Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Aller guten Dinge sind drei

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
23.10.2020
21.11.2020
11
12.191
10
Alle Kapitel
33 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
18.11.2020 1.140
 
Drei Wochen später fiel der Abschied von Dr. Hartwich äußerst knapp und kühl aus. Der Pathologe hatte offenbar mit einer herzzerreißenden Abschieds- und Dankesrede gerechnet, denn als diese ausblieb, die Revierleiterin ihm lediglich alles Gute für die Zukunft wünschte und der Rest der Mannschaft sich in beharrliches Schweigen hüllte, verließ er beleidigt und vor sich hin zeternd das Polizeirevier. "Undankbare Bagage! Wochenlang opfert man sich hier auf und dann sowas..."
Sabine hätte schwören können, sogar ein kollektives erleichtertes Aufatmen all ihrer Mitarbeiter zu vernehmen, als sich die Tür endlich hinter Hartwich geschlossen hatte.

"Und wann kommt jetzt die Neue?" fragte Girwidz neugierig.

"Morgen." versicherte Sabine Kaiser erleichtert lächelnd. "Wir stehen regelmäßig in Kontakt, Morgen tritt sie ihren Dienst bei uns an!"

Am anderen Ende der Stadt stand Anja inmitten ihrer drei großen, offenen Koffer und überlegte, was sie zuerst ausräumen sollte. Sie war erst am Vorabend am Flughafen München gelandet. Sabine hatte sie vom Flughafen abgeholt und zu ihrer neuen Wohnung gefahren, die sie kurzfristig möbliert angemietet hatte. Während sie sich dafür entschied, zuerst mit ihren Kleidungsstücken zu beginnen und diese nacheinander in den Kleiderschrank räumte, schweiften ihre Gedanken zurück zu dem unerwarteten Anruf, den sie vor einigen Wochen erhalten hatte.

"Anja! Stell dir vor, deine alte Stelle wird frei! Frau Doktor Fuchs ist erkrankt und fällt langfristig aus. Wie sieht es aus, magst du nicht zurückkommen?" hatte Sabine aufgeregt gefragt.

Anja war zunächst sprachlos gewesen und hatte dann Bedenken angemeldet. Sie hatte die Verlängerung ihrer Stelle in Kanada mündlich praktisch doch schon zugesagt. Und überhaupt- würde man sie in ihrer alten Heimat noch willkommen heißen und mit offenen Armen empfangen? Sabine war es letztendlich gelungen, all ihre Bedenken zu zerstreuen.
Schließlich, nach vielen weiteren Telefonaten der beiden Frauen, nach Gesprächen mit ihren Freunden in Kanada sowie dem Institutsleiter in Vancouver, stand Anjas Entscheidung fest und sie sagte zu.
Sie würde ihre alte Stelle in Wolfratshausen wieder annehmen.
Sie würde in ihre Heimat zurückkehren. Sie würde ihre große Liebe wiedersehen.
Bei diesem Gedanken schlug ihr Herz schneller, doch zugleich bereitete er ihr auch Bauchschmerzen. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Hubsi sich vorbehaltlos freuen würde, wenn er sie zu Gesicht bekam. Zu viel Zeit war vergangen, in der sie sich nicht nur rar gemacht hatte, sondern schlichtweg von der Bildfläche verschwunden war.

Einige Tage und Nächte, nachdem sie die Entscheidung zurückzukehren gefällt hatte, hatte sie sogar mit sich gehadert, ob sie sich nicht vorher doch noch bei ihrem Exmann melden und ihn vorwarnen sollte. Sabine jedoch hatte ihr davon abgeraten und ihr gleichzeitig versichert, dass Hubert ihrer Rückkehr ganz bestimmt außerordentlich positiv gegenüberstehen würde. Erneut hatte Anja ihrer neu gewonnenen Freundin vertraut. Letztendlich kam es auf die paar Tage Funkstille mehr nun auch nicht mehr an. Stattdessen hatte sie sich bemüht, ihren Arbeitsplatz aufgeräumt und ohne Altlasten übergeben zu können. Außerdem hatte sie sich viel Zeit genommen, sich von all ihren Freunden und Bekannten in Vancouver zu verabschieden. Sie war sich sicher, dass sie die vielen liebgewonnen Menschen wiedersehen würde, sei es, wenn sie Vancouver einen Besuch abstatten oder wenn diese sie einmal in Deutschland besuchen kämen.

Als schließlich ihr gesamtes Gepäck verstaut und ordentlich aufgeräumt war, fühlte sie sich in ihrer neuen Wohnung gleich heimischer. Obwohl, wirklich angekommen war sie noch nicht. Gähnend blickte sie auf die Uhr. Die Zeitverschiebung machte ihr zu schaffen, sie war hundemüde. Sie entschloss sich, zeitig zu Bett gehen, um ihren Dienst am nächsten Morgen frisch und ausgeruht antreten zu können. Außerdem würde sie so hoffentlich einen Großteil ihrer Aufregung einfach verschlafen.

Als sie sich wenig später unter ihre Bettdecke kuschelte und die Augen schloss, sah sie Hubsis strahlend blaue Augen vor sich. Sie konnte es kaum erwarten, diese wunderbaren Augen endlich wieder in natura vor sich zu sehen. Hoffentlich lag Sabine richtig und ihr Exmann würde sich wirklich freuen, sie zu sehen.
In Gedanken malte sie sich die verschiedensten Szenarien aus, wie ihr Wiedersehen aussehen könnte, bis sie schließlich einschlief.

Der nächste Morgen begann hektisch. Anja hatte tatsächlich verschlafen. Sie musste das Klingeln ihres Weckers überhört haben, oder hatte sie ihn vielleicht vor lauter Aufregung am Abend gar nicht erst gestellt?

Wie auch immer, es war bereits halb Neun, als sie die Augen aufschlug. Entsetzt sprang sie aus dem Bett und stürzte ins Badezimmer, nur um festzustellen, dass sie in ihrem Arbeitszimmer gelandet war. Sie war definitiv noch nicht wirklich angekommen, hatte den Grundriss ihrer neuen Wohnung noch nicht verinnerlicht. Das Badezimmer fand sie dann doch noch und sprang eilig unter die Dusche.

Auch im Polizeirevier Wolfratshausen hatte der Morgen hektisch begonnen. Christina Bayer war kaum über die Türschwelle getreten, als das schrille Klingeln des Telefons sie empfing. "Christina Bayer, Polizei Wolfratshausen?" meldete sie sich atemlos und lauschte der aufgeregten Stimme am anderen Ende der Leitung. "Okay, wir kommen sofort. Bitte fassen Sie nichts an und warten Sie am Tatort auf uns."

Kaum hatte sie das Gespräch beendet, tauchten auch gerade ihre Kollegen Hubert und Girwidz auf, die sie über den Leichenfund in einer Schutzhütte für Wanderer im Münsinger Forst in Kenntnis setzte. "Zwei Jogger haben die Leiche gefunden. Fahrt ihr gleich hin?"

"Machmer." antwortete Hubsi. "Woas die Neue scho Bescheid?"

"Nee. Die war noch nicht hier und ich hab auch gar keine Nummer, unter der ich sie erreichen könnte. Frau Kaiser hat da ein ziemliches Geheimnis draus gemacht." erwiderte die junge Polizistin.

"Des fängt ja gurd a." brummte Hubert und folgte seinem Partner zu Wagen 3. "Mia warten dann do im Wald."

Nachdem der Streifenwagen den Hof verlassen hatte, traf kurz darauf auch Sabine Kaiser ein.

"Guten Morgen Frau Kaiser! Girwidz und Hubert sind schon unterwegs, wir haben einen Leichenfund. Können Sie die neue Pathologin vielleicht direkt zum Fundort, die Schutzhütte im Münsinger Forst, schicken?"

"Selbstverständlich." antwortete die Revierleiterin und freute sich insgeheim diebisch. Sorgsam schloss sie die Tür ihres Büros hinter sich, bevor sie zum Telefonhörer griff. Anja direkt an einem Tatort auf ihren Exmann treffen zu lassen war noch viel besser als hier im Revier, unter den wachsamen Augen sämtlicher Kollegen, auch wenn dies bedeutete, dass auch sie nicht dabei sein würde!
Sie lauschte dem Freizeichen. "Guten Morgen Anja, hör mal, wir haben schon gleich Arbeit für dich. Kannst du direkt zum Tatort fahren? Hubert und Girwidz sind schon da." Sie lauschte der zustimmenden Antwort und ergänzte dann noch "Ich wünsche dir viel Glück. Denk dran, aller guten Dinge sind drei!"

Einen kurzen Moment blieb sie in Gedanken versunken hinter ihrem Schreibtisch sitzen. Dann fasste sie einen Entschluss. Eilig sprang sie auf, griff nach ihrer Lederjacke und rief der verwundert dreinblickenden Christina einen kurzen Abschiedsgruß zu, während sie aus dem Revier eilte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast