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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
65.507
4
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20.10.2020 3.823
 
Scathas Territorium, 1320 Drittes Zeitalter:
Der vertraute Geruch von Wasser und die vereinzelten flüchtigen heißen Schwaden verhieß wohltuende Entspannung fernab von neugierigen Beobachtern. Keine schwarzen Krähenscharen, die sich über ihre Liebe zu den heißen Quellen, sauberen Schuppen und gepflegten Gefieder lustig machen könnten. Für heute hatte sie genug Spott durch die unverschämten Plagegeister ertragen. Nicht nur waren ihre Versuche länger als drei Herzschläge ihre menschliche Gestalt beizubehalten kläglich gescheitert, nein, sie musste natürlich bei der Erkundung der Umgebung des Höhleneingangs über ihre Flügel stolpern und in ein Schlammloch fallen. Mit ihren scharfen Krallen hatte sie sich auf einen umgefallenen Baumstamm gerettet und zitternd an der rissigen Rinde festgehalten, bis ihr Drachenkörper von der warmen Sonne getrocknet war. Natürlich hatten ihre geflügelten Nachbarn sie aus den sicheren Baumkronen für ihre Tollpatschigkeit verhöhnt. Ihr Knurren hatte die nervigen Vögel wenig beeindruckt, was sich erst änderte, als das Wetter ohne Vorwarnung umschlug und ein Blitz einen nahestehenden Baum in Brand setzte. Nach dem Verschwinden der unerwünschten Besucher hatte der Hunger sie von ihrem Baumstamm gelockt. Sie hatte einige unvorsichtige Nagetiere erbeutet und sofort verspeist. Im Vergleich zu einigen Wochen hatte sie durchaus Fortschritte gemacht und bewegte sich viel sicherer. Dennoch kam sie sich lächerlich vor. Lächerlich, erbärmlich und unangenehm verdreckt.
Kendra faltete ihre Flügel sorgfältig auf ihrem Rücken und zwängte sich durch den schmalen Spalt, der ihre wassergespeiste Zuflucht von dem hinteren Teil des Hortes abgrenzte und für die erwachsenen Drachen zu klein und dünn war, um als Zugang zu funktionieren. Wie nutzlos ihre Flügel im Vergleich zum Rest ihres Drachenkörpers waren, wurde ihr jedes Mal deutlich, wenn sie hungrig einen kreisenden Adler beobachtete oder ihren Vater bei der Jagd. Er hatte keine Flügel und sah auch sonst etwas anders als sie selbst. Missmutig hatte sie ihn immer wieder zu anderen Horten begleitet. Keiner der Drachen, die ihr bisher begegnet waren, hatten ähnliche Probleme wie sie selbst, die sich meistens darin äußerten, dass sie sich in ihren Flügeln verhedderte, sie versehentlich ins eigene Gesicht schlug oder an den Felswänden aufschürfte. Die Oberseite ihrer Flügel bestand hauptsächlich aus grauen und schwarzen Federn, während die ledrige Unterseite noch mit grauen Flaum bedeckt war. Es würde unerträglich jucken, sobald der Flaum durch echte Federn ersetzt wurde. Jeder Flugversuch war bisher kläglich gescheitert. Sie wusste nicht, ob es noch andere Drachen mit Flügeln gab oder sie die Einzige mit nutzlosen und überflüssigen Körperteilen war. Irgendwann würde sie ihren Vater fragen, ob sie ihre Flügel wirklich so dringend brauchte und ob er sie nicht einfach entfernen könnte. Der beste Zeitpunkt wäre vermutlich nach seiner Rückkehr und ihrem dringend benötigten Bad.

Die heißen Quellen waren eine willkommene Möglichkeit den Schmutz von ihren Schuppen zu entfernen ehe ihr Vater mit seiner Überraschung eintraf. Der heisse Dunst verdichte sich zu einer milchigen Suppe und das leichte Brodeln von Wasser verriet ihr alles was sie wissen musste. Geschickt wand sie ihren Körper aus der schmalen Öffnung und purzelte kopfüber auf den Höhlenboden. Eifrig kämpfte sie sich hoch, tapste in Richtung Wasserbecken und stürzte nach einer prüfenden Musterung durch die Wasseroberfläche. Heisse Spritzer flogen in alle Richtungen und in der unmittelbaren Umgebung der Drachin verfärbte sich das Wasser vor lauter Schmutz schwarz. Prustend tauchte sie auf und begann die mühsame Aufgabe, ihre Schuppen und Federn zu säubern. Vorsichtig darauf bedacht, die Oberflächen nicht zu zerkratzen, schabte sie mit ihren Krallen an den Stellen, die sie erreichen konnte. Gerade jetzt könnte sie Hilfe gebrauchen. Leise vor sich hin grummelnd fuhr sie in ihrem Tun fort, ehe sie begann ihre Tauchfähigkeiten zu verbessern. Wenn sie ihn später auf seinen Reisen begleiten wollte, musste sie viel besser schwimmen und über lange Strecken tauchen können. Er reiste entweder unterirdisch, indem er die vernetzten Höhlensysteme benutzte oder aber er wählte irgendeine Wasserroute. Streckenweise in vollkommener Dunkelheit und ohne eine Möglichkeit Luft zu holen sich fortzubewegen, war eine der vielen Herausforderungen, die sie meistern wollte. Sie lernte am liebsten allein und überraschte ihren Vater später mit ihrem Können. Anders als ihr Flugmanöver oder die Verwandlung in einen Zweibeiner fielen ihr Aufgaben im Wasser wesentlich leichter. Zufrieden plantschte sie gedankenverloren und machte sich einen Spaß daraus, eine Wasserfontäne nach der anderen zu erzeugen.

>Mó! Wo steckst du, Mädchen?< Überrascht hielt sie in ihrem Spiel inne, ehe sie hastig ihren Lieblingsspielplatz verließ und ihrem Vater entgegen stürmte. Er nannte sie nur Mó, wenn sie alleine waren. Ihr eigentlicher Name Mórrigan wurde verwendet, wenn er sie ausschimpfte oder ihren absoluten Gehorsam einforderte. Aufgeregt schlitterte sie auf ihn zu und krakelte freudig in seinem Kopf. >Du bist wieder da! Hast du mir etwas mitgebracht? Darf ich dich das nächste Mal begleiten? Ich kann mittlerweile gut genug schwimmen, tauchen und die Luft anhalten. Bitte, bitte, bitte?!<

Lachend fing er sie in einer offenen Klaue ein und hob sie auf seine Augenhöhe, um sie anschließend auf seinen Kopf zu setzen. Neben seinem Rücken, war das für sie der sicherste Platz im ganzen Hort. Seine Krallen hinterließen tiefe Furchen im Gestein und wieder einmal staunte sie über die Eleganz mit der er sämtliche Kurven meisterte. Auf sich gestellt wäre sie mindestens einmal über ihre dummen Flügel gestolpert oder hätte sie wieder aufgeschürft. Zumal sie erheblich mehr Zeit brauchte um die Haupthöhle auf ihren noch kurzen Beinen zu erreichen. Warum nur war sie so winzig und ungeschickt? Wann würde sie endlich groß genug sein, um ihrem Vater ohne seine Hilfe in die Augen sehen zu können? Geduld war nicht gerade eine ihrer Stärken. Neugierig tippte sie mit einer Krallenspitze auf seine Stirn. Es gab so vieles, was sie ihn fragen wollte und hoffentlich antwortete er auch ohne sie auf später zu vertrösten. >Papa? Warum habe ich Flügel und du nicht?<

Belustigt hatte Scatha darauf gewartet, das der übliche Fragenschwall über ihn hereinbrach. Es verging kaum ein Tag ohne dass sie ihn ausfragte und dabei mit ihrer kindlichen Unschuld immer wieder in eine soziale Stolperfalle tappte. Für ihre mittlerweile zwanzig Jahre war sie immer noch ein Winzling. Beim besten Willen konnte er sich nicht erinnern, ob einer seiner Geschwister oder er selbst ein ähnlich gemächliches Tempo im Wachstum in diesem Alter vorlegten. Vielleicht blockierte auch ihr menschliches Erbe diesen Teil ihrer Entwicklung.

>Darüber hatten wir doch schon einmal gesprochen Mó. Du hast Flügel, weil du als Kaltdrache fähig sein musst aus der Luft heraus deine Beute zu erlegen. Wenn du möchtest bringe ich dich zu der nächsten Drachensippe, die dir das Fliegen beibringen könnte. Es handelt sich bei ihnen zwar um Feuerdrachen, aber das Prinzip sollte das Gleiche sein. Vielleicht lernst du am besten innerhalb einer Gruppe von Schlüpflingen, die ähnlich weit sind in ihrer Erfahrung wie du. Mit der richtigen Anleitung sollten auch die Blessuren von den Fehlschlägen weniger werden.< Der kleine Körper auf seinem Kopf schüttelte sich vor Abwehr. Seufzend hob er eine Kralle und hob sie so hoch, dass er ihren störrischen Gesichtsausdruck studieren konnte. Ihm behagte es aus anderen Gründen nicht ihre Ausbildung anderen zu verantworten, selbst wenn es sich dabei um einen potenziellen Spielgefährten für das Kind handelte.
Feuerdrachen und Kaltdrachen jagten ihre Beute mit Vorliebe aus der Luft, wobei Letztere durch ihre spezielle Tarnung von niemandem entdeckt werden konnten. Noch war Kendra weit davon entfernt, sich zu einem unsichtbaren tödlichen Feind zu entwickeln, aber eines Tages würde sie auch diese Kunst meistern müssen. Es wäre dann unmöglich sie in ihrer Drachengestalt aufzuspüren, wenn sie es nicht wollte. Die meisten Kaltdrachen hatten sich in den hohen Norden zurückgezogen und es war abzusehen, dass die junge Hautwechslerin eines Tages zu ihnen gehen müsste. Sie war mehr Drache als Mensch und auch wenn ihr Stamm sie wahrscheinlich mit offenen Armen empfangen würde, sofern sie die Verwandlung meisterte, würde sie dort immer eine Außenseiterin sein.
Der kleine Feuerdrachen Smaug war mit dem Wissen wie seine Flügel zu gebrauchen waren geboren worden. Wenn sich die Erziehungsmethoden seiner Mutter nicht stark verändert hatten, würde sein erster Flugversuch von den Worten - „was auch immer du tust, schau nicht nach unten“ - begleitet werden während sie ihn aus schwindelerregender Höhe fallen ließ. Der Selbsterhaltungstrieb und die natürlichen Instinkte sicherten den ersten Erfolg. Sein Schützling mochte vielleicht als Spielgefährtin willkommen sein, aber ob Cirraís Erziehungsmethoden bei einem Kaltdrachen zum Erfolg führten, war eine ganz andere Frage. Bedauerlicherweise hatte er keine andere Wahl als die geflügelten Feuerdrachen um Hilfe zu bitten. Oft genug hatte er ihre fruchtlosen Flugversuche beobachtet und das waren Höhen gewesen, die zu keinem Zeitpunkt ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten. Für einen derart winzigen Drachen waren die erkletterten Objekte gleichzusetzen mit einem gnadenlosen Gebirge. Ihre Frustration war verständlich, nur kam aufgeben nicht infrage. Ebenso wenig würde er ihr erlauben, sich die Flügel ausreißen zu lassen.

>Wozu soll ich fliegen können? Du hast doch bisher gut auf diese nervigen Dinger verzichten können und bist dennoch ein erfolgreicher Jäger.< Der sich überwiegend von Fischen ernährte, aber das wollte Scatha ihr nicht gerade jetzt in Erinnerung rufen. Sie fand seine Jagdtechniken faszinierend, konnte aber mit seiner bevorzugten Beute im toten Zustand wenig anfangen. Seitdem er Verantwortung für sie übernommen hatte fraß er kaum noch arme menschliche Reisende oder ihre Nutztiere. Vielleicht hatte Branimir Recht mit seiner Vermutung, dass seine angenommene Vaterrolle ihn effektiver zähmte und sein inneres Biest beruhigte, als es ein Drachenweibchen als Partnerin vermocht hätte. Was auch immer hinter seiner Wandlung stand, er bereute es keinen Moment sich ihrer angenommen zu haben. Auch wenn ihre kindliche Logik seine Geduld regelmäßig auf eine Zerreißprobe stellte. Sie konnte sich nicht mit ihren Flügeln anfreunden und stand deshalb auch der Idee eines Fluges feindselig gegenüber. Irgendwie musste er erreichen, dass ihre Flügel den Feindstatus verloren und als wichtige Körperteile akzeptiert wurden. Nur konnte er dank fehlender Flügelpaare kaum als Paradebeispiel dienen. Womit er wieder bei seinem ursprünglichen Dilemma wäre: Wer übernahm den Flugunterricht?

>Mag sein, aber ich gehöre einer anderen Drachenart an als du, Kleines. Um zu überleben muss ich nicht fliegen können und in meinem Fall war eine solche Fähigkeit auch nie vorgesehen. Gewässer und Höhlensysteme sind mein Refugium. Die Gestaltung deines Körpers ist darauf ausgerichtet, dass du hohe Überlebenschancen in lebensfeindlichen, eisigen Bergregionen hast und die wenigen Beutetiere aus der Luft orten kannst. Natürlich könntest du dich auch dein Leben lang von Knochen ernähren und viel Zeit mit Schlafen vertun, aber das wäre eine Verschwendung deiner Möglichkeiten. Nur weil ich eine Vorliebe für Wasser habe, solltest du dieses nicht wirklich als Basis für dein späteres Leben in Erwägung ziehen.<

Hin- und hergerissen zwischen Belustigung und aufkeimender Verzweiflung bemerkte der ältere Drache. wie hartnäckig sein Schützling an ihrer Meinung festhielt. Instinktiv imitierte sie ihre engste Bezugsperson und bildete sich über ihre Analyse ein Selbstbild, das leider nichts mit der Realität gemein hatte. Kendra war eine Hautwechslerin und als Kaltdrache geboren worden. Statt sich ständig mit den Schlangendrachen zu vergleichen, sollte sie in einer Gruppe leben, die ähnliche Voraussetzungen und Lebensumstände wie sie selbst hatte. Nur war ein solcher Idealzustand nicht möglich. Die echten Kaltdrachen lebten zu weit von Scathas Hort entfernt und Kendra war noch nicht soweit, um in einem völlig fremden Umfeld auf sich gestellt zu überleben. Vielleicht würde sich ihre Einstellung ändern, wenn sie Freundschaften mit anderen geflügelten Drachen schloss und die positiven Seiten ihres Drachenseins anerkannte. Es war unvermeidbar, dass sie bald Bekanntschaft mit den nächsten Flugdrachen machte und ihren Abscheu vor diesem Teil ihres Seins ablegte. Rein körperlich bedingt konnte er ihr keinen Flugunterricht erteilen und je mehr Misserfolge sie erlebte, desto schwerer würde es später für sie werden. Er hatte keine andere Wahl als sie zu den Feuerdrachen zu bringen. Im Augenblick war sie damit beschäftigt, seine Argumente zu widerlegen und funkelte ihn trotzig an. >Wie kann ich einer anderen Drachenart angehören, wenn du mein Vater bist?! Außerdem lebe ich nicht in einer, der von dir beschriebenen lebensfeindlichen Eisregionen. Ich bin nicht auf hervorragende Flugkünste angewiesen, um erfolgreich Beute erlegen zu können. Allein heute habe ich zehn Nager selbst gefangen, ohne meine Flügel benutzen zu müssen! Jedes fliegende Vieh benimmt sich unerträglich arrogant und lacht über meine Flugversuche. Ich will nicht so enden! Warum kann ich nicht einfach so leben wie du?<


Scatha schloss kurz erschöpft die Augen. In Momenten wie diesen bereute er es, sich früher aus der Brutpflege seiner leiblichen Nachkommen rausgehalten zu haben. Er hatte im Vergleich zu den Drachenweibchen absolut keine Erfahrungen in Sache Erziehung und es widerstrebte ihm nach außen seine Niederlage zu kommunizieren. Noch war Kendra zu jung um die Wahrheit über sich begreifen zu können und er wollte ihr die unvermeidbaren Schmerzen nicht zumuten. Sie hatte keine Ahnung, dass er lediglich als Ziehvater fungierte, weil sie als Drache geboren worden war und ihre eigentliche Familie sich nicht um sie kümmern konnte. Vielleicht war es Zeit für eine Ablenkung, denn diese Diskussion würde er vorübergehend kaum gewinnen können.
>Also gut, Mó. Ich werde dir deine Fragen beantworten, sobald wir beide von unserem gemeinsamen Ausflug zurückgekehrt sind. Kannst du dich solange gedulden?< Ihre abwehrende Körpersprache wich einer neugierigen Anspannung. Ein prüfender Blick in ihre Augen, reichte als Bestätigung aus. Er hatte sie erfolgreich abgelenkt und sie fand keine Energie mehr um ihren Trotzanfall künstlich in die Länge zu ziehen. >Wohin gehen wir? Und was ist mit der Überraschung, die du mir vor deiner letzten Reise versprochen hast?<
Grinsend schnipste er leicht gegen ihre schuppige Stirn. Schmollend legte sie den Kopf schief. Eindeutig zu niedlich für ein Drachenweibchen. >Das, mein lieber Winzling, bleibt vorübergehend mein Geheimnis. Statt mich mit Fragen zu löchern, solltest du vielleicht nachsehen, ob du irgendetwas mitnehmen möchtest, um die wenigen freien Stunden sinnvoll zu nutzen. Deine elbischen Sprachkenntnisse könnten beispielsweise mit anspruchsvollerer Lektüre gefördert werden. Wir brechen im Morgengrauen auf und nutzen dieses Mal die Höhlensysteme, um uns ungesehen fortzubewegen.<
Behutsam setzte er sie auf dem Boden ab und verfolgte erheitert, wie sie eifrig ihre kleine Nische in seiner Haupthöhle nach besagter Lektüre ins Chaos stürzte. Die Luft um ihre winzige Gestalt vibrierte förmlich. Ihre Ausbildung und Erziehung waren eine pure Herausforderung. Wie würden sich wohl der kleine Golddrache Smaug und seine Kumpanen im Umgang mit diesem Energiebündel schlagen?


Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Horizont berührten, kletterte eine schlaftrunkene Kendra auf den Kopf ihres Vaters und krallte sich Halt suchend in die Fugen zwischen den Schuppen. Einmal mehr war Scatha für die dicke Lederhaut direkt unter seinen Schuppen dankbar, ansonsten wäre der Transport seines Schützlings über lange Strecken äußerst schmerzhaft. Die Reise zu den Brutstätten der Feuerdrachen würde hauptsächlich durch die verworrenen und miteinander verbundenen Höhlensysteme erfolgen. Dies war bei weitem sicherer, als im Tageslicht an der Oberfläche zu reisen und möglicherweise unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Gegensatz zu den Kaltdrachen konnte Scatha sich nicht auf die Tarnung seiner Schuppen verlassen und er hatte keine Lust außerhalb seines Territoriums zur Beute für wahnsinnige Zweibeiner zu werden. Um sicherzustellen, das sie nicht im Schlaf von ihrem Platz fiel wirkte er einige Zauber, die ihren Körper mit unsichtbaren Luftbändern fest zurrten. Normalerweise hätte die Kleine angesichts dieser Vorkehrungen gemurrt und einen weiteren Streit begonnen, aber sie war zum Glück zu müde um gegen die Fürsorge zu protestieren.
Bedächtig setzte er sich in Bewegung und informierte seinen Verbündeten über seine Absichten. Es war wenig überraschend, dass der Anführer der Hautwechsler seine Überlegungen teilte. Branimir kannte die Umstände seines Dilemmas nur zu gut, auch wenn er vordringlich andere Probleme zu lösen hatte. >Die Feuerspucker sind im Augenblick die einzige Lösung um Kendra mit diesem Aspekt ihrer Identität als flugfähiger Drache zu versöhnen. Dennoch wünschte ich mir, das die Kaltdrachen uns nicht mit der Arroganz höherer Wesen hinter sich gelassen hätten um nach dem Tod ihrer Königin sich in Selbstmitleid zu suhlen. Kendras Ausbildung sollte eigentlich von einem erfahrenen Kaltdrachen beaufsichtigt und geleitet werden, zumal sich die Fähigkeiten und Erziehungsmethoden jeder Drachenart sich unterscheiden.< Scatha gab ein zustimmendes Brummen von sich und streckte seine Sinne aus, um den weiteren Weg nach möglichen Gefahrenquellen zu untersuchen. In der Stimme des Hautwechslers hatte er einen Unterton wahrgenommen, der ihm Sorgen bereitete. Irgendetwas, das nichts mit der Erziehung der Enkelin oder der Furcht vor einem weiteren Angriff durch die Zwerge beziehungsweise Drifa zu schaffen hatte, beunruhigte Branimir. Das Leben im Wilderland war rau und in der Regel tödlich. Angespannte Wachsamkeit war für die meisten Bewohner dieser Gegend der Normalzustand – aber nicht für Hautwechsler, die sich in todbringende Kaltdrachen verwandeln konnten. Dementsprechend auffällig waren die subtilen Veränderungen in der Haltung dieses Mannes. Aufkeimende Neugierde gewann die Oberhand über Scathas mühsam kultiviertes Desinteresse.

>Du bist aufgewühlt, unruhig und nervös. Ist etwas in meiner Abwesenheit vorgefallen, was du mir noch nicht berichtet hast?<

Verwundertes Schweigen folgte der Frage unmittelbar. Dann ein ersticktes, fast schon hysterisches schnaubendes Gelächter. Ein zwiespältiges Wirrwarr aus intensiven Gefühlen, die mit Urgewalt den Geist des Drachen überfluteten. >Wie überaus faszinierend. Haben wir mittlerweile ein feines Gespür für die Belange anderer Kreaturen als uns selbst entwickelt? Keine Sorge, ich werde niemanden von diesen Anwandlungen menschlicher Schwäche berichten.< Branimir schien zitternd Luft zu holen und sich zur Ruhe zu zwingen. >Es ist in der Tat viel in deiner Abwesenheit passiert. Erinnerst du dich an den Vorfall mit dem vergifteten Fluss und dem rätselhaften Tod unserer einzigen Heilerin? Nun, ich habe Nachforschungen angestellt und alles deutet auf deine Mutter als Verursacherin hin. Anscheinend ist sie fest entschlossen uns von innen heraus zu schwächen und ich muss zugeben, das ihr Plan bisher erfolgreich war. Wir haben keinen anderen Heiler und ihr junger Eleve besitzt noch nicht die Kraft, um ihren Platz einzunehmen ohne unter der Bürde der Verantwortung zusammen zu brechen. Und als wäre das Fehlen einer Heilerin nicht schlimm genug für die Gemeinschaft muss ich mir Sorgen um meine entschwundene Tochter machen. Was auch immer zwischen Bryndis und ihrem flüchtigen Gefährten beim letzten Treffen vorgefallen sein mag, hat sie genug erschüttert, um ihre jüngeren Söhne ohne jede Absprache allein zu lassen. Ich hoffe zwar, dass sie zu ihrem ältesten Sohn nach Arthedain zieht und habe ihn bereits gebeten, nach ihr Ausschau zu halten, es ist allerdings viel wahrscheinlicher, das sie ihre alte Gewohnheit gefährlicher Alleingänge wiederaufgenommen hat. Sollte dies der Fall sein, werde ich ihre Spur erst aufnehmen können, wenn sie dem Tode nahe ist. Könntest du vielleicht die anderen Drachen bitten, bei der Suche nach ihr zu helfen?<

Nachdenklich lauschte Scatha seinen Ausführungen. In Anbetracht der gesamten Situation ergab Branimirs Verhalten tatsächlich Sinn. Es war nur verständlich, dass Bryndis‘ Verschwinden die Hautwechsler beunruhigte. Der Tod der einzigen Heilerin verstärkte die Verwundbarkeit der kleinen Sippe.
>Ich kann die anderen Drachen um diesen Gefallen bitten. Bryndis mag vielleicht ein hitziger Sturkopf sein, von einer leichtsinnig impulsiven Närrin hat sie allerdings kaum etwas. Wenn sie nicht gefunden werden will, wird es keinem von uns gelingen sie aufzuspüren. Solange ich weg bin, solltet ihr eure Schutzvorkehrungen verstärken und wachsam bleiben. Ihr nächstes Ziel werden entweder die Kinder oder sämtliche Schwangere sein. Leider ist meiner Mutter alles zu zutrauen, auch wenn ich bezweifle, dass sie euch direkt angreift und auslöscht. Sie wird sich vorher an eurer wachsenden Verzweiflung, Furcht und dem verursachten grauenvollen Schmerz weiden wollen. Seid auf der Hut!<

Branimir brach nach einem kurzen Dank die Verbindung ab und Scatha spürte die zarte fremde Präsenz eines angehenden Heilers am Rande seines Bewusstseins. Verwundert ließ er den Kontakt zu und berührte sacht den Geist eines Jungen. Fremde Gefühle, Erinnerungen und Gedankenfragmente wirbelten an die temporär gemeinsame Bewusstseinsoberfläche. Bei dem Kind handelte es sich um den Zwillingsbruder seines Schützlings. Eskil schien über die wachsende räumliche Distanz zu seiner Schwester verärgert zu sein.
>Deiner Schwester wird nichts Übles unter den Feuerspuckern widerfahren. Im Gegenteil. In der Dürren Heide wird sie ausser freundschaftlichen Bündnissen mit Gleichaltrigen auch die Chance auf eine gute Ausbildung als Flugdrache erhalten. Was sie zum Leben als Kaltdrache benötigt kann ich ihr nicht beibringen. Sie muss ihre unvernünftige Aversion gegen das Fliegen überwinden. Sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat und die Verwandlung in einen Menschen für längere Zeit beherrscht, steht eurer Wiedervereinigung nichts mehr im Weg.< Seine Worte hätten besänftigend auf den Halbwüchsigen wirken sollen. Statt einer versöhnten Ruhe schwappte eine mentale Welle des Misstrauens über den älteren Drachen hinweg. Eskils Antwort verriet die schwärende Kränkung und die zornige Ohnmacht angesichts seiner eigenen Hilflosigkeit: >Irre ich mich, oder könnte diese Wartezeit verkürzt werden, würden die Kaltdrachen ihre Verpflichtung uns gegenüber ernst nehmen?!<

>Deine Beobachtung entspricht der Wahrheit. Natürlich wäre es ideal, wenn die Kaltdrachen sich um die Ausbildung und Erziehung deines Zwillings kümmern würden. Nur leben die Kaltdrachen hauptsächlich in der eisigen Ödnis, in den Bergen oder an sturmgeplagten Küsten. Die Dürre Heide gehört nicht zu ihren bevorzugten Jagdgebieten und eignet sich kaum als Brutstätte. Demnach sind die Feuerdrachen im Augenblick die beste Option für die sichere Ausbildung deiner Schwester. Noch ist es zu früh für eine Rückkehr in die Arme ihrer Sippe. Eskil, gib dir und Kendra die Zeit an den Herausforderungen eurer jungen Leben zu wachsen. Auch wenn ihr Zwillinge seid hält das Schicksal für euch jeweils die passenden Prüfungen und Lektionen bereit. Keiner von euch hat um die Trennung gebeten, die dank der Geburtsumstände und den Abkommen der Erwachsenen zustande kam. Vielleicht kommst du dir klein, unbedeutend und erbärmlich hilflos vor. Diese Gefühle sind verständlich und du hast jedes Recht, die Erwachsenen zu hinterfragen, selbst wenn sie nur das Beste für euch beide im Sinn haben. Trotzdem möchte ich dich daran erinnern, dass ihr einander nicht für immer verloren habt. Es wird der Tag der Wiedervereinigung kommen und ihr werdet beide begreifen, was ihr ungeachtet räumlicher Entfernung oder unterschiedlicher Erziehung aneinander habt. Verliere bitte weder deinen Mut noch dein Vertrauen in euch beide. Bleib gesund und am Leben. Mehr verlange ich nicht von dir.<

Eskil verfiel in grüblerisches Schweigen. Offenbar war der jüngere Zwilling sich der Blutsbande und dem verbundenen Gegenpart deutlicher bewusst als Kendra. Das entsprach der allgemeinen Erwartung. Kendras Drachenseite war zu dominant und ihr ganzes Wesen von den Eindrücken sowie Erfahrungen eines Schlüpflings eingenommen um die schwache Präsenz ihres Bruders in ihrer Seele wahrzunehmen. Vielleicht wäre Kendra aufmerksamer, hätte Eskil böse Absichten ihr gegenüber. Da er allerdings keine Gefahr für sie darstellte, blendete sie ihn unbewusst aus. Dieses Verhältnis würde sich erst dann verändern, wenn sie Frieden mit ihrem Dasein als Hautwechsler geschlossen hatte und sich nicht länger primär als Drachenweibchen wahrnahm. Solche tiefgreifende Veränderungen benötigten Zeit, Geduld, sorgfältig eingesetzte Energie und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. So schwer es auch für den zurückgebliebenen Zwilling sein mochte, er würde sich in Geduld und Akzeptanz üben müssen. Eskil konnte eine Rückkehr seiner Schwester und einen beschleunigten Entwicklungsprozess nicht erzwingen. Wie sie war er altersbedingt noch von dem Wohlwollen und dem verantwortungsvollen Verhalten der Erwachsenen um sich herum abhängig. Sich diesem Schutz vorzeitig entziehen würde im schlimmsten Fall seinen Tod bedeuten. Widerwillig akzeptierte der Junge die gegenwärtige Situation und wünschte mit einiger Verzögerung dem Ziehvater seiner Schwester eine sichere Reise.
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