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Wie Licht und Dunkelheit

von KirjaKei
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
23.10.2020
11.06.2021
36
135.148
56
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Dieses Kapitel
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11.06.2021 3.301
 
Kapitel 36: Im Dunkeln tappen

Eigentlich lief es gut zwischen Christian und mir. Und wir durften uns sehr sicher auch nicht so einfach beschweren, immerhin hatten wir es besser als wohl mancher uns Chancen gegeben hätte, wenn man ganz ehrlich wäre. Ich war viel zu alt für ihn, Christian hatte sein ganzes Leben noch vor sich und außerdem war ich hier auch noch angestellt. Da war nicht so viel, was man da für uns reden könnte, wenn man ganz ehrlich war.

Und doch funktionierte es und doch bekamen wir zumindest von seiner Familie doch einiges an Unterstützung. Oder wenigstens die Chance das alles zu erleben. Ich wusste nicht, ob ich das einfach so zugelassen hätte aus der Sicht von Christians Vater. Sicherlich konnte er da nicht viel sagen, Christian war zumindest vom Gesetz her alt genug, aber er war auch immer noch sein Vater und ich konnte es eindeutig verstehen, dass es hier merkwürdig war. Da konnte man nur froh sein.

Wie das bei meiner Familie aussah… nun das war anders. Je mehr Tage ins Land zogen, in denen ich kein Wort mit meiner Mutter wechselte, desto mehr schwand meine Hoffnung.

Ich konnte sie ja irgendwo verstehen. Für sie konnte das auch nicht leicht sein. So lange war ich immerhin der Sohn gewesen, auf den sie wohl insgeheim alles gesetzt hatte. Sie liebte Enrico ebenso, das stand außer Frage, und doch war ich immer ihre Stütze gewesen und jetzt war das anders. Jetzt war da etwas, das sie so nicht verarbeiten konnte, weil sie es einfach nicht kannte. Ich war verletzt und enttäuscht, aber ich konnte es auch verstehen und genau deshalb wollte ich einfach nur mit ihr reden. Ich wollte ihr das alles erklären, ich glaubte fest daran, dass sollte sie mir eine Chance zur Erklärung geben, es auch möglich wäre, das einfach so zu erklären. Ich wollte wohl auch einfach daran glauben, dass sie das alles schon verstehen würde. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Mit einem Mal mit meiner ganzen Familie brechen? Ich wollte das nicht. Auch mit Enrico wollte ich das nicht, aber… gerade konnte ich mich einfach nicht dazu durchringen, mit ihm zu sprechen. Auf mehreren Ebenen fühlte sich das schrecklich an. Aber so war es. Und so ging es weiter.

Mit der Zeit gewöhnte man sich aber schon beinahe daran. Es war traurig, mein Leben war sehr viel trauriger ohne den Kontakt zu meiner Familie, aber dafür hatte ich jetzt Christian und all das wurde sehr viel angenehmer, sehr viel ruhiger, weil wir uns tatsächlich nicht mehr verstecken mussten.

Das war in der Tat ein gutes Gefühl. Ich war mir nicht sicher, wann ich mich das letzte Mal mit einem Mann so gut gefühlt hatte. Zumindest auf diese Art und Weise war das schon länger nicht mehr der Fall gewesen. Ich war glücklich mit dem Kleinen, auch wenn er in vielerlei Hinsicht ein wenig speziell sein konnte, auch wenn er die Welt mit ganz anderen Augen als ich sah… aber auf eine gewisse Art und Weise gefiel mir gerade das auch an ihm. Es war gut zu sehen, dass es auch Menschen gab, die so gut waren… einfach nur so rein und gut. Wie ausgerechnet ich an so einen Menschen geraten war, das wusste ich nicht, aber so war es eben. Und dass wir uns auf allen Ebenen Stück für Stück immer mehr annäherten, das war zusätzlich ein gutes Gefühl. Es entwickelte sich. Es fühlte sich gut an.

Da konnte man beinahe vergessen, was alles sonst um mich in Scherben lag. Ich wollte ja darauf hoffen, dass es sich alles klären wollte, aber ein wenig verlor ich genau diese Hoffnung dann eben doch. Ich hörte auch auf, ständig bei meiner Mutter anzurufen, ich versuchte mir auch den Raum von meiner Familie zu geben, aber das war nicht leicht.

Ich wusste nicht, wo ich heute wäre, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre, wenn sie nicht auf mich aufgepasst hätte und wenn sie mich nicht dazu motiviert hätte, ein besserer Mensch zu werden… und ein besserer Mann als mein Vater. Ohne sie ging es einfach nicht. Und die Vorstellung, dass es das jetzt wirklich gewesen war wegen so etwas Albernem wie meiner Sexualität, das wollte ich einfach nicht glauben. Aber ich musste vielleicht doch damit auseinandersetzten, dass genau das passieren könnte.

Es war nicht leicht.

Gleichzeitig wollte ich Christian damit auch nicht belasten, also versuchte ich diesen Raum wirklich zu nutzen und mich auf die positiven Digne im Leben zu konzentrieren, davon gab es in meinem Leben schließlich noch welche.


Es war eine ziemlich gute Zeit, wenn man es nur aus dieser Perspektive betrachtete. Irgendwie bekamen wir das hin, mit der Zeiteinteilung nun noch etwas leichter und entspannter, auch wenn Mister Bell häufiger etwas angespannter aussah, wenn Christian mit mir wegging.

Aber wir hielten uns daran, uns während meiner Arbeitszeit nicht anzunähern und ich fand das vollkommen richtig. Die Lage entspannte sich.

Komisch blieb es natürlich. Und das sicherlich nicht nur für mich.

Ironischerweise war es für Christian wahrscheinlich im Verhältnis noch am wenigsten komisch. Ja, es war merkwürdig, wenn die Eltern etwas von der Beziehung mitbekamen, wenn man noch zu Hause wohnte, sicherlich, aber für ihn konnte es nicht viel anders komisch sein, als wäre ich ein Junge aus seiner Klasse. Er kannte den Unterschied ja gar nicht.

Für seinen Vater und mich dagegen… war die Arbeit schon etwas durchwachsener in manchen Aspekten, aber auch hier war ich beruhigt, dass die Lage sich einzupendeln schien.

Und als ich dann gerade auf Christian wartete, sprach der Hausherr mich mit einem Mal sogar an. Obwohl ich mir schon sicher war, dass das aus Verlegenheit geschah. Ich stand schon seit einer Viertelstunde im Flur und wartete auf Christian. Er wollte nach der Schule noch etwas erledigen, immerhin musste ich noch arbeiten. Aber nachdem meine Schicht beendet war, wollte er eigentlich hier sein, damit wir weiter konnten. Das war noch nicht geschehen. Er war nicht hier und ich wartete. Dabei hatte ich gar nicht einmal so pünktlich Schluss machen können. Von Christian keine Spur.

„Pünktlichkeit ist nicht unbedingt seine Stärke, der Fahrer beschwert sich des Öfteren, dass sie in letzter Sekunde erst den Hof zur Schule verlassen“, begann Mister Bell und blickte kurz zu mir rüber, als er mich im Flur erblickte. Dann jedoch räusperte er sich schnell.

Wenn es um die Arbeit ging, war er schon wieder sehr viel souveräner, wenn er allerdings mit mir über seinen Sohn sprach… dann war da wieder diese Unsicherheit, die ich bereits zuvor bei ihm beobachtet hatte. Ganz war mir nicht klar, wie ich nun damit umgehen sollte. Es war ja nun auch nicht so, dass ich schon einmal in meinem Leben in dieser Situation gewesen wäre.

Dennoch zwang ich mich zu einem Lächeln und nickte leichte. Ich stand an der Wand und wartete. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Es war nun nicht so lange, man konnte sich einmal verspäten und dass Christian etwas verplant sein konnte, das war mir schließlich auch schon klar. Es war ja nun auch nicht schlimm.

Mein Arbeitergeber zögerte in diesem Moment aber noch einmal. Er hätte einfach weitergehen können, ich hätte es ihm nicht übelgenommen. Ich war ihm schon dankbar dafür, dass ich meinen Job noch hatte. Ich hätte ihn verstanden und doch zögerte er noch einmal und schien etwas sagen zu wollen, jetzt wo er mich gerade schon einmal außerhalb meiner Arbeitszeit hier und so in seinem Haus sah. „Ich… wollte ohnehin mit Ihnen sprechen. Meine Reaktion war sicherlich nicht angemessen. Wahrscheinlich ist sie es immer noch nicht.“ Er räusperte sich. „Die ganze Situation… ist neu für mich. Ich versuche damit klarzukommen.“

Ich musste etwas lächeln, dann schüttelte ich sachte den Kopf. „Es ist in Ordnung, Mister Bell…“, seufzte ich. „Es ist absolut verständlich und es tut mir wirklich leid, Sie in diese Lage gebracht zu haben, besonders in Bezug auf die Umstände.“ Ich konnte das wirklich verstehen, ich sagte das nicht so und ich hätte jede Konsequenz ertragen, wenn Christian nicht dazwischen gegangen war. Mir war immer bewusst gewesen, dass Samuel Bell ein großartiger Mann war, das konnte man gerade auch deutlich sehen. Ich hätte ihm den Schock und die emotionale Handlung mehr als nur verziehen und seine Handlung akzeptiert und respektiert. Es konnte keine leichte Lage sein, in der er sich gerade befand.

Da konnte ich ein leichtes Lächeln auf seinen Zügen sehen. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass so etwas mal passiert…“, murmelte er, aber zumindest war es für ihn jetzt wieder besser möglich, mir in die Augen zu sehen. Er wich meinem Blick nicht aus. „Obwohl… Zu einem Teil habe ich so etwas schon geahnt… Ist es schrecklich das zu denken?“

Ich zog etwas die Augenbrauen hoch. „Ist es schrecklich, was zu denken?“, fragte ich noch einmal nach und legte den Kopf schief. Etwas an seiner Haltung hatte sich wieder etwas verändert. Eigentlich war er schon wieder sicherer, aber so wirklich kam er wohl mit der ganzen Sache noch nicht klar. Aber das konnte schon einmal vorkommen. Man erfuhr nicht täglich, dass der jüngste Sohn auf ältere Männer stand… Er war schon sehr viel lockerer damit umgegangen, als ich es gesagt hätte, um ehrlich zu sein, dass er nun unsicher war, war wohl verständlich. Ich wollte das auf jeden Fall verstehen.

„Dass Christian schwul sein könnte“, meinte er dann mit einem leichten Stocken und blickte wieder zur Seite. Er räusperte sich, fuhr sich durchs Haar. „Allgemein, dass es komplizierter wird, das habe ich schon geahnt. Das ist schrecklich, oder? Schon als er ein kleiner Junge war, habe ich so etwas gedacht. Es ist doch absolut schrecklich, so schon über Kinder zu denken, oder?“

Erneut war ich ein wenig hin und her gerissen von dem, was er da gerade sagte. Und ich war mir wirklich nicht sicher, wo meine Position war, da etwas zu zu sagen. Ich war immer ehrlich mit Samuel gewesen, seit ich für ihn arbeitete. Aber jetzt, wo ich mit Christian zusammen war…

Da war eben einiges anders. Von dem Freund seines Sohnes wollte man sicherlich so einiges nicht hören. Ich war in einer ganz anderen Position und das fühlte sich eben auch komisch an. Auf der anderen Seite konnte ich allerdings mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten. „Es ist nicht so verwerflich. Es ist natürlich. Wir versuchen alle ständig mit dem, was in unserem Leben passiert zurechtzukommen und überlegen uns, was das bedeuten kann und keiner von uns ist frei von Vorurteilen und so etwas…“

„Ich hätte nie gedacht, dass Sie auf Männer stehen“, rutschte es ihm raus und kurz darauf hörte ich ihn schlucken, so als hätte er gerade erst gemerkt, was er da gesagt hatte. Es war ihm sichtlich unangenehm.

Ich lachte kurz auf. Und es dauerte nicht lange, da stimmte Samuel mit ein, erst eher verlegen, dann etwas deutlicher. Aber ich zuckte nur mit den Schultern. „Sexualität ist komplex und individuell. Sie wären überrascht. Aber es ist nicht schlimm, dafür nachzudenken und es ist auch keinem möglich, Vorurteile auszuschalten, es ist nur unsere eigene Entscheidung, wie wir damit umgehen und wie wir die anderen Menschen behandeln.“

Mein Blick lag doch weiter auf ihm. Und ich sah, wie er leicht nickte, während er nachdachte. „Es ist mir dennoch immer peinlich gewesen… Schon als Christian klein war, habe ich gedacht… das wird schwierig, wenn er mal größer wird. Er… ist so anders gewesen als Henry. Henry war… immer ein normaler Junge… Also, ich meine… nicht, dass Christian kein normaler Junge war, aber… Henry hat im Dreck gespielt, ist umhergerannt und so etwas und Christian… hat sich Blumen angeschaut. Es ist so schrecklich klischeehaft so etwas zu denken… vielleicht wollte ich es deshalb auch einfach nicht glauben… Es tut mir leid, ich rede wahrscheinlich Blödsinn, aber… es fühlt sich komisch an. Und ich fühle mich schlecht, aber… ich wusste bei Henry immer, dass ich mir nie Sorgen um den Jungen machen muss. Das ist doch schrecklich. Ich dachte… der findet schon seinen Weg, das mit der Freundin wird sich auch ergeben und all das, aber bei Christian…“

Ich konnte es deutlich in seinem Blick sehen, wie zerrissen er eigentlich war. Wie unsicher bei dem Ganzen. Er fragte sich all das wirklich und er war sich nicht sicher, was er fühlen sollte. Offensichtlich das erste Mal, dass er sich auch mit so etwas richtig beschäftigte.

„Ist es nicht schlimm, das über seinen eigenen Sohn zu denken? Sich ständig solche Sorgen zu machen und Angst zu haben, dass ihm etwas passieren könnte? Und dann… nichts gegen Sie… aber einen Freund, der so viel älter ist… Ich hatte mich gefreut, dass ich keine Tochter habe, um die ich mich sorgen muss und jetzt tue ich das bei Christian und… es ist genauso schlimm, nein, schlimmer, weil ich mich auch noch schlecht fühlte, dass ich überhaupt so denke… Es ist zum verrückt werden.“

Da musste ich etwas grinsen. „Es ist nicht schlimm“, meinte ich dann und legte den Kopf zurück an die Wand. „Und es ist natürlich, dass man sich um seine Kinder sorgt. Und auch wenn Sie es so nicht glauben, sie machen sich um Henry genauso Sorgen, nur um andere Dinge.“ Als er mich doch recht überrascht ansah, musste ich grinsen. „Ja, Henry ist kein so sensibles Kind wie Christian und das weder gut noch schlecht. Aber auch Henry kann verletzt werden und Probleme haben und dass Sie sich keine Sorgen um etwas machen, wäre ein Lüge. Ich weiß, dass sie ein guter Vater sind, also werden Sie sich auch darum Gedanken machen.“ Ich seufzte leicht. „Henry hat andere Probleme, jeder von uns hat das und als Eltern sorgt man sich um seine Kinder. Dann sorgen Sie sich jetzt mehr um Christian, das ist in Ordnung, das ist auch gar nicht vergleichbar und das hat nichts mit Geschlechtern oder sexueller Orientierung zu tun, das ist einfach normal… das ist menschlich. Jeder Mensch ist anders. Wäre Henry eine junge Frau und hätte das gleiche Selbstbewusstsein und dieselbe lockere Art, würden sie sich um ihr Liebesleben auch keine Sorgen machen, und würde Christian mit seinem Gemüt auf Mädchen stehen, hätten Sie die gleiche Angst, dass man ihn verletzen könnte. Sie kennen ihre Kinder gut, ja vielleicht packen Sie sie ein wenig in Schubladen, aber das werden wir wohl nie abstellen können. Wichtig ist nur, dass Sie für die beiden so da sind, wo die beiden Sie brauchen und das werden beide immer, in unterschiedlichen Situationen, frei davon ist keiner.“

Noch immer sah er mich etwas erstaunt an, aber er nickte leicht. Es war kompliziert und sicherlich war auch an seiner Haltung noch einiges ein wenig verstaubt, aber er sollte sich nicht dafür fertig machen, dass er zumindest versuchte, das Richtige zu denken oder zu tun versuchte. Er war ein guter Vater, das war offensichtlich, dafür brauchte es auch keine Aufzählungen oder Beispiele. Das wusste man. Und er versuchte ja mit der neuen Situation umzugehen.

„Sie sollten sich nicht so viele Gedanken machen“, sagte ich ruhig und lächelte dabei etwas. „Es ist in Ordnung. Auch dass Sie sich Sorgen um Christian machen. Ich machte das auch. Das liegt daran, dass er ein wundervoller, aber auch ziemlich sanfter Mensch ist und denen geht es in unserer Gesellschaft oft nicht sonderlich gut. Gute Menschen werden oft über den Tisch gezogen und solche Sachen und dennoch finde ich es bemerkenswert, wie er immer wieder an das Beste in den Menschen glaubt. Also ich verstehe Ihre Haltung, aber das hat nichts mit seiner Sexualität oder sonst etwas zu tun. Uns gibt es in allen Großen, Formen und Farben.“ Ich musste etwas grinsen. Das war sicherlich nicht das Gespräch, das man mit seinem Chef führen sollte. Aber dann auf der anderen Seite war ich noch nicht schüchtern mit Samuel gewesen und ich genoss es eigentlich. Irgendwie war es nett, wieder etwas offener reden zu können.

Und Christians Vater schien mich sogar zu verstehen, zumindest nickte er ein weiteres Mal. „Danke…“, murmelte er mit einem Mal und lächelte dann etwas. „Ich werde… wohl noch etwas Zeit brauchen, mit alle dem warmzuwerden.“

„Sie werden das schaffen“, meinte ich ruhig. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sie haben genau die richtigen Gedanken.“

Er schien das wirklich positiv anzunehmen. Zumindest warf er als nächstes einen Blick auf seine Armbanduhr und nickte etwas. „Der Junge scheint sich wirklich zu verspäten. Was meinen Sie, es ist nicht mehr Ihre Arbeitszeit, aber ich bin verloren, wenn ich mir selbst einen Drink machen sollte… und… ich werde Sie sicherlich nicht zum Trinken einladen, wenn Sie später meinen Sohn noch transportieren, aber vielleicht findet sich ja etwas…“ Es war ihm noch immer unangenehm, aber er versuchte es…

Ich nickte anerkennend. „Sie haben großartiges alkoholfreies Bier in Ihrem Salon. Ich muss es wissen, immerhin lasse ich es einkaufen.“

Das bewegte ihn sogar zu einem Lächeln.

Erneut stimmte ich mit der Körperhaltung zu. „Ich werde Christian schreiben, wo ich bin, wenn er später hier auftaucht“, erklärte ich ihm noch und nahm das Handy. Das machte die Situation auf manchen Ebenen sicherlich noch einmal etwas merkwürdiger, aber gleichzeitig… was hatten wir schon zu verlieren? Und wenn ich schon warten musste, konnte ich mich auch beschäftigen.

Ich hatte mich früher schon hin und wieder mit Mister Bell unterhalten und eigentlich genossen und ich rechnete es ihm wirklich hoch an, dass er mit all dem gut umgehen wollte, also wollte ich definitiv dabei helfen.

Es war auch erstaunlicherweise nett. Beinahe so wie zuvor. Sogar etwas lockerer. Vielleicht konnte er auch einfach ausblenden, dass ich mit seinem Sohn zusammen war und er wollte sich so einiges sicherlich gar nicht vorstellen. Das war auch besser so. Eltern wollten sich das ohnehin nicht von ihren Kindern vorstellen und Kinder ja auch nicht von ihren Eltern.

Aber so ging es doch eigentlich voran.

Was mir dann aber doch Sorge machte… es ging lange voran. Christian tauchte einfach nicht auf.

Und als ich noch einmal in meinem Handy nachsah, konnte ich sehen, dass es die Nachricht, die ich ihm geschickt hatte, nicht gelesen hatte. Inzwischen war es früher Abend. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

Ich rief ihn schließlich an. Aber ich bekam keine Antwort. Er nahm nicht ab. Selbstverständlich erzählte ich Samuel davon, er war ja gerade da und auch er bekam schließlich mit, dass sein Sohn hier nicht auftauchte. Das machte einem ganz bestimmt Angst. Mir auf jeden Fall.

Mister Bell begann dann ebenfalls bei seinem Sohn anzurufen, aber nach allem, was in den letzten Tagen passiert war, war ich mir eigentlich recht sicher gewesen, dass es nicht daran hatte liegen können. Zumindest erschien es mir ja nicht so. Und auch hier gab es keine Antwort von Christian.

Wir konnten ihn nicht erreichen und nicht orten. Ich wusste nur, dass er noch etwas vorgehabt hatte, aber ganz sicher nicht, wo er eigentlich hingewollt hatte. Seinem Vater ging es genauso und langsam machte das die Situation mehr als nur unangenehm. Die Sorge hatte sich vorher schon andeutet, aber nun wurde sie immer stärker. Jetzt war er schon seit fast drei Stunden nicht mehr ausfindig zu machen. Das konnte gar nicht sein.

Nach einer kurzen Beratung rief Mister Bell schließlich Christians beste Freundin Abby an. Bei der war er auch nicht… nachdem er ihr allerdings erzählt hatte, was hier gerade vorfiel, rückte sie langsam mit der Sprache raus…

Sie wusste, wo Christian hingewollt hatte.

Als Mister Bell aufgelegt hatte, sah er mich ernst an.

Nachdem er mir gesagt hatte, was hier vorgefallen war, konnte ich das verstehen.

Christian hatte meinen Bruder aufsuchen wollen. Er hatte sich mit ihm getroffen, um zu reden. Und seitdem war er nicht mehr aufgetaucht. Seitdem er dorthin war, hatte niemand mehr mit ihm geredet, niemand mehr etwas von ihm gehört.

In mir stieg noch mehr Wut auf. Was konnte dieser Nichtsnutz nur noch alles in meinem Leben zerstören? Was zum Teufel hatte er mit Christian gemacht?
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