Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Sturmgeboren

von Eruanna
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
77.984
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.12.2020 1.978
 
Eskils Lungen brannten vor Anstrengung und seine Muskeln protestierten vehement gegen die rücksichtslose Behandlung. Inmitten einer Welle aus reißzahnbewehrten pelzigen Vierbeinern hatte er keine andere Wahl als weiter zu rennen, wenn er nicht zu Tode getrampelt werden wollte. Das Blut dröhnte in seinen Ohren und wieder einmal verfluchte er die scharfen Sinne seines Stammes. Zu gut konnte er neben dem Pfotengetrommel die Geräusche ihrer Verfolger ausmachen, die längst von Wargreitern unterstützt wurden und immer mehr aufholten. Er musste nicht einmal den Kopf leicht drehen um zu erkennen, das ihr Vorsprung kläglich schrumpfte. Sklavenhändler, Fallensteller und Orks. Sie würden ihm keine Chance zur Flucht geben, falls sie das Rudel einholten und einkesselten. Die Wölfe konnten den berittenen Wargen in einem offenen Kampf nichts entgegensetzen und Verletzungen in den Bergen zu erleiden war bestenfalls ein sofortiges Todesurteil. Wenn nicht bald ein Wunder geschah würde er ebenfalls verschleppt oder direkt getötet werden.

>Kannst du dich in einen Drachen verwandeln Fao? Vielleicht könntest du sie so aufhalten.< Selbst seine mentale Stimme vibrierte vor Anspannung. Fao hatte sich kurzfristig vom Rudel getrennt um einer ungewöhnlichen Fährte nachzugehen. Sie war im Augenblick seine größte Hoffnung auf eine Rettung vor der Sklaverei. >Die Verfolger holen auf. Lange hält das Rudel von mir ganz zu schweigen, diese brutale Hetzjagd nicht mehr durch. Wir brauchen dringend Hilfe.<

Es war eine dumme Idee gewesen, sich dem Wolfsmädchen und ihrem Rudel anzuschliessen, nur um für ein paar Stunden der Aufsicht der Erwachsenen zu entfliehen. Seit der Rückkehr seines ältesten Bruders wurde er strikter denn je überwacht und seine Streifzüge waren unterbunden worden. Was auch immer der Erstgeborene für Nachrichten überbracht hatte, sie waren der Grund für seinen Freiheitsverlust. Natürlich teilten die Erwachsenen ihre Sorgen nicht mit ihm – galt er doch immer noch als bedürftiges Kind, dessen Entwicklung ja nicht gefährdet werden sollte. Da er seine übrigen Lektionen schnell leid geworden war hatte er vor einigen Tagen seinen Großvater darum gebeten, seine Heilerausbildung ausserhalb des Territoriums fortsetzen zu dürfen.

>Ich bin unterwegs. Berichte mir mehr über eure Verfolger. Wer und was sind sie?<

Entschlossen sprang er über eine tiefe Felsspalte und begann sich in einem engen Zickzack durchs trickige Gelände zu bewegen. >Sklavenhändler, Fallensteller und orkische Wargreiter. Sie haben offensichtlich andere Haut- und Pelzwechsler in den Nebelbergen gejagt. Die verdammten Pelzbiester haben meine Witterung aufgenommen und mich an ihre Verbündeten verraten. Betrügerisches Pack! Deine Vorsichtsmassnahmen helfen offensichtlich nicht gegen Wargnasen.<

Sie schien über seinen kurzatmigen Bericht nachzudenken. Beunruhigt durch die plötzliche Stille hinter sich wagte er einen riskanten Schulterblick. Überrascht verlangsamte er seine Geschwindigkeit und blieb halb von einem bizarren Felsbrocken verborgen stehen. Ein gelblich schimmernder Nebel hatte die Verfolger verschluckt. Er musste nicht auf seinen Geruchssinn zurückgreifen um zu wissen, das die Quelle des Nebels sehr lebendig und mit tödlichen Gift ausgestattet war. Drachen verströmten giftige Dämpfe, die bei den richtigen Bedingungen sich zu einem tödlichen Nebel verdichten konnte. Er erinnerte sich an die Erzählungen seines Großvaters, der mehrmals Zeuge eines solchen Ereignis geworden war. >Ähem, Fao? Bist du für den Nebel verantwortlich?<

Wenn er sich sehr anstrengte, konnte er die abrupt absterbendem Todesschreie, Knochenbrechen und mahlende Kaugeräusche hören. Wer auch immer ihm zur Hilfe gekommen war genoss eindeutig seine Mahlzeit. Nur waren die meisten Hautwechsler zu menschlich in ihrer Denkweise um andere Zweibeiner zu fressen, selbst wenn sie in ihrer Drachengestalt jagten. Jemand wie Fao, die sich bereits von der Sippe distanziert hatte und unter Raubtieren wie Wölfen lebte, mochte vielleicht nicht dieselben Hemmungen haben, von seiner Zwillingsschwester ganz zu schweigen.  Aber Kendra war zu weit entfernt und viel zu jung, um gegenwärtig eine tödliche Bedrohung für seine kampferprobten Verfolger darzustellen. Mehr noch, seine liebe Schwester erinnerte sich nicht an ihn und hätte auch keinen Grund ihm zu helfen.

>Welcher Nebel? Ich versuche immer noch dich und das Rudel wiederzufinden. Argh, ich hasse meine Drachengestalt! Warum ist es nur so schwer in ihr zu navigieren, kommunizieren und gleichzeitig andere zu orten?! Versuch nicht in Panik zu geraten, nur weil du jetzt halluzinierst.<

Eskil warf einen prüfenden Blick auf seine vierbeinigen Begleiter, die sich hechelnd ausruhten und ihn aufmerksam beobachteten. Da sie offensichtlich kein höheres Raubtier witterten und auch nicht zielstrebig ihre Freundin riefen, befand er sich nicht in unmittelbarer Gefahr. Wesentlich ruhiger überdachte er andere Szenarien, die er bislang nicht einkalkuliert hatte. Die Nebelberge wurden hauptsächlich von den großen Adlern und einigen Pelzwechsler-Familien beherrscht. Kaltdrachen scheuten überschneidende Territorien mit diesen Vögeln und die übrigen Drachenarten hielten wenig von der unberechenbaren Nachbarschaft, welche die Höhlensysteme kontrollierten. Zwar wären die meisten Orks nicht so töricht, einen Drachen herauszufordern, aber sie verfügten über ausreichend überliefertes Wissen, um die Drachen zu vertreiben.

Der grüne Nebel war eindeutig ein Indiz für die Anwesenheit einen jagenden Drachen. Konnte es sein, dass seine Brüder und sein Großvater Scatha von seinem Verschwinden erzählt hatten, so das dieser ihm zur Hilfe eilte? Zögerlich suchte er den Kontakt mit der bereits vertrauten Präsenz. Sofort spürte er die tiefgreifende Ruhe und die beobachtende Aufmerksamkeit, die sich ihm zuwandte. >Du scheinst auf Ungeziefer ähnlich anziehend zu wirken, wie dein Zwilling, Junge. Ich bin nicht sicher, ob ich dir für deinen Leichtsinn die Gliedmaßen brechen sollte, damit du für die nächsten Wochen in der Sicherheit deiner Sippe bleibst oder ob ich dir nicht gratulieren müsste, da du im Gegensatz zu Kendra nicht die Aufmerksamkeit von Werwürmern und ähnlichem Gezücht auf dich ziehst.< Schamröte stieg in Eskils Wangen, noch ehe der Drache seinen milden Tadel vollendete. Es stimmte, dass er sich leichtsinnig in Gefahr gebracht hatte nur um den wachsamen Augen seiner Brüder und Onkel für ein paar Stunden zu entwischen. Ohne Scathas Eingreifen hätte das Abenteuer leicht mit seinem Tod enden können und Fao wäre möglicherweise in Gefangenschaft geraten. >Mir wäre es lieber, wenn du mich zurück bringen könntest ohne meiner Familie etwas von den heutigen Ereignissen zu berichten. Ich werde Großvater selbst Bericht erstatten und seine Strafe annehmen. Danke für die unerwartete Hilfe. Es tut mir Leid, das ich dir das Leben schwer mache.<

Verwundertes Schweigen, das schliesslich von einem vollen grollenden Gelächter abgelöst wurde. Verwirrt beobachtete Eskil wie der schlangenförmige Drache aus dem Nebel auftauchte und sich belustigt schüttelte. War Scatha wirklich ein höheres, respekteinflössendes und tödliches Wesen?! Nichts an seiner Antwort sollte derartige Erheiterung auslösen.

