Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Was der Himmel erlaubt

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
23.10.2020
27.01.2021
23
101.223
3
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
23.10.2020 1.266
 
„Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, wo wir lieben.“ (Wilhelm Busch)

Prolog

Mai 1994
Kaltes Wasser benetzt meine erhitzte Haut. Es tut unendlich gut und ich fühle mich tatsächlich ein wenig besser. Wie angewurzelt stehe ich unter dem Duschkopf, lasse das kühle Wasser über mich fließen, schließe erschöpft die Augen und atme tief durch. Wenn ich die letzten Tage Revue passieren lasse, muss ich feststellen, dass ich erst jetzt in diesem Moment richtig durchatmen kann. Ich nehme einen tiefen Atemzug und atme langsam wieder aus.
Die letzten Wochen sind eine wirkliche Tortur gewesen, wirklich schlimm. Trotzdem würde ich nichts ändern. Nein. Ändern würde ich definitiv nichts. Ich wollte bei ihm sein und das will ich noch immer. Ich werde so schnell wie möglich wieder bei ihm sein. Eigentlich wehrte ich mich gegen den Vorschlag der anderen. Es widerstrebte mir ihn alleine zu lassen.
Ich möchte jeden einzelnen Moment mit ihm auskosten. So lange auskosten bis es nicht mehr möglich ist und dies wird früh genug der Fall sein. Das mag ich mir gar nicht ausmalen.
Tagelang saß ich an seiner Seite und stand ihm bei. Die Pflegekräfte, unsere Freunde und meine Familie lagen mir in den Ohren, ich solle mich doch bitte auch erholen. Allerdings wagte ich es nicht auch nur den Gedanken daran zu verschwenden.
Er befahl mir endlich an mich zu denken und eine kurze Auszeit zu nehmen. Nach einigen Diskussionen sah ich ein, dass es nichts brachte. Ich will die letzten Tage nicht streiten.
Das ist verschwendete Zeit. Also beschloss ich seinem Wunsch folge zu leisten.
Die Tatsache dass er nicht alleine ist, bestärkte mich in meinem Entschluss. Sie werden mich umgehend benachrichtigen, wenn sich sein Zustand verschlechtert. Soweit wird es nicht kommen, denn sobald ich geduscht habe, werde ich wieder zu ihm.
Beim Gedanken an ihn macht sich ein Schauer in mir breit. Ein kribbeln breitet sich in meinem Bauchraum aus. Meine Gedanken wandern zu vergangenen Zeiten.
Unser Kennenlernen, der erste Kuss, der erste Sex, die unvergessliche Zeit, die Diagnose und unser Kampf gegen dieses verdammte Virus.
Ich sehe ihn vor mir. So schwach und zerbrechlich. Ausgemergelt, eingefallen, erschöpft.
Sein hübsches Gesicht, seine sinnlichen Lippen, welche noch immer ein Lächeln finden.
Sein spitzbübisches Lächeln, welches mich jedes Mal daran erinnert, warum ich mich in ihn verliebt habe. Seine zynische und sarkastische Art, wobei er sehr charmant, charismatisch und liebevoll sein kann. Ich liebe jede seiner Facetten.
Selbst in schweren Zeiten hat er seinen Humor nicht verloren. Wenn betretendes Schweigen herrscht, findet er eine Möglichkeit alle zum schmunzeln zu bringen. Er hat den Schalk im Nacken sitzen und wir alle lieben ihn dafür. Besonders ich.
Wenn ich daran denke, dass jeder seiner Sprüche der letzte sein könnte, überkommt mich eine gewissen Wehmut. Ich darf gar nicht daran denken. Ich muss an schöne Zeiten denken.
Ich erinnere mich an unseren ersten Abend in Rovinj. Wir kamen nach stundenlanger Fahrt endlich an und er wollte unbedingt die Gegend erkunden. Trotz meiner Müdigkeit schloss ich mich ihm an und ich sehe uns auf der alten Steintreppe. Mit einem Bier in der Hand sitzen wir auf der untersten Treppenstufe, vor uns liegt das Meer, die Sonne geht am Horizont unter. Wir sitzen dort und lassen den Moment auf uns wirken. In diesem Moment spürte ich eine innere Ruhe. Ich war glücklich und mit mir selbst im reinen. In diesem Moment konnte uns nichts erschüttern.
Wir waren glücklich.
Ich sah ihn an, er schaute zum Horizont und ein Lächeln lag auf seinen Lippen.
Ich sehe sein Gesicht quasi vor mir. Seine blau grünen Augen leuchten, sein Lächeln zeigt pure Zufriedenheit, er wirkte glücklich und unbeschwert. Und das waren wir.
