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Sturmgeboren

von Eruanna
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
77.984
4
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06.11.2020 3.129
 
Der Winter hatte den Gebirgszug fest im Griff und die heftigen Schneestürme hielten die meisten Schlüpflinge davon ab, die Bruthöhle zum Jagen oder zur Erkundung der Umgebung zu verlassen. Kendra hatte die unerwartete Zeit genutzt um ihrem Schlafbedarf nachzugeben und fühlte sich nun vollkommen erfrischt. Sie verließ ihre bequeme Nische, tapste an den leise schnarchenden Drachenbrüdern vorbei und wischte mit ihrem Schwanz die abgenagten Knochen zur Seite. Behutsam näherte sie sich dem Höhleneingang in der Absicht, das Schneetreiben einmal mehr zu bewundern. Überrascht stellte sie fest, das draussen ein klarer grauer Wintertag angebrochen war und es keine Anzeichen für weiteren Schneefall gab. Fast schon enttäuscht wollte sie sich abwenden um sich anderweitig zu beschäftigen, als der süßliche Duft von Blut und verfaulendem Fleisch in ihre Nasenlöcher drang und ihre Instinkte weckte. Vorsichtig warf sie einen Blick über die Schulter, aber keiner der anderen Drachen schien durch den Geruch zur Jagd animiert zu sein. Entschlossen verließ sie die Bruthöhle und schlitterte in Richtung eines kleinen Gebirgsbaches, der dank der Vorsorge eines erwachsenen Drachens nicht vollständig vereist war. Mithilfe ihrer Flügel bremste sie sich ab und hielt am Ufer angekommen nach möglichen Gefahren Ausschau. Weit über sich hörte sie das Rauschen von Schwingen und ein Blick nach oben bestätigte ihren Verdacht. Über ihr kreisten einige erwachsene Feuerdrachen am Himmel. Wahrscheinlich auf der Suche nach Beute, wobei sie außerhalb des gnadenlosen Winters wenig für Ass erübrigen konnten. Nun, solange sie Kendra nicht in die Quere kamen, hatte diese nichts gegen ihre Anwesenheit auszusetzen.

Sie hielt wenig von dem Gedanken, ihre Nahrung mit anderen zu teilen. Erleichtert, das keine größeren Raubtiere in unmittelbarer Nähe lauerten glitt sie durch das kalte Gebirgswasser und folgte neugierig der Duftspur. Vielleicht hatte sie ja Glück und bei dem verendeten Tier handelte es sich um einen Hasen. Zwar könnte sie auch größere Beutetiere zerlegen, aber das würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen, insbesondere, wenn sie diese Beute zur Bruthöhle transportieren wollte. Es war mehr ihre Neugierde, die sie antrieb, als tatsächlichen Hunger. Endlich erreichte sie die Engstelle des Bachlaufes, die den meisten Wildtieren bei Hochwasser zum Verhängnis wurde. Ihre mehrfarbigen Augen erkannten den gekrümmten Kadaver sofort und wachsam überprüfte sie erneut die Witterung, ehe sie das Wasser verließ, um sich in einer enger werdenden Spirale dem toten Körper zu nähern. Aus gebührendem Abstand tastete sie den Kadaver mit ihren Blicken ab, einmal mehr dankbar für ihren ausgeprägten Sehsinn. Es war gut, dass sie nicht gerade unter Hunger litt, den in Anbetracht des Zustandes der Kreatur vor ihr, wäre ihr andernfalls der Appetit vergangen: Das dichte Fell war blutverkrustet und sie konnte mehrere tiefe Fleischwunden erkennen, in denen Fliegen ihre Eier ablegten. Tja, damit wäre fremderlegtes Ass jeder Art endgültig von ihrer Speisekarte gestrichen.

Ihr entwich ein leises Knurren, als sie endlich freien Blick auf den Kopf bekam. Irgendetwas hatte große Stücke aus der Schnauze gerissen und die Ohren wiesen eine unverwechselbare Form auf. Obwohl die gelben Augen gebrochen waren und längst mit einem milchigen Schimmer überzogen, konnte sie ihren Instinkt sich zurückzuziehen nicht länger unterdrücken.  Bei dem Kadaver handelte es sich um einen jungen Warg, der längst größere Beutetiere im Alleingang überwältigen und erlegen konnte. Sie konnte nicht die Witterung seines Mörders aufnehmen, was sie mehr beunruhigte als seine scheinbar körperliche Überlegenheit. Wie viel Zeit mochte wohl seit dem Eintritt der Todesstarre vergangen sein und wie wahrscheinlich war die Rückkehr des verantwortlichen Raubtiers? Zähnefletschend versuchte sie die Schatten der nächsten Felsgruppe zu erreichen als sich plötzlich starke Krallen um die Mitte ihres Körpers schlangen und sie den Kontakt zum Boden verlor. Viel zu schnell wurde der Bach zu einer winzigen glitzernden Linie während sie das Rauschen mächtiger Schwingen über sich hörte. Erstarrt, wagte sie es kaum zu atmen und suchte den Himmel panisch nach den anderen Drachen ab. Zwar konnte sie in der Ferne einige vertraute Silhouetten ausmachen, aber keiner von ihnen würde ihr rechtzeitig zu Hilfe kommen können. Angesichts ihrer mangelhaften Flugkünste stand ein Befreiungsversuch in diesen schwindelerregenden Höhen nicht zur Debatte. Sollte sie sich totstellen? Aber was, wenn ihr Entführer mit Vorliebe Ass fraß? Nicht alle Raubtiere konnten es sich leisten wählerisch bei der Nahrung zu sein. Schaudernd schloss sie die Augen und verfluchte still ihre Neugierde.

>Das war viel zu knapp. Hättest du die Felsgruppe erreicht wäre jede Hilfe zu spät gekommen.< Das war der übliche telepathische Kommunikationspfad aller Drachenarten! War sie möglicherweise doch keinem Fressfeind in die Hände gefallen? Überrascht schlug sie die Augen auf und wagte es einen Blick nach oben zu werfen. Die Form der Schuppen und dieser bestimmte Körperbau kamen ihr sehr vertraut vor. Der Drache, der sie geschnappt hatte, sah mit ein paar Unterschieden wie eine erwachsene Form ihrer selbst aus. Würde sie irgendwann auch so groß sein und majestätisch wirken? Um ehrlich zu sein war sie es Leid als Winzling ihr Dasein zu fristen und sich vor allen möglichen Kreaturen in Acht nehmen zu müssen. Sie wollte in Ruhe jagen können ohne ständig sicher zu gehen, das sie nicht von einem anderen Raubtier zur Beute erkoren wurde. Der ältere Drache gab einen Laut von sich, den sie keinem Gefühl zuordnen konnte. >Du solltest deine Neugierde dringend in den Griff bekommen. Unseresgleichen hat zu viele Feinde und wir sind zu wenige, als dass wir tote Artgenossen, die aufgrund ihrer eigenen Dummheit eliminiert wurden, gebrauchen könnten. Irgendjemand hat da eindeutig ein paar lebenswichtige Lektionen ausgelassen.<

Vielleicht hatte er Recht und sie sollte ihre Neugierde besser zügeln. Was auch immer den Warg erlegt hätte, wäre über eine zusätzliche Mahlzeit kaum enttäuscht gewesen. In Zukunft würde sie ihrem Instinkt nicht sofort nachgeben, nur weil die Witterung leichte Beute versprach. Zerknirscht senkte sie wieder den Blick und erkannte fasziniert direkt vor sich einen steilen Felsüberhang mitsamt Vorsprung in einer ansonsten glatten Wand. Plötzlich beugte der Drache seinen Hals nach unten und schob gleichzeitig seine Vorderbeine vorwärts um sie vorsichtig im Nacken zu packen. Hatte er etwa durchschaut, dass ihre Flügel noch sehr nutzlos waren? Behutsam setzte er sie auf dem Vorsprung ab und sie erhielt die Chance, ihn einer eingehenden Musterung zu unterziehen. Blauschwarze Schuppen, nach hinten gebogene lange Hörner und dunkelblaue Augen. Noch mehr als das vertraute gefiederte Flügelpaar oder die unverkennbare keulenförmige Schwanzspitze berührte sie allerdings der Geruch, den sie sonst nur mit sich in Verbindung gebracht hätte. Schnee, Blitze und uralte Magie.

Belustigung und Erkenntnis erwärmten die dunkelblauen Tiefen. Aufmerksam legte sie den Kopf schief und betrachtete ihn noch eingehender. Obwohl sie ihm bisher noch nie begegnet war kam er ihr seltsam vertraut vor. Er stellte keine Bedrohung für sie dar. Verwundert über diese unbegründete Gewissheit rang sie mit sich. Neben der Dankbarkeit für ihre Rettung die sie auf jeden Fall ausdrücken sollte, gab es einige brennende Fragen, die nach Antworten verlangten. Hatte ihr Vater etwa Recht mit seiner Bemerkung, dass sie einer anderen Drachenart angehörte? Aber wenn er nicht ihr leiblicher Vater war, wer dann und wieso war sie auf sich gestellt? Wollte ihre Familie sie etwa nicht? Schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen. Unsicher krallte sie sich in dem felsigen Untergrund fest und suchte nach den richtigen Worten.

>Kann es sein, dass du noch nie einen Artgenossen begegnet bist und bisher nur dieser arroganten Feuerspucker gesehen hast? Kein Wunder, dass du nicht fliegen kannst und deine angeborenen Sinne vor sich hin darben. Kaltdrachen können keine vollständige Ausbildung außerhalb ihrer Art erhalten. Sie brauchen die Anleitung, oder zumindest die Erinnerungen der Älteren.< Kaltdrachen. Dieses Wort war im Zusammenhang mit ihr oft genug gefallen, allerdings ohne jede Erklärung. Sie wusste weder was Kaltdrachen waren, noch warum man sie zu diesen Wesen oder Dingen zählte. Kendra schluckte trocken und kämpfte gegen ihre aufsteigende Angst an. Bisher hatte sie die fehlenden Flügel ihres Vaters mit einem brutalen Unfall in der Vergangenheit erklärt, aber dann müssten die meisten Drachen, die sie kannte, auf ähnliche Weise ihre Flügel eingebüsst haben und ihre Körper wiesen an den jeweiligen Stellen nicht die zu erwartenden vernarbten Stümpfe auf. Die Feuerdrachen hatten riesige Fledermausflügel. Sie hatte versucht, wie Smaug Feuer zu speien und stattdessen ihre Mahlzeit in eine bizarre Eisskulptur verwandelt. Wenn sie weder zu den Feuerdrachen noch zu ihrem Vater gehörte, was und wer war sie dann?! Hatte sie überhaupt eine Familie oder war sie ganz allein in der Welt?

>Was sind Kaltdrachen? Warum ist mein Vater flügellos und warum sehen die Feuerspucker so anders aus als ich? Wieso sehe ich dir ähnlich und wie kannst du nur so gut fliegen?! Meine Flügel sind vollkommen nutzlos!<
Tief und melodisch brandete männliches Gelächter über sie hinweg nur um von den Felswänden zurückgeworfen zu werden. Empört entblößte sie ihre Zähne und fauchte ärgerlich. Angesichts ihrer Situation, waren diese Fragen vollkommen berechtigt und sie schätzte diese Erheiterung gar nicht. Der ältere Drache beruhigte sich nur langsam und lächelte nur nachsichtig über ihr ungeduldiges Gebaren. Noch immer schwebte er vor ihrem kleinen Felsvorsprung in der Luft.

>Deine Unwissenheit ist noch reizvoller, da du mich an jemanden erinnerst, den ich vor langer Zeit kannte. Eure Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend, auch wenn ich ehrlich bezweifle, dass sie jemals so naiv war wie du.< Er kratzte sich mit einer Kralle unterhalb vom linken Auge und zwinkerte ihr zu. >Dein sogenannter Vater gehört der ältesten Drachenart an und ist daher nicht auf Flügel angewiesen, um zum Grauen aller Zweibeiner oder anderer Beutetiere zu werden. Einige seiner Jagdtechniken beherrscht du bereits jetzt meisterlich. Verzeih, aber ich konnte nicht umhin, dich dabei zu beobachten. Normalerweise sind Drachenküken deines Alters längst flügge und erlegen aus der Luft heraus ihre Beute. Und was meine besseren Flugkünste angeht – meine Gefährtin hatte durchaus wilde Phasen, in denen Schnelligkeit überlebenswichtig ist. Sie hat meine Neugierde auf die gemeinsame Brut als Attacke gedeutet und dementsprechend reagiert. Entspannter wurde sie diesbezüglich erst nach dem dritten Schwung Nachwuchs, den sie erfolgreich durchbrachte. Viel interessanter, als diese Details, empfinde ich aber die Lücken in deiner Allgemeinbildung. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, etwas Menschliches blockiert dein wahres Drachenwesen und verzögert obendrein dein Wachstum. Allerdings habe ich noch nie von einer Hautwechslerin gehört, die als Drache geboren wurde.<

