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Süßes, sonst gibt’s Saures

von Applepie
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor, Übernatürlich / P16 / Gen
Dean Winchester Sam Winchester
21.10.2020
21.10.2020
3
4.875
15
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Dieses Kapitel
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21.10.2020 2.018
 
Hallo ihr alle,
Ich freue mich unglaublich, dass ich dieses Jahr - als eine der Neulinge - auch am Halloween- Countdown teilnehmen darf! Danke, Tatu, dass du dieses Projekt wieder organisiert hast :)
Wie schon in der Beschreibung zu lesen, handelt es sich bei meinem Beitrag um eine Monster-of-the-week-Story, wobei ich die Geschichte zur besseren Übersicht in 3 kleinere Kapitel geteilt habe.

Ein großes Dankeschön geht an Kleeblume und Schriftfeder, die den Spaß vorab betagelesen haben ;)


oOo



Dean liebte Süßigkeiten.
Das war eine Tatsache, die ihm jedes Jahr aufs Neue am 31. Oktober bewusst wurde. Ob Bonbons, Fruchtgummi, Donuts, Pralinen oder Kekse - je mehr Zucker, desto besser.
Besonders Kuchen hatte es ihm angetan. Egal ob rund oder eckig, mit Glasur oder Fondant, saftig oder krümelig, als flacher Pie oder Torte mit Sahnehäubchen obendrauf.
Er konnte beinahe die fluffige Konsistenz eines frisch gebackenen, himmlisch duftenden und leicht mit Puderzucker bestäubten Apfelkuchens, serviert mit cremigem Vanilleeis, schmecken. Wie sich die unterschiedlichen Karamellnoten und Fruchtaromen in seinem Mund zu einer geschmacklichen Symphonie verwoben und schließlich in einem kulinarischen Höhepunkt gipfelten, während …
»Denkst du schon wieder an Kuchen?«
Sams spöttische Stimme vom Beifahrersitz riss Dean aus seinen speichelproduktionsanregenden Tagträumen.
»Woher willst du wissen, dass ich nicht an die heiße Barista von gestern Nacht gedacht habe?«, gab er zurück.
Sein Bruder lachte auf. »Weil ich noch nie beobachtet hab, wie du eine Frau mit diesem verklärten Blick ansiehst.«
Dean grummelte und ärgerte sich darüber, dass Sam ihn so leicht zu durchschauen wusste. »Erzähl mir lieber was über diesen Job.«
»In den letzten vier Wochen wurden hier in Mosby drei Menschen in ihrer eigenen Wohnung ermordet. Bei der Obduktion wurde dreimal dasselbe festgestellt: die Opfer wurden erstochen und ihnen fehlten alle Zähne.«
»Hm«, machte Dean. »Könnte auch ein stinknormaler Serienmörder sein, der Zähne als Trophäen sammelt.«
»Die örtliche Polizei meint, dass sich der Killer nicht gewaltsam Zutritt zu den Wohnungen verschafft hat. Daraus würde ich schließen, dass durchaus ein Monster seine Finger im Spiel haben könnte.«
»Oder dass das Opfer seinen Mörder gut kannte.«
»Aber gleich bei drei verschiedenen Personen in so kurzen Zeitabständen?« Sam zog eine Augenbraue nach oben. Irgendetwas an diesem Fall war merkwürdig, das sagte ihm sein Instinkt.
Dean stoppte den Wagen vor einem Gebäude über dessen Tür ›Institut für Klinische Rechtsmedizin‹ stand. Sam war bereits im Begriff aus dem Auto zu steigen, als sein Bruder ihn zurückhielt.
»Falls sich diese Fährte doch nur als Tat eines Irren mit Zahnfetisch herausstellen sollte, will ich gefälligst im nächsten Diner anhalten und Kuchen essen.«
Sam grinste und schlug die Beifahrertür zu. Der Motor des Impalas heulte auf, als Dean Gas gab und auf dem Weg zur ersten Zeugenbefragung um die nächste Ecke verschwand.

»Jetzt schicken sie sogar schon welche vom FBI her«, hörte Sam einen Mann mit tiefer Stimme aus einem Hinterzimmer mit offener Tür sagen, als dieser von der Sekretärin erfuhr, dass ein Agent der zentralen Sicherheitsbehörde um die Obduktionsberichte der ermordeten Personen bat.
Kurz darauf trat ein braungebrannter Mann im weißen Kittel, der zu den wenigen Menschen zählte, die mit Sam auf Augenhöhe lagen, aus dem Pausenraum. Der Gerichtsmediziner gab dem vermeintlichen Agenten die Hand, stellte sich als Dr. Garcia vor und nickte, als er einen kurzen Blick auf den gefälschten Ausweis warf.
Dr. Garcia führte Sam in das Kühlhaus, wo er die aufgebahrte Leiche von Harold Cunningham aus einem der metallenen Verschläge zog.
»Als Todesursache konnten wir vier Messerstiche ausmachen. Zwei Stichverletzungen in die Arteria carotis externa«, er deutete auf den Hals des Toten, »einen Schnitt in sein Abdomen und einen weiteren in einen Lungenflügel. Wer auch immer das getan hat, er kannte sich mit der menschlichen Anatomie aus und wusste genau, wo man zustechen muss. Und er wollte offenbar gründlich vorgehen.«
Sam betrachtete den nackten Oberkörper des Mannes, auf dem eine lange Narbe von der bereits erfolgten inneren Leichenschau zeugte, und musste zugeben, dass die todbringenden Verletzungen mit einer perversen Präzision verursacht worden waren. Kein hektisches Säbeln oder laienhaftes Einstechen eines Messers, wonach oft nur noch blutige Hautfetzen zurückblieben.
»Der Leiche sollen alle Zähne gefehlt haben, als man sie fand?«, erkundigte sich Sam.
Dr. Garcia antwortete mit einem Nicken. »Ja, eine merkwürdige Vertuschungsmethode, wenn Sie mich fragen.«
»Vertuschungsmethode?«, wiederholte Sam mit gerunzelter Stirn.
»Mörder ziehen ihren Opfern oft die Zähne, um eine posthume Identifizierung unmöglich zu machen. Allerdings wird die Leiche anschließend noch mehr entstellt. Fingerkuppen mit Säure verätzen, das Gesicht verunstalten und eventuelle äußerliche Merkmale durch Verbrennen oder Abschneiden verschwinden lassen.«
Sam musste bei diesen detaillierten Beschreibungen des Gerichtsmediziners schlucken.
Es war wohl nicht die erste verunsicherte Reaktion eines Besuchers, die Dr. Garcia in all seinen Jahren in der Rechtsmedizin beobachten konnte. Ungeniert griff der Arzt nach dem Unterkiefer der Leiche und zog diesen herunter.
Sams Blick verlor sich in der schwarzen Tiefe der Mundhöhle. Es war ein äußerst skurriles und befremdliches Gefühl, in einen Mund zu schauen, in dem sich kein einziger Zahn befand. Die Innenseiten von Mr. Cunninghams Mundschleimhaut hatten sich bereits durch das geronnene Blut schwarz verfärbt. Wie eine große, leblose Schnecke lag die dunkel angelaufene Zunge in seinem Rachen.
Mit der Andeutung eines maliziösen Lächelns - als Gerichtsmediziner musste man schließlich jede Form der Unterhaltung nutzen, die man kriegen konnte - klappte Dr. Garcia den Mund des Toten wieder zu.
»Wie lange hat es gedauert, bis Mr. Cunningham gefunden wurde?«, fragte Sam, der immer noch eine Mischung aus Abscheu und Unglaube empfand, und zog einen kleinen Notizblock aus der Tasche.
»Wenn man die einsetzende Totenstarre und Leichenflecken betrachtet, schätze ich etwa fünfzehn Stunden. Die Polizei sagte, er wäre von einer Nachbarin gefunden worden.«
Sam machte sich eine Notiz. »Haben Sie sonst noch etwas Auffälliges bei der Sektion bemerkt?«
»Was könnte denn auffallender sein als eine Leiche, der man alle Zähne gezogen hat?«
Sam sah den Gerichtsmediziner nur mit einem erwartungsvollen Blick an, während dieser sich den Obduktionsbericht schnappte und darin zu blättern begann.
»Mr. Cunningham nahm Tabletten gegen Bluthochdruck und Diclofenac wegen schmerzender Arthritis. Nichts Ungewöhnliches, der Mann ging immerhin auf die Siebzig zu. Außerdem stellten wir fest, dass sein Magen übersäuert war.«
»Wie kommt so etwas zustande?«
Der Weißkittel zuckte mit den Schultern. »Eine Hyperazidität kann durch vieles verursacht werden. Eine funktionelle Fehlregulation durch Hormone, bakterielle Entzündungen oder Stress. Zu dieser Zeit im Jahr ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen unter Symptomen wie starkem Sodbrennen leiden. Auch ein hoher Konsum von Süßigkeiten oder sehr fettigem Essen kann der Grund für eine Überproduktion an Magensäure sein.«
Sam schlug seinen Notizblock zu und bedankte sich bei Dr. Garcia für die Informationen. Anschließend ließ er sich die Obduktionsberichte der anderen Mordopfer, Richard Garrison und Adele Tenorman, geben.
Bevor Sam das Gebäude der Rechtsmedizin verließ, rief er Bobby an und informierte ihn über die Fakten, die er bis jetzt in Erfahrung hatte bringen können und beschloss außerdem vorsorglich Magentabletten für seinen Bruder zu besorgen.

Dean zog seine Krawatte fester und presste dann den Daumen auf die Türklingel eines Häuschens mit weiß getünchten Fensterrahmen und einer prächtig grünen Rasenfläche, auf der sich unzählige Gartenzwerge um den besten Platz stritten. Er wusste nicht, was Leute dazu antrieb, ihren Vorgarten mit diesen rotbäckigen Abscheulichkeiten zu dekorieren, doch was auch immer es war, es hatte - er schielte auf das Klingelschild - die Adams an die hunderte Male dazu getrieben.
Als sich die Tür öffnete und eine rundliche Dame mittleren Alters den Kopf hinausstreckte, zog er seinen gefälschten Ausweis.
»Guten Morgen, Ma’am«, sagte Dean mit einem professionell-distanziertem Lächeln. »Ich bin Agent Thomas vom FBI und wollte mit Ihnen über Mr. Cunningham sprechen.«
Mrs. Adams sah Dean mit großen Augen an, bevor sie Platz machte und ihn hereinbat.
»Setzen Sie sich doch, Mr. Thomas«, sagte sie und deutete auf ein Sofa mit hunderten rosafarbenen, rüschenbesetzten Kissen.
Dean ließ sich nur mit großem Unbehagen auf dem Albtraum in Pink nieder und versank sofort in dessen ausladenden Polstern. »Sie waren also Mr. Cunninghams Haushälterin?«, fragte er.
Mrs. Adams seufze und ließ sich ihm gegenüber auf einen knarzenden Schaukelstuhl sinken.
»Teilzeit-Haushälterin«, verbesserte sie. »Ich arbeite für eine Agentur, die Haushaltshilfen und Reinigungskräfte an Menschen vermittelt, die nur für sehr kurze Zeit Unterstützung benötigen.« Sie schaute auf ihre Hände und schüttelte bedächtig den Kopf. »Was für ein grausamer Tod. Einfach in den eigenen vier Wänden ermordet zu werden. Wer tut denn sowas?«
Darauf hätte Dean auch gerne eine Antwort. »Wir sind seinem Mörder auf der Spur«, versprach er. »Können Sie mir etwas über Ihr letztes Zusammentreffen mit Mr. Cunningham erzählen?«
Einen Moment schien Mrs. Adams sich sammeln zu müssen.
»Das war letzte Woche. Ich habe wie jeden Mittwoch bei ihm geputzt und seinen Kühlschrank aufgefüllt. Ich erinnere mich noch, dass Harold kaum vom Sofa aufstehen wollte. Der Ärmste war seit Tagen bettlägerig.«
»Ach ja?«, unterbrach Dean die Frau. Dass das Opfer krank gewesen sein sollte, war eine neue Information. »Inwiefern konnte er nicht aufstehen?«
»Nun, soweit ich weiß, litt er unter starken Magenkrämpfen, Sodbrennen und solche Sachen. Es ging ihm wohl wirklich schlecht, denn er mochte kaum etwas von meinem selbstgemachten Hackbraten essen.« Ihr rosarot geschminkter Mund verzog sich kaum merklich, als würde sie dem Toten immer noch übelnehmen, ihre Kochkünste trotz körperlicher Beschwerden verschmäht zu haben.
»Jedenfalls ging es ihm gar nicht gut. Und dazu kamen dann wohl auch noch Zahnschmerzen.«
»Zahnschmerzen?« Dean horchte auf. Dem Mann hatten die Zähne gefehlt, als er gefunden wurde. Vielleicht war das ein dummer Zufall, doch während seiner Jäger-Karriere war Dean bereits zu vielen scheinbar zusammenhangslosen Ereignissen begegnet, die sich im Nachhinein als komplexe Konstrukte des Bösen herausstellten.
Mrs. Adams nickte bekräftigend. »Schlimme Zahnschmerzen. Harold konnte kaum den Mund öffnen, um mir mitzuteilen, dass er keinen Hackbraten essen wolle.«
Sie schien tiefer in ihrem Stolz gekränkt als Dean bisher vermutet hatte.
»Und das war das letzte Mal, dass Sie Mr. Cunningham sahen?«, hakte er nach.
Sein Gegenüber nickte erneut. »Ich habe ihm an diesem Tag noch ein Stück Braten in den Kühlschrank gelegt - falls er es sich doch anders überlegen sollte - und ihm einen Termin beim Zahnarzt besorgt.«
Dann war dieser Mr. Cunningham also vor seinem Tod wohl auch noch wegen fiesem Zahnweh beim Arzt vorstellig geworden. Vielleicht wusste der ja etwas mehr über das mysteriöse Verschwinden von Mr. Cunninghams Beißerchen nach dessen Tod, schlussfolgerte Dean.
Er ließ sich von Mrs. Adams die Adresse des örtlichen Zahnarztes geben, bevor er sich vom Sofa erhob. Was gar nicht so einfach war, denn er war bereits bis zur Taille von der schwammartigen Polsterung verschlungen worden.
Gerade als er sich bei Mrs. Adams für ihre Zeit bedankte, schlug diese sich die Hände vor den Mund.
»Oh, ich alte Schusseline! Ich habe Ihnen gar nichts angeboten, mein Lieber.«
Dean winkte bescheiden ab, obwohl er zu einem Kaffee ganz sicher nicht nein gesagt hätte, doch das ließ Mrs. Adams ihm nicht durchgehen.
Mit einem strengen »Nein, nein, ich habe doch ohnehin eimerweise Süßigkeiten für Halloween gekauft« watschelte sie in ihre Küche. Dean hörte sie kramen und Schränke öffnen.
Schließlich kam die rundliche Frau mit einer Handvoll Bonbons und einem in Alufolie eingewickelten Klumpen wieder. Sie drückte dem überraschten Dean die Süßigkeiten in die Hände.
»Aber ich kann doch nicht ... «
»Papperlapapp«, wiegelte Mrs. Adams ab. »Es ist Halloween und warum sollten nur die Kinder an diesem Tag sündigen dürfen?«
Sie zwinkerte Dean zu und reichte ihm den eingepackten Klumpen. »Und hier ist noch ein Stück meines selbstgemachten Hackbratens.«

Als Sam sich auf den Beifahrersitz schwang, bemerkte er sofort die bunten Bonbonpapiere und zerknüllte Alufolie im Fußraum des Impalas, wobei an Letzterem noch immer verführerisch duftende Reste von Bratensoße klebten.
Sein Bruder hielt mitten in sehr enthusiastischen Kaubewegungen inne.
»Wasch’n?«, er schluckte den Bissen hinunter. »Ich könnte einer Dame niemals etwas abschlagen.« Sam griff kommentarlos zu dem handlichen Block, auf dem er sich Stichpunkte zu ihrem Fall notiert hatte. »Drei Tote, zwischen Dreißig und Siebzig und alleinstehend«, las er vor. »Tod durch Stichverletzungen und Blutverlust. Und allen fehlten bei der Obduktion die Zähne.«
Dean nickte. »Dieser Cunningham war laut seiner Putzfrau vor seiner Ermordung gesundheitlich gar nicht auf der Höhe.«
»Magenprobleme?«
»Jepp. Und wohl auch fiese Zahnschmerzen.« Dean hob bei dem letzten Wort vielsagend die Stimme. »Unser nächster Anhaltspunkt würde ich sagen.«
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