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Hurricane

OneshotDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Aaron Burr Alexander Hamilton James Madison John Laurens Maria Reynolds Thomas Jefferson
20.10.2020
20.10.2020
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Der Wind rüttelte unbarmherzig an den hölzernen Fensterläden und Alexander saß zusammengesunken an seinem Schreibtisch. Die drei Männer hatten kaum sein Haus verlassen, da hatte ihn das gerade eben Geschehene auch schon eingeholt.

Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Wieso nur war er der Meinung gewesen sich rechtfertigen zu müssen? Vor allem Jefferson war er doch keine Erklärung schuldig. Die Rechnungen und Dokumente hätten als Beweis für seine Unschuld völlig ausgereicht und wenn sie gefragt hätten wohin das ganze Geld denn nun verschwunden wäre, hätte er einfach sagen können, dass es sie nichts anginge. Doch stattdessen hatte er ihnen sogar die Briefe gezeigt, die er Maria geschrieben hatte und den verhängnisvollen Brief ihres Ehemannes ebenfalls.
Und nun? Nun hatten Jefferson, Madison und Burr das perfekte Mittel um ihn, seine Karriere und sein ganzes Leben zu zerstören. Einfach alles würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, wenn das an die Öffentlichkeit käme. Seine Reputation, sein guter Name, sein Vermächtnis…all das wäre dahin. Alles wäre umsonst gewesen. Und dabei waren Wörter doch immer seine stärkste Waffe gewesen. Doch jetzt hatten sie sich gegen ihn gewendet und wenn er nichts unternahm, dann würde das sein Untergang werden.

Alexander warf einen Blick aus dem Fenster. Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Wie Geisterfetzen zogen sie ruhelos dahin, schienen ihn zu verhöhnen und auszulachen. Ein Sturm braute sich zusammen, das konnte er fühlen. Die Luft um ihn herum fühlte sich plötzlich verbraucht an und er hatte das Gefühl nicht mehr richtig atmen zu können. Als würde ihn der eiserne Griff seiner eigenen Fehlentscheidungen fest umklammern.
Alexander schob langsam den Stuhl zurück und stand auf. In seinem Kopf rasten die Gedanken wild umher, doch er war nicht der Lage einen von ihnen zu fassen. Ohne wirklich hinzuschauen, nahm er sich seinen Mantel vom Garderobenständer und öffnete die Tür. Die Frage seines Sohnes, wo er denn hin wollte, überhörte er und so blieb Philip mit einem unguten Gefühl in der Magengrube zurück.

Ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, setzte Alexander einen Fuß vor den anderen, während seine Gedanken um die nun alles entscheidende Frage kreiselten. Was sollte er jetzt nur tun? Wie sollte er sich und alles was er erschaffen hatte schützen?
Ein kühler Windstoß riss ihm an den dunklen Haaren und trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein Sturm…wahrlich. Und wenn er nichts unternahm, dann würde dieser Sturm einfach alles mit sich fortreißen. So wie einst ein Orkan seine Heimat zerstört hatte, doch dieses mal würde er sich nicht einfach mir Worten zurück an die Spitze kämpfen können. Es sei denn…

Nein, das war verrückt. Nicht mal er würde so weit gehen, nur um seinen guten Namen schützen zu können. Einfach selbst alles einzugestehen grenzte an sozialen Selbstmord. Andererseits...vielleicht würde man ihm vergeben, wenn er selbst zugeben würde, was er getan hatte. Wenn er einfach wie sonst auch ehrlich seine Meinung kundtun würde. Das hatte ihn bisher immer weitergebracht, war aber auch der Grund dafür, dass er nun so tief im Morast seiner eigenen Sünden versank. Alexander seufzte leise und schlang die Arme um seinen Oberkörper.
Den Stift in die Hand zu nehmen und alles niederzuschreiben. Das war sein einziger Ausweg. Anders würde er sein Vermächtnis nicht beschützen können. Ihm blieb nur diese eine Möglichkeit.

Oder du könntest einfach loslassen…

Alexander zuckte zusammen und blieb wie angewurzelt stehen. Ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinab, gefolgt von einem Zittern, das so heftig war, dass ihm seine Beine glatt den Dienst versagt hätten, wenn er sich nicht an einem alten, knorrigen Baum abgestützt hätte. Hatte er sich das gerade nur eingebildet? War es vielleicht nur das Rauschen des Windes gewesen, welches sein aufgewühlter Verstand zu Worten gemacht hatte? Nein, auf keinen Fall. Das hatte er sich nicht eingebildet. Er war vielleicht verzweifelt, aber nicht geistig verwirrt. Dennoch…es war weit und breit niemand zu sehen, keine Menschenseele war außer ihm draußen unterwegs.

