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Der Zeidler

von custor13
KurzgeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P16
23.10.2020
23.10.2020
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Der Zeidler

Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Bald würde er ernten können und es sah nach einem ertragreichen Jahr aus.
Clemens, dem Zeidler, oblag die Wildbienenwirtschaft und Schwarmpflege im hiesigen Wald und seine Zeidlerei, war eine der wenigen, die es in der Gegend gab. Er fertigte im Frühjahr die hölzernen Klotzbeuten für die Bienen, hegte und mehrte die Schwärme und sammelte im Herbst in schwindelerregender Höhe die kostbaren Erträge seiner emsigen Arbeiterinnen.
Ein ehrbares Handwerk, das viel Geschick und Mut erforderte.
Honig.
Himmlische Süße, die rar und teuer war. Ein Luxusgut. Für Leckereien und Honigwein. Und für die Lebkuchen, die es im Advent und zum Fest der Feste geben würde. Selbst bei den ärmsten Familien.
Clemens würde zu Martini seine Abgaben an den Grundherrn und Besitzer des Waldes, Graf Hinrich, leisten. Sechs Maß Honig und eine festgelegte Menge Bienenwachs für den Kerzenzieher der Burg.
Und das, was ihm darüber hinaus blieb, konnte er auf den Märkten verkaufen. Davon, und von dem, was seine Frau und seine Tochter im Garten anbauten, wurde man nicht reich, aber es ließ sich gut leben.
Und so trug Clemens seine Kluft, eine grüne Tracht mit langer Zipfelmütze, mit Stolz. Genau wie seine schwere Armbrust.
Das Privileg, eine Waffe tragen zu dürfen, wurde nur wenigen Bürgern gewährt. Aber seine Arbeit in den unwegsamen Tiefen des Waldes war nicht ungefährlich. Und wenn der Grundherr Honig wollte, musste sein Zeidler auch in der Lage sein, sich und die kostbaren Beuten hoch in den Bäumen zu verteidigen. Gegen Räuber und Mitesser. Auf zwei und auf vier Beinen. Und der drahtige, hochgewachsene Zeidler war ein sehr guter Schütze.

Heute jedoch war kein guter Tag. Er hatte das Weinen seines einzigen Kindes noch nie gut ertragen. Weder das trotzige Plärren des Kleinkindes, noch die theatralischen Tränen der Zehnjährigen.
Und dieses Weinen hier und heute zerriss ihm das Herz.
Bitterliche Tränen, die ihn den ganzen Schrecken, die Erniedrigung, Hilflosigkeit und körperlichen Schmerzen seiner Tochter spüren ließen.

So lange hatten ihre Mutter und er sie beschützt. Zuerst noch vor Gespenstern im Holzschuppen und beim Spielen im Wald. Doch Johanne wurde älter und wuchs zu einer feenhaften Schönheit heran. So jung und zart. Und so honigsüß.
Und plötzlich waren es andere Gefahren, die überall lauerten. Auf dem Markt und auf der Kirmes. Selbst beim Kirchgang.
„Der Mensch ist des Menschen Feind“, hatte der Pfarrer gepredigt und genauso sah es aus.
Keine Geister oder Wölfe. Es waren Neid und Gier. Es waren die Menschen.
Ihr Vater sah es in ihren Augen.
Da war der fette Wollhändler der sie lächelnd heranwinkte, wie um sie einen teuren Wollstoff fühlen zu lassen. Und der dann mit seinen feisten Fingern ihren bloßen Arm betätschelte. Die Nachbarin, die sie abschätzig betrachtete und hinter ihrem Rücken über sie lästerte. Und der Stellmacher, der sie anglotzte, als hätte er noch nie in seinem Leben ein reines, weibliches Wesen gesehen.
Am schlimmsten aber war der Vogt. Der Verwalter des Grafen.
Der Vogt, der sein geliebtes Kind ansah, wie er wohl ein saftiges Stück Fleisch auf seinem Teller betrachtete.

Vierzehn Jahre lang hatten sie beide über ihre Tochter gewacht. Immer und überall hatte einer von ihnen ein Augen auf sie gehabt.
Nur heute nicht.
Sie war mittags allein hinüber zu den Großeltern gelaufen. Ein kurzer Weg nur. Ein Botengang. Sie hätte im Nu wieder zuhause sein müssen.

Berthe, seine Frau, sah aus, als wäre sie in der letzten Stunde um Jahre gealtert.
„Willst Du ihn beim Grafen anzeigen?“, fragte sie kaum hörbar.
Clemens schüttelte düster den Kopf.
„Außer, dass es die Schändung aller Welt kundtut, würde das rein gar nichts ausrichten. Genau wie beim Müller letztes Jahr. Der Graf schützt den Hundesohn. Das weißt Du, so gut wie ich.“
„Ich hätte es nicht erlauben dürfen. Sie hätte nicht...“, begann seine Frau tief bekümmert und ihre Stimme brach.
„Nein“, unterbrach Clemens sie mit Bestimmtheit, „ER hätte nicht.“

Damit stand er auf. Er griff nach seiner Armbrust und dem dicken Lederanzug, der ihn bei der Honigernte vor den Stichen der Bienen schützte.
Berthe folgte ihm zur Tür und sagte entschieden:
„Ich komme mit.“
Einen Moment lang sahen sich die Eheleute in die Augen und Clemens erkannte die gleiche grimmige Entschlossenheit in ihrem Blick, die auch ihn erfüllte.
Also nickte der Zeidler und sagte:
„Gut. Dann nimm Du Dir den alten Anzug. Wir werden ihn beide brauchen.“
Ausgerüstet mit einigem Werkzeug machten sie sich danach schweigend auf den Weg in den Wald und Clemens führte sie zu einer hohen Pappel.
Sie legten die Schutzkleidung an. Dazu die aus Stroh und Pferdehaar geflochtenen Hauben, die ihre Gesichter schützten und begannen, dort am Stamm ein Loch auszuheben. Umschwirrt von hunderten zornig brummender Insekten, die das riesige Nest, unter dem sie gruben, zu verteidigen suchten.
Jedes Mal, wenn ihnen eine Baumwurzel in die Quere kam und sie sich verbissen mit Hacke und Spaten weiter hinab kämpfen mussten, dachte Clemens an das bitterliche Weinen seiner Tochter. Und aus der Wut erwuchs ihm jedes Mal wieder frische Kraft.
Trotzdem war er froh über Berthes Hilfe, denn es war Schwerstarbeit sich im steinigen Waldboden in die Tiefe zu graben. Schließlich war das Loch so tief, dass sie nur mit gegenseitiger Hilfe wieder herausklettern konnten.
Es war schon später Abend, aber jetzt im Sommer, noch recht hell. Sie wuschen sich am Bach, ließen Lederzeug, Hacke und Spaten versteckt dort zurück und Clemens führte sie zurück zum Weg. Zum Weg, der von der Burg hinab ins Dorf führte.
Es begann zu regnen. Warmer, leise fallender Sommerregen.
Doch sie mussten nicht lange warten, da hörten sie Hufe klappern. Beide erkannten in der Dämmerung das auffällig helle Pferd des Reiters. Der Schimmel des Vogtes. Er kehrte nach Feierabend in sein Haus im Dorf zurück.
Dumpf begann Clemens das Herz im Leibe zu schlagen. Noch konnte er sich entscheiden, sein Vorhaben abzubrechen.
Doch der Reiter kam heran und der Zeidler trat aus seiner Deckung. Er stellte sich dem Vogt direkt in den Weg. Erschrocken riss der Mann am Zügel und wollte im ersten Moment umdrehen und zurück fliehen. Doch wie aus dem Nichts heraus stand hinter ihm eine zweite dunkle Gestalt und schnitt ihm den Weg ab. Der geierartige kleine Mann griff nach dem uralten Schwert an seiner Seite, erkannte dann aber, wen er vor sich hatte und lachte hämisch.
Dann sagte er kalt:
„Ach, Du bist’s. Was willst Du, Zeidler?“
Clemens hob seine gespannte Armbrust und erwiderte schlicht:
„Absteigen.“
„Du drohst mir, Du Wicht?“, bellte der schwarzgekleidete Mann.
Doch es klang verunsichert. Dass der Mann eine Waffe führte, hatte er überhaupt nicht bedacht.
Clemens legte auf ihn an und wiederholte:
„Absteigen.“
Dieses Mal folgte der Vogt seiner Weisung. Berthe verpasste dem reiterlosen Pferd einen derben Stockhieb auf sein Hinterteil. Das Tier gab ein erschrockenes Wiehern von sich und galoppierte davon. Dem sicheren Stall zu.

Der Zeidler führte den Mann mit vorgehaltener Waffe im dichten Regen fort vom Weg und durch das Unterholz. Immer weiter und weiter. Es wurde nun langsam dunkel, aber Clemens kannte den Wald wie kein Zweiter.
Der Vogt redete auf sie ein, drohte erst, bot Geld, bat und bettelte schließlich. Doch die Eltern ließen sich nicht erweichen und trieben ihn vor sich her. Dann hatten sie irgendwann ihr Ziel erreicht.
Der Vogt war jetzt so verängstigt, dass er das leise, immer noch verärgert klingende Summen gar nicht wahrnahm. Der Schwarm schien sich in der aufkommenden Dunkelheit in das Nest zurückgezogen zu haben.
„Bitte, Zeidler, nimm mein Geld und lass mich gehen! Hier! Hier!“, winselte der Mann und warf ihnen seinen prall gefüllten Geldbeutel vor die Füße.
Doch Clemens rührte sich nicht. Er dachte daran, wie seine Tochter geweint und gebettelt haben musste. Und so wie ihr Flehen nicht erhört worden war, würde er auch das ihres Peinigers nicht beachten.
„Ausziehen“, wies er ihn den Mann statt dessen an.
„Was soll das?“, brüllte der Vogt jetzt voller Angst, „Oh, Gott! Erschieß mich nicht! Ich flehe Dich an!“
„Nein, ich werde Dich nicht erschießen. Mein Wort darauf. Und jetzt ausziehen. Sofort.“
Schlotternd vor Furcht entledigte der Vogt sich seiner vornehmen Kleider. Sein nackter Leib hob sich weißlich vom Dunkel des Waldes ab.
Da stach ihn etwas schmerzhaft in die Schulter.
Er schlug danach und schrie, jetzt von panischem Schrecken gepackt:
„Au! Was ist das?“
Taumelnd stolperte er auf dem nassen Waldboden zurück und stürzte mit einem Schrei rückwärts in die Finsternis hinab.
Während der Mann voller Entsetzen schrie und heulte, traten der Zeidler und seine Frau ein Stück zurück.
Clemens blickte sich nach Berthe um und sah ihre Augen leuchten.
„Wir werden in der Hölle brennen hierfür. Das ist Dir klar, nicht wahr?“, fragte er sanft.
„Solange das Schwein neben mir brennt, soll’s mir recht sein“, antwortete sie.
Und der Zeidler sah zum Baum hinauf und hob seine Waffe. Im allerletzten Licht des Tage konnte er gerade noch das Nest und den Ast, an dem es hing, erkennen. Er legte an, ließ seinen Atem ruhig werden und zog den Abzug durch.
Sirrend schoss der Bolzen durch die Luft und zerschmetterte den dürren Ast in hundert Stücke.
Das Nest fiel hinab. Geradewegs in die Grube.
Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille. Dann brach ein tiefes, dröhnendes, bitterböses Brummen und gellende Schreie aus, als hunderte zorniger Hornissen ihre Stachel im Fleisch des Vogtes versenkten.
Berthe griff nach Clemens’ Hand.
„Auge um Auge“, murmelte der.
„Stich um Stich“, fügte seine Frau hinzu und sprach damit aus, was auch er gedacht hatte.

Die leiser werdenden Schreie im Ohr spazierten sie zum Bach hinunter, suchten ihr Werkzeug zusammen und legten die Ledersachen noch einmal an. Als sie danach zur Grube zurückkehrten, war nur noch das schreckliche Summen zu hören, das schaurig durch die Dunkelheit dröhnte.
Berthe warf die Kleider des Vogts zu ihm in die Grube hinab. Nichts rührte sich mehr dort unten. Dann schütteten sie das Loch mit der vorhin ausgehobenen Erde wieder zu. Sie warfen noch Lauf und Zweige darüber, aber inzwischen war es zu dunkel, als dass sie die Stelle noch wirklich hätten tarnen können.
Doch dieser Platz lag tief im Wald und die geflügelten Stecher würden noch tagelang hier kreisen und angriffslustig nach ihrem Nest suchen. Niemand würde sich näher hier heran wagen. Und der Regen tat sein übriges.
Berthe hob den Geldbeutel des Vogtes auf und wog ihn in der Hand.
„Für Johanne“, sagte sie und steckte ihn ein.
Ihr Mann nickte. Mit einer guten Mitgift würde ihre Tochter trotz allem eine vernünftige Verbindung eingehen können.
Der Schrecken würde bleiben. Das wusste er. Aber die Tränen würden trocknen und die Wunden heilen.
Und der Vogt war fort.
Morgen früh würde er ihnen allen einen guten Löffel Honig gönnen. Das half über vieles hinweg. Das wusste er auch.
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