streich spielten. Er konnte noch nicht einmal auf das Gesicht der Person achten, während ihm der Atem stockte. Plötzlich wurde sein Sichtfeld von Weiß ausgesfüllt, als wäre er mit einem Mal von einem Schleier aus Schnee umgeben. Im nächsten Moment wurde der weiße Schleier von einem blau schimmendern Schwert durchschnitten, das einem arktischen Windstoß gleich auf ihn zukam.

Wer würde dieses Schwert nicht erkennen? HanGuang-Juns Bichen war schließlich berühmt.

Verflucht, es ist Lan Wangji!

Im Weglaufen und Ausweichen vor Schwertern war Wei Wuxian ziemlich geübt. Er vollführte eine Rolle über den Boden und entging so knapp dem Schwerthieb. Während er sich von der kalten Quelle entfernte, fand er sogar noch die Zeit, sich ein Blatt abzuzupfen, das sich in seinen Haaren verfangen hatte. Er lief völlig kopflos direkt in die Arme einiger Wachleute, die auf ihrer Patrouille gerade zufällig vorbeikamen. Sie ergriffen ihn und tadelten: „Warum rennst du hier so herum? Rennen ist in den Wolkenschluchten verboten!“

Wei Wuxian war begeistert, als er sah, dass es Lan Jingyi und die anderen waren. Das hier war seine Gelegenheit, endlich von diesem Berg fortgejagt zu werden. Er begann unverzüglich mit seiner Vorstellung. „Ich hab nichts gesehen! Ich hab rein gar nichts gesehen! Ich bin ganz bestimmt nicht hier, um HanGuang-Jun beim Baden zu beobachten!“

Die Junioren waren sprachlos vor Schreck über seine Unverschämtheit. HanGuang-Jun war wie ein hoher, heiliger Berg, dem man mit Ehrfurcht begegnete; besonders angesehen unter den jüngeren Schülern des Clans. Und er war bei der Kaltwasserquelle, um Han Guang-Jun beim Baden zuzusehen! Allein schon der Gedanke war ein schweres, unverzeihliches Verbrechen. Lan Sizhui war so entsetzt, dass seine Stimme sich überschlug. „Was? HanGuang-Jun? HanGuang-Jun ist da drin?!“

Lan Jingyi packte ihn wütend. „Du verfluchter Schwuler! Wie- wie kannst du es wagen, ihn zu beobachten?!“

Wei Wuxian nutzte die Gelegenheit, sich erneut zu seiner Tat zu bekennen. „Ich habe ganz sicher nicht gesehen, wie HanGuang-Jun ohne Kleidung aussieht!“

Lan Jingyi kochte vor Wut. „Jetzt bist du auch noch so dreist, es zu leugnen! Wenn du die Wahrheit sagst, warum schleichst du dann hier herum? Sieh dich doch mal an – schämst du dich gar nicht?!“

Wei Wuxian bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Sei nicht so laut... Lärm ist in den Wolkenschluchten verboten.“

Inmitten des Tumults trat Lan Wangji hinter den Büscheln aus Gräsern hervor. Er war in ein weißes Gewand gekleidet und trug die Haare offen. Sie hatten erst ein paar Worte gewechselt und er war schon wieder ordentlich angezogen, Bichen immer noch in der Hand. Die Junioren beeilten sich, ihn respektvoll zu begrüßen. Lan Jingyi konnte es kaum abwarten, zu sprechen. „HanGuang-Jun, Mo Xuanyu ist wirklich fürchterlich. Ihr habt ihn nur mit hierhergebracht, weil er uns im Dorf Mo unterstützt hat, und er... er...“

Wei Wuxian war überzeugt, dass dieses Mal seine Geduld definitv am Ende sein und er ihn im hohen Bogen hinauswerfen würde. Lan Wangji warf ihm jedoch lediglich einen flüchtigen Blick zu. Er hielt einen Moment inne, führte dann Bichen zurück in die Scheide und sagte: „Ihr seid entlassen.“