Dunkle Drachenaugen fanden seine halbverdeckte Gestalt mühelos und erwärmten sich. Gleichmütig bedeutete ihm eine gekrümmte Kralle sein Versteck zu verlassen und sich einer prüfenden Musterung klaglos zu unterziehen. Seufzend gab er nach und grinste flüchtig als der Drache zufrieden zischte. Die Erziehung seiner eigenwilligen Schwester hatte offensichtlich einen unerwarteten Mutterinstinkt in der uralten Schlange geweckt. Interessant.

„Deine Schwester hat das unglaublich enervierende Talent, mich mit ihrem Verhalten an meinem Verstand und meinem Alter zweifeln zu lassen. Dich vor Ungeziefer zu retten ist vergleichsweise eine willkommene Erholung von meinem Alltag als Ziehvater.“ Vorsichtig gehorchte Eskil der stummen Aufforderung sich von einer Klaue auf den Drachenkopf platzieren zu lassen und seine Finger in die Schuppenfugen zu krallen. Impulsiv nahm er Kontakt zu Fao auf und erhielt prompt ihre Zustimmung, als er sie über seine geplante Rückkehr zur Sippe informierte. Es war unwahrscheinlich, dass das Wolfsmädchen in den nächsten Stunden in der Siedlung eintreffen würde, was für ihn einen Aufschub des vollen Geständnis bedeutete. Er war längst nicht so erleichtert über diese Aussicht wie ursprünglich gedacht. „Warum hatten diese Kreaturen es eigentlich auf dich abgesehen, Junge? Diese Fallensteller sind auf kleine Pelzwechsler spezialisiert und stellen eigentlich keine ernste Bedrohung für Deinesgleichen dar. Könnte es sein, dass dein angeborenes Mitgefühl deinen gesunden Verstand vorübergehend überwältigte und du einen törichten Befreiungsversuch unternommen hast?“

Innerlich ertappt zuckte er bei der letzten Frage zusammen. Es war eine Sache zu wissen, was eine Gefangenschaft für die Gesundheit eines Haut- oder Pelzwechslers bedeuten konnte, eine ganze Andere dagegen als Einzelperson Gefangennahme und Verschleppung zu verhindern. Hätte er seinem Impuls nicht nachgegeben, wäre er wahrscheinlich unentdeckt davongekommen und sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Niemals würde er den Augenblick vergessen können, als die beiden jungen Füchse und die scheue Bergkatze ihm hoffnungsvoll entgegenblickten nur um sich kurz darauf in zitternde, verängstigte Menschenbündel zu verwandeln. Er hätte ihnen nicht Hoffnung geben dürfen mit seinem Erscheinen, da er eindeutig zu schwach war, um sie zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Einfach nur dumm.

„Mir hätte klar sein müssen, das ich zu schwach und unerfahren bin, um wirklich etwas bewirken zu können. Meinetwegen wird das Schicksal dieser drei jungen Pelzwechsler wahrscheinlich schlimmer sein als vorher – alles nur wegen meiner egoistischen, leichtsinnigen und närrischen Entscheidung.“