Ihre Verwirrung wuchs je länger sie ihm zuhörte. Leicht schnippte er mit den Vorderklauen gegen ihre Stirn. Irritiert zuckte sie zurück und verlor fast das Gleichgewicht. Selbst wenn sie zu einer anderen Drachenart als ihr Vater gehören sollte, verstand sie nicht ganz, warum sie nicht bei ihrer leiblichen Mutter und ihren Geschwistern aufwachsen durfte. Und was meinte dieser Drache mit einer menschlichen Blockade, die ihre Entwicklung hinauszögerte und seinem Verdacht, sie wäre eine – was war das Wort gewesen – Hautwechslerin? Waren Hautwechsler Menschen, die willkürlich ihre Haut der Umgebung anpassten und sich ähnlich wie ein Chamäleon mit der Hautfarbe über den emotionalen Zustand verständigte?

>Mir scheint, dass ich deine Fragen am besten beantworten kann, wenn du meine Erinnerungen siehst. Es dir mit Worten zu beantworten wäre zu langatmig und ich würde irgendwann einschlafen. Vielleicht finde ich nebenbei den Grund für deine verzögerte Entwicklung. Es kann gut sein, dass irgendjemand dich versiegelt hat.< Bis auf ihren Vater duldet sie niemandem in ihrem Bewusstsein. Dieser Drache mochte vielleicht die Antworten auf ihre Fragen kennen und ihre Instinkte mit seiner scheinbaren Vertrautheit einlullen, aber er war ein fremder Drache. Ein Unbekannter, dem sie nicht ohne Vorkehrungen in ihr Leben und ihren Geist lassen sollte. Angenommen, etwas oder jemand hatte sie in der Vergangenheit versiegelt um ihre Entwicklung zu entschleunigen, dann könnte ein alter Drache sie mit spielender Leichtigkeit in eine Marionette verwandeln. Misstrauisch beäugte sie ihn und schlug entschlossen die Klauen weg. >Ich kenne nicht einmal deinen Namen! Warum sollte ich dir vertrauen?<
Ohne auf ihren Vorwurf oder ihre Frage zu reagieren pflückte er sie vom Felsvorsprung und setzte sie in Ciarraís Territorium ab. Eilig stürmte sie in die Sicherheit des Drachenhorts zurück und wehrte jeden Gedanken an die seltsame Begegnung mit einem Kaltdrachen ab.


Jindra zog sich in die Höhen zurück, die für Feuerspucker unerreichbar blieben, um ungestört nachdenken zu können. Von allen existierenden Flügeldrachen, waren sie die unübertroffenen Herrscher der Lüfte. Sie waren schnell, ausdauernd, wendig und starke Flieger. Die einzigen Kreaturen, die ihnen den Rang streitig machen könnten, waren die Großen Adler. Er selbst hatte einst zu diesem Volk gehört, ehe er, auf der Suche nach einem vermissten Adlerweibchen, Melkor in die Falle ging. Seine Erinnerungen an die Zeit vor seinem Erwachen als Drache waren bestenfalls verschwommen. Er hatte aus reiner Gewohnheit die Gebirgszüge nach unbeanspruchten Territorien abgesucht und war dabei auf das winzige Drachenweibchen gestoßen. Zunächst hatte die Kleine seine Aufmerksamkeit mit ihren ungewöhnlichen Jagdmethoden auf dem Boden oder im Wasser auf sich gezogen. Es war verständlich, dass die starken Raubtier-Instinkte gelegentlich Kontrolle über das Verhalten eines Schlüplings übernahmen, insbesondere wenn ein harter Winter die Jagderfolge auf ein klägliches Maß beschränkte. Dennoch hätte er sich mehr Vorsicht von dem Mädchen erhofft. Aus der Luft heraus hätte es mehr Überblick über die Situation besessen und wäre in der Lage gewesen, den lauernden Werwurm in der Nähe des Warg-Kadavers rechtzeitig zu entdecken. Wäre er nicht zufällig in der Nähe gewesen hätte sie ihren Alleingang nicht überlebt. Und das auch nur, weil sie im Gegensatz zu den meisten Schlüpflingen ihres Alters noch nicht flügge geworden war. Allein ihre mangelnden Flugkünste machten sie unerträglich verwundbar.
In diesem Zusammenhang war die Frage nach dem Verbleib ihrer Mutter von kritischer Bedeutung. Keine Drachenmutter würde ihren Nachwuchs verstoßen, ehe dieser alles Notwendige gelernt hatte, um auf sich allein gestellt zu überleben. Nicht einmal seine widerspenstigste Tochter, würde so grausam zu ihren Nachkommen sein. Schließlich war Nachwuchs bei ihnen mittlerweile zur Seltenheit geworden und die meisten Schlüpflinge waren Männchen. Früher oder später würden die Kaltdrachen aussterben, weshalb der Nachwuchs in den vergangenen Jahrhunderten immer kostbarer geworden war. Dieses kleine Weibchen war weit davon entfernt ohne einen erwachsenen Kaltdrachen in der grausamen Welt der Lebenden lange zu bestehen. Die halbherzigen Anleitungen der Feuerdrachen sie das Fliegen zu lehren waren erbärmlich. Er hatte sich bei der eilig herbeigeführten Begegnung angestrengt die Witterung ihrer Mutter oder eines anderen Artgenossen aufzunehmen. Stattdessen war ihm der widerliche Gestank der verräterischen Feuerspucker und die schützende Markierung eines Schlangendrachens entgegen geschlagen. Ihre Verwirrung und Irritation angesichts seiner Eröffnungen – von ihrer Reaktion auf seine Erscheinung ganz abgesehen – hatten seinen Verdacht bestärkt, dass etwas gewaltig schief gelaufen war. Vielleicht war es einem Drachentöter ja gelungen ihre Mutter und Geschwister zu erlegen nur um sie zu übersehen. Das war die sinnvollste Erklärung für ihre Anwesenheit in den Territorien der Feuerspucker. Trotzdem fühlte sich die Situation falsch an. Die Mehrheit der weiblichen Kaltdrachen verliessen die nördliche Ödnis, gletscherbedeckten Gebirgszüge und die rauen Felsküste in der Nähe der Eisbucht nicht länger. Er konnte sich an kein trächtiges Weibchen erinnern, dass ihren sicheren Hort kurz vor der Eiablage verließ und eine potenziell lebensgefährliche Reise unternahm. Warum also war ein winziger weiblicher Kaltdrache so weit von der angestammten Heimat entfernt und schien nichts über sich zu wissen? Welchen grausamen Scherz erlaubten sich die Valar mit einer unschuldigen Seele, die nichts von dem Grauen der Welt wusste? Wieso übernahm ein männlicher Schlangendrache die heikle Aufgabe der Jungenaufzucht und gestattete es feuerspeienden Bastarden seinen Schützling zur Fliegerin auszubilden? Weder die Feuerspucker noch die Schlangendrachen konnten ihr beibringen, was sie wissen musste, um in dieser gnadenlosen Welt überleben zu können. Dieses Abkommen ergab keinen Sinn.

Und dann war da noch die aufkeimende Zuneigung und Freundschaft zu einem kleinen Feuerspucker. Vielleicht hätte Jindra ihr Verhalten besser nachvollziehen können, wäre der Nutzen eines solchen Bündnisses offensichtlich. Aber Kaltdrachen und Feuerdrachen waren erbitterte Konkurrenten. Zweckallianzen zu Gunsten der Ausrottung eines gemeinsamen Feindes mochten zwar noch im Rahmen des Ehrenkodex liegen, doch echte Freundschaft die wesentlich mehr Interesse und Bemühen beider Seiten erforderte, war etwas für schwache Zweibeiner. Mit zunehmender Ungläubigkeit hatte er das erstaunlich harmonische Zusammenspiel der beiden ungleichen Drachen beobachtet.

Ihr fast schon menschliches Urvertrauen, das nichts und niemand ihr ohne vorausgegangene Provokation Übles wollte, beunruhigte ihn mehr als er zugeben wollte. Viel zu leicht konnte er dadurch Parallelen zu dem unglücklichen Schicksal der Erstgeborenen des ersten Drachenhautwechsler-Paares erkennen. Trotz der geeinten Bemühungen der Eltern und der Kaltdrachen war die junge Kundry Opfer ihrer eigenen Offenheit und ihres vor Liebe geblendeten Herzens geworden. Zutiefst überzeugt, das echte Liebe den uralten Hass zwischen Menschen und Drachen überwinden könnte und das ihre Fähigkeit zur Verwandlung in einen geborenen Zerstörer eine zukunftsweisende Gabe war, schlug Kundry sämtliche Warnungen in den Wind.  Immer wieder hatten Jindra und seine Gefährtin sich bemüht, die kindlichen Träumereien zu entzaubern und die junge Frau mit der grausamen Realität zu verbinden: Menschen, Zwerge, Elben – sie fürchteten sich nicht nur vor dem Unbekannten sondern sahen in den Drachen ein lästiges Hindernis auf dem schnellsten Weg zur Macht und dem damit verbundenen Reichtum. Für die meisten zweibeinigen Wesen waren die Drachen das ultimative Feindbild, der Inbegriff des verdorbenen und gefallenen Valars, ein williges Werkzeug des Bösen. Diese Einstellung wurde von Generation zu Generation weitergegeben ohne je hinterfragt zu werden.

Selbst wenn der Nachfahre eines viel besungenen Drachentöters Kundry zunächst wohl gesonnen gewesen war und romantische Gefühle für sie hegte, hinderte die vererbte Drachenfurcht seinen wissenden Geist sie weiterhin in seinem Herzen zu tragen. Ein tödliches Geschwür aus Angst, Misstrauen, Hass, Abscheu und namenlosen Grauen wuchs unentdeckt in ihm heran. Unerfahren wie sie war, hatte Kundry die unheilvollen Zeichen nicht erkannt und jede Vorsicht vergessen. In ihrer Hochzeitsnacht zahlte sie schließlich gemeinsam mit dem ungeborenen Kind unter ihrem Herzen den Preis für ihren Leichtsinn.

Diese Geschichte war als Mahnung an künftige Generationen mündlich weitergeben worden. Und nun gab es ein junges Drachenweibchen mit der gleichen menschlichen Schwäche. Schlimmer noch, es schien nichts über sich selbst, seine Herkunft und sein Volk zu wissen. Konnte er unter diesen Umständen die Kleine mit reinem Gewissen weiterhin in der Obhut ihrer gegenwärtigen Wächter lassen? Nein. Trotzdem mahnte sein Instinkt Jindra zur Vorsicht und intensiver Observierung. Noch wusste er zu wenig über die Geschichte des Drachenweibchens und er konnte die Möglichkeit nicht ausschliessen, das es sich bei ihr in Wahrheit um eine traumatisierte Hautwechslerin handelte. Obwohl… Aslaug hätte ihn sicher informiert, wenn den Drachenhautwechsler ein Kind abhanden gekommen wäre. Zumal das Küken eindeutig unfähig war, menschliche Gestalt anzunehmen und er hatte noch nie von Drachengeburten bei den ehemaligen Menschen gehört.
Grimmig öffnete er sein Maul und erlegte einen Steinbock mithilfe eines gebündelten Blitzstrahls. Die arme Kreatur hatte keine Chance gehabt, dem Tod zu entgehen. Genauso wenig wie Kundry um die Zahlung des Preises zugunsten ihrer Wahrheitsliebe herumkam. Das kleine Drachenweibchen hatte noch viel zu lernen, ehe es allein überleben konnte und selbst dann wäre sie abhängig von ihrer Umgebung. In dieser Welt überlebten die Raubtiere nur solange ihre bevorzugte Beute weiterhin in großer Anzahl vorkamen und niemand sie ihnen streitig machte. Zu leben bedeute mehr als schlichtes Existieren.
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