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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
60.183
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25.10.2020 5.659
 
Zur gleichen Zeit, unweit der Siedlung der Hautwechsler:
Die ersten Anzeichen einen bevorstehenden Veränderung kamen in einem unsichtbaren Gewand. Verwundert hielten die Hautwechsler in ihren jeweiligen Tätigkeiten inne um bewusst eine unverwechselbare Witterung aufzunehmen. Die kühlere Frühlingsluft trug den Geruch von Schnee, Gewitter und Blitze. Fast schon herausfordernd begann die eindringende Präsenz die magischen Bannzauber nach Schwachstellen abzutasten, während große Sturmwolken das fahle Sonnenlicht verdunkelten und der Wind ein beunruhigendes Eigenleben zu entwickeln schien. Es war lange her, seitdem eines dieser Wesen sich in ihre Nähe und das Gebiet einer anderen Drachenart wagte. Ein Drachenweibchen, das seine bevorzugten Jagdgebiete verließ und mit verblüffender Präzision die Siedlung der Hautwechsler orten konnte, ohne jemals zuvor in dieser Gegend unterwegs gewesen zu sein, bedeutete wahrscheinlich Ärger.

Angespannt gab Branimir stumm Anweisungen, die lautlos befolgt wurden. Vorsicht war geboten, insbesondere da die Kaltdrachen vor einigen Jahrhunderten jegliches Interesse an ihren ehemaligen Schutzbefohlenen verloren hatten. Bis auf zwei weitere Krieger zogen sich alle Hautwechsler in die mit Gräsern und Kräutern bewachsenen Erdhäuser zurück. Nachdem sie sich versichert hatten, das jedes Haus sich notfalls verteidigen konnte, zogen die drei Männer mit grimmigen Mienen los um den unerwarteten Gast zu empfangen. Je näher sie der Lichtung kamen, die den letzten unerwünschten Eindringlingen zum tödlichen Verhängnis wurde, desto stärker wurde der stürmische Wind und helle Blitze zuckten gefolgt von schwerem Donnergrollen über den düsteren Himmel. Ruhig untersuchte der Anführer das Herz des Sturmes und gab nach einigen weiteren erwartungsvollen Herzschlägen das Signal zur Entwarnung. Er hatte die weibliche Präsenz erkannt. Aslaug war aus ihrer Sippe die Einzige gewesen, die nach dem Tod ihrer Mutter und Königin, sich den Hautwechslern noch verpflichtet fühlte. Verantwortung für derart zerbrechliche Leben zu übernehmen, hatte sie auf vielen Ebenen gefordert und mit der zunehmenden Selbstständigkeit der Hautwechsler zog sie sich auch wieder zurück. Zwar nahm sie bis zum Zerfall des Königreichs Arnors immer wieder Kontakt zu einzelnen Hautwechslern auf, aber sie verließ ihr Territorium nur in Ausnahmefällen. Branimir selbst war ihr nur einmal als Kind begegnet und das auch nur, weil seine Mutter Eyvor ihn auf ihre Handelsreise zu den Schneemenschen mitnahm und im Austausch für die mitgeführten Waren seltene Heilkräuter erhielt. Die Rückkehr der beiden wurde durch einen grausamen Schneesturm verhindert und nur die Einmischung Aslaug war es zu verdanken, das sie später von diesem Abenteuer berichten konnten.

Aufgrund ihrer naturgegebenen Arroganz und Verschwiegenheit wussten die Wenigsten, das Drachen durchaus einen Verhaltens- und Ehrenkodex besassen, der besonders die seltenen Begegnungen unter verschiedenen Drachenarten friedlich regeln sollte. Das sie nun hier war und auf eine Ankündigung ihrer Ankunft Scatha gegenüber verzichtete, war mehr als nur ungewöhnlich. Im Grunde könnte Branimir sie zu Recht als Feind ansehen und angreifen. Tatsächlich hätte er ernsthaft über die Ausführung eines Angriffes nachgedacht, würde er ihr nicht sein Leben schulden. Sein eigenes Verständnis von Ehre erlaubte ihm nicht, ihr Blut zu vergiessen, solange seine Schuld nicht als gesühnt angesehen wurde. Tief atmete er durch und bedeutete seinen beiden Begleitern, sich etwas mehr zurückzuziehen. Er musste herausfinden, was dieses Drachenweibchen im Schilde führte und weshalb sie so leichtsinnig aus ihrem gewohnten Verhaltensmuster ausgebrochen war.


Aslaug gab ihre Tarnung und die Kontrolle über den Sturm, der sie kräftesparend weite Strecken bis zu ihrem Ziel getragen hatte, in der unmittelbaren Nähe der Zuflucht der Hautwechsler, auf. Oberhalb einer kleinen Lichtung begann sie träge ihre Kreise zu ziehen und nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau zu halten. Noch immer schwellte in ihrem Inneren eine Unruhe, die vor wenigen Monaten das erste Mal Besitz von ihr ergriffen hatte. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen waren an die Oberfläche gestiegen und in ihren Träumen tauchte immer wieder die Gestalt ihrer Mutter auf. Irritiert von diesen Entwicklungen hatte sie begonnen nach Hinweisen für eine mögliche Rückkehr ihrer Mutter zu suchen. Sie hatte ihr Blut und ihre Seele genutzt, um nach ihr zu rufen. Irgendwann, sie hatte ihre Hoffnung schon aufgeben wollen, erreichte ein verzerrtes, schwaches Echo ihrer Sinne. Angespannt war sie der kaltwerdenden Spur gefolgt, nur um zunehmend die geografisch gebündelte Präsenz ihrer ehemaligen Schutzbefohlenen wahrzunehmen. Unter ihnen ein Kind, durch das sie ihre Mutter oder deren letzten seelischen Überbleibsel zu finden glaubte. Neben ihrer Suche wollte sie auch in Erfahrung bringen, ob der Gebirgszug genügend Nahrung für eine Enklave der letzten Kaltdrachen bot oder ob sie weiterhin in ihren eisigen Festungen verharren sollten. Wachsam überprüften ihre Sinne unablässig die Umgebung und suchte nach verräterischen Abweichungen der Normalität. Ihre kühlen eisblauen Augen erwärmten sich unmerklich als ihr Geist ein bekanntes Bewusstsein streifte. Zufrieden ging sie in den Landeanflug über und landete geschickt auf einem verwitterten Felsen. Erwartungsvoll verharrte sie in einer stolzen Haltung und blickte in die Richtung, wo sie den Hautwechsler vermutete, den sie einst gerettet hatte. Der fehlende Geruch von Feindseligkeit und Aggression verriet ihr einiges über seinen Werdegang. Hätte sie ihm nicht in der Vergangenheit das Leben gerettet, wäre sie zweifellos längst attackiert worden und könnte ihm dafür nicht einmal Vorwürfe machen. Nicht nur war sie ohne jede Ankündigung in ein fremdes Territorium eingedrungen, sie hatte die Hautwechsler bisher auch im Unklaren bezüglich ihrer Beweggründe gelassen.

Mit langsamen, bedächtigen und geschmeidigen Schritten trat ein stattlich gewachsener Mann auf sie zu, blieb etwa fünf Armlängen entfernt stehen und deutete eine respektvolle Verbeugung an. Aufmerksam betrachtete sie ihn und versuchte seine gegenwärtige Erscheinung mit dem Bild des verängstigten kleinen Jungen aus ihren Erinnerungen in Einklang zu bringen. Der kleine Keke war erwachsen geworden und seine muskulöse Gestalt, die durch viele vergangene Kämpfe gestählt war, nötigte wahrscheinlich den meisten Menschen ehrfürchtigen Respekt ab. Gelassen und unerschrocken erwiderte ein sturmgraues Augenpaar ihren forschenden Blick. Aslaug faltete die Flügel auf ihrem Rücken zusammen und legte ihren Kopf auf eine Vorderkralle, damit ihre Augen auf derselben Höhe, wie die des Mannes vor ihr waren. Weder zuckte er zusammen, noch zeigte er andere eher unkontrollierbare Anzeichen von Furcht. Beeindruckend. Dieser Mann kannte seine Stärken und seine Schwächen genug, um trotz seiner Zweifel an ihren Absichten nicht in Panik zu verfallen.
„Wirklich erstaunlich, was ein paar Jahrhunderte aus einem verängstigten und scheuen Kind machen können. Eure Mutter muss gewusst haben, das Ihr eines Tages Eure Sippe anführen werdet und gab Euch aus diesem Grund den Namen Keke. Abgesehen von den positiven Entwicklungen, die Ihr seit unserer letzten Begegnung durchlaufen habt, scheint Ihr Euch an mich zu erinnern. Oder soll ich Eurer freundliches und friedfertiges Verhalten anders interpretieren?“

Branimir entwich ein leises Schnauben. Spätestens seit der Gründung der Siedlung hatte ihn niemand mehr bei seinem alten Namen angesprochen. Die Identität des ungebundenen und eifrigen Soldaten Keke hatte er längst abgelegt. Er kämpfte nur um den Frieden seiner Sippe zu bewahren und seine Familie zu verteidigen. Weder gelüstete es ihm nach Macht noch wollte er wirklich über andere herrschen. Nein, Kahlan und Scatha hatten ihn zurecht als Friedensstifter und Verteidiger des Friedens genannt. Was sein so genanntes ,freundliches und friedfertiges Verhalten‘ ihr gegenüber anging, war er zunehmend durchaus geneigt, ihr seine Enttäuschung und Wut entgegen zu schleudern. Viele seiner gegenwärtigen Problemen würden nicht existieren, hätten die Kaltdrachen sich nicht feige und desinteressiert zurückgezogen.

„Mein Name lautet Branimir, was Euch verständlicherweise entgangen ist. Ob meine Mutter in die Zukunft sehen konnte oder mir einfach nur einen mächtigen Namen zum Schutz geben wollte, bis ich durch meine Taten einen Passenderen erhielt, werden wir vermutlich nie erfahren.“ Ruhig gab er den beiden Kriegern ein Zeichen zum Rückzug. Sie würden die anderen beruhigen und zumindest teilweise aus der Siedlung holen. „Es ist wirklich seltsam, dass Ihr Eure Sicherheit von etwas so Unverlässliches wie das menschliche Gedächtnis abhängig macht. Angenommen, ich hätte mich nicht an Euch erinnert oder meine Loyalität unserem Verbündeten gegenüber wäre mir wertvoller als meine Ehre, würden wir dieses Gespräch gar nicht führen.“ Seine Augen verengten sich und seine rechte Hand streichelte geistesabwesend den Schaft seiner Streitaxt. Aslaugs unerklärte Anwesenheit war die Krönung seiner persönlichen Probleme. „Ihr habt absichtlich den Kodex Eurer Art missachtet und ich könnte es als meine Verpflichtung sehen, jeden Eindringling gleichgültig möglicher emotionaler Hürden als Feind zu betrachten. Ihr habt viel mit Eurem leichtsinnigen Verhalten riskiert und Euch bisher obendrein in Verschwiegenheit geübt. Falls Ihr mich mit Unwahrheiten oder Ausflüchten abzuspeisen gedenkt, solltet Ihr Euch bewusst machen, das Ihr jederzeit zum Feind werden könnt. Ihr befindet Euch in meinem Gebiet und abgesehen von mir gibt es niemand, der positive Erinnerungen mit Eurer Sippe verbindet. Sie würden mich nicht hinterfragen, gäbe ich den Befehl Euch anzugreifen. Zumal wir lange keinen Todeskampf mit einem ebenbürtigen Gegner hatten. Euch zu töten wäre für uns eine gute Übung.“

Dieser Hautwechsler fürchtete sich nicht vor ihr und sprach keine haltlosen Drohungen aus. Vielmehr beschrieb er nüchtern potenzielle Szenarien, die in dieser Form ohne die jahrhundertealte Entfremdung zwischen Schutzbefohlenen und Wächtern undenkbar wären. Es mangelte ihm wahrlich nicht an Mut und Selbstvertrauen. Ihre Mutter Mór hätte definitiv eine Schwäche für Branimir entwickelt, wäre sie noch am Leben. Dass Branimir wagte sie auf bestimmte Risiken hinzuweisen, ohne sich vor Vergeltung zu fürchten, sagte mehr über ihn aus, als ihm wahrscheinlich bewusst war. Instinktiv schätzte er ihre Absichten ihm gegenüber richtig ein und verhielt sich dementsprechend. Respektvoll neigte sie leicht den Kopf und musterte ihn ruhig. „Mein Verhalten mag unüberlegt, despektierlich sogar unverschämt erscheinen, aber ich wäre das Risiko eines Angriffes nicht ohne triftige Gründe eingegangen. So wie Ihr gemeinsam mit den anderen Hautwechslern einen Ort der Geborgenheit und des Friedens geschaffen habt, hatten auch die Kaltdrachen genug Zeit, ihr Verhalten und ihre Lebensweise zu überdenken. Ihr habt mein Wort, das von mir keine Gefahr ausgeht. Ich kam, um Antworten auf einige Fragen zu finden und um nach potenziellen Territorien mit guten Jagdmöglichkeiten in den Grauen Bergen zu suchen. Die Schneemenschen dehnen ihr Jagdgebiet aus und entwickeln sich zunehmend zu einer ernsthaften Konkurrenz.“ Ihr Geruchssinn verriet ihr die baldige Ankunft weiterer Hautwechsler. Freudig glitzerten ihre Augen, als sie den Geruch des Kindes auffing, dass ihr bei der Beantwortung einer ihrer Fragen helfen konnte. Beiläufig nahm sie eine gewisse Anspannung bei den Ankömmlingen wahr und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Gesprächspartner. Die meisten Menschen empfanden gesunde Furcht, sobald Drachen erwähnt wurden oder ihnen leibhaftig gegenüberstanden. Nervosität war zwar häufig eine Begleiterscheinung von Drachenfurcht, aber dies schien bei Branimir nicht der Fall zu sein. Einem unaufmerksamen Drachen wären die minimalen Anzeichen entgangen, zumal die flüchtige Empfindung nicht ursprünglich genug war, um den Geruch des Hautwechslers zu verändern. Es war ein eindeutiger Vorteil, über Jahrhunderte hinweg diese Wesen zu ihrem eigenen Schutz studiert zu haben.

„Ich bin mir sehr sicher, dass Euer Blut sich dagegen gewehrt hätte, mich wie einen Todfeind zu bekämpfen. Ihr tragt mehr von dem Segen meiner Mutter in Euch als Eure Mutter es von sich behaupten konnte. Wahrscheinlich habt Ihr deshalb eine so ungewöhnlich lange Lebensspanne. Genug Floskeln! Das Risiko war in meiner Verantwortung und entsprang vermutlich dem Frust motivierten Verlangen die altersbedingte Lethargie abzuschütteln. Es gab weder Verletzte noch Tote – selbst wenn es zu einem Kampf gekommen wäre, würde ich die alleinige Verantwortung fürs Geschehen übernehmen.“ Ruhig wartete sie ab, bis die letzten Wandler sich im Schutz der Bäume in einem Halbkreis um den Anführer herum positioniert hatten, ehe sie ihrer Neugier nachgab. „Weder Ihr noch Eure Sippe seid im Augenblick einer tödlichen Gefahr ausgesetzt. Warum also seid Ihr so nervös, Branimir?“

Branimirs Augen blitzten auf und für die Dauer eines Herzschlages ließ er seine Macht ungezähmt aufwallen. Die Druckwelle beendete den Aufstand im Keim und versetzte sämtliche kleinere Raubtiere in höchste Alarmbereitschaft. Eingeschüchtert hielten die anderen Hautwechsler still und wagten es kaum zu atmen. Milde beeindruckt über diese Demonstration blinzelte das Drachenweibchen. In dem wettergegerbten Gesicht verhärteten sich die Muskeln, als der Mann um seine Fassung rang. Branimir musste seine Dominanz nicht fortwährend beweisen, um seine Gesetze durchzusetzen oder Respekt erwiesen zu bekommen. Nur hatten die vergangenen zwanzig Jahre ihn mehr, als nur seine Enkeltochter gekostet. Er hatte einige Fehler begangen, die ihn nun als Albträume verfolgten und obendrein war die Heilerin im vergangenen Winter gestorben. Eine der wichtigsten Trinkwasserquellen war mutwillig verdorben worden. Offensichtlich, hatte sein Stamm sich einen Feind gemacht, der zu viel über ihre Gewohnheiten wusste. Auch wenn es Branimir widerstrebte einen Angehörigen des Bündnisses zu verdächtigen, ihm fiel nur eine Person ein, die am meisten von ihrem Verschwinden profitieren würde. Indem Drifa sich seiner Heilerin entledigte, stellte sie gleichzeitig sicher, dass die Gemeinschaft instabil wurde und die Möglichkeiten der Kinder erwachsen zu werden stark eingeschränkt wurden. Ein cleverer strategischer Zug.

„Ich nehme an, dass Ihr ebenfalls nervös wäret, könntet Ihr Eure verschollene Tochter nicht mehr aufspüren.“ Die unwirsche Antwort brach aus ihm heraus und damit hatte er einer seiner Sorgen laut Gestalt gegeben. Er hatte nicht geplant Aslaug über seine Erstgeborene zu berichten oder sie gar um Rat zu bitten. Erschöpft rieb er sich die Schläfen und lächelte zerknirscht. Branimir gefiel seine offensichtliche Schwäche überhaupt nicht und seine erzwungene Ruhe kostete zu viel Energie. Er konnte nur hoffen, dass seine Stammesmitglieder oder Aslaug ihn vor möglichen Gefahren warnen würden. Um den Frieden zu wahren und eine Eskalation zu vermeiden, unterwarf er sich widerwillig dem demütigen Diktat des Ehrenkodex. Es stand zu viel auf dem Spiel, als das er sich ein verärgertes Drachenweibchen leisten konnte. Die Sicherheit seiner Sippe war wichtiger als die Wahrung seines Stolzes. „Bitte verzeiht den unverschämten Ausbruch. Die Lage des Stammes ist momentan etwas verzwickt und angespannt. Es lag nicht in meiner Absicht Euch damit zu behelligen.“
Die entschuldigenden Worte schienen zu seiner immensen Erleichterung die bezweckte besänftigende Wirkung zu entfalten. Zumindest hielt sich Aslaug nicht von einer möglichen Kränkung ab, unerwünschtes Interesse zu bekunden und ihre Neugierde befriedigen zu wollen. „Ihr tragt bereits genügend Verantwortung für unzählige Leben und Eure Anspannung scheint ebenso berechtigt zu sein wie Eure Sorge. Angesichts der prekären Situation in der Euer Stamm sich befindet, stellt sich mir mehr die Frage, wo Eurer Drachen-Verbündete bleibt. Wenn Euer Abkommen das Interesse und die Loyalität einer wankelmütigen männlichen Echse dauerhaft fesseln kann, sollte er wahrlich mehr zur Sicherheit der Hautwechsler beitragen. Kennt er die Einzelheiten eurer Probleme und hat er bereits hilfreiche Anstrengungen unternommen, um Eure Bürde zu erleichtern? Habt Ihr einen Verdacht, wer oder was hinter Euren Schwierigkeiten steckt?“

Einer seiner Söhne sog hörbar und scharf die Luft ein. Branimir konnte ihm diese Regung des empörten Ärgers nicht vorwerfen. Bedachte man die lange Zeitspanne, in der die Kaltdrachen selbstgerecht ihre Schutzbefohlenen ignoriert hatten, besassen die Hautwechsler keinen Grund mehr diesen Wesen zu vertrauen und ihnen Informationen anzuvertrauen. Seine Miene verfinsterte sich bedenklich. Aslaugs überraschendes Interesse kam ihm mehr als nur ungelegen und eignete sich keinesfalls zur Beruhigung seiner gereizten Nerven.

>Scatha? Wir haben einen unangekündigten Gast, der eindeutig zu viele Fragen stellt und bisher nicht viel über seine Absichten preisgegeben hat. Keine Sorge, es ist nicht deine Mutter.< Der ältere Drache gab das geistige Äquivalent zu einem belustigten Schnauben von sich. Widerwillig zuckten Branimirs Mundwinkel nach oben. Wäre Drifa bereit, sich persönlich mit ihm zu befassen, hätte er keine Chance Scatha rechtzeitig zu kontaktieren. Glücklicherweise sah sie es unter ihrer Würde, die Hautwechsler mit einem einzigen direkten Angriff auszulöschen. >Ein weiblicher Kaltdrache hat sich hierher verirrt und mit der üblichen Arroganz die Möglichkeit eines Angriffes von unserer Seite ausgeschlossen. Was soll ich mit ihr machen und wie weit kann ich ihr vertrauen?< Wenig überraschend ließ sich der Drache mit einer Antwort Zeit, weshalb die dringend benötigte Ablenkung von seinen unerfreulichen Gedankengängen ausblieb. Entnervt kämpfte er gegen seine Verärgerung an. Nie zuvor hatte sich Branimir in einer Situation befunden, in der er seine Loyalität gespalten sah: Er verdankte es dem Schlangendrachen, dass sein Stamm nicht länger heimatlos und zersplittert sein Dasein fristete – aber ohne Aslaugs Mutter gäbe es sie alle in dieser Form gar nicht. Die Kaltdrachen hatten sich bereits vor seiner Geburt von ihren Pflichten selbstherrlich entbunden und jede Verantwortung für ihre Schützlinge vehement zurückgewiesen. Hätten sie sich gegen das Exil entschieden, wäre seine Enkelin von Anfang an den richtigen Drachen übergeben worden und hätte bessere Überlebenschancen. Nein, Bran hatte keinen echten Grund, dem Drachenweibchen zu vertrauen und Informationen weiterzugeben. Seine Kiefermuskeln spannten sich schmerzhaft, als der instinktive Verwandlungsdrang seinen inneren Frieden erschütterte. Eine unkontrollierte Verwandlung war die sicherste Abkürzung zur blutigen Eskalation. Bewusst, das ein einziger Fehltritt seinerseits verheerende Folgen nach sich zögen, konzentrierte er sich auf seine Atmung. Selbst wenn er das Schweigen wählte, würde Aslaug die Wahrheit herausfinden und mit selbstgerechter, heuchlerischen Empörung Scatha mit ihren neusten Erkenntnissen konfrontieren. Er war nicht stark genug um ihr Einhalt zu gebieten oder seine Sippe wirklich zu beschützen. Es war wirklich an der Zeit die Verantwortung an einen Jüngeren zu übergeben. Bald war er nicht nur mit seinen Kräften am Ende, ihm mangelte es auch am kreativen Erfindungsgeist. Es fehlte nicht mehr fiel und er würde Aslaug wie ein Feigling um einen kurzen Tod anbetteln. Zitternd atmete er durch und begrub seine Gefühle unter einer dicken Eisschicht. Gleichgültig wie schwer es ihm fiel, der Versuchung widerstehen, die Hautwechsler wählten niemals den einfachsten oder bequemsten Weg. Er konnte und würde sich nicht seiner Verantwortung entziehen. Ein Feigling hätte niemals so lange durchgehalten oder würde in seine Fussstapfen treten.

>Ein weiblicher Kaltdrache sagst du? Faszinierend. Normalerweise verlassen nur die Männchen die eisigen nördlichen Gefilde. Die Weibchen vermeiden grundsätzlich eine Begegnung mit den Feuerdrachen und hüllen sich in ihrem kultivierten Desinteresse an der Außenwelt.< Scathas mildes Interesse angesichts der offensichtlichen Regelverletzung traf ihn überraschend. Im Vergleich zu seinen Artgenossen mochte der Ziehvater seiner Enkelin sehr vernünftig und aufgeschlossen erscheinen, ob sich seine Freundlichkeit auch auf artfremde echte Drachen ausdehnte, hatte Branimir lieber nicht herausfinden wollen. Scathas Gelassenheit entsprach keineswegs seinen Erwartungen und war daher eine angenehme Entdeckung. >Gleichgültig wie einfühlsam und ehrlich ihre Fragen in deinen Ohren klingen mögen, du solltest nur das preisgeben, was du einem uneingeweihten Bekannten ohne Sorge erzählen würdest. Die Kaltdrachen haben vor langer Zeit jedes Recht auf Antworten und eure Loyalität verspielt. Sie haben aus reiner Selbstsucht eure Verwundbarkeit ausgeblendet, euer Vertrauen gebrochen und mit ihren Verpflichtungen euch gegenüber abgeschlossen. Du bist ihr nicht zur Rechenschaft verpflichtet.<

Branimirs Gesichtszüge erstarrten zur Ausdruckslosigkeit und die Luft um ihn begann vor Magie zu vibrieren. Bedächtig hob er den Kopf und taxierte Aslaug mit unverhohlener Feindseligkeit. „Da Ihr offenbar nicht viel von der Einhaltung respektvoller Verhaltensvorschriften, werdet Ihr mir sicher eine ehrliche Entgleisung nachsehen. Weder Euch noch einem anderen Kaltdrachen gehen unsere Belange und Bedürfnisse an. Vor Jahrhunderten habt ihr bereitwillig unser Vertrauen und unsere Loyalität gegen eine unbehelligte Existenz im Exil eingetauscht. Selbst wenn ich bereit wäre über euren Verrat hinwegzusehen als Ausgleich für eine vergangene Rettung in meiner Kindheit, stünde eine vertrauliche Offenbarung unserer Schwierigkeiten nicht zur Debatte. Bleibt hier oder kehrt in Eure Heimat zurück – mir ist es gleich. Wir haben ganz gut ohne Euren Beistand überlebt und sind nicht mehr von dem wankelmütigen Wohlwollen der Kaltdrachen abhängig. Stellt Scatha ruhig zur Rede oder bringt mich um, weil Euch die ausgesprochene Wahrheit nicht zusagt. Ich habe genug von Euch gesehen um zu wissen, das Ihr meinen Respekt nicht länger verdient habt.“
Nach einem letzten vernichtenden Blick in ihre Richtung wandte er sich zum Gehen. Die teilweise erschütterten, nachdenklichen und grimmigen Mienen seiner Sippenangehörigen bestärkten ihn in seiner unnachgiebigen Haltung.

Verblüfft hatte Aslaug die tiefgreifende Veränderung in seinem ganzen Auftreten bemerkt und seinen schneidenden Worten erstarrt gelauscht. Wer hätte gedacht, das der einst verängstigte Junge innerhalb weniger Herzschläge die Wandlung vom diplomatisch-demütigen Friedensstifter in einen kriegsmüden Kämpfer durchmachen würde und einem älteren Raubtier furchtlos den ungeschützten Rücken zuwandte?! Sein Mut war geradezu unverschämt. Unter Scathas Obhut waren die Hautwechsler endgültig erwachsen geworden und forderten ohne zu Zögern ihre Rechte an. Branimir würde nicht von seiner unnachgiebigen Haltung abweichen, gleichgültig welche Strategie sie anwandte. Musste sie etwa unverrichteter Dinge und ohne Antworten den Rückzug antreten? Es schien so. Geschlagen mit der bevorzugten Waffe ihrer Mutter – unbeschönigte, grausam kalte und kalkulierende Aufrichtigkeit – streckte sie ihre Schwingen und wollte sich in die Luft erheben, als mehrere Ranken sich um ihre Knöchel schlossen und unsanft zu Boden rissen. Erstarrt vor Schreck leistete sie kein Widerstand als das Erdreich um sie herum aufbrach und uralte, mächtige Wurzel ihren Körper bewegungslos fixierte. Fassungslos kämpfte sie mit der Erkenntnis Opfer eines erfolgreichen Überraschungsangriffs geworden zu sein. Es hatte keine Warnung gegeben und ihre Instinkte hatten keine Gefahr bemerkt. Sie hatte nicht einmal ein winziges Anschwellen von Macht oder auf sie konzentrierte Energie wahrgenommen. Wer oder was hatte sie angegriffen?!


Über ihr begannen die Baumkronen sich ohne Wind bedächtig zu wiegen. Ein sturmgraues Augenpaar starrte voller Groll auf den gefesselten Drachenkörper hinab, während schlanke Fingerspitzen bedächtig über die sichelförmige Klinge eines Messers strichen. Sein Großvater mochte seinen Ärger mit wenigen Worten Luft gemacht haben und die Angelegenheit als erledigt sein, aber er war noch nicht zufrieden. Zum Glück beherrschte er seine Magie gut genug, um seine Präsenz ebenso zu verschleiern wie die verräterischen Spuren seines Wirkens unbemerkt auszulöschen. Seine Lehrerin hatte ihn gut ausgebildet. Ruhig in seinem Versteck vor neugierigen Blicken verborgen, wartete Eskil darauf, dass die erwachsenen Hautwechsler ausser Sicht- und Hörweite waren. Sein Gespräch bedurfte keine weiteren Zuhörer und er hatte es satt sich nach Regeln zu richten, die allein den Erwachsenen auf seine Kosten ihren wertvollen Seelenfrieden verschaffte. Sie rechtfertigten ihre selbstsüchtigen Entschlüsse, die ihn in seiner Freiheit und Handlungsspielraum einschränkten mit ihrem angeblich guten Willen für sein Wohlbefinden. In ihren Augen war er nur ein anstrengendes Kind, das aufgrund des Verlusts seiner Mutter nicht länger zurechnungsfähig war. Wundervolle Ignoranz! Seine Mutter steckte nicht hinter seiner Verbitterung. Vielleicht hätte er Scatha verraten sollen, das seine Sorge nicht seine Schwester betraf sondern vielmehr seine abnehmende Bereitschaft, still alles ohne Aufstand hinzunehmen und seine Bedürfnisse zurückzustecken. Aber nein, der Drache hätte ihn aus falscher Besorgnis um sein Wohlergehen an die Erwachsenen verraten. Verächtlich grinste er und glitt lautlos aus seinem hohen Sitz herab. Der Boden reagierte auf seinen leichten Magiefluss und schluckte das Geräusch seiner Landung. Langsam richtete er sich auf und begutachtete zufrieden sein Werk. Sanft bewegte er die Finger und verfolgte mit einem stummen Lachen, wie die Wurzeln weitere fesselnde Triebe bildeten, sich zu einem undurchdringlichen, vor Leben pulsierenden geflochtenen Netz verbanden und das Drachenweibchen mit einem hübschen Maulkorb zum Schweigen verdammte.

„Wie tief doch höhere Wesen in ihrer Ignoranz fallen. Ihr erweist Euch als überraschend dämlich und unvorsichtig für eine so weise Drachen-Greisin.“ Fassungslos starrten eisblaue Augen ihm entgegen. Spöttisch lachte er hell auf und verstärkte grimmig das starke Wurzelgeflecht. Ah, das Drachenweibchen hatte ganz offensichtlich nicht ein Kind als magisch begabten Angreifer erwartet. „Hättet Ihr Euren falschen Stolz geschluckt, Euch an den Kodex gehalten und aufrichtig Eure wahren Absichten offenbart, wäre Großvater nachgiebig und großzügig mit Antworten gewesen. Ihr habt Euch Eure gegenwärtige Situation selbst zuzuschreiben. Nur aus reiner Neugierde: Habt ihr es jemals mit entwaffnender Aufrichtigkeit versucht um ans Ziel zu kommen?“

>Lass. Mich. Frei! Wie kann ein Kind wie du es wagen, auf diese respektlose Art mit mir zu sprechen?!< Kalt zeigte er ihr bewusst alle seine Zähne. Sie jagte ihm keine Angst ein. Er war respektlos? Seltsam. Bisher war er sehr behutsam mit ihr umgegangen und das obwohl ihm nach etwas ganz Anderes der Sinn stand. Auch wenn er nach den Maßstäben seiner Sippe kaum den Kinderschuhen entwachsen war, hatte er von der Heilerin einige interessante Aspekte über den Körper der Kaltdrachen, der von den Hörnern ausgehenden Schmerzempfänglichkeit und die  Qual von ausgerissenen Federn gelernt. Wäre er tatsächlich so respektlos, wie sie ihm unterstellte, hätte er dieses Wissen längst gegen sie eingesetzt – auch um diese Lehren bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes zu untersuchen. Er gedachte nicht, sie jetzt schon freizugeben. Geschmeidig ging er vor ihrem Kopf in die Hocke und griff mit beiden Händen nach ihren Hörnern. Unwillkürlich begann sie flach und hektisch zu atmen. Wehklagende Laute entrangen sich ihrer Kehle. Wissend grinste er. „Du scheinst deine eigene Position zu verkennen. Ich habe nicht einmal richtig begonnen respektlos zu sein und deine Reaktion bestärkt mich nur in meiner Annahme, das du mir mehr Gehör schenkst, wenn du weiterhin dieser entwürdigenden Behandlung ausgesetzt bist. Statt mir die Pest oder Schlimmeres an den Hals zu wünschen, solltest du mir die Beweggründe für dein Herkommen und dein sträfliches Verhalten meinem Grossvater gegenüber erläutern.“ Er würde keine Höflichkeit an dieses unverschämte Drachenweibchen verschwenden. Schliesslich hatte sie vor ihm auf die respektvolle Anrede verzichtet und versucht, ihn aufgrund seines Alters zum Gehorsam zu zwingen. Dummer Kaltdrache. Wäre er so leicht zu beeindrucken, hätte er gar nicht notwendigen Mut aufgebracht um sie gefangen zu nehmen. „Ein Wort der Warnung: belüge mich oder wage es mir gegenüber Ausflüchte zu verwenden, und ich werde aus deinen Knochen genügend Waffen herstellen, um die gesamte Kaltdrachen-Population auszulöschen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, besass der Drachentöter Earendil einen Bogen aus Drachenknochen, der Ancalagon zum Verhängnis wurde.“

Ruhig wartete er ab und beobachtete das emotionale Gewitter in den alten Drachenaugen. Er wollte Antworten und er würde sie auch bekommen. Sollte Aslaug wegen seiner Schwester gekommen sein und sie ihm wegnehmen, würde er seine Drohung ohne zu zögern umsetzen. Er war keine willenlose Marionette, die man nach Belieben benutzen konnte um seinen Zwilling aufzuspüren. Sollten die Kaltdrachen seine Schwester mit ihren leichtsinnigen Aktionen gefährden, würde er das verwundbare Ego dieser angeblich höherer Wesen unheilbar beschädigen. Zum Glück schien sie endlich die Tragweite ihres bisherigen Verhaltens zu begreifen. Resigniert entspannte sie ihre Muskulatur und sah ihm fest in die Augen. >Vor einiger Zeit habe ich die Präsenz eines Wesens wahrgenommen, dass eigentlich nicht mehr unter den Lebenden weilt. Alle Hinweise deuteten auf deine Sippe und einen Zusammenhang mit einem der jüngeren Hautwechsler. Vielleicht hätte ich die Sache tatsächlich auf sich beruhen lassen sollen und ohne die Antwort auf meinen seelischen Ruf wäre ich auch in meinem Territorium geblieben. Gab es in den letzten Monaten und Jahren irgendwelche aussergewöhnlichen Ereignisse in deiner Sippe? Etwas, das zuvor in eurer Geschichte noch nie eingetreten war?<
War das ihre Vorstellung eines Friedensangebotes? Lächerlich. Gereizt schnalzte er mit der Zunge. Statt ihm Antworten zu geben, stellte sie ohne jede Vertrauensbasis oder gleichwertigen Informationen als Gegenleistung weitere Fragen. Vielleicht war er zu sanftmütig mit ihr umgegangen, dass sie sich solche Spielchen erlaubte.

„Abgesehen von dem Tod meiner Lehrmeisterin, dem Verschwinden meiner Mutter oder die alltägliche Bedrohung durch Scathas blutsverwandten Albtraum, gibt es kaum etwas, das den Frieden unserer Sippe bedroht. Ach, bis auf eine winzige, triviale und leicht zu vergessende Kleinigkeit…“ Ihre erwartungsvolle Miene entlockte ihm ein leises Schnauben. „Das einzige aussergewöhnliche Ereignis ist das erwachte Interesse der Kaltdrachen an ihrer einstigen Schutzbefohlenen und die geistige Beschränktheit eines Exemplars vor mir. Du willst ebenso Antworten wie ich, aber statt mir mit respektvoller Aufrichtigkeit zu begegnen und damit einen konstruktiven Austausch von Informationen einzuleiten, beharrst du auf die für Drachen typischen verbalen Spielchen. Jammerschade, aber auf diese Weise verspielst du leichtfertig mein Interesse an allem, was du zu sagen hättest. Ich hätte ein Weibchen deines Alters für klüger gehalten.“ Langsam erhob er sich und wischte sich die kalten Hände an seiner Hose ab. Nachdenklich legte er den Kopf in den Nacken und analysierte die Einzelheiten seines Plans noch einmal auf fatale Schwachstellen. Manipulationen gehörten zu den Dingen, die er neben Heuchelei und selbstgerechte Ignoranz am meisten verabscheute. Leider konnte er auf sie nicht verzichten, wenn er bis zur verletzlichen Essenz des Kaltdrachen vorstossen wollte. Es war gewagt, Aslaug auf dieser Ebene herauszufordern und bewusst zu verärgern. So mancher gewiefter Lügner sprach im Rausche des Zorns und im grimmigen Griff der Frustration ein wahres Wort. „Es gibt viele Wesen, die nicht mehr unter den Lebenden weilen sollten und dennoch einen Weg finden ihre Existenz zu sichern. Zu den verbotenen Methoden gehört seit jeher die Nekromantie in all ihren Erscheinungsformen und Rituale, welche die ureigene Essenz in einem lebenden oder toten Gefäss einsperrt. Vielleicht ist die Essenz deiner gesuchten Person, in einem Gegenstand gefangen und ruft nach dir. Aber selbst wenn es dir gelänge, diesen letzten Rest einer einst strahlenden Seele aufzuspüren, wäre es ohne einen geeigneten Körper unmöglich, den Toten zurückzuholen. Magie hinterlässt immer Spuren, gleichgültig zu welchem Zweck sie gewirkt wurde und sie fordert von dem Urheber immer etwas ein. Im besten Fall deine Lebensenergie. An deiner Stelle würde ich meine Suche abbrechen, ehe du aus Unwissenheit das schlimmste Schicksal für eine eigentlich todgeweihte Essenz auslöst. Kehre in dein Territorium zurück. Hier gibt es nichts, was für die grossartigen Kaltdrachen von Bedeutung wäre.“
Erschöpft löste er seine Magie und gab Aslaug frei. Deutlich fühlte er ihre Verwirrung. Verständlich, war er doch zuvor erpicht gewesen, wie ein trotziges Kleinkind Antworten einzufordern. Pläne und Wünsche änderten sich.
„Dieser Gesinnungswechsel kommt überraschend. Warum lässt du mich frei?“ Vorsichtig erhob sie sich und spreizte prüfend ihre Flügel. Sie hätte mit einem Wutausbruch besser umgehen können als mit seiner ehrlichen Resignation. Sah er etwas keinen Sinn darin, sich mit ihr zu befassen oder war sein plötzlicher Entschluss sie freizugeben auf den Preis des Magie Wirkens zurückzuführen? Neugierig musterte sie seine schmale Gestalt. Er besass einen äussert schmalen und zierlichen Körperbau, der nicht gerade zur Einschüchterung taugte.

„Angst, ich könnte anfangen dich nicht nur zu mögen sondern wie ein Narr zu verehren? Keine Sorge, das wird nicht passieren. Ich habe unzählige Gründe, deinesgleichen zu verurteilen und zu verabscheuen. Schliesslich ist es weder ein Segen noch bewundernswert sich in einen Drachen verwandeln zu können nur um sich selbst das ganze Leben aus Furcht vor Verfolgung verleugnen zu müssen. Vieles wäre heute anders, hätte Mór keine Drachenhautwechsler erschaffen und die restlichen Kaltdrachen wären nicht vor ihrer Verantwortung davongeflogen.“ Er drehte seinen Oberkörper leicht in ihre Richtung. Feine Linien der Anspannung hatten sich in sein junges Gesicht gegraben und seine grauen Augen musterten sie aufmerksam. Sie konnte seine Müdigkeit riechen. Fahrig fuhr er sich mit einer zitternden Hand durchs lockige Haar. Da war kein Kampfgeist mehr auf Vergeltung aus, höchstens auf eine Portion erholsamen Schlaf. Seine Mundwinkel zuckten leicht. „ Es ist nicht gerade leicht die Wirklichkeit unseres Daseins als Verstossene zu akzeptieren. Als Hautwechsler kann ich nicht auf das Verständnis, den Schutz oder die Hilfsbereitschaft der anderen zweibeinigen freien Völker hoffen. Es spielt keine Rolle, das niemand von uns um das zweifelhafte Vergnügen gebeten hat, als Hautwechsler geboren zu werden oder die Fähigkeit der Verwandlung zu haben, welche uns zu Geschöpfen macht, die noch immer von anderen Völkern als Urbild des ultimativen Zerstörers gehasst werden. Wären wir noch immer langweilige ahnungslose Menschen, wie unsere ursprünglichen Vorfahren, gäbe es keinen Grund uns wie Vieh zu jagen und abzuschlachten. Entweder werden wir für unsere Andersartigkeit gefürchtet und gemieden, oder aber gejagt, gefangen, versklavt und in den Wahnsinn getrieben. Niemand wird sich je für unsere Seite der Geschichte interessieren - genauso wenig wie jemals ein Mensch, Zwerg oder Elb die Bösartigkeit aller Drachen hinterfragen wird. Scatha tut alles in seiner Macht stehende, um das Unausweichliche heraus zu zögern, aber er wird unseren Untergang nicht aufhalten können. Euch Kaltdrachen als schuldig an den Pranger zu stellen, bringt ausser kurzlebiger Befriedigung nichts und verändert die Umstände unserer Existenz nicht wirklich.“

Irritiert neigte Aslaug den Kopf zur Seite. So viel Verbitterung, Schmerz, Hilflosigkeit und Zorn. Hatte der Junge sie ursprünglich gefangen genommen um an ihr seine ohnmächtige Wut auszulassen?

„Was würdest du tun, wenn ich deinem Grossvater ein Bündnis vorschlagen würde und die Kaltdrachen wieder dauerhaft in eurer Nähe leben?“

Bedächtig drehte Eskil sich vollständig zu ihr um ihre Körpersprache akribisch zu analysieren. Er hätte nicht gedacht, das sein ehrlicher Ausbruch einen so ungeheuerlichen Vorschlag provozieren würde. Andernfalls hätte er geschwiegen. Anscheinend meinte sie ihre Worte ernst. Er hatte keine Kraft für intensive Gefühlsregungen mehr übrig. Seine zur Ausdruckslosigkeit erstarrten Gesichtszüge fühlten sich wächsern an. Trocken räusperte er sich und rang um die richtigen Worte. Allein die Tatsache, das Aslaug an die Möglichkeit eines neuen Abkommens glaubte sagte viel über ihre getrübte Urteilsfähigkeit in Bezug auf die Hautwechsler aus. Wäre die Angelegenheit nicht so ernst und er dank der gewirkten Magie nicht so erschöpft, würde er sich vor Lachen auf dem Boden wälzen. Zwar hatte seine Sippe mehr Feinde als Verbündete, aber die Allianz mit Scatha wäre ohne das gegenseitige Vertrauen und die Transparenz der Bedingungen nicht zustande gekommen. Branimirs offenes Misstrauen, sein verletzter Stolz und die Sorge um seine Sippe ließen derzeit keine diplomatischen Übungen zu. Von diesen Details abgesehen vertrugen Kaltdrachen keine Feuerdrachen in ihrer Nähe und die geflügelten feuerspuckenden Echsen zogen ihre Jungen in der Dürren Heide groß. Ein friedliches Zusammenleben zweier Drachenarten, die das Schlechteste in der anderen allein durch ihre blosse Existenz hervorbringen konnte – das war gehobene Utopie.

„Ich würde lachen und dir viel Glück bei diesem Versuch wünschen. Mein Grossvater hält nicht viel von dir und deinesgleichen hat viel von der ursprünglichen Glaubwürdigkeit verloren, was sich negativ auf mögliche Verhandlungen über ein neues Abkommen auswirken könnte. Selbst wenn es zu einem Bündnis kommen sollte, würde meine Sippe keine größere Einmischung von eurer Seite dulden und von den Gedanken, Aufpasser für uns zu spielen kannst du dich schon jetzt verabschieden. Abgesehen von der Herausforderung die mein Grossvater darstellt, darfst du in deiner Rechnung weder Scatha noch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Drachenarten und die hiesigen territorialen Ansprüche nicht vernachlässigen. Kaltdrachen, Feuerspucker und Schlangendrachen als Nachbarn – ist das wirklich eine so gute Idee und hast du in Wahrheit nicht etwas anderes im Sinn? Wenn du wegen plötzlicher Schuldgefühlen den Drang zur Wiedergutmachung und Einschmeicheln entwickelt hast, rate ich dir, so schnell wie möglich in deine Heimat zurückzukehren. Die Zeit, in der meine Sippe von euch Kaltdrachen abhängig war, ist längst vorbei.“ Grüßend hob er kurz die Hand und schritt ohne ein weiteres Wort zu verlieren davon. Er sollte sich beeilen, ehe seine Onkel und ältere Brüder ihre Fährtenleser-Fähigkeiten erprobten um ihn zu finden. In der Ferne hörte er einen Wolf heulen und wenige Herzschläge später stimmt das übrige Rudel in den Gesang ein. Wehmütig lächelte er, als eine helle Mädchenstimme musikalische Schutzzauber in die Gesänge zu weben begann. Fao war wie er selbst ein Aussenseiter innerhalb der Sippe und hatte ihren Platz in einem Wolfsrudel gefunden. Daher hatte sie bereits vor dem Erreichen ihrer Mündigkeit ihren endgültigen Namen erworben. Faoiltiama.
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