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Buspanne mit Folgen

GeschichteKrimi / P6 / Gen
Bernie Kuhnt Conny Niedrig Nina Schmeuser Thomas Bossmann
24.10.2020
24.10.2020
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Für Sarah, die heute Geburtstag hat. Die groben Züge des Falls habe ich ein bisschen abgewandelt von einer Folge Mord ist ihr Hobby ausgeliehen.





Waldstraße, auf Höhe der Waldhütte 'Waldblick'



"Tja," sagte der Busfahrer als er wieder in den Bus stieg. "Hier geht nix mehr."



Die Fahrgäste stöhnten auf; es verbreitete sich Unruhe.



"Keine Panik; ich melde das jetzt erst mal bei der Zentrale damit die einen Ersatzbus schicken können."



Einer der Fahrgäste, ein älterer Mann mit Schlapphut, beugte sich vor. "Ja und wie lange wird das dauern?"



Der Busfahrer zuckte mit den Schultern. "Naja, wir sind noch ein Stück von der Stadt entfernt, also bestimmt eine Stunde."



"Na toll!"



"Super, dann verpasse ich meinen Zug!"



"Ist ja wieder typisch!"



Der Busfahrer gab den Fahrgästen einen 'da kann man nichts machen' Blick und zeigte aus dem Fenster. "Wenigstens ist da die Waldhütte. Dann brauchen Sie nicht hier im Bus zu warten."



Unter Grummeln und Meckern machten sich tatsächlich die meisten Fahrgäste auf den Weg zur Waldhütte.



Der Busfahrer griff unter seinen Sitz und zog eine kleine Werkzeugkiste hervor. Er entnahm einen Schraubendreher und verließ den Bus.



#




Kriminaloberkommissar Bernhard „Bernie“ Kuhnt öffnete die Tür zu dem Büro, dass er sich mit seiner langjährigen Kollegin Kriminaloberkommissarin Cornelia „Conny“ Niedrig teilte und klopfte ungeduldig gegen den Türrahmen, als er seine Kollegin bei einem Telefonat antraf.



"Ja. … Ja, okay. Danke. Schönen Abend noch!"



"Na endlich," sagte er, als Conny den Hörer auflegte. "Los, wir haben einen Fall."



Conny stöhnte auf. "Einen Fall? Es ist gleich neun! Eigentlich wollte ich heute noch nach Hause kommen."



"Tja, daraus wird wohl erst mal nichts."



Conny griff nach ihrer Jacke und folgte Bernie aus dem Büro und runter zum Parkplatz. Als sie schließlich im Dienstwagen saßen, sagte Conny, "Okay, erzähl mir von dem Fall."



"Mord, so wie's aussieht. Die Identität des Opfers war noch nicht klar, als der Einsatz durchgegeben wurde. Vor ungefähr 'ner Stunde ist ein bisschen außerhalb der Stadt ein Bus liegen geblieben. Das war da bei diesem Waldgasthof, also sind die Fahrgäste alle dahin. Und als dann der Ersatzbus auftauchte und alle wieder zurück zum Bus sind, saß einer der Fahrgäste tot im Bus."



"Wie, und das hat keiner mitgekriegt?"



"Anscheinend nicht. Aber mehr weiß ich auch nicht."



"Hm." Conny schaute kurz aus dem Fenster und nahm dann ihr Handy in die Hand, um ihrem Mann zu schreiben, dass es doch etwas später werde.



#




Als sie den Waldgasthof erreichten, regnete es. Bernie schlug den Kragen seiner Jacke auf und duckte seinen Kopf um dem Regen so gut es ging auszuweichen. "Was für ein Sauwetter," fluchte er.



"Das kannst du laut sagen." Conny schloss ihren Regenschirm als sie die Polizeiabsperrung passierten und sich dem Tatort näherten.



Der Tatort was in diesem Fall ein Linienbus eines hiesigen Busunternehmens. Durch die Fenster konnten die beiden Kommissare mehrere Mitarbeiter der Spurensicherung sehen, die Proben, Abdrücke und Faserspuren sicherten.



Die Kommissare gesellten sich zu den Kollegen, froh dem Regen entkommen zu sein, auch wenn es nur für den Moment war.



Das Opfer saß mittig im Bus, aufrecht und mit dem Kopf im Nacken. Ein großer Schraubendreher steckte in seinem Schlüsselbein.



"Doc," grüßte Bernie.



Die Notärztin sah auf und lächelte. "Hallo."



"Können Sie schon was zur Todesursache sagen?" fragte Conny.



"Nicht viel. Der Tote hat eine Stichverletzung im oberen Schulterbereich, aber es sieht nicht so aus, als hätte die Wunde viel geblutet."



