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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
65.507
4
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05.01.2021 1.890
 
Scathas Rückkehr in sein Territorium hatte sich wesentlich leichter gestaltet als üblich, da er dieses Mal keine Rücksicht auf seinen schwächeren Schützling nehmen musste. Zweifellos hätte sie versucht ihm dem Kopf abzureißen, wäre sie in der Lage, beliebig seine Gedanken zu lesen. Sie in die Obhut heimtückischer feuerspuckender Bastarde zu geben mochte vielleicht nicht die Klügste seiner Entscheidungen gewesen sein, aber im Augenblick das kleinere Übel. Seine Zurückweisung hatte sie zutiefst verletzt und bis zu seiner Abreise hielt sie sich von ihm fern. Kendras Ausbildung würde auch in seiner Abwesenheit fortgesetzt, wenn auch unter der Leitung der Kaltdrachen. Vielleicht konnte der winzige Zankteufel bereits fliegen und seine Drachenkräfte zum Jagen einsetzen, sobald er sie abholte. Wünschenswert wäre es. Um zu ihrem Stamm zurückkehren zu können und mit ihrer Familie vereint zu werden, musste sie sowohl ihre Drachenseite als auch ihr menschliches Erbe beherrschen.

Verglichen mit dem hohen Preis, den er gezahlt hätte, wäre er dem Drängen des Mädchens nachlässig begegnet, war die jetzige Ablösung und wachsende Kluft zwischen ihnen fast schon lächerlich. Trotzdem zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Er vermisste sie ohne sie tatsächlich verloren zu haben. Entwickelte er sich etwa zu einem senilen, wehleidigen und lamentierenden Drachen? Eine erschreckende Vorstellung.

Von Branimir war er über die Vorgänge im Nebelgebirge und im ehemaligen Königreich Arnor informiert worden. Obwohl es sich hierbei um einen aufkeimenden Krieg zwischen Menschen, Orks und machtgierigen verfluchten Todgeweihten handelte, war sich Scatha bewusst, dass er dieses Mal sich nicht vollkommen raushalten konnte. Die Hautwechsler waren seine Verbündeten und Branimirs familiäre Wurzeln lagen in Arthedain. Natürlich würde er keinen Drachen in diesen Krieg schicken oder sich selbst an den bevorstehenden Schlachten beteiligen. Dieses blutige Handwerk überließ er gerne den streitlustigen Zweibeinern.  Sein Interesse konzentrierte sich auf die Quelle der bösartigen Bedrohung: Angmar. Er musste dafür Sorge tragen, das kein Hautwechsler in dieser Region in Gefangenschaft geriet oder das die Strippenzieher von der Präsenz der Drachensippen Wind bekamen. Solange die sogenannten freien Völker nicht gegen eine Drachenarmee antreten musste, würden die unbeteiligten Drachen und ihre Horte unbehelligt bleiben. Zudem konnte Scatha mit seiner Beteiligung sicherstellen, dass seine Ziehtochter auch in Zukunft eine Heimat und Familie für ihre Rückkehr hatte.

Tief in seinem Bewusstsein regte sich eine wohlvertraute Präsenz. Angelockt von seinem emotionalen Zwiespalt gab Drifa ihre Anwesenheit preis und meinte gleichzeitig verbittert über ihren einzigen lebenden Sohn herziehen zu müssen: >Was für eine Schande. Ich hätte dein Ei zerquetschen sollen, bevor du schlüpfen konntest. Wie kann es sein, dass ein höheres hochintelligentes Wesen sich mit primitiven Banalitäten wie menschlichen Gefühlen beeinflussen lässt? Kein Wunder, dass wir Drachenweibchen die Jungenaufzucht übernehmen und die schwächeren Artgenossen gnädig ausrotten. Du bist viel zu verweichlicht, mein Sohn.<

Die wenigsten Drachenweibchen befanden sich in der Position, langhaltende positive Bindungen mit ihrem Nachwuchs einzugehen und Besorgnis der Brut gegenüber war in vielen Fällen eher eine Seltenheit. Scatha hatte mit seiner Entscheidung gegen die bewährte Tradition der Jungenaufzucht verstoßen und sein Interesse an Kendras Wohlergehen wirkte auf seine Mutter wahrscheinlich befremdend. Zu ihrer enormen Verbitterung kam auch die Erkenntnis, dass seine Sentimentalität ihre Vergeltungspläne behinderten und sie keine Chance bekommen würde, die junge Hautwechslerin noch in ihrer Kindheit zu eliminieren.

>Bezeichnest du mich etwa als senil und sentimental, Mutter? Die meisten Junggesellen unserer Art die mein  Alter erreichen, leiden unter ähnlichen Symptomen und müssen sich nicht Todesdrohungen von ihren lamentierenden Mütter anhören. Als Küken war ich dir gleichgültig und jetzt nörgelst du offen über die Makel meines Charakters. Du verhältst dich genauso menschlich wie ich – mit dem Unterschied, das ich dir daraus keinen Strick drehe.<

Erbost zischelte sie in seinem Verstand. Ihn zu provozieren oder zu einem impulsiven Manöver zu verleiten, war längst nicht so einfach, wie diese missgünstige Schlange es sich wünschte. Stattdessen löste ihr Zorn eine ehrliche Erheiterungswelle in ihm aus. >Verdammter Bastard! Diese Dreistigkeit wird dir eines Tages das Leben kosten. Wage es ja nicht, mich mit den erbärmlichen und schwächlichen Zweibeinern zu vergleichen, die zu nichts außer einer mageren Mahlzeit taugen! Ich mag vielleicht dir nicht den Hals umdrehen, aber ich bin mit deinen törichten Schwachstellen längst vertraut. Beschwer dich nicht, wenn deine teuren Haustiere in großer Anzahl sterben.<

Um ihren wüsten Drohungen mehr Gewicht zu verleihen, zog sie sich nach ihrem Ausbruch gewaltsam aus seinem Verstand zurück. Entnervt über ihre mentalen Ausschreitungen entblößte Scatha sein Gebiss und verschreckte damit einen ahnungslosen Fisch vor ihm. Panisch suchte die winzige Kreatur eine sichere Zuflucht vor dem größeren Raubtier.

„Dir scheint jedes Zeitgefühl abhanden gekommen zu sein im Greisenalter.“ Überrascht fuhr Scatha bei der plötzlichen Ansprache zurück und funkelte erbost in die amüsiert funkelnden Drachenaugen. Im Strudel des Wassers und mit den ganzen Lichtreflexionen hatte er den verräterischen geschuppten Körper gar nicht bemerkt. Auch wenn Kaltdrachen am liebsten in schwindelerregenden Höhen und in klirrender Kälte ihrem Jagdtrieb nachgaben, liebten es einige Weibchen stundenlang die Gewässer nach interessanter Beute zu durchschwimmen. Besonders Aslaug fühlte sich zu Wasser hingezogen, weshalb ihre Haupthöhle auch an der Meeresküste lag – sie war es auch, die ihn unter Wasser und ohne auf die mentalen Kommunikationswege zurückgreifen zu müssen angesprochen hatte. Finster fixierte er das fröhlich feixende Weibchen. Sie war eindeutig zu gut gelaunt, bedachte man ihre temporäre Aufgabe. Wie konnte sie es wagen, ihm persönlich unter die Augen zu kommen, bevor er sich von der Qualität ihrer verrichteten Pflichten überzeugen konnte? Mehr noch: die Übergabe der Verantwortung für die Hautwechsler musste nicht innerhalb einer direkten Interaktion zwischen ihnen erfolgen um gültig zu sein. >Aslaug!<

„Wie enttäuschend. Einige Gehirnzellen funktionieren also immer noch.“
Eine offene Provokation. Mit den Zähnen knirschend kämpfte Scatha dagegen an ihr jede Schuppe einzeln auszureißen. Es würde sie nicht vom Reden abhalten und ihre Vorliebe ihn zu ärgern eliminieren. Anscheinend nahm sie seine frühere Drohung nicht mehr ernst. Warum sonst sollte sie ihn auf dem Weg zu seinen Schützlingen persönlich abfangen? Irgendetwas heckte sie aus und er musste herausfinden was. Je schneller desto besser. >Und du scheinst lebensmüde zu sein, wenn du glaubst mit dieser Strategie erfolgreich zu sein. Habe ich dir nicht gesagt, dass die Übergabe der Hautwechsler ohne ein persönliches Treffen stattfindet?< Ihre Augen glitzerten amüsiert. Neckisch schlang sie ihren Schwanz um seinen Hals und zog ihn durchs Wasser direkt vor ihren Kopf. „Kann sein, das du etwas in diese Richtung gebrabbelt hast. Zufällig habe ich vergessen deinem unsinnigen Vorschlag zuzustimmen und dir mein Wort zu geben. Wer von uns ist so lebensmüde, seine rachsüchtige und blutdurstige Mutter am Leben zu lassen? Diese vierbeinige Natter hätte längst das Zeitliche segnen sollen. Spätestens nach dem Tod meiner Mutter. Warum hast du damals meinen Vater Einhalt geboten? Er hätte Drifa leicht töten können. Deine süßen Schützlinge wären wesentlich sicherer, gäbe es dieses abscheuliche Miststück nicht mehr.“

Entnervt ließ er sie gewähren und starrte in das vertraute Augenpaar. Unverschämtes Biest. Warum wurde sie es nur nicht müde ihm die alten Streitpunkte zu präsentieren? Ja, er hatte Jindra damals aufgehalten und der Tod seiner Mutter wäre für die Hautwechsler sicher eine Erleichterung. Aslaug war das erste Weibchen gewesen, mit dem er sich gepaart hatte, auch wenn ihr Nachwuchs die ersten Wochen kaum überlebte. Sie kannte ihn von allen Kaltdrachen am Besten und seine Nachlässigkeit ihr gegenüber war geradezu beschämend. Früher war das Geplänkel ihre Art des Vorspiels gewesen und sein Körper fand sie offenbar nicht abstoßend genug um vernünftig zu handeln. Sie zu töten wäre eine vernünftige Tat für die Allgemeinheit aller Drachen, widersprach bedauerlicherweise aber den entwickelten Prinzipien. Artgenossen wurden nicht aus banalen Gründen wie Langeweile, Rache, Neid oder Zorn ausgelöscht. Weibchen durften ihre männlichen Partner für die Gewährleistung eines stabilen Stoffwechsel verspeisen, aber Drachenmännchen durften umgekehrt ihnen keine Schuppe ausreißen, sobald sie alt und stark genug waren, um sich verteidigen zu können. Um Aslaug ohne komplexe Konsequenzen töten zu können, hätte er kurz nach ihrem Schlüpfen handeln müssen. Diese Gelegenheit hatte er verpasst.

Sein fast schon lethargischer Zustand zerstörte die sadistischen Hoffnungen des besagten Weibchens. Enttäuscht gab Aslaug seinen Hals frei und begleitete ihn zum Ufer. Sie schüttelte ihren Körper heftig genug damit die Wassertropfen in alle Richtungen stoben. Licht brach sich in ihnen und erzeugte winzige Regenbögen. Bevor sie ihm mit ihren gewöhnlichen Argumenten aus dem Konzept bringen konnte, begann er ruhig zu sprechen. >Wäre Drifa so leicht zu töten, wäre deine Mutter gar nicht gestorben, Aslaug. Statt mit mir über Schuld zu streiten solltest du dich vielleicht um die Ausbildung einer Artgenossin kümmern. Sie könnte ein weibliches Vorbild gebrauchen.< Neugierig begutachtete sie seine stoische Mimik auf der Suche nach Hinweisen. Die meisten Kaltdrachen, die sie kannte, hatten ihre Ausbildung längst abgeschlossen. Interessant. Möglicherweise würden die Schlangendrachen die übernommen Pflichten – darunter die Förderung der Drachenhautwechsler – an die Kaltdrachen zurückgeben. Ein Schritt, der mehr als nur überfällig war.

„Meine Brut ist erwachsen genug und ich habe momentan nichts Besseres zu tun. Mich wundert es lediglich, dass du die Verantwortung ihrer Ausbildung so spät auf mich abwälzt. Ihr Männchen habt doch mit dem Nachwuchs kaum zu schaffen und Erziehung kommt selten genug in eurem Wortschatz vor. Hast du sie etwa in der Obhut anderer zurückgelassen? Och, wie niedlich. Sind das etwa Schuldgefühle, Liebling? Tsts. Wie grausam und unverantwortlich von dir. Schließlich wurde sie ausdrücklich dir anvertraut und nicht meiner Sippe. Aber was kann man von einer männlichen Schlange auch erwarten?“
>Sehr witzig. Im Vergleich zu euch Weibchen bin ich geradezu unschuldig. Ich setzte das Mädchen nicht wissentlich jeder Gefahr aus nur um zu sehen, ob sie besser abschneidet als ihre Brüder. Ich musste sie zurücklassen.<
„Weiß die Kleine das auch? Drachenweibchen sind sehr nachtragend. Besonders in diesem zarten Alter. Hast du es schon mal mit vernünftigen Argumenten versucht?“
>Ich bin kein Versager!<
„Ansichtssache. Von Kaltdrachen und weiblichen Gehirnen verstehst du sogar noch weniger als dein Vater.“
>Das war unnötig gemein.<
„Ein bisschen mehr Ehrlichkeit würde dir nicht schaden und das romantische Abbild deiner Person in den Augen des Mädchens nur verstärken. Wo hast du sie versteckt? In der Dürren Heide?“
>Sie ist bei den Feuerspuckern.<
„Wie bitte?! Du lässt ein unschuldiges, niedliches und unwissendes Küken bei diesen unkultivierten heimtückischen Bastarden zurück?! Hast du vollkommen den Verstand verloren, Scatha?“
>Du hörst dich an wie eine Glucke. Ach, ich vergaß, eure Art stammt ja von riesigem Geflügel ab! Kommst du mit der Arroganz von Feuerspuckern ohne Gewalt anzuwenden zurecht oder muss ich sicherstellen, das keiner von euch in der betreffenden Zeitspanne eure angeborenen Fähigkeiten einsetzen kann?<  
„Diese Spitze war unnötig. Ich würde nie etwas Gefährliches tun, was eine Artgenossin gefährdet. Für die paar Wochen werde ich mich zusammen reißen.“
>Habe ich dein Wort?<
„Argh. Ja. Ich. Verspreche. Mich. Vernünftig. Zu. BENEHMEN!“

Ihr wütendes Knurren brachte ihn ungewollt zum Lachen. Erbost schlug sie ihm mit ihrer Schwanzspitze auf den Hinterkopf und schlug ihm kraftvoll einen Flügel gegen die Schläfe. Sie würde es Branimir überlassen, diesen unverschämten Flegel mit dem aktuellen Wissen auszustatten. Alles war besser, als sich mit einem albernen arroganten Drachenmännchen auseinanderzusetzen!

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Herzlichen Dank für die sechs Reviews, die zwei Empfehlungen und die Favoriteneinträge. Ich hoffe, ihr hattet alle einen guten Start ins neue Jahr. Falls ihr in diesem Kapitel mehr Fehler als sonst entdeckt haben sollten: ich bin seit letzten Mittwoch Corona positiv und kann erst seit heute, einigermassen logisch denken geschweige denn schreiben.
Man liest sich!

Liebe Grüße
Eruanna
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