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Der lange Weg nach Hause

von renawitch
KurzgeschichteDrama, Tragödie / P18
Joe / Yusuf Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
20.10.2020
22.10.2020
2
5.018
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20.10.2020 2.118
 
Die Sonne brannte heiß und unbarmherzig auf ihn herab.
Er spürte nur von fern, wie die ledernen Riemen seiner Fesseln tief in die Haut seiner Handgelenke schnitten. Blut tropfte von seinen Fingerspitzen auf den trockenen Lehmboden.
Sein Kopf dröhnte. Er fühlte sich, als stünde sein ganzer Körper in Flammen.
Rasende Schmerzen pulsierten über ihn hinweg, wann immer er sich regte.

Jemand rüttelte sanft an seiner Hüfte. Nicolo stöhnte müde auf, vermochte kaum, die Augen zu öffnen.
Das Rütteln wurde nachdrücklicher. Der Junge hörte einfach nicht auf.
„La“, eines der wenigen arabischen Worte, die er kannte, entrang sich seiner Kehle. „La - Nein“, flüsterte er erneut.
Der Junge gab nicht nach. Der Kreuzritter erschrak und zuckte zusammen, als kühles Wasser sich in einem dünnen Rinnsal über seinen Nacken ergoss.
Endlich konnte er die Augen öffnen, blinzelte angestrengt in die gleißende Helligkeit, die ihn umgab.
Er war kaum fähig, etwas zu erkennen. Zu sehr blendete ihn das Sonnenlicht, nachdem er stundenlang in der Dunkelheit hinter seinen Lidern dahingedämmert war. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm, den Kopf zu heben.
Jemand hielt ihm nachdrücklich etwas an die Lippen und flüsterte das gleiche Wort, wie so oft in den letzten Tagen.
„Yashrab – trinken.“
Nicolo schüttelte schwach den Kopf, konnte aber nicht verhindern, dass er dennoch unwillkürlich die Lippen öffnete, um das Wasser zu trinken, welches der Junge ihm anbot.
Sein Verstand klarte schnell wieder auf. Sorgsam achtete er darauf, sich nicht zu verschlucken, nichts der kostbaren Flüssigkeit zu vergeuden oder gar die Wachen auf sich aufmerksam zu machen.
Als das Tongefäß von seinen Lippen genommen wurde, flüsterte er dem Jungen ein brüchiges „Shukraan – Danke“ zu.
Er war zu schwach, den Kopf weiterhin erhoben zu halten und sackte kraftlos  in sich zusammen. Einzig die Fesseln hielten ihn jetzt noch aufrecht.
Er erschrak, als er bemerkte, dass einer seiner Bewacher sich umwandte und einige Schritte auf ihn zu trat.

Bassem', fuhr es ihm durch den Kopf. Sein erster Gedanke galt dem Jungen.
Er war zu schwach, um ihn zu warnen. Jede seiner Regungen würde nur die Wachen zu erhöhter Aufmerksamkeit verleiten. Nicolo betete darum, dass Bassem nicht entdeckt worden war und er das Weite gesucht hatte.
Dass es so war, wie er hoffte, bestätigte sich, als der Krieger vor ihn trat, grob in Nicolos Haar griff, seinen Kopf in einem schmerzhaften Winkel zurückbog und ihn zwang, ihm ins Gesicht zu sehen.
Nicolo stöhnte vor Schmerz auf. Selbst wenn er gewollt hätte, wäre er nicht dazu in der Lage gewesen, dem Blick des Soldaten standzuhalten. Schon fielen ihm erneut die Augen zu.
Auch mit Bassems verzweifelter Hilfe würde sein Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Verdursten, kam ihm kurz in den Sinn,  bevor er das Bewusstsein verlor, würde der mit Abstand schlimmste all seiner bisherigen Tode werden.



Yusuf benötigte drei Tage bis zurück in die Nähe Aleppos. Auch wenn er die Hilfe der Bewohner des Kalifats in Anspruch nehmen konnte, war er mehr als missgestimmt, während er das Lager weit draußen vor der Stadt erreichte.
Die Schlacht um Jaffa lag drei Wochen zurück und der klägliche Rest der überlebenden Krieger wartete unter Karims Führung bei Aleppo auf Yusufs Rückkehr, um zu erfahren, inwieweit sie mit Unterstützung aus Damaskus rechnen konnten.
Die Nachrichten, die er ihnen mitzuteilen hatte, würden Karim alles andere als gefallen. Damaskus würde vorerst keine weiteren Männer entsenden, um die Stadt zurückzuerobern, da jeder verfügbare Kämpfer bei Jerusalem gebraucht wurde.
Die Männer würden gen Süden ziehen, und sich den Armeen bei der Heiligen Stadt anschließen müssen.
Als Yusuf das Lager erreichte, erfuhr er, dass Karim erst in drei Tagen zurückerwartet wurde. Er weilte in Aleppo und setzte sich dort ebenfalls für ihre Sache ein.
Yusuf klopfte sich den feinen Staub aus der Kleidung und sattelte sein Pferd ab.  Während er das Tier zu den anderen brachte, wurde seine Aufmerksamkeit auf einen Gefangenen gelenkt. Der Mann kniete in sich zusammengesunken vor einer großen Kiefer. Beide Hände waren auf seinem Rücken und an den Stamm des Baumes gefesselt. Das lange mittelblonde Haar war strähnig, voller Blut und verwehrte einen Blick auf sein Gesicht.
Er runzelte fragend die Stirn. Blondes Haar? Ein Christ womöglich? Er schloss zu den Wachen des Mannes auf.
„Wer ist das?“, fragte er rüde und wies auf den Gefangenen, während er zu den Kriegern aufschloss, die ihn ehrerbietig begrüßten.
„Wir haben ihn in Sughra aufgegriffen, Herr. Vor drei Tagen hat ein Kreuzfahrertrupp den Ort überfallen. Er war einer von ihnen.“
Yusuf trat näher an den Mann heran, musterte ihn kritisch.
„Warum habt ihr ihn nicht getötet?“
Sein Gegenüber nahm einen tiefen Atemzug und schüttelte missbilligend den Kopf. „Zwei Dorfbewohner haben sich für den Franken eingesetzt.“
„Und?“, fragte Yusuf interessiert.
„Es waren der Älteste und sein Sohn.“
„Und nun lassen wir ihn hier verdursten?“, stellte er zweifelnd fest, umrundete den Mann und warf einen skeptischen Blick auf dessen blutige Handgelenke.
Die Wache zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Anordnung von Karim, Herr. Der hier hat fünf unserer Männer getötet, bevor wir ihn überwältigen konnten.“
Yusuf nickte wissend, ging in die Hocke und griff in das Haar des Franken. Als er dessen Kopf zurückbog, weiteten sich seine Augen ungläubig.
„Nicolo“, der Name entwich ihm unwillkürlich. „Bindet ihn los. Bringt ihn in mein Zelt und seht zu, dass er nicht stirbt“, befahl er barsch.
„Herr, aber Karim…“
„Karim ist nicht hier und solange das der Fall ist, führe ich Euch, oder etwa nicht?“
„Ja, Herr“, entgegnete die Wache und beeilte sich, den anderen Mann am Feuer hinzu zu rufen. Gemeinsam trugen sie dafür Sorge, dass Yusufs Anweisungen Folge geleistet wurde.



Er erwachte auf dem Rücken liegend mit vor sich gefesselten Händen. Die Sonne schien verschwunden zu sein. Die Hitze des Tages hatte nachgelassen, ebenso wie die gleißende Helligkeit.
Alles an seinem Körper schmerzte. Selbst das Atmen fiel ihm schwer. Unvermittelt spürte er, wie man ihm etwas Kühles auf die Stirn legte und stöhnte gequält auf.
„Närrischer Christ“, schalt ihn jemand zornig auf Griechisch. „Was tust du noch hier? Du solltest längst in Antiochia oder auf dem Weg in dein eigenes Land sein.“
Die Stimme kam ihm eigentümlich bekannt vor, doch Nicolo konnte sie nicht zuordnen. Mit Mühe gelang es ihm, den Kopf zu drehen. Er lag auf einer Lagerstatt aus feinem Tuch, befand sich offenbar in einem Zelt. Der Sarazene, einige Schritte entfernt, wandte sich ihm mit ärgerlicher Miene zu.
„Yusuf?“
„Ja, Yusuf“, bestätigte der Krieger. „Was, bei allen Dämonen, ist in dich gefahren, als christlicher Kämpfer, alleine und ohne Führer durch das Kalifat von Damaskus zu reisen?“
Der Sarazene, dem er noch vor wenigen Wochen bei Jaffa im Kampf gegenübergestanden hatte, schüttelte verärgert den Kopf. Nicolo konnte kaum glauben, dass er ihm hier erneut begegnete, nachdem sie stundenlang vergeblich versucht hatten, sich gegenseitig zu töten. Irgendwann dämmerte beiden, dass es sinnlos sein musste, den anderen umbringen zu wollen, denn der Gegner starb einfach nicht. Es war Yusuf, der letztlich als erster seinen Säbel beiseitegelegt, und es mit einem Dialog versucht hatte. Dass beide griechisch sprachen, hatte die Kommunikation miteinander bedeutend vereinfacht.
„Antiochia“, flüsterte Nicolo resigniert. „Ich kann nicht durch die Kreuzfahrerstaaten dorthin reisen. Ich bin ein Deserteur, Yusuf.“
Die Antwort seines Feindes war ein wütendes Schnauben. Trotzdem reichte er ihm eine Tonschale, die mit frischem Wasser gefüllt war. Nicolo griff mit gefesselten Händen danach.
„Was glaubst du, wäre geschehen, wenn jemand bemerkt hätte, dass du nicht sterben kannst?“
Der Kreuzfahrer leerte die Schale in einem Zug.
„Niemand weiß davon“, er sah sich fragend um und hob das Gefäß bittend, damit Yusuf es erneut mit Wasser füllen konnte. „Warum bin ich in diesem Zelt?“
„Das weiß ich selbst noch nicht genau“, gab der Krieger zurück. „Ich muss mir noch überlegen, wie ich rechtfertigen kann, dass ich dich nicht verdursten lasse. Was ist in diesem Dorf geschehen?“
Nicolo ließ müde seinen Kopf zurücksinken, setzte sich jedoch im Anschluss auf. Sein Körper regenerierte schnell. Etwas, dass er vermutlich Yusufs Eingreifen und der angebotenen Flüssigkeit zu verdanken hatte.
„Auf dem Weg nach Antiochia versteckte ich mich, um nicht aufzufallen. Ich kam nur langsam voran. Vor drei Tagen suchte ich Zuflucht in einem verlassenen Stall vor diesem Ort. Am Abend hörte ich Schlachtenlärm und als ich den Stall verließ, sah ich, dass einer der Männer im Begriff war, diesen Jungen zu töten.“
Yusuf stöhnte ungläubig auf und schloss einen Moment die Lider.
„Ich zog also mein Schwert und fiel ihm in den Arm.“
„Du hast dein Schwert gegen deine Brüder erhoben, um einen maurischen Jungen zu retten?“  Der Spott in Yusufs Stimme war kaum zu überhören.
„Du bist nicht nur ein Deserteur, sondern auch ein Verräter für deinesgleichen.“ Nicolo kaute verbissen auf seiner Unterlippe.
„Diese Verbrecher sind nicht meine Brüder und ich habe niemanden verraten“, knurrte er ärgerlich.  „Im Laufe des Kampfes tauchte dieser Trupp Krieger auf. Sie machten die Banditen nieder. Allerdings“, er sah zweifelnd an sich herab. „Sieh mich an, Yusuf, dass ich ein Fremder in eurem Land bin, ist nicht zu übersehen. Sie konzentrierten ihren Angriff auf mich, nachdem sie die anderen getötet hatten und ich hatte keine andere Wahl, als mich zu verteidigen. Der Junge und sein Großvater waren es, die dafür sorgten, dass ich nicht getötet wurde.“

Der Sarazene nahm einen tiefen Atemzug und rieb fahrig eine Hand über seine Augen.
„Du weißt ja nicht, was das für dich bedeutet, Nicolo. Du hast fünf Krieger getötet. Karim, der Führer dieses Trupps, ist durch sein Wort gebunden, dass er dem Ältesten gegeben hat. Er darf dich nicht töten, er darf dich aber sehr wohl  sterben lassen.“
Der Christ legte wissend den Kopf schief. „Das da draußen war meine Hinrichtung, nicht wahr?“
Yusuf nickte mitleidig. „Ich kann es nicht verhindern. Karim hat das Recht auf seiner Seite und ich keine Handhabe, etwas dagegen zu unternehmen. Bevor er zurück ist, wirst du wieder dort draußen auf den Tod warten müssen.“
Nicolo schloss niedergeschlagen die Augen und nickte resigniert. Das hier war nicht die erhoffte Rettung, sondern lediglich eine Atempause für ihn.
„Yusuf, ich bitte dich um einen Gefallen. Du musst etwas für mich tun.“
Der Krieger hob skeptisch eine Augenbraue und musterte den Gefangenen wie ein interessantes Insekt, als Nicolo weitersprach.
„Der Junge, Bassem. Er bringt sich in große Gefahr. Ich will seine Hilfe nicht. Sie zögert meinen Tod nur hinaus. Du musst ihm klar machen, dass er mir nichts schuldet.“
Eine unausgesprochene Frage stand zwischen ihnen, die Nicolo unaufgefordert beantwortete.
„Er muss damit aufhören, mir helfen zu wollen. Er stiehlt von den Wachen Brot für mich und bringt mir heimlich Wasser.“
„Wenn die Männer ihn fassen“, begann Yusuf nachdenklich, doch Nicolo unterbrach ihn unwirsch.
„Yusuf, ich bitte dich. Das ist alles, was ich von dir verlange.“
„Nein, du verlangst viel mehr, Nicolo. Du hast keine Ahnung, wie viel du verlangst. Ich werde mich um den Jungen kümmern und darum, dass du schneller stirbst, als es üblicherweise der Fall ist. Ich werde dafür sorgen, dass dein toter Körper in Richtung Antiochia fortgebracht wird und dafür verlange ich, dass du dich an die Abmachung hältst, die wir vor drei Wochen bei Jaffa getroffen haben. Ich will dich nie wieder hier sehen. Nicht hier, nicht in den Kreuzfahrerstaaten, nicht einmal in der Nähe dieser Länder. Hast du das verstanden?“
Nicolo nickte zustimmend.
„Gerätst du in Schwierigkeiten, werde ich nicht dafür Sorge tragen, dass du unbeschadet entkommst. Wenn sie dich fassen, und bemerken, dass du nicht sterben kannst, mein Freund, dann schwöre ich dir, wird dein Weg dich auf ewig in die Sklaverei der Kalifen führen. Hast du das verstanden, Christ?“
Nicolo schluckte trocken und nickte wieder zustimmend.
„Steh auf“, befahl der Krieger barsch und zog seinen Dolch. „Es ist Zeit, dich zurück zu bringen.“
Mit einem knappen Schnitt durchtrennte er Nicolos Fesseln. Augenblicklich begannen die tiefen Schnittwunden an dessen Handgelenken, sich zu schließen. Fragend runzelte der Kreuzfahrer die Stirn. „Du bindest mich los?“
„Nein, das tue ich nicht. Ganz im Gegenteil. Was glaubst du“, entgegnete Yusuf ihm ungehalten „ist die einzig mögliche Rechtfertigung für einen Heerführer, einen gefangenen Feind allein in sein Zelt zu befehlen?“
Mit einem kurzen Ruck zerrte er an Nicolos Tunika, die mit einem hässlichen Geräusch über dem Rücken zerriss. Er packte ihn grob am Unterarm, bog ihm unnachgiebig den Arm zurück und mit wenigen Handgriffen lagen erneut, und deutlich schmerzhafter als zuvor, lederne Riemen um Nicolos Handgelenke.
„Rache ist der einzige Grund, den die meisten Krieger verstehen“, er blickte dem Ritter mitleidig in die Augen. „Es tut mir leid“, rang er sich ab, bevor er dem gefesselten Gefangenen so fest ins Gesicht schlug, dass dessen Lippe aufplatzte und Blut von seinem Kinn tropfte. Noch bevor ihm klar wurde, was der Sarazene damit bezweckte, erhielt er einen weiteren Schlag, der seine Nase mit einem hässlichen Geräusch brechen ließ.
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