Bernie hob eine Augenbraue. "Mit 'nem Schraubenzieher erstochen? Das hatten wir auch noch nicht."



Die Ärztin zuckte mit den Schultern. "Ich kann leider nicht sagen, ob die Stichverletzung zum Tode geführt hat. Vielleicht war es auch etwas komplett anderes, aber das muss der Pathologe herausfinden." Sie packte ihre Tasche zusammen. "Ich muss jetzt auch weiter."



Bernie und Conny verabschiedeten sich und nahmen sich dann einen Moment Zeit, um den Tatort auf sich wirken zu lassen.



"Hier." Einer der Spurensicherer hielt Conny einen Ausweis, bereits in einen Beweisbeutel gehüllt, entgegen. "Den haben wir in einer Brieftasche unterm Sitz gefunden. Kein Bargeld, aber sonst scheint noch alles da zu sein."



"Raub?"



"Vielleicht," sagte Conny. "Wieso sollte seine Brieftasche sonst auf dem Boden liegen?"



Bernie schnappte sich den Ausweis. "Mark Häuser, 35, hier aus der Stadt." Er winkte den nächsten Streifenpolizisten zu sich. "Äh, Christoph, richtig? Habt ihr schon die Personalien des Opfers durchgegeben?"



"Ja, ist alles schon übermittelt. Nina wollte sich darum kümmern. Wir sind grade dabei die restlichen Fahrgäste und den Busfahrer zum Präsidium zu bringen."



#




"Also Herr Lemke," sagte Conny. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und nahm einen Schluck heißen Kaffee. "Ihr Bus hatte also eine Panne."



"Ja, das ist richtig." Volker Lemke, 49, war Busfahrer. Er hatte dünnes dunkelblondes Haar und  hellblaue Augen. Seine Busfahreruniform spannte sich leicht über seinen Bauch und seine Krawatte hatte einen schwarzen, schmierigen Fleck direkt unter dem Knoten.



"Wir waren grade auf der Waldstraße als ich plötzlich nicht mehr so richtig Gas geben konnte. Wir sind dann immer langsamer geworden und ich musste schließlich anhalten. Ich bin dann ausgestiegen und habe unter die Motorhaube geguckt, aber so auf Anhieb hab ich nichts erkennen können. Also hab ich in der Zentrale Bescheid gesagt und dann haben wir gewartet."



"Im Waldgasthof?"



Lemke nickte. "Ja, die Waldhütte, so heißt der. War bequemer als im Bus."



"Aber Sie waren nicht die ganze Zeit in der Waldhütte?"



"Nee. Ich hab nochmal geguckt, ob ich nicht doch was reparieren kann. War ja schon spät, und die Fahrgäste waren ziemlich sauer, dass das so lange dauerte mit dem Ersatzbus."



"Und wir lange waren Sie mit dem Bus beschäftigt?"



Lemke zuckte mit den Schultern. "So bis halb neun, glaube ich. Dann hab ich aufgegeben und bin in die Waldhütte."



"Okay. Und war zu dem Zeitpunkt noch jemand im Bus?"



"Ich glaube nicht. Ganz am Anfang war da noch so eine Rentnerin; der habe ich aus dem Bus geholfen. Aber sonst war da keiner."

"Auch nicht das Opfer?"



Lemke schüttelte mit dem Kopf.



"Gut." Conny machte sich schnell ein paar Notizen. "Was haben Sie mit dem Werkzeug gemacht, als Sie in die Waldhütte gingen?"



Lemke überlegte kurz. "Das habe ich zurück in die Werkzeugkiste getan."



"Und wo stand die?"



"Bei meinem Sitz."



"Kann man die Kiste abschließen?"



"Ja, schon, aber die war nie abgeschlossen."



Conny nickte. "Okay. Das heißt, jeder konnte an ihr Werkzeug?"



"Ja." Lemke zögerte kurz. "Warum?"



"Herr Häuser wurde, jedenfalls nehmen wir das gerade an, mit einem Schraubendreher erstochen." Sie nahm ein Foto aus der Akte vor ihr und hielt es dem Busfahrer hin. "Erkennen Sie den Schraubendreher?"



Lemke nickte. "Das ist meiner."



"Alles klar. Wir brauchen noch Ihre Fingerabdrücke zu Vergleichszwecken. Warten Sie bitte kurz vor dem Büro; ein Kollege nimmt Sie gleich mit zum Erkennungsdienst."



#




"Bitte, nehmen Sie Platz."



"Ja, danke."



"Frau Jäck, Sie haben also die Leiche entdeckt?"



"Ja. So schrecklich!" Frau Chantal Jäck, 42, war Kassiererin. Ihre blondierten Haare waren hochtoupiert, mit einigen strategisch platzierten Strähnen, die ihr in die Augen hingen. Ihr Make-up war – genauso wie Ihr Outfit – übertrieben: zu viel, zu bunt und – im Falle der Bluse – zu eng.



"Das heißt, Sie waren die erste, die wieder in den Bus ging?"



"Ja. Mit war es in dieser Absteige zu laut. Es war schon fast 'ne Stunde rum, also dachte ich, dass wir ja bald weiter könnten. Ich hab zum Ulf – das ist mein Mann – gesagt, dass ich schon mal vorgehe. Ich krieg leicht Kopfschmerzen, wissen Sie?"



"Ja, ja, das kann ich mir vorstellen," sagte Bernie. Wenn er sich jeden Morgen wie ein Zirkusclown schminken würde, dann hätte er auch Kopfschmerzen. "Und dann haben Sie den Toten gefunden?"



"Ja! Ich dachte ich muss kotzen, das war so widerlich. Der saß da einfach so im Bus. Und dann hab ich gesehen, dass da Blut war und er hatte dieses Ding in der Schulter stecken und die Augen waren so gruselig auf." Sie schüttelte sich. "Hätte ich doch auf Ulf gewartet."



"Ja. Ähm, hatten Sie den Toten vorher schon gesehen? Saß er mit jemandem zusammen, oder hat er mit jemandem gesprochen?"



"Ich glaube nicht. Er saß alleine. Er hat kurz mit dem Busfahrer gesprochen, aber das haben wir ja alle irgendwie."



"Gut, danke." Bernie schickte Frau Jäck weiter zum Erkennungsdienst und rief den nächsten Fahrgast zu sich rein.



#




Conny gähnte laut und streckte sich. Sie nickte dankbar als Bernie ihr einen Becher frischen Kaffee in die Hand drückte. Für ein paar Minuten herrschte Stille als sie Kaffee tranken und die jeweiligen Berichte durchsahen, die mittlerweile auf ihren Schreibtischen gelandet waren.



"Uh, da ist es halb acht morgens und ich fühle mich, als ob es zehn Uhr abends ist."



Conny nickte. "Ich werde erst mal zehn Stunden schlafen, wenn ich nach Hause komme."



"Früher hat mich das nicht so mitgenommen."



Conny lachte. "Früher warst du ja auch noch jung und frisch."



"Ja, und jetzt? Alt und abgestanden?"



Conny lachte nur lauter. "Ja, genau."



"Jaja, aber weißt du, was dieser alte abgestandene Kommissar grade herausgefunden hat?"



"Nee, was?"



Er hielt ihr die Seite aus dem Bericht von Nina hin.



"Na, das ist ja interessant. Aber ich hab da auch was." Sie gab wiederum eine Seite ihres Berichts aus der KTU an Bernie weiter.



"Auch nicht schlecht," stimmte er zu. "Dann sollten wir mit den beiden nochmal reden."



#




"Guten Tag, Frau Jäck." Conny wartete, bis Frau Jäck saß, und nahm dann ihre Akte zur Hand. "Können Sie uns erklären, wie Ihre Fingerabdrücke auf den Aktenkoffer und die Brieftasche des Toten kommen?"



Chantal Jäck wich Conny's Blick aus und fuhr sich über die Haare. "Keine Ahnung, was Sie meinen."



"Ach, wirklich? Tja, dann will ich Ihnen mal sagen, was ich meine." Conny nahm die Beweisfotos aus der Akte und verteilte sie auf dem Tisch. "Das hier sind Ihre Fingerabdrücke, die Ihnen der Erkennungsdienst gestern Abend noch abgenommen hat. Und das hier, ist die Brieftasche des Toten, die wir unter seinem Sitz neben – und nicht in – seinem Aktenkoffer gefunden haben. Auf beiden sind merkwürdigerweise Ihre Fingerabdrücke. Also, jetzt raus mit der Sprache! Haben Sie den Mann umgebracht, um an sein Geld zu kommen?"



"Was? Nein!" Frau Jäck wich kopfschüttelnd in ihrem Stuhl zurück. "Gott, nein! Der saß da, tot und alles, und, naja – er hat die Kohle doch nicht mehr gebraucht, oder? Der hatte sechshundert Euro dabei! Sechshundert! Da muss ich mehr als einen Monat an der Kasse sitzen, um so viel zu verdienen! Und da hab ich das halt eingesteckt. Aber umgebracht hab ich den nicht!"



Conny hob eine Augenbraue. "Der Mann war also schon tot, als Sie ihn ausgeraubt haben?"



"Ja." Frau Jäck sah sie mit großen Augen an. "Muss ich jetzt ins Gefängnis?"



Conny seufzte nur.



#




"Und, glaubst du ihr?"



Conny nickte. "Ja, wie hätte sie den Toten den überwältigen sollen? Der war doppelt so schwer wie sie und zwei Köpfe größer. Und laut den anderen Zeugen war sie wirklich die ganze Zeit in dieser Waldhütte, bis sie wieder rausgegangen ist. Und dann fünf Minuten später den ganzen Wald zusammen geschrien hat."



Bernie seufzte.



"Hattest du kein Glück mit diesem Hilkert?"



Bernie schüttelte den Kopf. "Nee. Bei ihm hat keiner aufgemacht, und ans Telefon geht er auch nicht. Ich hab ihn mal zur Fahndung ausgeschrieben, aber bis wir mit dem sprechen oder wir den Bericht von der Gerichtsmedizin kriegen, können wir nicht viel machen. Dann können wir vielleicht nach Hause und ein bisschen schlafen."



In diesem Moment ging die Bürotür auf und Nina stürmte herein. "Ich hab was rausgefunden!" Die gab den Bericht an Conny weiter und goss sich eine Tasse Kaffee ein.



"Ja, auf dem Schraubendreher sind die Fingerabdrücke vom Busfahrer. Das wussten wir schon."



Nina rollte mit den Augen. "Dann schau dir mal die nächste Seite an. Wusstest ihr das auch schon?"



Conny blätterte weiter und überflog den Bericht. "Hmm, das ist ja interessant. Bernie, vergiss das mit dem Schlafen; wir verhören jetzt erst nochmal den Busfahrer."



#




"Sie haben uns angelogen," sagte Bernie. "Sie haben meiner Kollegin gesagt, dass Sie den Mann noch nie gesehen haben. Aber das stimmt nicht."



Lemke sackte in seinem Stuhl zusammen. "Ich hab ihn sofort erkannt. Und… und ich hab ihn auch umgebracht."



Bernie und Conny sahen sich kurz an, dann setzte sich Conny dem Busfahrer gegenüber. Sie hielt ihre Stimme ruhig und besänftigend. "Sie haben ihn erkannt als den Mann, der vor neun Jahren ihren Jungen totgefahren hat?"



Lemke nickte. "Er hat so durch mich durchgesehen, als ob er keine Ahnung hatte, wer ich war. Als ob er nicht mein ganzes Leben zerstört hat vor neun Jahren! Er musste dafür büßen!"



"Herr Häuser war acht Jahre deswegen im Gefängnis, Herr Lemke."



"Pah, acht Jahre. Tobias war damals grade mal sechs! Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Und dann sowas. Wenn er nicht zusätzlich diesen Juwelier ausgeraubt hätte, hätte er wahrscheinlich noch nicht mal ins Gefängnis gemusst!"



"Naja, das stimmt so nicht, aber… ist ja auch egal. Herr Lemke, wir müssen Sie jetzt wegen Mordes festnehmen. Aber vorher schildern Sie uns bitte, wie die ganze Sache abgelaufen ist."



Lemke nickte. "Ich hab ihn erkannt, das wissen Sie ja. Und die Panne… naja, die habe ich vorgetäuscht. Der Häuser war der letzte im Bus, und ich hab ihn gefragt, ob er mir einen Kaffee von der Waldhütte bringen kann, damit ich was Warmes habe, während ich den Bus repariere. Das hat er auch gemacht." Lemke lachte. "Hat noch gefragt, ob er mir helfen kann. Ich wollte ihm den Kopf einschlagen, aber… dann habe ich mich nicht getraut. Also habe ich ihn wieder weggeschickt."



Bernie runzelte seine Stirn. "Ja, aber sie haben ihn dann doch erstochen?"



"Ja, aber später. Ich hab erst ein bisschen am Motor gedreht, weil ich ja angeblich eine Panne hatte. Das hätte mein Chef ja sonst gemerkt. Einer der Fahrgäste war Mechaniker und wollte mir helfen, konnte aber nichts finden."



"Ja, wie auch?"



Lemke ließ sich nicht beirren. "Als ich den endlich los war, habe ich meine, äh, Reparatur beendet, und wollte in die Waldhütte. Aber dann habe ich den Häuser gesehen. Er saß im Bus und war am Schlafen, und ich dachte: jetzt oder nie! Also hab ich das erstbeste gegriffen, was mir in die Finger kam, hab mich angeschlichen und zugestochen. Und dann bin ich in die Waldhütte."



"Okay, vielen Dank, Herr Lemke." Conny öffnete die Tür und nickte dem uniformierten Kollegen auf dem Flur zu. Er trat ein und legte Herrn Lemke Handfesseln an. "Der Kollege bringt Sie jetzt runter in den Gewahrsam."



Bernie gesellte sich zu ihr. "Nicht schlecht. Fall abgeschlossen."



"Ja." Conny gähnte. "Wurde auch Zeit; ich brauche jetzt ein Bett."



Sie folgte Bernie ins Büro, wo sie beide ihre Computer ausschalteten und ihre Jacken griffen. Auf dem Weg zur Tür klingelte das Telefon.



"Nee." Bernie schüttelte entschieden den Kopf. "Conny, nee. Ich will schlafen. Was auch immer das ist, soll sich jemand anderes drum kümmern!"



Conny winkte ihn ab und ging ans Telefon. "Ja. … Ja, hallo Doktor Hohlbein. Ja, wir haben schon jeman--was? … Erwürgt? … Ja. Ja, danke. Ja, per E-Mail ist okay."



Die legte auf und sah Bernie an.



"Was?"



"Lemke hat den Häuser nicht ermordet."



"Das hat sich grade aber ganz so angehört. Geständnis, Tatwaffe, Fingerabdrücke – wir haben alles!"



"Ja." Conny nickte müde. "Ja, aber Häuser wurde erwürgt. Die Stichverletzung war post mortem."



Bernie stöhnte auf. "Verdammt! Von wegen am Schlafen – der Häuser war längst tot, als Lemke seine Blitzidee mit dem Schraubenzieher hatte!"



"Also, ich rufe jetzt unten an und sag denen Bescheid, und du checkst, ob die Fahndung nach dem Hilkert noch läuft. Und dann gehen wir nach Hause und schlafen. Alles andere kann auch bis morgen warten."



#




"Ich fühl' mich wie ein neuer Mensch," sagte Bernie, als er am nächsten Morgen ins Büro kam.



Conny saß bereits an ihrem Schreibtisch. "Gut geschlafen?"



"Wie ein Baby." Bernie hing seine Jacke auf und parkte sich auf Connys Schreibtisch. "Und weil ich so gut geschlafen hab, gebe ich Frühstück aus." Er griff in die Brötchentüte, die er mitgebracht hatte, und reichte Conny ein Quarkteilchen.



"Oh, danke. Damit wird mein Vormittag noch besser. Nina war nämlich grade hier. Anton Hilkert wurde heute Morgen aufgegriffen, als er in seine Wohnung wollte. Er ist gerade noch unten bei den Kollegen vom Erkennungsdienst; die bringen ihn in fünfzehn Minuten hoch zum Verhör."



"Sehr gut." Er nahm sein eigenes Frühstück aus der Tüte uns biss genüsslich hinein.



"Ach Bernie, du krümelst mir den ganzen Schreibtisch voll. Setz dich lieber auf deinen eigenen Platz."



"Jajaja." Bernie setzte sich an seinen Computer und schaute seine E-Mail durch. "Hmm, hast du den Bericht von der Gerichtsmedizin schon gelesen?"



"Ja. Häuser wurde erdrosselt, und zwar mit einem Tuch oder einem anderen Gegenstand aus Stoff. Nicht mit einem Seil oder mit bloßen Händen."



"Auch kein Gürtel?"



"Nein."



"Hmm."



Einige Minuten später ging die Tür auf und Kriminalkommissare Nina Schmeuser und Thomas Bossmann brachten ihren neuesten Verdächtigen zum Verhör. Während Thomas Toni Hilkert ins Verhörzimmer brachte, machte Nina einen kurzen Stopp bei Connys Schreibtisch.



"Guten Morgen! Ich habe mich gestern nochmal in die Akte unseres Toten reingelesen – Häuser war seit seiner Jugendzeit immer mal wieder im Gefängnis. Das erste Mal wurde er mit fünfzehn verhaftet, und dann eigentlich regelmäßig. Die acht Jahre waren seine längste Haftstrafe, aber er war davor schon viermal  wegen verschiedener Delikte in Haft, hauptsächlich wegen Diebstahl, Einbruch und Raub."



"Tja, und da kommt er grade raus aus'm Knast, und schon wird er umgebracht. Das nennt man wohl Pech!"



Nina zuckte mit den Schultern. "Naja, es gab auf jeden Fall zwei Leute mit Motiv – den Busfahrer, und seinen ehemaligen Zellgenossen."



"Hilkert."



"Bingo! Er und Häuser waren vor ca. zwölf Jahren gemeinsam inhaftiert und haben sich wohl ganz gut verstanden. Sie wurden danach zwar nie gemeinsam festgenommen, aber die Kollegen vom Raubdezernat sind sich ziemlich sicher, dass die beiden gemeinsame Sache gemacht haben. Und zwar auch bei dem Juwelenraub, bei dem am Ende das Kind überfahren wurde."



Bernie stand auf. "Ja dann, wollen wir?"



#




"Also Herr Hilkert, da haben Sie uns aber ganz schon was vorgemacht!" Bernie dreht seinen Stuhl um und setzte sich verkehrt herum darauf, die Arme verschränkt auf der Rückenlehne.



Anton "Toni" Hilkert war 38 und arbeitete aushilfsweise in einem lokalen Supermarkt. Seine halblangen Haare waren schmierig und ungekämmt, und sein Gesicht hatte offensichtlich seit Tagen kein Wasser oder Seife gesehen, geschweige denn einen Rasierer. Er war in Jeans und einem verwahrlost wirkenden blaukarierten Hemd gekleidet.



"Sie haben falsche Angaben gemacht, als die Kollegen Sie zum Mark Häusers Tod befragten," sagte Conny. "Ihr Name ist nämlich gar nicht Müller – Sie haben wohl nicht damit gerechnet, dass wir gleich von alles Buspassagieren Fingerabdrücke nehmen."



Hilkert verschränkte seine Arme und schwieg.



"Sie wollen nicht mit uns reden?" Bernie lächelte. "Gar kein Problem. Ich kann Ihnen sagen, wie's abgelaufen ist!" Er legte ein Foto vom Toten auf den Tisch. "Mark Häuser, unser Opfer. Sie haben die Kollegen nicht nur angelogen, was Ihren Namen anging. Sie haben ausgesagt, das Opfer gar nicht zu kennen. Aber sie waren mit dem Toten in Haft und haben gute sechszehn Monate in derselben Zelle verbracht."



"Da kommt man sich schon mal näher," sagte Conny. "Tauscht Tipps aus, prahlt mit seinen Einbrüchen und Raubzügen, lernt sich gut kennen. Da ist es nicht abwegig zu denken, dass Sie sich auch nach Ihrer Entlassung gut mit Herrn Häuser verstanden haben."



"So gut, dass Sie gemeinsame Sache gemacht haben. Ein Einbruch hier, ein Diebstahl da. Und dann kann der Juwelenraub."



"Vor neun Jahren. Herr Häuser war einer der beiden Täter – der zweite wurde nie gefasst. Aber wissen Sie, was wir glauben?"



Hilkert reagierte nicht; er schüttelte nicht mal den Kopf.



"Wir glauben, dass Sie damals der Komplize von Herrn Häuser waren. Juwelen im Wert von fünfhunderttausend Euro wurden damals erbeutet. Aber dann…" Conny gab Hilkert einen durchdringenden Blick. "Dann ist alles schief gelaufen. Der stille Alarm wurde ausgelöst, die Polizei tauchte auf. Laut Zeugenaussagen waren es damals beide Täter, die in dem Fluchtauto abgehauen sind. Mit den Juwelen."



Bernie nickte. "Ja, und dann – peng! – wird ein kleiner Junge überfahren und das Auto überschlägt sich. Die Polizei findet das Fluchtauto und sucht die Umgebung ab. Sie können Häuser finden und verhaften, aber der Komplize wird – genau wie die Beute – nie gefunden."



"Lassen Sie uns Klartext reden: Sie haben zusammen mit Herrn Häuser den Juwelier Großscheidt ausgeraubt. Nach dem Unfall sind Sie zu Fuß weiter – getrennt, um Ihre Chancen zu erhöhen. Häuser wurde geschnappt. Aber Sie und die Juwelen nicht. Also, wo ist die Beute, und warum haben Sie Häuser umgebracht?"



Als sich die Stille in die Länge zog, durchbrach Bernie sie, in dem er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. Hilkert zuckte zusammen.



"Mensch! Ihr habt einen kleinen Jungen totgefahren!"



"Das war der Mark! Er ist doch gefahren wie eine Wildsau! Damit hatte ich nichts zu tun!"



Conny und Bernie erlaubten sich einen kurzen Blickkontakt – damit hatte Hilkert den Raub gestanden, auch wenn er es vielleicht gar nicht gemerkt hat.



"Und wo ist die Beute?"



"Die hab ich nicht, verdammt nochmal! Deswegen wollte ich ja auch mit Mark sprechen, aber der hat mich total abgeblockt!"



Conny lehnte sich vor. "Dann erzählen Sie jetzt mal, was wirklich passiert ist. Damals vor neun Jahren, und vorgestern Abend."



#




"Also hatte Hilkert die Beute vom Juwelenraub?"



Hilkert rollte seine Augen. "Das sag ich doch die ganze Zeit! Mark hatte die Tasche mit den Klunkern. Nach dem Unfall sind wir in unterschiedliche Richtungen. Ich wollte das Zeug noch unter uns aufteilen, aber wir konnten die Sirenen schon hören, also haben wir zugesehen, dass wir da weg sind. Wir wollten uns in meiner Mutter ihrem Schrebergarten treffen. Bis zum nächsten Morgen hab ich da gewartet, aber Mark ist nicht aufgetaucht. Ich dachte, er hätte mich sitzen gelassen; schließlich hatte er die Kohle."



"Aber dann haben Sie mitgekriegt, dass Häuser verhaftet wurde?"



"Ja. Und das mit dem Jungen. Ich hatte nach hinten geguckt, um zu sehen, ob uns schon einer folgt. Ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass Mark jemanden überfahren hat." Hilkert zuckte mit den Schulter. "Ich dachte zuerst, die Bullen hätten die Klunker auch, aber dann kam bei der Verhandlung raus, dass das nicht stimmt."



"Und da haben Sie natürlich angenommen, dass Herr Häuser die Juwelen beiseite geschafft hat?"



"Richtig. Aber ich konnte ihn ja schlecht im Knast besuchen – ich wusste ja nicht, ob er was sagen würde und ich dann gleich in die Zelle nebenan hätte einziehen können. "



"Also haben Sie gewartet, bis Häuser entlassen wurde."



Hilkert nickte. "Ja. Aber die Klunker hat Mark nicht rausgerückt. Er hat gesagt, dass es seine Bezahlung wäre. Dafür, dass er mich nicht verpfiffen hat. Für acht Jahre Knast."



"Aber Sie wollten trotzdem Ihren Anteil…"



"Natürlich! Er hat doch nur so lange gesessen, weil er das Kind umgenietet hat. Da kann ich doch nichts für!"



"Ja, natürlich nicht." Bernie rollte seine Augen. "Da waren Sie bestimmt ganz schön sauer. Fünfhunderttausend – das ist eine Menge Kohle."



"Eben! Ausgelacht hat er mich, als ich ihn im Bus zur Rede gestellt habe!"



"Und da sind sie ausgerastet. Haben Herrn Häuser erwürgt."



"Was? Nein! Ich hab Mark doch nicht umgebracht! Dann komm ich doch erst recht nicht an mein Geld!"



Conny und Bernie sahen sich kurz fragend an.



"Aber Herr Häuser hatte Ihnen doch schon gesagt, dass er Ihnen Ihren Anteil nicht geben würde."



"Ja, schon, aber ich wollte ihn so lange nerven, bis er die Kohle rausrückt. Zur Not hätte ich ihm die Fresse poliert. Aber umbringen – das bringt mir doch nichts! Und in den Knast wegen Mord? Nie im Leben."



"Das ist ja alles schön und gut, aber es spricht einiges gegen Sie, Herr Hilkert," sagte Conny. "Ihnen ist doch klar, dass Sie das beste Motiv haben?"



"Sie haben sich zurück zum Bus geschlichen – als vermeintlicher Mechaniker." Bernie tippte auch Hilkerts Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. "Komisch, wo Sie doch gelernter Schreiner sind."



"Ja, weil ich doch einen Grund brauchte, um zurück zum Bus zu gehen. Der Busfahrer hat da am Motor rumgefummelt, und ich hab einfach so getan, als hätte ich Ahnung davon. Und dann habe ich ihn da stehen gelassen, aber anstatt zum Gasthof zu gehen, bin ich in den Bus um mit Mark zu reden. Aber als ich gegangen bin, da hat er noch gelebt! Ich schwöre es!"



#




"Tja, und was jetzt?"



Conny seufzte. "Wenn ich das wüsste."



Bernie zuckte mit den Schultern. "Also, ich glaub ihm irgendwie."



Conny seufzte erneut. "Ich auch. Aber er ist unser bester Verdächtiger."



Bernies Telefon klingelte. "Ja, Kuhnt hier. Ja, genau. … Ach wirklich? Na, das ist ja interessant. Danke!"



Bernie schaute in das gespannte Gesichter seiner Kollegin und grinste.



Conny stöhnte genervt auf. "Na los, jetzt sag schon!"



"Diesmal," sagte Bernie, "diesmal haben wir ihn."



#




"Sie haben uns ganz schön zum Narren gehalten!"



Conny knallte den Bericht der KTU auf den Verhörtisch und verschränkte dann ihre Arme. Bernie lehnte sich an die Wand neben ihr.



"Aber eins müssen wir Ihnen lassen: es war ganz schon clever, einen Mann 'doppelt' umzubringen, um dann dein einen – unmöglichen – Mord zu gestehen!"



"Ja, Herr Lemke," sagte Conny. "Das war eiskalt geplant von Ihnen. Wir haben nämlich ein bisschen nachgeforscht. Bis vor einer Woche hatten Sie eine ganz andere Route zu fahren. Sie haben sich absichtlich auf eine andere Strecke versetzen lassen – nämlich die Strecke zwischen Herrn Häusers vorläufiger Unterkunft und seiner alten Stammkneipe. Sie wussten genau, dass er wieder in seine alten Muster fallen würde, also warteten Sie darauf, dass Häuser in Ihren Bus stieg. Und dann war sein Schicksal besiegelt."



Bernie nickte. "Sie haben das Opfer erdrosselt, und zwar mit Ihrer Krawatte." Er hielt den Beweisbeutel hoch. "Die haben wir bei Ihnen aus dem Hausmüll. Und daran hat die KTU Spuren von Ihnen und Herrn Häuser gefunden, zusammen mit Dreck und Motoröl."



"Motoröl, wie wir es auch am Hals des Toten gefunden haben. Ihre Krawatte ist die Mordwaffe. Sie haben sich an Häuser ran geschlichen – war ja nicht schwierig; der Mann hatte Sie nicht erkannt und Sie waren der Busfahrer. Es hat ihn wahrscheinlich gar nicht interessiert, warum Sie im Bus herumgelaufen sind. Und dann haben Sie Ihre Krawatte abgenommen und sie Herrn Häuser von hinten um den Hals gelegt. Und dann – tja. Dann haben Sie zugezogen."



"Ja, und als Häuser dann tot war, haben Sie eiskalt Ihre Krawatte wieder umgebunden."



"Daher kam auch der Ölfleck, den ich schon in der Tatnacht auf Ihrer Krawatte entdeckte. Er kam von Ihren 'Reparaturversuchen' und ich habe ihn nicht weiter beachtet."



Bernie lehnte sich über den Tisch. "Und jetzt, jetzt kommt der fieseste Teil des Plans: Sie wussten genau, dass wir herausfinden würden, dass Häuser Ihren Sohn überfahren hat. Sie wussten, dass wir Sie verdächtigen würden. Und darum haben Sie zu einem extremen Mittel gegriffen, um aus der Sache rauszukommen. Sie haben Herrn Häuser einfach nochmal 'umgebracht'. Schön mit dem Schraubenzieher, auf dem Ihre Fingerabdrücke sind und sonst keine. Und dann gestehen Sie unter Tränen, dass Sie das Opfer getötet haben."



"Ja, und dann brauchten Sie nur noch zu warten. Denn Herr Häuser wurde schließlich nicht erstochen, sondern erwürgt. Und das mussten wir ja früher oder später herausfinden und Sie dann entlassen." Conny schüttelte den Kopf. "Ich muss schon sagen, das ist ganz schön dreist."



Bernie nickte. "In der Tat. Aber geholfen hat es Ihnen nicht. Herr Lemke, Sie sind festgenommen wegen Mordes."



Lemke, bis dahin still und scheinbar unberührt, fuhr plötzlich auf. "Er hat es nicht anders verdient! Tobias war sechs Jahre alt! Sechs! Und jetzt ist er tot, nur weil dieser Verbrecher gerast ist wie ein Irrer. Er musste dafür büßen – er musste!"



#




Bernie streckte sich und fuhr seinen PC herunter. "Mensch bin ich froh, dass der Fall vorbei ist."



Conny nickte. "Ich auch. Aber es ist schon traurig, die ganze Sache. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Tochter--" Sie schüttelte den Kopf.



"Deswegen bringt man trotzdem keinen um."



"Ja, hast ja recht."



"Hey, was ist eigentlich jetzt mit der Beute aus diesem Juwelenraub? Hat die schon einer gefunden?"



"Nein. Und jetzt wo der Häuser tot ist wird das bestimmt ganz schon schwierig. Ich glaube nicht, dass der irgendjemandem erzählt hat, wo er Juwelen im Wert von fünfhunderttausend Euro gebunkert hat."



"Ja, stimmt. Die Klunker sind wahrscheinlich irgendwo im Wald vergraben."



Die Tür ging abrupt auf und Thomas stürmte mit einem breiten Grinsen im Gesicht herein. "Ihr werdet nicht glauben, was passiert ist!"



"Du hast im Lotto gewonnen."



"Ach Quatsch!" Thomas setzte sich auf den Besucherstuhl bei Bernies Schreibtisch. "Unsere bunte Kassiererin, Frau Jäck, und ihr Mann wurden vor einer Stunde verhaftet. Die beiden haben tatsächlich versucht, die gestohlenen Juwelen bei einem Pfandleiher gegen Geld zu tauschen."



Conny bekam große Augen. "Nee."



"Doch." Thomas lachte. "Nina hat mit Frau Jäck geredet – Häuser hatte die Klunker in der Aktentasche. Die hat nicht nur die sechshundert Euro in bar geklaut, sondern auch die Juwelen."



Bernie schüttelte den Kopf. "Ich glaub's nicht."



"Ja," sagte Thomas, "Sachen gibt's, die gibt's gar nicht."
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