Lass los Alexander, lass einfach los…

Da, schon wieder. Diesmal hatte er es ganz deutlich gehört. Seine Ohren täuschten ihn nicht. Da war eine Stimme. Eine Stimme, die sein Herz aus dem Takt brachte und es dann schmerzhaft schnell pochen ließ. Alexander presste die Lippen aufeinander.
Er kannte die Stimme. Doch die Person, zu der die Stimme gehörte, lag seit Jahren unter der Erde. Alexander schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Er hatte es sich also doch nur eingebildet. Es war niemand hier, der ihn aufhalten würde. Niemand, der ihm sagen würde, dass er es einfach auf sich beruhen lassen sollte. Niemand, der ihm eine Hand auf die Schulter legen und ihm den Stift aus der Hand nehmen würde. Zumal das sowieso nur einer gekonnt hätte…

Alexander lächelte, doch es war ein trauriges Lächeln, zerfressen von Schmerz, den er seit Jahren mit sich herum trug und einfach nicht begraben konnte. „John, wenn du doch nur hier wärst…“ Der Name glitt so leicht über seine Lippen, obwohl er ihn seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgesprochen hatte. Doch jetzt, da er es getan hatte, überkam ihn der unbändige Wunsch ihn noch viele weitere Male auszusprechen – nein, ihn zu schreien, sodass der aufkommende Wind ihn mitnehmen und bis in die entferntesten Ecken der Welt tragen konnte.

John. John Laurens. Sein John.

Alexander griff sich an die Brust, in der sein Herz noch immer schmerzhaft schlug und blieb stehen. Wenn er jetzt hier wäre, dann würde er es ihm ausreden. Er könnte ihn aufhalten, er hätte die Macht dazu. Ein Wort aus seinem Mund, ein Blick und Alexander würde alles tun, was John ihm befahl. Gott, was machte er sich vor? Wenn John jetzt hier wäre, würde er sich weinend in seine Arme werfen und ihn niemals wieder loslassen. Er würde ihn festhalten und sich schwören ihn nicht noch einmal zu verlieren, hatte er doch in der Vergangenheit so kläglich versagt ihn zu beschützen.

„John…“ Alexander blickte hinauf in den Himmel und die Welt schien für einen kurzen Augenblick stillzustehen. Selbst der Wind ebbte ab, gerade so als befände er sich im Auge des Sturms. „John ich brauche dich, mehr als jemals zuvor.“ Ein Schluchzen wollte sich seinen Hals empor kämpfen und Alexander griff sich an die Kehle, er spürte wie seine Augen brannten und kniff sie zusammen. Wenn er dem jetzt nachgab, dann würde er innerlich zerbrechen und diesen Scherbenhaufen würde niemand mehr zusammensetzen können.
„John, es tut mir leid…“ Ein leises Flüstern, das davongetragen wurde. Eine leere Entschuldigung, die viel zu spät kam, als dass sie noch eine Bedeutung gehabt hätte. Alexander schluckte den aufkommenden Schmerz herunter und versuchte die Bilder zu verdrängen, die versuchten in seinem Kopf die Oberhand zu gewinnen. Bilder von sternenklaren, kalten Nächten in einem spärlich beleuchteten Zelt, in welchem die erhitzte Luft von süßen Worten der Zärtlichkeit erfüllt gewesen war. Bilder von Fingern, die über fast schon fiebrig heiße Haut glitten und Narben auf der Seele hinterließen. Bilder von Augen, die sich für immer in Alexander’s Gedanken eingebrannt hatten.

Doch für all das war es jetzt längst zu spät. Die Zeit war nicht gnädig und hatte mit niemandem Mitleid, auch nicht mit Alexander, der nun die Schultern straffte und schnellen Schrittes nach Hause zurückkehrte. Obwohl er das Gefühl hatte, dass unsichtbare Hände nach ihm griffen und versuchten ihn aufzuhalten, legte er in seinem Arbeitszimmer seinen Mantel ab, griff sich einen Stift und ein Blatt Papier.
Seine Finger zitterten und einen kurzen Moment glaubte er nicht die Kraft zu haben, weil die Gedanken an John sein Herz ins Wanken gebracht hatten. Aber dann besann er sich darauf, dass er jetzt in diesem Moment allein war und, dass er diese folgenschwere Entscheidung ebenfalls allein getroffen hatte. Alexander atmete tief durch und begann dann zu schreiben, so wie er es schon viele Male zuvor getan hatte.

Und er war sich der Tatsache wohl bewusst, dass John furchtbar enttäuscht von ihm wäre, wenn er ihn jetzt sehen könnte, doch daran durfte er nun nicht denken. Jetzt, in diesem Moment, war nur eine einzige Sache wirklich von Bedeutung. Sein Erbe, welches er der Welt hinterlassen würde. Sein Vermächtnis.
 
 
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