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Ein gebrochenes Herz

OneshotAllgemein / P12
OC (Own Character) Thranduil
22.10.2020
22.10.2020
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Hallo, ihr Lieben!
Ja, mich gibt es auch noch! ;)
Nach langem Stillschweigen habe ich hier für euch einen Oneshot aus dem "Weltenwandlerin"-Universum. Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann auch mal, die Originalgeschichte weiterzuschreiben...

LG Ithilarinia

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Es ist ein ruhiger Sonntagmorgen im Düsterwald. Thranduil sitzt an seinem Schreibtisch und ordnet irgendwelche Regierungsunterlagen – ich habe darauf bestanden, dass er mir auch danach noch seine ganze Aufmerksamkeit schenken kann; ich erwarte nicht, dass er einfach alles stehen und liegen lässt, wenn ich so unangekündigt hereinplatze und sein Leben durcheinanderwirble.

Nachdem ich ihm mehrmals versichert habe, dass es mir nichts ausmacht, mich eine Weile ‚alleine‘ zu beschäftigen, sitze ich nun auf dem Sofa, ein Buch in der Hand, mehr vor mich hin sinnierend als lesend. Immer wieder mal fallen ein paar Worte zwischen Thranduil und mir. Nichts Besonderes; wir reden über dies und das. Ein ‚harmloses Geplänkel‘ wie manch einer vielleicht sagen würde.

Hin und wieder schiele ich heimlich zum Elbenkönig hinüber. Da ist etwas, was mich beschäftigt. Eine Frage, die mich  einfach nicht mehr loslässt. Und doch habe ich ein bisschen Angst davor, sie zu stellen. Angst vor der Antwort.

So vergeht etwa eine Stunde. Eine Stunde, in der ich immer unruhiger und nervöser werde, weil ich diese blöde Frage einfach nicht aus dem Kopf bekomme. Als ich schließlich zu platzen glaube, riskiere ich es einfach: „Ist es wahr, dass Elben an gebrochenem Herzen sterben?“

Thranduil, vermutlich beunruhigt aufgrund des unerwarteten und doch im Vergleich zu vorher recht schwermütigen Themenwechsels, hält in seiner Bewegung inne; er erstarrt förmlich. Der alarmierte Blick, den er mir zuwirft, schreit nach einem „Wie kommst du denn jetzt darauf!?“ Das, was er tatsächlich sagt, ist jedoch wesentlich gemäßigter – so als wolle er sich selbst dazu bringen, die Sache nicht überzuinterpretieren: „Ja, ist es. Wir können daran sterben…“

„Aber nicht zwangsweise?“

„Nein, manchmal überleben wir auch…“

Das ungesagte Aber schwingt so laut mit, dass ich nicht einmal nachfragen muss. Der Satz verlangt direkt danach, vervollständigt zu werden.

„… aber“, fährt Thranduil tatsächlich nach einigen Momenten unaufgefordert fort, „das Leben danach ist nie mehr so wie es vorher war…“

Ich sehe wie ein Schatten über sein Gesicht huscht - und beinahe bereue ich es schon, das Thema angesprochen zu haben. Ich will ihn nicht noch mehr belasten – weiß ich doch, dass hinter seiner sorgfältig aufgesetzten, scheinbar gleichgültigen Miene viel mehr steckt als irgendjemand vermuten könnte. Und doch muss ich dieses Gespräch hier einfach führen. Ich halte es nicht mehr aus, dieses Gefühl. Ich kann das nicht mehr länger mit mir selbst ausmachen.

„Da ist dieses Gefühl, das bleibt…“ Thranduils Stimme hallt aus weiter Ferne zu mir her – so als wäre er so sehr in eine Erinnerung versunken, dass sie Jahrhunderte und viele tausend Kilometer überqueren müsste, um zu mir zu gelangen. Ein paar Momente lang scheint er ganz gefangen in seinen Gedanken, dann öffnet er plötzlich den Mund – schon vor dem ersten Laut weiß ich, was er im Begriff ist zu sagen: „… und es geht auch nie wieder fort.“

Mir wird ganz anders. Als hätten sich meine schlimmsten Vermutungen bestätigt. Eine schwere, schwarze Wolke senkt sich über mich herab und ich spüre die Verzweiflung an meinem Ärmel zupfen.

„Ithil?“ Plötzlich sitzt Thranduil neben mir. „Was hast du?“

Ich reagiere nicht darauf. Ich spüre wie etwas in mir hochsteigt. Ein ganzer Schwarm an Gefühlen und Gedanken – wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbrechen ist.

Ich beginne meine Hände zu kneten. Das soll mir dabei helfen, nicht in Panik zu geraten und gleichzeitig meine Gefühle nicht zu unterdrücken, sie zuzulassen.

„Das Herz tut weh, nicht wahr?“, frage ich nach einigen Augenblicken. „Es tut richtig weh, so als ob physisch etwas nicht in Ordnung damit wäre…“

„Ja“, antwortet der Elb mit Bedauern. „So ist es….“

Ich nicke, als müsste ich mir selbst diese Worte auch noch mal bestätigen.

„Es ist ein furchtbares Gefühl…“

Thranduil scheint das mitschwingende „Aber“ zu hören, denn er sieht mich erwartungsvoll an.

Ich seufze. Eine gute Möglichkeit, einem Gefühl Ausdruck zu verleihen. „Aber weiß du was in meinen Augen oder besser gesagt in meinem Herzen noch viel schlimmer ist? … jemanden nicht durch den Tod zu verlieren…“

„Du meinst, wenn jemand freiwillig ‚geht‘? Wenn einen jemand für etwas oder jemand anderen verlässt?“

Das ist zwar nicht das, worauf ich hinauswill, aber es führt in die richtige Richtung. „Auch. Weil sich der andere dann wie du sagst ‚freiwillig‘ gegen dich, gegen euch entscheidet und nicht dazu ‚gezwungen‘ wird…“

Ich suche nach Worten, die mir ermöglichen das auszusprechen, was mir schon so lange auf der Seele liegt; es endlich mit jemandem zu teilen.

„Ithil, ich…“ Allein aus diesen zwei Wörtern wird mir klar, dass Thranduil den Ernst der Situation mehr als nur begreift. Dankbar greife ich nach seiner Hand.

„Was ist, wenn da jemand in deinem Leben ist, mit dem du einfach auf keinen grünen Zweig kommst? Jemand aus deinem ‚engsten Kreis‘, mit dem du immer und immer wieder aufs Übelste aneinandergerätst? Jemand, mit dem es so unsagbar schwierig ist, obwohl es gerade mit dieser Person so leicht sein sollte…?

Thranduil öffnet den Mund, aber ich komme ihm zuvor. „Die Menschen in meiner Welt sagen oft, man solle Personen, die einem ‚nicht gut tun‘ meiden beziehungsweise ‚einfach‘ aus dem eigenen Leben streichen… Aber was ist, wenn das nicht geht? Wenn das ein Mensch ist, dessen Platz man nicht so eben einfach ersetzen kann…?“ Ich blicke hinab auf unsere ineinander liegenden Hände. Ich kann jetzt unmöglich irgendjemandem ins Gesicht sehen. Nicht einmal Thranduil.

Der fragt mich nicht, ob ich denn auch wirklich schon alles versucht habe, ob es nicht doch noch Hoffnung gibt. Stattdessen stellt er mir die eine Frage, die kaum jemanden jemals in den Sinn kommt: „Ithil…wie lange fühlst du denn schon so?“

Hier auf keinen Widerstand und stattdessen auf Mitgefühl zu treffen, sollte mich eigentlich nicht mehr wundern. Etwas Besonderes ist es trotzdem geblieben. Es gibt mir das seltene Gefühl, dass selbst in schlimmsten Zeiten nicht ganz alles verloren ist.

„Eine Weile…“, sage ich, obwohl ich ‚eine Ewigkeit‘ meine.

„Ich verstehe…“, erwidert mein Gegenüber. Und das tut er tatsächlich; daran zweifle ich keine Sekunde. Ein tröstliches Wissen. Wenn da jemand ist, der einen bedingungslos und vollkommen versteht.

Ein paar Momente lang lasse ich dieses Gefühl auf mich wirken. Dann frage ich vorsichtig: „Wie ist das bei dir…? Wie gehst du damit um…? Bitte verzeih, wenn ich dich an Dinge erinnere, an die du wahrscheinlich lieber nicht denken würdest…“ Vielleicht war das hier doch eine blöde Idee. Ich weiß, dass Thranduil nicht gerne von seiner Frau redet… Ist es denn okay, einem anderen wissentlich Kummer zu bereiten, um sich selbst zu helfen?

„Ich kann mir schon vorstellen, was du denkst…“, meint der Elb ganz sanft. „Du willst mich immer vor allem verschonen, Ithil – eine noble und liebenswerte Eigenschaft.“ Er lächelt. „Es ist schon okay. Es ist wichtig, auch über solche Dinge zu reden. Auch wenn sie schmerzhaft sein mögen. Oder vielleicht sogar gerade dann… Damit man weiß, dass man auch damit nicht alleine ist. Dann ist alles einfacher. Oder zumindest leichter zu ertragen…“

„Ja, vor allem, wenn man diese Dinge beziehungsweise die damit verbundenen Gefühle eh nicht mehr los wird…“, sage ich, irgendwo zwischen Resignation und Hoffnung. „Ich meine, natürlich ist das nicht gerade das, was man hören will. Dass diese Gefühle nie mehr verschwinden. Und wenn du das schon sagst, der du Jahrhunderte alt bist, wie soll denn dann so ein kleiner, ‚armseliger‘ Mensch wie ich damit umgehen?“

„Du unterschätzt dich…“, erwidert der Elb liebevoll. „Du bist stärker, weiser und ‚fähiger‘ als du denkst.“ Er streicht über meine Hand als wäre sie etwas ganz Kostbares. „Außerdem gibt es immer Hoffnung. Auch wenn das Gefühl vielleicht nicht verschwinden mag, es verändert sich. Es wird seltener irgendwann und auch sonst wandelt es sich. Von der Intensität her zum Beispiel. Oder wie es sich ausdrückt…“

Klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Und doch weiß ich es genau genommen schon. Von anderen Gefühlen und anderen Situationen. Mir war nur nicht klar, dass das auch hier gültig sein könnte…

Dann kommt mir ein anderer Gedanke. Wie eine Luftblase aus der Tiefe steigt er auf.

„Es gibt einen Haken, habe ich recht? Eine ‚Bedingung‘… Etwas, das es einem leichter macht – oder eben auch schwerer…“

Thranduil nickt bestätigend. „Und ich denke, du weißt auch, was das ist…“

So schafft er es wieder einmal mir das Gefühl zu geben, dass ich tatsächlich zu viel mehr imstande bin als ich meistens glaube. Eines meiner Lieblingsgefühle.

„Es geht darum, sich darauf einzulassen, es auch mal zuzulassen, oder? Sich den Dingen zu stellen; der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, so hart und unschön sie manchmal auch sein mag… Nur wenn man es ab und zu, immer wieder, zulässt, es an sich heranlässt, kann es besser werden, nicht wahr?“

Thranduil sieht mich mit einem Stolz an als hätte ich soeben eine bahnbrechende, weltverändernde Entdeckung gemacht. Ich glaube, so hat mich noch nie jemand angesehen.

Er lächelt, scheint zufrieden. „Vom ersten Moment an“, sagt er schließlich, „als ich dich gesehen habe, war mir klar, dass ‚Großes‘ in dir steckt, Ithil. Ich weiß, das Leben verläuft oft nicht so wie man es sich vorstellt oder wie man es gerne hätte. Und ich weiß auch, dass du immer wieder an dir selbst zweifelst; dass du Situationen begegnest, die dich fragen lassen, wie du es je schaffen sollst weiterzumachen… Vergiss nie: Du bist immer noch hier. Ganz egal was andere sagen. Ganz egal was auch passiert ist. Du bist immer noch hier. Und das bedeutet auch, Chancen zu haben. Chancen auf Veränderung. Ganz egal wie schlimm es auch sein mag. Solange du lebst, kann es sich immer noch verändern…“

„Ja, du hast ja Recht…“, seufze ich. „Es ist nur manchmal so schwer, sich daran zu erinnern. Sich nicht unterkriegen zu lassen… Die Dinge fühlen sich oft so endgültig an, so unausweichlich und unabänderlich. Das erscheint manchmal ziemlich ausweglos…“

Thranduil nickt nur; vermutlich um mich nicht zu unterbrechen.

„… Ich weiß natürlich, dass ich sehr intensiv wahrnehme“, fahre ich fort. „Auch das vergesse ich manchmal. Dann ist es umso schwieriger für mich, mit all dem umzugehen. Wenn ich mir aber in Erinnerung rufe, dass ich mit mir selbst manchmal besonders nachsichtig, geduldig, verständnisvoll und liebevoll sein ‚sollte‘, geht es besser.“

Wieder nickt Thranduil. „Ja, auch ich fühle tief und viel. Das kann manchmal eine ganz schöne Herausforderung sein, nicht wahr? Umso erstaunlicher finde ich es wie du dich seit unserer ersten Begegnung damals entwickelt hast… Du bist so gewachsen, Ithil…“

Er streicht mir übers Haar wie einem Kind. Ein wohliges Gefühl breitet sich in mir aus.

Und plötzlich wird mir klar: Ja. Thranduil hat absolut Recht. Ich bin gewachsen. Und das um Einiges. Ein Gefühl, das ich kaum kenne: Stolz auf mich selbst. Davon will ich unbedingt mehr. Es tut gut. Und ich glaube auch, es ist ziemlich ‚gesund‘.

Dieser plötzliche Aufschwung verschafft mir neuen Mut. Und Hoffnung. „Wir schaffen das schon, wir zwei, nicht wahr?“, sage ich zu Thranduil und lehne mich an ihn.

„Ja, wir schaffen das“, erwidert der Elb liebevoll und bestimmt gleichzeitig, und greift nach meiner Hand. „Wir schaffen das.“
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