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Was der Himmel erlaubt

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
23.10.2020
14.10.2021
29
121.671
4
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Dieses Kapitel
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14.10.2021 4.105
 
Kapitel 28

Timo

April 1986
Wie sehr habe ich diesen Trubel um mich herum vermisst. Ich sitze auf einer der alten Bänke in der Umkleidekabine und bin umgeben von Teamkollegen, die sich lautstark miteinander unterhalten.
Die einen sprechen über ihre Kurse in der Uni, andere beschweren sich über den Abstieg des HSV, was wirklich eine Schande für den Verein ist, und wieder andere spekulieren über die Siegeschancen am kommenden Wochenende. Marius’ enthusiastische und flammende Rede scheint sie angesteckt zu haben. Sie werden noch früh genug herausfinden, dass das nicht mehr als leere Worte sind und Marius keine Ahnung von Spieltaktiken hat, aber was soll’s? Sie sind noch ambitioniert und glauben, wir könnten siegen. Das wird sich ändern, wenn sie beim nächsten Spiel feststellen, dass die halbe Mannschaft nicht auftaucht, weil sie besseres vorhaben. So ist es eben.
Ich habe diesen chaotischen Haufen wirklich vermisst. Selbst der miefige Geruch fehlte mir und das soll was heißen. Eine gefühlte Ewigkeit erschien ich nicht beim Training und die Auswirkungen machten sich zu Beginn des Trainings bemerkbar. Meine Kondition war schonmal deutlich besser, aber mir könnte nichts gleichgültiger sein. Ich brauchte dieses auspowernde und schweißtreibende Training, mehr als mir vorher bewusst war.
Nach meinem Arzttermin wollte ich Markus eigentlich behilflich sein, bei was auch immer er dort plant. Ich vermute eine kleine Party zu unserem bestandenen Examen. Dass Annabelle und ich morgen Geburtstag haben, wird wahrscheinlich auch Grund genug sein. Nachdem ich ihm mehrfach meine Hilfe anbot und er immer wieder vehement ablehnte, schmiss er mich letztendlich aus der Wohnung. Ja so ist es. Ich wurde aus meinen eigenen vier Wänden verbannt.
Also entschied ich spontan, dass ich meinem vernachlässigtem Hobby nachgehen könnte, was sich als hervorragende Idee erwies. Ich muss gestehen, dass dies meine beste Idee des Tages war. Wahrscheinlich sogar die beste Idee der letzten Zeit. Ich weiß es auch nicht. Endlich fühlte ich mich wie früher. Wie der alte Timo.
Niemand packte mich in Watte, fragte unentwegt nach meinem Befinden und schaute mich mit diesem mitleidigen Ausdruck an. Ich weiß, dass es nicht fair von mir ist, aber ich brauchte eine Auszeit. Ich brauchte diese Pause von meinem Leben.
Ich wurde gefordert und konnte wieder mein komplettes Potenzial ausleben, was mich jetzt
mit einem zufriedenen Gefühl zurücklässt. Ich fühle mich erschöpft, ausgelaugt, aber vor allem zufrieden mit mir.Und auch diese unterschiedlichen Gesprächsfetzen, die ich immer mal wieder aufschnappe, lassen mich freudig lächeln. Sie wirken unbeschwert und ihr größtes Problem scheinen irgendwelche Prüfungen oder Abstieg des HSV zu sein. Sie lassen mich für einen Augenblick den ganzen Scheiß vergessen. Dieses Virus ist viel zu präsent in meinem Alltag und ich weigere mich das hinzunehmen. Ich will das einfach nicht mehr. Ich möchte mit Jakob glücklich alt werden, ich möchte meiner Arbeit nachgehen und sehr gute Artikel veröffentlichen, ich möchte Zeit mit meinen Freunden verbringen. Ich möchte einfach nur leben. Das ist nicht viel verlangt.
Trotzdem kehre ich jetzt in mein Leben zurück. In ein Leben mit diesem Virus und voller Sorgen, aber auch zu meinen liebsten Menschen, die nur das Beste für mich möchten.
Ich schrecke auf als mich Daniel aus meinen Gedanken reißt. Ich bemerkte nicht, dass sich die Aufmerksamkeit der anderen auf mich richtete. Wann passierte dies? Egal.
„Echt klasse dass du heute gekommen bist. Kommst du nächste Woche auch wieder?“
„Ich versuche zu kommen, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin zurzeit stark eingespannt.“, rede ich mich raus. Ganz gelogen ist das leider nicht. Ich trete kommende Woche meine erste Stelle an und das erfordert meine gesamte Aufmerksamkeit, zudem darf ich in regelmäßigen Abständen meinen Arzt aufsuchen, um mein Blutbild zu untersuchen und zu besprechen. Heute war einer dieser Termine und Dr. Behring erzählte mir dass meine Werte stabil sind, was mich erleichtert aufatmen ließ. Physisch fühlte ich mich gesund, aber das sagt noch lange nichts über meine T-Helferzellen und Viruslast aus. Leider.
Das werde ich nicht mit meinen Fußballkollegen besprechen, es geht sie nichts an.
Ich ziehe mir meine Jeansjacke über, greife nach meiner Sporttasche und wünsche den anderen noch einen schönen Abend, bevor ich mich auf den Weg mache und meinen Walkman hervorkrame, um mir ‚Blue Monday‘ von New Order anzuhören. Mit dem hämmernden Beat in den Ohren schlendere ich in Richtung Bahnhaltestelle, die sich in unmittelbarer Nähe befindet.
Tatsächlich erreiche ich die vorfahrende Bahn und steige sofort ein, das nenne ich Glück für mich.
Und ich scheine noch mehr Glück zu haben, weil ich einen Sitzplatz ergattere. Sehr gut.
Mir gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar, die mich freundlich anlächeln. Neben mir sitzt eine junge Frau, die gedankenverloren aus dem Fenster schaut. Noch besser. So kann ich die Fahrt in Ruhe genießen und mich in meinem Gedankenkarussell verlieren. Ein Karussell welches sich unentwegt dreht und dreht. Ohne jegliche Pause. Ich denke wieder und wieder an meine Zukunft, an meine Beziehung zu Jakob und an alles was noch auf uns zukommen wird. Wir planen demnächst einen Kurztrip an die Ostsee und einen Besuch bei seiner Familie in Rotenkirchen. Seine Mutter lud mich freundlicherweise ein und scheint darauf zu bestehen mich endlich kennenzulernen. Es freut mich zu sehen, dass Jakob bedingungslose Unterstützung von seiner Familie erhält und sie seine Homosexualität ohne wenn und aber respektieren. Es wird mir wahrlich eine Freude sein, seine Familie endlich als Jakob’s Partner kennenzulernen. Allerdings sträubt sich Jakob seine Familie zu besuchen. Einerseits möchte er sie endlich wiedersehen, aber er kämpft mit seinem schlechten Gewissen. Und ich kämpfe mit meinem, weil er ohne mich nicht in dieser Situation wäre. Ich versprach ihm mehrfach nicht nach den Schuldigen zu suchen, aber der Gedanke, dass ich ihn höchstwahrscheinlich ansteckte, lässt sich nicht vertreiben.
Es bleibt immer im Hinterkopf und ich kann es nunmal nicht verdrängen. Heute Abend möchte ich mit ihm in meinen Geburtstag feiern und einfach nur seine Nähe spüren.
Erschrocken zucke ich zusammen als mich die Frau neben mich einfach antippt. Ich nehme sie einmal richtig in Augenschein und erkenne sie sofort. Nur scheint sie heute ohne ihren Hund unterwegs zu sein. Mir fällt ihr Name nur nicht mehr ein. Wie war der noch gleich?
Ich nehme die Kopfhörer meines Walkmans ab und blicke sie fragend an.
„Hey Timo. Tut mir Leid, wenn ich dich störe, aber ich wollte mich noch für letztens entschuldigen. Ich wusste nicht dass Annabelle dich belogen hat, ich ging davon aus dass du Bescheid wüsstest.
Ich dachte wirklich dass du aus freien Stücken kommen würdest … Ich weiß nicht was ich noch sagen soll.“, erklärt sie sich.
„Ist schon in Ordnung. Du kannst nichts dazu.“, versuche ich sie zu beruhigen.
„Da bin ich erleichtert. Annabelle scheint ihr Verhalten zu bereuen. Sie dachte, dass es dir guttun könnte mit anderen darüber zu sprechen.“ Ich nicke kaum merklich und wende den Blick ab.
Mir ist durchaus bewusst, dass sie nur das Beste für mich wollte und ihr Verhalten mittlerweile bereut, aber ich war bisher nicht bereit dazu einen Schritt auf sie zuzugehen. Dafür saß der Schmerz zu tief. Sie wollte mich ohne meine Einverständnis zu einer Selbsthilfegruppe schicken. Diese Bevormundung verletzte mich und ich war noch nicht bereit dazu das Gespräch mit ihr zu suchen. Noch nie zuvor war unser Verhältnis so angespannt und ich weiß auch nicht, ob es jemals wieder so vertraut wird. Ich habe sie wirklich lieb und ich will sie um nichts in der Welt verlieren, aber ob wir wieder zu diesem vertrauten und innigen Bündnis zurückfinden, bleibt abzuwarten. Der Vertrauensbruch sitzt tief und ich werde Zeit brauchen bis ich diese Entmündigung unter den Teppich kehren kann. Ich bin nicht sauer, aber ich bin enttäuscht und dieses Gefühl werde ich nicht los. Trotzdem werde ich immer zu meiner Schwester halten. Immer.
„Ich habe dich heute Mittag in Dr. Behrings Praxis gesehen. Ich war heute dort, um mit ihm meine Blutwerte zu besprechen. Es sieht alles gut aus. Meine T-Helferzellen sind stabil. Was soviel heißt, ich habe noch kein Aids.“, klärt sie mich freundlicherweise auf. Ich kann mir ein kurzes schmunzeln nicht verkneifen. Trotz unseres Status als Fremde ist sie mir gegenüber sehr aufgeschlossen. Als würden wir uns eine Ewigkeit kennen. Ich schaue sie an. Sie schenkt mir ein offenes Lächeln und ich kann nicht anders und lächle zurück.
„Bei mir gab es auch noch keine Anzeichen von Aids.“, fasse ich meinen Arzttermin zusammen. Marion, so war ihr Name, und ich lachen lauthals und signalisieren nur am Rande, dass sich das ältere Ehepaar erhob und die Plätze verließ. Es tut wirklich gut mit ihr darüber zu lachen und dieses verdammte Virus ins lächerliche zu ziehen. Somit ist es weniger angsteinflößend für mich.
„Seit wann weißt du davon?“, erlaube ich mich zu fragen.
„Letztes Jahr im Februar erfuhr ich davon. Wir vermuten dass ich nach meinem Unfall eine infizierte Blutkonserve bekommen habe. Ich habe lange daran zu knabbern gehabt und konnte mich erst damit abfinden als ich die anderen zum reden gefunden habe. Ich …“
„Würden Sie bitte die Bahn verlassen!“, werden wir unhöflich unterbrochen. Ich schaue auf und sehe in das Gesicht eines Schaffners, der uns mit ausdrucksloser Miene mustert. Was soll das? Ich bin nicht mal annähernd in die Nähe meines Ziels gelangt.
„Eigentlich habe ich mein Ziel noch nicht erreicht und da ich für meine Fahrkarte bezahlte, verlange ich auch dass Sie Ihre Leistung erbringen und mich mitfahren lassen. Das gleiche gilt für sie.“, erkläre ich ruhig und besonnen. Das ist wirklich die Höhe. Was gibt ihm das Recht uns der Bahn zu verweisen. Ich sehe wirklich keinen Grund.
„Die anderen Fahrgäste fühlen sich durch Ihre Anwesenheit gestört. Ich bitte Sie nochmals die Bahn bitte zu verlassen.“
„Mit welchem Recht?“, hinterfrage ich. Ich stehe auf und stelle mich vor diesen unverschämten Kerl, der mich mit einer Missachtung mustert, da stehen selbst mir die Haare zu Berge.
„Verschwinde du Schwuchtel und verbreite deine Aids Keime woanders.“, pöbelt jemand anderes.
Daher weht der Wind also. Man hat unser Gespräch mitgehört.
„Wenn Sie die Bahn nicht verlassen, so sehe ich mich gezwungen die Polizei zu benachrichtigen.“
Marion scheint auf seine unverfrorene Forderung einzugehen, doch ich werde noch lange nicht klein beigeben. Ich halte sie zurück und schaue dem Schaffner provokativ in die Augen.
Er kann mich mal. Sein Verhalten ist dreist und empörend und er hätte niemals eine Chance bei der Polizei. Er sieht sich trotzdem im Recht. Was ein Arschloch. Ich werde seiner Bitte nachkommen, aber ich werde ihn vor Wut schäumend zurücklassen und für Empörung sorgen.
Ja, das werde ich.
„Sie verweisen uns der Bahn, weil wir HIV positiv sind?“, hinterfrage ich nochmals.
„Sie sind ein Risiko für die Allgemeinheit und das können wir nicht dulden.“
„Ein Risiko für die Allgemeinheit? Hören Sie was Sie da von sich geben? Ihnen ist schon bekannt, wie man sich ansteckt?“, stelle ich ihn zur Rede.
„Ich habe keine Lust zu diskutieren. Verlassen Sie jetzt unverzüglich die Bahn.“
„Das ist an Idiotie wirklich nicht mehr zu überbieten … Aber na gut, wir werden die Bahn verlassen.“
Er weist uns den Weg zum Ausgang, als würden wir diesen ohne seine Unterstützung als Wegweiser nicht finden. Das wird immer besser. Bevor ich die Bahn verlasse, greife ich nach seinem Gesicht. Meine Hände links und rechts an seinen Wangen, die Panik steht ihm ins Gesicht geschrieben und die ist auch berechtigt. Ich grinse ihn schelmisch an, bevor ich ihm einen dicken Schmatzer auf die Lippen verpasse. Bah ist das ekelig. Der Kuss dauerte eine Sekunde und doch war diese Sekunde zu lang für meinen Geschmack. Ich löse mich augenblicklich von ihm.
„Sie sollten unverzüglich zum Aids Test.“, sage ich ihm, bevor ich nach Marion’s Hand greife und mit ihr fluchtartig die Bahn verlasse. Hand in Hand rennen wir und lassen die schimpfende Meute hinter uns. Wir rennen und rennen. So weit weg wie möglich. So schnell weg wie möglich. Nur weg.
Wir stürmen die Straßen entlang und bringen so schnell es geht Abstand zum Ort des Geschehens.
An einer ruhigen Straßenecke finden wir Halt und können erleichtert durchatmen.
Völlig außer Atem versuche ich Luft zu bekommen und schaue zurück in die Richtung, aus der
wir herkamen. Zu unserem Glück folgte uns niemand, denn es hätte auch anders ausgehen können. So notwendig ich meine Aktion auch empfand, sie war provozierend und ich habe die Grenzen eines anderen überschritten, auch wenn dieses Arschloch es verdient hat. Höchstwahrscheinlich hat er eine unbeschreibliche Angst und lässt sich umgehend auf HIV testen. Sie würden sich testen lassen, weil wir uns in der Nähe befanden. Man ist anscheinend nur noch von ignoranten Idioten umgeben. Es ist traurig, aber wahr.
Ich schaue Marion an, die sich schweratmend an der Steinwand lehnt. Ein wenig tut es mir leid, dass ich sie mit in diese Misere hineinzog. Ich ging ein Risiko ein und machte sie quasi zu meiner Komplizin, aber ich kann doch nicht zulassen dass man so mit uns umspringt. Es gibt niemanden das Recht, uns wie den letzten Dreck zu behandeln. Das macht mich einfach nur noch sprachlos.
„Geht’s allmählich wieder?“, frage ich sie. Sie schaut auf und ein belustigtes Lächeln liegt auf ihren Lippen. Sie scheint mir nicht böse zu sein. Tatsächlich bin ich ein wenig erleichtert.
„Annabelle hat mir erzählt, dass du gerne mal aneckst … aber damit hast du echt den Vogel abgeschossen. Das war echt … ohne Worte.“, zieht sie ihr Fazit, trotzdem scheint sie um ihre Beherrschung zu kämpfen.
„Ja, das tut mir Leid.“, entschuldige ich mich zerknirscht. Sie hingegen bricht in schallendes Gelächter aus und ich kann nicht anders als lauthals mitzulachen.
Es ist ein wirklich befreiendes und losgelöstes Gefühl. Ich fühle mich frei und glücklich und dieses Gefühl möchte ich nicht mehr missen. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal so ausgelassen gelacht habe? Diese Frage erschreckt mich und lässt mich einen Entschluss fassen.