Es waren nur drei simple Worte, doch sie waren eine eindeutige Anweisung, die keine Widerrede duldete. Die Menge zerstreute sich unverzüglich. Lan Wangji packte Wei Wuxian in aller Ruhe am Kragen und brachte ihn ins Jinghi zurück. In seinem letzten Leben waren sie in etwa gleich groß gewesen, beide sehr schlank und hochgewachsen. Wei Wuxian war nur ein winziges bisschen kleiner gewesen als Lan Wangji; wenn sie nebeneinander gestanden hatten, war die Unterschied von weniger als einem Cun fast nicht wahrnehmbar gewesen. Jetzt, nachdem er in diesem fremden Körper aufgewacht war, war er mehr als zwei Cun kleiner als Lan Wangji. Er hatte keine Chance, aus Lan Wangjis Griff zu entkommen. Wei Wuxian stolperte und wollte gerade aufschreien, als Lan Wangji kühl zu ihm sagte: „Jene, die Lärm verursachen, werden zum Schweigen gebracht.“

[Cun: ein Cun sind knapp zwei Zentimeter]

Er wollte zwar liebend gern vom Berg gejagt, aber auf keinen Fall mit dem Schweigezauber belegt werden. Wei Wuxian konnte es einfach nicht begreifen. Seit wann tolerierte der Lan-Clan sogar so schamlose Vergehen wie das Beobachten eines der angesehensten Kultivierer der Lan-Familie beim Baden?!

Lan Wangji bugsierte ihn ins Jingshi, hielt geradewegs auf die innere Kammer zu und warf ihn aufs Bett. Wei Wuxian landete mit einem dumpfen Aufprall und heulte vor Schmerzen auf. Für den Moment war er unfähig, aufzustehen, und so setzte er sich erst nach einer Weile in eine halbwegs aufrechte Position. Zunächst hatte er vor, Lan Wangji schöne Augen zu machen, damit dieser sich von ihm belästigt fühlen würde. Als Wei Wuxian jedoch den Kopf hob, sah er, dass dieser noch immer Bichen in der Hand hielt und gebieterisch auf ihn herabblickte.

[Bett: diese traditionellen Betten sind aus Holz, darum tut der Aufprall wohl tatsächlich ziemlich weh]

Er war es gewohnt, dass Lan Wangji stets sein Stirnband trug, das Haar perfekt gelegt, akkurat und penibel in jeder Hinsicht. So wie jetzt hatte er ihn noch nie gesehen – das lange Haar war leicht zerzaust und er war nur mit einem dünnen Gewand bekleidet. Wei Wuxian konnte sich ein paar weitere Blicke nicht verkneifen. Nachdem er ihn hierherhetragen und auf das Bett geworfen hatte, war der der zuvor verschlossene Ausschnitt seines Gewandes leicht auseinandergerutscht, sodass seine definierten Schlüsselbeine und das dunkelrote Brandmal darunter zu sehen waren.

Als sein Blick das Brandmal traf, war Wei Wuxians Aufmerksamkeit auf ein Neues gefesselt.

Früher, als er noch nicht der Yiling-Patriarch geworden war, hatte er auch ein solches Brandmal an seinem Körper gehabt.

Es war wenig verwunderlich, dass er es sofort erkannt hatte. Das Mal auf Lan Wangjis Körper war identisch mit dem, das er in seinem letzten Leben gehabt hatte – sowohl die Position als auch die Form stimmten überein.

Abgesehen von diesem Brandmal gab es da noch die etwa dreißig Narben der Strafpeitsche auf seinem Rücken, die mindestens genauso unbegreiflich waren.

Lan Wangji hatte es schon in jungen Jahren zu Ruhm und Ehre gebracht. Er galt als er einer der angesehensten Kultivierer in der Kultivierungswelt, noch dazu war er einer der Jadezwillinge, auf die der GusuLan-Clan so stolz war. Jedes seiner Worte und jede seiner Taten waren Beispiele für Exzellenz, die die Älteren aller Clans ihren Schülern lehrten. Welches unverzeihliche Verbrechen musste er begangen haben, um so hart bestraft zu werden?