Scatha spürte deutlich die lähmende Niedergeschlagenheit und den aufkeimenden Selbsthass in dem jungen Hautwechsler. In den nächsten Tagen und Wochen musste der Kleine strikt beaufsichtigt und beschäftigt werden, um Schlimmeres zu vermeiden. Derartig intensive Schuldgefühle, Ohnmacht und Hilflosigkeit konnten den stärksten Geist an den Abgrund der Selbstzerfleischung befördern – und Eskil war trotz seines Verhaltens immer noch ein Kind, dessen Überleben und seelische Ruhe von dem Wohlwollen seiner Umgebung abhing. Als angehender Heiler wurden seine selbstlosen Tendenzen, Aufopferungs- und Hilfsbereitschaft weiter verstärkt. Natürlich würde er sein Leben als zweitrangig betrachten, wenn andere Formwandler verletzt oder bedroht wurden. Offenbar hatte Eskil den starken Gerechtigkeitssinn seiner Mutter geerbt und nach einer Möglichkeit gesucht, seinen Wert als Teil einer grösseren Gemeinschaft zu beweisen. Noch war ihm nicht bewusst, dass er früh genug erwachsen und Verantwortung übernehmen musste. Die Hautwechsler brauchten dringend einen talentierten und ausgebildeten Heiler um zukünftige Hürden leichter zu überwinden. Im Augenblick reichten die grundlegenden Kenntnisse der übrigen Erwachsenen für den Alltag aus, aber die Bedrohung durch Drifa und zweibeinige Jäger konnte jederzeit tödlich eskalieren. Angesichts der Veränderungen in der Nachbarschaft und dem heutigen Ereignis könnte Branimir Gefallen an den Gedanken finden, seinen jüngsten Enkelsohn dessen ältesten Bruder anzuvertrauen und ihn ausserhalb der Sippe seine Ausbildung abschliessen zu lassen.

„Das war keine närrische Entscheidung.“

Wie er erwartet hatte weckte der gelangweilte Tonfall und die ruhige Aussage den Kampfgeist des Knaben. Im Stillen brach Scatha in tonloses Kichern aus. Gleichgültig ob einer der beiden in einem Drachenkörper oder menschlichen Hülle festsass – in diesem Punkt handelten die ungleichen Zwillinge wie eine Einheit.

>Entschuldiget bitte mein unbewusstes Verbrechen, Eure hohen Ansprüche mit meinem begrenzten Wortschatz und Wissen beleidigt zu haben, Meister Drache!<

„Oh, du würdest es merken, wenn ich mit dir unzufrieden oder von deinem Verhalten ernsthaft enttäuscht wäre. Ich bezweifle nicht, dass dir dein Verhalten im Nachhinein Schuldgefühle macht und du dich für eine falsche Erleichterung selbst zerfleischt. Obwohl du einen Fehler begangen hast musst du dich dafür nicht zur Unkenntlichkeit zerreissen, zumal du ihn ja eingesehen, reflektiert und bereut hast. Wenn du jetzt noch deinen Fehler als Lernmöglichkeit begreifst und zusammen mit deiner Familie für ähnliche Zukunftsszenarien die richtigen Verhaltensmuster entwickelst, steht einer weiteren Reifung deiner Persönlichkeit nichts im Weg.“ Nachdenklich verstummte der Junge und schien seine Bemerkung akribisch zu analysieren. Schmunzelnd setzte Scatha seinen Weg fort. „Deine Entscheidung diese Welpen retten zu wollen war nicht närrisch, sondern menschlich. Ja, du hast deine gewohnte Rationalität für einen emotionalen Impuls vorübergehend verloren und nicht alle Faktoren einkalkuliert – aber genau für solche Lektionen ist dein Alter da. Das Beste an einem kurzen Menschenleben ist die Intensität in der Wahrnehmung und der eigenen Entwicklung. Du kannst jeden Tag so gestalten, dass du im Falle eines plötzlichen Todes ohne Reue in die nächste Daseinsform übergehst. Als Drache steht mir ein solches Gut nur begrenzt zur Verfügung. Ich kann mich nicht darauf verlassen, das mein Körper mit zunehmenden Alter zerfällt oder ich an Krankeiten sterbe. Meinesgleichen geht nicht einfach eines Nachts schlafen und wacht am nächsten Morgen nicht mehr auf. Wir Drachen werden gewaltsam aus dem Leben gerissen: entweder durch einen anderen Drachen, was mit zunehmenden Alter immer unwahrscheinlicher wird, oder aber weil die zweibeinigen Sterblichen im Pack Jagd auf uns machen. Für welche Existenz denkst du also würde ich mich entscheiden, hätte ich eine Wahl gehabt?“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast