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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
60.183
4
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Dieses Kapitel
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22.01.2021 1.191
 
Imladris, 1324 Drittes Zeitalter:
Aufmerksam beobachtete Elrond den erst kürzlich aufgenommen Zögling Faelon der Häuser der Heilung beim Verrichten grundlegender Pflichten. Sein Verhalten und Arbeitsmoral fand sogar vor den strengen Augen Erestors Gefallen. Faelon war freundlich, hilfsbereit, intelligent und zurückhaltend. Wenn er nicht gerade einem der Heiler assistierte, Botenaufträge erfüllte, die Räumlichkeiten für die Patienten in einen tadellosen Zustand versetzte oder sein theoretisches Wissen über die Teilzweige der Heilkunst vertiefte, studierte er mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit frühere Aufzeichnungen über Seuchen, Gifte und umstrittene experimentelle Behandlungsmethoden. Auf die Frage nach seinen Beweggründen gab er mit versteinerte Miene familiäre Probleme an, führte aber deren tatsächliche Natur nicht weiter aus.

Aus reiner Neugierde hatte Elrond die Gehilfen seines gelehrten Beraters nach den Aufzeichnungen gefragt, die derartig fesselnd auf den angehenden Heiler wirkten und war dabei über die Notizen des jungen Mann gestolpert. Die Ähnlichkeit der Handschrift zu der des ehemaligen Ausbilders Herenvar seiner Söhne war frappierend. Wenn er so darüber nachdachte, hörten die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern dort nicht auf. Herenvar hatte während seiner Zeit in Imladris kaum etwas über seine Herkunft oder seine Familie preisgegeben und Galadriel war bei dem Versuch seine Gedanken zu lesen gescheitert. Bis auf den gewählten Beruf entsprach Faelon auch im Aussehen und Auftreten einer jüngeren Version des verschwiegenen Kriegers. Dennoch gelang es dem Halbelben nicht wirklich einen Blick unter die interessante Oberfläche des Jüngeren zu erhaschen.

Gut möglich, das zwischen den beiden Männern Blutsbande bestanden. Über Herenvar hatte er nach dessen Austritt aus dem Dienst des Elbenkönigs Thranduil nichts mehr in Erfahrung bringen können und Faelon zeigte keineswegs einen Hang zur geselligen Redseligkeit – selbst wenn er unter den starken Einfluss von Elbenwein stand. Für einen Menschen schien er äußerst gestählte Nerven zu besitzen.

„Was lenkt dich so sehr ab, dass du nicht einmal dem Brief deiner Tochter ungestört lesen kannst, melethron?“ Erschrocken zuckte Elrond zusammen. Die sanfte Frauenstimme klang dicht neben seinem Ohr und bebte vor Neugierde. Seine geliebte Gemahlin Celebrían hatte sich unbemerkt an ihn angeschlichen und verfolgte nun seinen Blick direkt zu dem auf der Bank sitzenden und lesenden Faelon. Liebevoll schlang sie ihre Arme um seine Mitte und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Hm. Verstehe. Er ist ein faszinierendes Rätsel, das du lösen möchtest, habe ich Recht? Wüsste ich es nicht besser, wäre ich überzeugt, das Herenvar für sich selbst den Lauf der Zeit beeinflusst hat und dieses Mal einen anderen Weg als den eines Kriegers wählen will. Sie sind sich sehr ähnlich, melethron, aber sie sind nicht dieselbe Person. Ihre Energie und das Licht ihrer Seelen unterscheiden sich dafür zu sehr. Außerdem ist zu viel Zeit für die Lebensspanne eines einzelnen Menschen vergangen, als das der kleine Heiler in unserer Obhut Herenvar selbst oder dessen Sohn sein könnte. Sie sind vielleicht blutsverwandt und treten verblüffend ähnlich auf, aber mehr ist da nicht. Außerdem ist es dir schon bei Herenvar nicht gelungen, ihn zu entschlüsseln und meine Mutter sollte sich aus der Sache besser raushalten. Es gibt wichtigere Dinge, die unsere Aufmerksamkeit dringend erfordern, als Faelons Herkunft.“

Nachdenklich wandte Elrond sich seiner Gemahlin zu. In der Tat gab es beunruhigendere Entwicklungen als die Anwesenheit eines verschwiegenen Heiler-Eleven. Die Berichte aus Arthedain, Rhudaur und Cardolan sprachen von vermehrten Aufständen und politischen Streitigkeiten. Zwar waren Menschen nicht gerade für ein grundsätzlich aufopferungsvolles, besonnenes und gerechtes politisches Gespür bekannt, dennoch könnte eine Kombination aus Neid, Gier, Verblendung und Misstrauen tödlich für die Nachbarländer des ehemaligen Arnors sein.

