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Graue Tage

GeschichteAllgemein / P12
23.10.2020
23.10.2020
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23.10.2020 516
 
- (Achtung, womöglich triggernd;  beinhaltet Beschreibung und Erwähnung von Depression bzw. depressiven Gedanken.)


Graue Tage



- Du hast gelernt, die eisigen Finger der grauen Tage mehr zu fürchten als die scharfen Klauen der schwarzen. Denn diese bringen Dich zwar zum Bluten (Und, wie sie es tun), doch irgendwann ziehen sie sich zurück und lassen Dich geschlagen aber nicht geschlagen liegen, sodass Du die zerborstenen Stücke Deiner Selbst wieder zusammensetzen kannst. Die grauen Tage hingegen verschlucken Dich einfach – Stück für Stück. -



4.00

Du erwachst, wie so oft in diesen Tagen, lange bevor Dein Wecker klingelt.

6.15

Du liegst im Dunkeln; starrst in das Nichts und harrst auf den Morgen. Die Sekunden verstreichen mit der zähen Klebrigkeit von Honig, der von einem Löffel tropft.

7.30

Der Wecker klingelt, mit tauben Fingern schaltest Du ihn aus und … bleibst liegen.
Zu müde, um aufzustehen, zu erschöpft für mehr, als die Wand anzustarren. Die Liste mit den Aufgaben kann muss warten.

12.00

Deine trockene Kehle erinnert Dich daran, dass Du trinken musst. Ja, ein Tee, denkst Du schwerfällig, ein Tee wird mir guttun.
Du schleppst Dich aus dem Bett, nachdem Du Dich endlich dazu überredet hast, und wankst auf zittrigen Beinen, gleich eines neugeborenen Fohlens in die Küche.
Das Chaos aus dreckigem Geschirr, schmutziger Wäsche und diversen Kleinkram um Dich herum ignorierst geflissentlich; Du bist mittlerweile eine wahre Meisterin darin geworden.


12.05

Du stehst in der Küche und wartest auf den Wasserkocher, während die Kälte an Deinen Beinen langsam emporkriecht; das Linoleum fühlt sich krümelig und klebrig unter Deinen Fußsohlen an.
Die Auswahl der Teesorte fällt Dir nicht weiter schwer, Du ziehst einfach irgendeinen Teebeutel aus der Packung, gleich welche Sorte. Irgendwo in diesem Durcheinander befindet sich noch ein Päckchen frischer loser Tee, aber allein der Gedanke an das Befüllen eines Teefilters erschöpft Dich, deshalb bleibt es dabei.
Der Becher, den Du befüllst, ist der letzte saubere aus dem Schrank. Beim Anblick der schmutzigen Tassen kringelt sich die Scham tief in Dir zusammen, doch Deine Gedanken sind zu stumpf, um Dich noch wirklich daran zu stören.

12.15

Mit dem heißen Becher in der Hand kletterst Du zurück in Dein Bett, hüllst Dich in die trügerische Sicherheit Deiner Decke, die noch eine geringe Restwärme von Dir in sich trägt. Die roten Spuren, die Du dabei über das grüne Laken ziehst, weil das Gefäß in Deinen vor Kälte zitternden Händen bebt, ignorierst Du.
Darum kümmere ich mich später, denkst Du und weißt im selben Atemzug, dass es kein später geben wird. Vor Deinem Fenster fährt laut hupend ein Auto vorbei.

13.00

Du sitzt da, die Decke um Dich geschlungen, die Finger um das heiße Porzellan verschränkt. Hunger verspürst Du keinen, obwohl Du seit der Schale blanken Reis gestern vorgestern  ... irgendwann, nichts mehr gegessen hast. Die Tage verschwimmen.

14.30

Gänsehaut überzieht Dein Körper; selbst die Bettdecke will nicht wärmen.
Vielleicht sollte ich die Heizung anstellen, kommt Dir der schleppende Gedanke, den Du in der nächsten Sekunde bereits wieder vergisst.

16.00

Die Rathausuhr schlägt vier; der Tee auf Deinem Nachttisch ist kalt und unberührt.
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