Ich sehe es einfach nicht mehr ein. Ich möchte dieses Virus nicht mehr mein Leben beherrschen lassen und möchte endlich wieder glücklich und zuversichtlich in die Zukunft schauen. Ich möchte wieder ausgelassen lachen können und ich will diese ständige Ungewissheit aus meinem Leben verbannen. Ich bin HIV positiv und ich kann daran nichts ändern. Es wird ein böses Ende nehmen, aber ich werde mich nicht mehr unterkriegen lassen. Nein verdammt nochmal. Diese Zeiten sind vorbei. Ich will mein Leben in vollen Zügen genießen und mein erster Schritt in dieses unbeschwerte Leben werde ich mit einer ausgelassenen Party beginnen.
Eine Party in ein neues Leben. Und Marion werde ich daran teilhaben lassen.
„Hast du heute Abend schon was vor?“, frage ich sie.
„Bisher habe ich nichts geplant.“
„Markus schmeißt heute Abend eine Party. Möchtest du kommen?“
„Ich weiß nicht ob das so eine gute Idee ist. Ich will mich wirklich nicht aufzwängen.“, zögert sie.
Sie ziert sich, dabei ist doch wirklich nichts dabei. Wir empfangen jeden mit offenen Armen.
„Ich feiere in meinen Geburtstag rein und ich würde mich freuen, wenn du mitkommen würdest.“
„Dann kann ich nicht Nein sagen.“

„Weißt du was ich mich gerade frage? … Ob es da oben noch was gibt. Ich habe letztens E.T. gesehen und jetzt frage ich mich, ob wir wirklich alleine sind in diesem Universum. Das ist doch irgendwie schwer zu glauben, oder?“, rätselt Markus als er hinauf zum Himmel starrt.
Genüsslich inhaliere ich das Marihuana, lehne mich entspannt zurück und lege den Kopf in den Nacken, um zum nachtblauen Firmament empor zu schauen. Der Qualm, den ich ausstoße, breitet sich vor meinen Augen aus und ich bin fasziniert. Fasziniert von allem was um mich herum passiert. Es passiert so viel und doch ist es einfach nur unbedeutend und unwichtig. Nichts ist wirklich von Bedeutung und doch kommt es einem nicht so vor.
Denn für mich ist es wichtig. Dieser Abend und die Menschen, die diesen Abend mit mir verbringen. Für mich ist es wichtig mit meinem besten Freund auf dem kleinen Balkon zu sitzen, zu rauchen und über alles und nichts zu philosophieren. Für mich ist es wichtig mit meinem Liebsten bei einem kitschigen Liebeslied eng umschlungen zu tanzen. Für mich ist es wichtig die Zeit zu genießen. Einfach nur auskosten und genießen.
Laute Musik dringt nach draußen und die anderen grölen den einfältigen Text von Blondie lautstark mit. Unsere Nachbarn sind, eher unfreiwillig, Zeuge unserer Fete und es bleibt abzuwarten, wer sich noch zu ‚Call me‘ verausgaben wird. Allzu viele werden es nicht sein.
Mir könnte nichts gleichgültiger sein. Ich sehe unsere dauernörgelnde Nachbarin schon mit erhobenen Finger vor der Haustüre stehen. Sie findet jedes Mal aufs neue einen Anlass um sich zu beschweren und diese Party ist doch ein gefundenes Fressen für diese verbitterte alte Frau.
Erst vor kurzem trudelte bei Adalbert und Mareike eine Beschwerde von besagter Nachbarin ein, weil ich Jakob zum Abschied küsste. Dass wir dauernd diese Operetten mithören dürfen, fällt natürlich nicht ins Gewicht. Aber auch das könnte mir nicht gleichgültiger sein. Ich lasse mir den Abend von dieser Mittsiebzigerin nicht verderben. Nichts und niemand kann mir diesen Abend vermiesen. Ich reiche den Joint an Markus zurück, der genussvoll daran zieht.
„Das Gras ist wirklich gut.“, schwärmt er und ich kann ihm da wirklich nur beipflichten. Ich kann nicht wirklich sagen wann ich das letzte Mal kiffte, aber als mir Markus den Joint vor die Nase hielt, dachte ich mir ‚Scheiß drauf‘. Das schlimmste was mir passieren könnte, wäre ein schlechter Trip und den nehme ich heute billigend in Kauf. Irgendwann sterben wir alle und bis dahin möchte ich mein Leben einfach nur genießen. Quasi alles so nehmen wie es kommt. Tatsächlich fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut und könnte nicht entspannter sein. Ich spüre eine Leichtigkeit und Gelöstheit wie schon lange nicht mehr. Ich könnte den ganzen Abend hier sitzen und einfach nur die Seele baumeln lassen. Entspannen und einmal alles auf sich wirken lassen.
„Woher kennst du Marion nochmal?“, unterbricht Markus meine schwirrenden Gedanken.
„Wieso interessiert dich das?“, hinterfrage ich irritiert. Habe ich ihn mit Marion bekannt gemacht? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß es einfach nicht mehr. Wir kamen gemeinsam in die WG, hier herrschte eine ausgelassene Party und ich suchte direkt den Kontakt zu Jakob, der sein Glück beim Pokerspiel versuchte. Er ließ sich, sehr zu meinem Bedauern, nicht auf meine Avancen ein und vertröstete mich auf später. Also musste ich mich anderweitig beschäftigen. Ich trank ein paar Bier, unterhielt mich und lachte mit ein paar Freunden. Und nun sitze ich hier, lasse das Marihuana wirken und genieße einfach nur den Moment.
„Sie ist echt sexy.“, stellt er nüchtern fest. Ganz widersprechen kann ich ihm nicht. Sie ist eine hübsche und attraktive Frau, zumindest kann ich seine Faszination durchaus nachvollziehen.
„Ob ich Chancen bei ihr hätte.“, mutmaßt er.
„Bitte lass die Finger von ihr, wenn du keine ernsten Absichten hast.“
Er setzt zur Erwiderung an, aber ihm scheint nichts einzufallen. Er hat keinen Schimmer was er sagen soll. Ich gönne ihm sein Glück, aber ich möchte nicht dass er ihr das Herz bricht. Sie hat das nicht verdient. Niemand hat das verdient. Rastlos erhebe ich mich, greife nach dem Joint und einem Feuerzeug und lehne mich an die Brüstung des Balkons.
Ich nehme einen tiefen Zug und inhaliere genussvoll das Marihuana. Ich lasse meinen Blick über die tanzende Menge im Wohnraum schweifen und entdecke ihn. Er bewegt sich rhythmisch zur Musik und scheint den Moment zu genießen. Sein hübsches Gesicht hat einen entspannten Ausdruck und er wirkt so unbeschwert und sorglos wie schon lange nicht mehr.
Mir huscht bei seinem Anblick direkt ein Lächeln über die Lippen.
Ich liebe ihn mehr als alles andere und ich will ihn nur noch glücklich sehen. Er hat es verdient glücklich zu sein. Ich mustere ihn intensiv und was ich sehe, gefällt mir wirklich sehr gut.
Wie gerne würde ich mit ihm verschwinden und in trauter Zweisamkeit den Abend ausklingen lassen. Er und ich alleine. Er wäre bei mir, würde sich in meine Arme schmiegen, würde sich mir hingeben und einfach nur bei mir sein. Ich möchte ihn in meinen Armen halten, den Moment auf mich wirken lassen und ihn berühren. Ich möchte seine warme, weiche Haut unter meinen Fingerspitzen fühlen. Ich möchte mit meinen Fingern durch seine dichten Locken fahren.
Seinen einzigartigen Duft inhalieren, eine Mischung aus Parfum, Rasierwasser und seinem ganz eigenen Geruch. Ich möchte meine Lippen mit seinen verschließen und ihn in einen hingebungsvollen Kuss verwickeln, seine süßen Lippen schmecken. Allein der Gedanke törnt mich ungemein an. Am liebsten würde ich ihn mir schnappen und mit ihm in unserem Zimmer verschwinden, um …
„Timo? Bist du hier draußen?“ Natürlich Annabelle. Wer sonst könnte diesen wirklich anregenden Traum platzen lassen? Meine herzallerliebste Schwester ist dazu fähig, wie gewöhnlich.
Ich drehe mich zu ihr und blicke sie mit einer ausdruckslosen Miene an. Zuerst scheint sie erleichtert zu sein, dass sie mich fand, dann sehe ich die Missbilligung in ihrer Mimik.
Mir ist auch deutlich bewusst, dass ihr der Joint zwischen meinen Fingern missfällt.
Ich kann mir schon deutlich vorstellen, wie sie mich jetzt wieder maßregelt. Ich solle doch auf meine Gesundheit achten und bla bla bla. Sie möchte gerade zum Reden ansetzen, da scheint sie nochmals tief in sich zu gehen und sich zur Contenance zu zwingen. Irgendeinen Kommentar wird sie trotzdem von sich geben, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Sie kommt auf mich zu und fixiert meinen Blick. Ich halte den Blickkontakt eisern und ich werde auch nicht nachgeben. Jetzt kommt irgendeine Standpauke, da bin ich mir sicher.
Allerdings greift sie nach dem Joint und meinem Feuerzeug, steckt sich diesen zwischen die Lippen, zündet ihn an und nimmt selbst eine Zug. Damit rechnete ich jetzt nicht und ich war mir sicher, dass jetzt die nächsten Vorhaltungen folgen würden. Aber das ist mir neu. Sie reicht beides an Markus zurück. Er scheint auch nicht zu verstehen, was hier gerade vor sich geht.
„Halluziniere ich oder was ist hier los?“, kommt es von Markus. Sie antwortet ihm nicht, sondern wendet sich mir wieder zu. Sie nimmt mich einmal komplett in Augenschein und scheint um ihre Worte zu ringen. Meine Schwester beinahe sprachlos zu erleben ist eine Seltenheit und in meinem bisherigen Leben gab es diese Augenblicke nicht allzu oft. In letzter Zeit hingegen häuften sich die Moment der Sprachlosigkeit. Sie kämpft mit ihrem schlechten Gewissen. Sie fühlt sich mies, weil sie mich bevormundete und zwang an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen.
In dieser Hinsicht bin ich ein sturer Arsch und komme ihr auch nicht entgegen. Sie hat einmal zu viel die Grenzen ignoriert und ich sehe es nicht ein, es ihr einfach zu machen. Sie soll einsehen, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe und sie sich nicht einzumischen hat.
Sie räuspert sich. „Ich …“, beginnt sie und wird prompt von Markus unterbrochen.
„Ich sollte mich besser aus dem Staub machen.“, meldet er sich zu Wort und gesellt sich zu den anderen. Annabelle und ich bleiben alleine zurück. Stille breitet sich aus. Sie blickt auf ihre Finger, die sie miteinander knetet. Sie kämpft mit sich.
„Bleibt es beim Mittagessen morgen?“, versuche ich diese peinliche Stille zu beenden.
Irgendeinen Gesprächseinstieg musste ich finden und was besseres fiel mir nicht ein.
„Mama erwartet uns morgen gegen dreizehn Uhr vor dem Lokal.“, bestätigt sie die Information, die mir sowieso schon bekannt war.
„Timo, ich …“, setzt sie erneut an. Sie atmet nochmals tief durch.
„Es tut mir so unendlich leid. Ich hätte dich nicht dazu zwingen dürfen und ich weiß auch nicht, wie ich es wieder gut machen könnte … Mich hat das alles komplett überfordert und ich dachte, es könnte dir helfen. Ich weiß dass du nicht wie ich tickst, das weiß ich wie niemand anderes … trotzdem habe ich über deinen Kopf hinweg entscheiden wollen und das war falsch. Ich will meinen Bruder wieder haben …“, sie schaut zu mir auf und kämpft mit ihren Tränen. Ohne ein weiteres Wort gehe ich auf sie zu und ziehe sie in meine Arme. Sie schmiegt sich in meine Umarmung.
Das war ein erster Schritt zur Versöhnung und ich bin froh darum. Natürlich werde ich diese Entmündigung niemals vergessen, aber wir könnten versuchen wieder einen normalen Umgang zu finden. Ich wollte eine ehrlich gemeinte Erklärung und Entschuldigung und jetzt können wir sehen, wie wir unser enges Vertrauensverhältnis wieder aufbauen können. Die Enttäuschung ist noch da, aber wir werden einen Weg finden. Da bin ich zuversichtlich.
„Ich will auch meine Schwester wieder haben.“, gestehe ich.
Sie schaut zu mir auf und ich meine einen erleichterten Ausdruck zu erkennen.
Drinnen wird der Countdown rückwärts gezählt und mir ist vollkommen bewusst, was binnen zehn Sekunden passieren wird.
„Neun…acht…sieben…sechs…fünf…vier…drei…zwei…eins…“
„Alles gute zum Geburtstag, kleiner Bruder.“, gratuliert mir Annabelle, während sie zu mir aufschaut. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Alles gute zum Geburtstag große Schwester.“
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