„Sprichst du von den Aufständen in Rhudaur und die steigenden Überfälle durch Orks, die viel geplanter verlaufen als gewöhnlich?“

„Sehr gut. Ich war mir nicht sicher, ob die Worte des Botschafters von der letzten Berichterstattung bei dir hängen geblieben sind.“ Er schnaubte über die leichte Spitze und sie sah ihn um Verzeihung bittend an. Seufzend nickte er leicht und löste sich aus ihrer Umarmung um mit dem Finger über die auf dem Tisch ausgebreitete Karte zu streichen. Macht kam immer mit Verantwortung und viele gute Menschen waren durch zu viele Privilegien korrupt geworden. Noch war er unschlüssig, wie sehr er sich in die Geschicke der Menschen einmischen sollte. Der gegenwärtige König von Arthedain würde ihn nicht einmal als Vermittler dulden. Er war nicht einmal gewillt, seinen Sohn nach Imladris zu schicken, damit dieser ungestört von politischen Intrigen ausgebildet werden konnte*.  Bei so viel Sturheit war ein diplomatisches Taktgefühl fast schon vergebene Liebesmüh. „Was gedenkst du zu tun um die Isildurs Linie aus der Krise zu retten, bevor die Situation unkontrollierbar wird und blutig eskaliert?“

„Eine blutige Eskalation ist bei dieser Sippe unabwendbar. Zu tief ist dieselbe Gier in ihnen verwurzelt, die auch Isildur zu Fall gebracht hat. Die engstirnige Denkweise der gegenwärtigen Machtinhaber lassen uns kaum Spielraum für Verhandlungen oder gar Beschwichtigungen. Am Ende haben wir keine andere Wahl als Schadensbegrenzung zu betreiben und unsere eigenen Grenzen zu sichern. Wir können uns keinen Krieg leisten und unnötig viel Blut vergießen. Ist der Botschafter noch in Imladris oder bereits aufgebrochen um nach Arthedain zurückzukehren?“

„Er ist gestern abgereist – nachdem er Faelon zu sich bestellt hat.“ Warum sollte ein Botschafter Interesse an einem angehenden Heiler zeigen? Verwirrend. Er würde Faelon nach dem Gespräch fragen, sobald er die Zeit für ein taktisches Verhör fand. Celebrían trat ruhig neben ihn und legte behutsam ihre Hand über Seine. „Fürchtest du dich, dass Arthedains Regent in die Fußstapfen seines Vorfahren treten wird?“

„Ist er das nicht bereits, melethril? Er ist stolz, unbelehrbar, arrogant und verblendet von seiner geerbten Macht. Die wenigen Berater an seiner Seite, die sowohl das Wohl seines Volkes als auch das seiner Familie im Sinn haben, schenkt er Hörensagen nach kaum Gehör. Er strebt nach der Größe Elendils ohne zu begreifen, was für einen Preis dieser für seine Errungenschaften und Ruf als großartigen Herrscher zahlen musste. Wahre Könige werden nicht einfach mit dem notwendigen Wissen und ihrer Macht geboren. Sie müssen sich bewusst für diese Position entscheiden, Opfer darbringen und sich selbst als Diener ihres Volkes verstehen. Ihnen darf es nicht um die Befriedigung ihrer primitiven Gelüste gehen oder darum, ein großes Gebiet zu beherrschen. Ihm können wir nicht helfen. Sollte sein Erbe uns aber jemals um Hilfe bitten, werde ich ihm diese nicht verweigern.“

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*Fußnote zu Argeleb I., siebter König von Arthedain (1226 – 1356 D.Z.): In einem meiner früheren Kapitel habe ich ihn bereits jetzt zum König von Arthedain gemacht ohne meine Recherche-Hausaufgaben ordentlich zu machen. Laut meiner Quellen trat er die Nachfolge von Malvegil erst 1349 D.Z. an und regierte insgesamt sieben Jahre. Wenn man also sich das aktuelle Jahr dieses Kapitels anschaut, wären nach der offiziellen Chronik noch 25 Jahre bis zu seiner fatalen Herrschaft. Ich habe mich nach langem Überlegen entschieden, diese Abweichung von der originalen Timeline beizubehalten, da ich Malvegil ohne besonderen Grund als „guten König“ und Kontrast zu Argeleb I. sehen wollte. Der Egoismus von Fanfiction-Autoren;)

AN: Eskil lebt momentan unter dem elbischen Decknamen „Faelon“ in Imladris und bei „Herenvar“ handelt es sich in Wahrheit um Branimir. Der arme Elrond hat keine Ahnung, dass er friedlich mit zwei potenziell grausamen Zerstörern zusammenlebte. Ihr Lieben, ich würde mich sehr über Rückmeldungen, konstruktive Kritik und vielleicht sogar Spekulationen über weitere Charakterentwicklungen freuen.
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