Mehr als dreißig Hiebe mit der Strafpeitsche kamen wirklich fast der Todesstrafe gleich. Die Narben von dieser Peitsche blieben dem Bestraften für den Rest seines Lebens erhalten, damit er sich für immer daran erinnern und den gleichen Fehler niemals wiederholen würde.

Lan Wangji folgte seinem Blick, senkte die Augen und zog seinen Kragen zusammen, sodass seine Schlüsselbeine und das Brandmal verdeckt waren. Dann wurde er abermals zum indifferenten HanGuang-Jun. In diesem Moment erklang aus der Ferne das tiefe Läuten der Glocke.

Der Lan-Clan hatte strikte Regeln, die unter anderem einen festen Schlafrhythmus vorsahen, bei dem um neun Uhr abends zu Bett gegangen und um fünf Uhr morgens aufgestanden wurde. Die Glocke erinnerte an diese Zeiten. Lan Wangji lauschte den Glockenschlägen und sagte dann zu Wei Wuxian: „Du schläfst hier.“

Ohne ihm die Gelegenheit zum Antworten zu geben, begab er sich in den Nebenraum. Wei Wuxian blieb auf dem Bett ausgestreckt liegend zurück, allein und verwirrt.

Er hatte den Verdacht gehegt, dass Lan Wangji vielleicht herausgefunden hatte, wer er war. Allerdings ergab dieser Verdacht weder einen Sinn, noch konnte er ihn begründen. Da das Opfern des eigenen Körpers eine verbotene Praxis war, gab es vermutlich nicht viele, die überhaupt von dieser Möglichkeit wussten. Die Schriftrollen, die über die Generationen weitergegeben wurden, enthielten mit hoher Wahrscheinlichkeit nur Bruchstücke des Gesamtwerks, mit denen sich das volle Potenzial der Technik nicht ausschöpfen ließ. Mit der Zeit musste die Zahl derer, die überhaupt an die Existenz dieser Technik glaubten, immer weiter geschrumpft sein. Mo Xuanyu hatte Wei Wuxian mithilfe einer solchen geheimen Schriftrolle herbeirufen können – wo auch immer er sie gefunden hatte. Abgesehen davon konnte Lan Wangji ihn unmöglich nur anhand der grauenhaften Flötenmelodien erkannt haben, die er gespielt hatte.

Er dachte darüber nach, ob er in seinem letzten Leben ein vertrautes Verhältnis zu Lan Wangji gehabt hatte oder nicht. Auch wenn sie zusammen gelernt, gemeinsam Abenteuer erlebt und gekämpft hatten, waren all diese Erlebnisse flüchtig wie herabfallende Blütenblätter und fließendes Wasser – sie kamen und gingen. Lan Wangji war ein Schüler des GusuLan-Clans, musste also „rechtschaffen“ sein; alles andere als kompatibel mit Wei Wuxians Persönlichkeit. Wei Wuxian kam zu dem Schluss, dass ihre Beziehung nicht wirklich schlecht, aber auch nicht besonders gut gewesen war. Es war anzunehmen, dass Lan Wangjis Meinung von ihm die gleiche war wie die aller anderen – dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er, arrogant und untugendhaft wie er war, ein Desaster verursachen würde. Nachdem Wei Wuxian dem YunmengJiang-Clan die Treue gebrochen hatte und der YiLing-Patriach geworden war, hatte er einige beträchtliche Auseinandersetzungen mit dem Lan-Clan gehabt, besonders in den letzten Monaten vor seinem Tod. Wenn Lan Wangji überzeugt wäre, dass er in der Tat Wei Wuxian war, würden sie vermutlich bereits in einen heftigen Kampf verwickelt sein.

Und doch war er nicht sicher, wie er die aktuelle Situation einschätzen sollte. In der Vergangenheit hatte Lan Wangji rein gar nichts toleriert, egal, was Wei Wuxian auch versucht hatte. Jetzt dagegen, obwohl Wei Wuxian sich nach Kräften bemüht hatte, Ärger zu machen, schien Lan Wangji problemlos damit umgehen zu können. Sollte er ihm zu seinem Fortschritt gratulieren?!

Nachdem er eine Weile ins Nichts gestarrt hatte, rollte Wei Wuxian sich vom Bett und ging leichtfüßig in den Nebenraum.

Lan Wangji lag seitlich auf dem Bett und sah aus, als würde er bereits schlafen. Wei Wuxian schlich sich geräuschlos an ihn heran.

Er hatte noch immer nicht aufgegeben und hoffte, dass er ihm den Jade-Passierstein würde abnehmen können. Als er jedoch gerade die Hand nach ihm ausstreckte, flatterten Lan Wangjis lange Wimpern und er öffnete die Augen.

Wei Wuxian fasste rasch einen Entschluss. Er warf sich aufs Bett.

Er erinnerte sich genau, dass Lan Wangji Körperkontakt mit anderen verabscheute. In der Vergangenheit wäre jeder, der es wagte, ihn auch nur kurz zu berühren, im hohen Bogen hinausgeworfen worden. Wenn er jetzt selbst das hier tolerierte, dann war diese Person eindeutig nicht Lan Wangji. Er würde sogar die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Lan Wangjis Körper in Besitz genommen worden war!

Wei Wuxians gesamter Körper befand sich über Lan Wangjis; er kniete mit den Beinen an beiden Seiten seiner Taille. Die Hände hatte er auf dem hölzernen Bett abgestützt, sodass Lan Wangji zwischen seinen Armen gefangen war. Er senkte langsam den Kopf. Die Distanz zwischen ihren Gesichtern schrumpfte immer weiter zusammen. Immer weiter. Erst als es für Wei Wuxian bereits schwierig wurde, zu atmen, öffnete Lan Wangji schließlich den Mund.

Er schwieg zunächst für einen Moment und sagte dann: „Geh runter.“

Wei Wuxian ließ sich nicht beirren.  „Nein.“

Ein helles Augenpaar blickte Wei Wuxian aus sehr kurzer Entfernung an. Lan Wangji starrte unverwandt weiter, während er seine Worte wiederholte: „...Geh runter.“

Wei Wuxian erwiderte: „Nein. Als du mir erlaubt hast, hier zu schlafen, hättest du wissen müssen, dass so etwas passieren würde.“

Lan Wangji sagte: „Bist du sicher, dass es das ist, was du willst?“

„...“ Aus irgendeinem Grund beschlich Wei Wuxian das Gefühl, dass er seine Antwort sorgfältig überdenken sollte.

Als er gerade die Lippen zu einem Lächeln verziehen wollte, spürte er ganz plötzlich eine von der Hüfte ausgehende Taubheit und seine Beine gaben nach. Im nächsten Augenblick fiel er auf Lan Wangji.

Das halbe Lächeln war auf seinen Lippen eingefroren; sein Kopf landete auf der rechten Seite von Lan Wangjis Brustkorb. Er war vollkommen bewegungsunfähig. Von über ihm erklang Lan Wangjis Stimme.

Sie war tief und dunkel. Mit jedem Wort, das er sprach, vibrierte seine Brust.

„Dann bleib die ganze Nacht so liegen.“

Dass es so enden würde, hätte Wei Wuxian niemals erwartet. Er versuchte, sich zu bewegen und aufzustehen, doch seine Hüfte blieb taub. Er hatte keine andere Wahl, als in einer so peinlichen Position an einen anderen Mann geheftet dazuliegen und fühlte sich ein wenig benommen.

Was um alles in der Welt war nur in den letzten Jahren mit Lan Zhan passiert, dass er zu einer solchen Person geworden war?

War das hier der gleiche Lan Zhan wie früher?!

War er nicht vielleicht derjenige, dessen Körper besessen war?!

Als diese Gedanken gerade wie ein Orkan durch seinen Kopf fegten, verlagerte Lan Wangji sich plötzlich ein wenig. Wei Wuxians Stimmung hob sich; er nahm an, dass er es nicht mehr länger ertragen konnte. Lan Wangji machte jedoch lediglich eine Geste mit der Hand.

Das Licht erlosch.
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