Kurze Zeit später holte uns die Realität ein und jetzt haben wir diese ausweglose Situation.
Er liegt auf der Intensivstation und kämpft um jeden verdammten Atemzug. Er kämpft um sein Leben, wobei wir wissen, dass dieser Kampf schon verloren ist.
Er ist der wichtigste Mensch für mich. Ihn zu verlieren will ich mir wirklich nicht ausmalen.
Dieser quälende Gedanke schnürt mir die Kehle zu. Ich will mit ihm alt werden, doch dieses Privileg bleibt uns verwehrt. Wir werden nicht alt.
Ich muss an was anderes denken und ich muss so schnell wie möglich zu ihm. Es bringt uns beiden nichts wenn ich melancholisch Trübsal blase und Unmengen an Wasser verschwende.
Ich stelle das Wasser ab, schnappe mir das Handtuch und trockne mich ab. Ich binde mir das Handtuch um die Hüften und trete zum Spiegel am Waschbecken.
Müde braune Augen blicken mich an. Ich sehe wirklich bescheiden aus. Selbst nach meinen endlosen Nachtdiensten gab ich ein besseres Bild ab. Da wusste ich, dass er im Bett auf mich wartet, wo ich mich an ihn kuscheln kann. Ich darf gar nicht daran denken.
Ein klirrendes Geräusch lässt mich hochschrecken. Das Telefon.
Hastig laufe ich in die kleine Diele, wo der graue Apparat mit Wählscheibe steht, und nehme den Hörer ab. Ich komme gar nicht dazu irgendwas zu sagen. Marion plappert sofort drauf los.
„Du solltest schnell herkommen.“
„Ich beeile mich“ versichere ich ihr und das habe ich auch vor. Ich muss mich beeilen.
Ich knalle den Hörer mit viel Kraft auf das Gehäuse und renne in unser kleines Schlafzimmer, wo das Chaos herrscht. Ich hatte wirklich keinen Nerv für Ordnung zu sorgen. Das ist mein geringstes Problem. Da gibt es wirklich wichtigeres. Ich kleide mich hastig an. Unterhose, Jeans, Pullover, Socken, Jacke und Schuhe. Meine nassen Haare interessieren mich derzeit nicht.
Ich muss so schnell wie möglich bei ihm sein. Komme was wolle.
Ich greife noch nach meinem Haustürschlüssel und verlasse die kleine Wohnung im Dachgeschoss.
Die Treppen sprinte ich hinunter, die nörgelnde Nachbarin ignoriere ich gekonnt.
Für solche Kleinigkeiten habe ich keine Zeit.
Ich verlasse das alte Haus und laufe zügigen Schrittes zur nächsten Haltestelle, die sich Gott sei Dank in unmittelbarer Nähe befindet. Ich laufe Slalom, um mit niemanden zu kollidieren. Ich will bei ihm sein. Und das so schnell wie möglich.
Die S-Bahn fährt vor und die letzten Meter sprinte ich. Tatsächlich schaffe ich es. Ich mache mir nicht die Mühe einen Platz zu finden, ich halte mich an der Stange fest und warte auf mein Ziel.
Mir geht alles viel zu langsam. Die Bahn fährt zu langsam, die Menschen laufen zu langsam,
ich bin zu langsam. Nur die Zeit vergeht zu schnell.
Mit einem Blick auf meine Armbanduhr werde ich noch unruhiger. Der Sekundenzeiger bewegt sich stetig weiter, doch ich komme nicht weiter. Jede verdammte Sekunde zählt.
Warum nur muss die Zeit rasen? Erst wenn man keine Zeit mehr hat, kommt es einem viel zu kurz vor. Wir machen uns alle was vor. Wir gehen alle davon aus massig Zeit zu haben, doch das ist ein Irrglaube. Das wird einem erst bewusst, wenn die Zeit abläuft. Wir fühlen uns verarscht, wenn die Zeit abgelaufen ist, dabei war uns bewusst, dass irgendwann dieser Moment eintreten wird.
Doch muss es unbedingt jetzt sein? Irgendwann kommt dieser Moment für jeden.
Für die einen früher, für die anderen später.
Mir steckt ein dicker Kloß im Hals und ich kämpfe um meine Beherrschung. Ich will nicht weinen, nicht hier und nicht jetzt. Zu meiner Erleichterung hält die S-Bahn an meinem Ziel. Ehe ich mich versehe bin ich an der frischen Luft und sprinte zum Klinikum.
Ich weiche den Menschen aus, erreiche den Haupteingang und gehe zielgerichtet zum Treppenhaus. Die Aufzüge werde ich gekonnt ignorieren.
Ich sprinte die Stufen hinauf und erreiche schließlich die zweite Etage, wo sich die Intensivstation befindet. Ich atme noch einmal tief durch bevor ich die Klingel benutze.
Ich werde bei dir sein.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast