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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
65.507
4
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07.12.2020 1.724
 
Sie war dem verführerischen Geräusch vom Wasser tief in die verwobenen Höhlensysteme gefolgt nur um über einen unterirdischen See der von heißen Quellen gespeist wurde zu stossen. Erleichtert glitt Kendra im Schutz der Nebelschwaden in das warme Nass und gab ein leisen Misslaut von sich, als die Mineralien in ihre offenen Verletzungen eindrangen. Sie hatte sich gegen jede Regel der Vernunft dem Training von Smaugs Schwestern angeschlossen und war erbarmungslos an ihre Grenzen getrieben worden. Neben den Feuerbällen, denen sie ausweichen musste, hatte sie mit den anderen Weibchen mehr oder weniger spielerisch gerungen. Ihr leichter Körperbau ermöglichte ihr zwar schnell die Richtung zu wechseln, aber ihre Muskelkraft war noch nicht stark genug, um einen direkten Angriff länger standzuhalten. Es tröstete sie ein wenig, dass es ihr durchaus gelungen war, ihre Klauen zwischen die Schuppenfugen ihrer Gegnerin zu platzieren und den Schuppenpanzer teilweise sogar abzureissen. Noch immer dröhnte ihr Schädel, wenn sie schaudernd an die vielen Male dachte, wo sie als Ramboss gegen die massiven Felswände gedonnert wurde. Wenigstens hatten die Weibchen darauf verzichtet, ihren Körper im Feuer zu baden und sie damit um ihre Flügel zu bringen.
Sie war dankbar, dass ihre Selbstheilungskräfte die schlimmsten Knochenbrüche und inneren Blutungen während ihrer Ohnmacht gerichtet hatten. Ohne die Magie, die in ihren Adern pulsierte, hätte sie den Kampf gegen die erfahreneren Weibchen wohl kaum überlebt oder hätte es hierher geschafft. Wahrscheinlich war sie noch glimpflich davon gekommen – was sie nur mit ihrer Theorie erklären konnte, das Schlüpflinge andere Gleichaltrige, die nicht zu ihrem Gelege gehörten, grundsätzlich freundlicher und nachsichtiger behandelten. So gesehen war es ein Zufall kombiniert mit der Tatsache, dass sie in ihrem Drachenkörper festsass, die sie am Leben hielt.

Missmutig ließ sie sich auf der Oberfläche treiben und starrte an die Höhlendecke. Natürlich würde sie es nie offen eingestehen, dass sie die gemeinsamen Abende mit ihrem „Vater“ vermisste und ihre Gereiztheit auf Schlafmangel zurückzuführen war. Selbst wenn es ihr gelang zu träumen, wurde sie von Bildern und Wahrnehmungen heimgesucht, die sie vor Entsetzen lähmte.

Längst konnte sie die Präsenz einer uralten Drachin spüren, die ihr selbst nichts als Hass und reine Mordlust entgegen brachte. Ein einziges Mal hatte sie den Fehler begangen und war mit dem fremden Bewusstsein verschmolzen. Drifas Grausamkeit und Bösartigkeit hatten an ihr gezerrt, sie beinahe in ihrer Intensität erstickt. Verzweifelt hatte sie sich an ihren Verstand und ihre Identität geklammert um nicht den Sog nachgeben zu müssen. Sobald sie ihre Gefühle unter Kontrolle brachte, war sie in der Lage gewesen, einen Blick auf die finsteren Pläne dieser Bestie zu werfen. Nun wusste sie, weshalb Scatha ohne Vorwarnung aufgebrochen war und sie bei den Feuerdrachen zurückliess. Auch wenn das uralte Drachenweibchen ihn ebenfalls auf möglichst grausame und schmähliche Weise eliminieren wollte, war er seiner Mutter am ehesten gewachsen. Ein Umstand, der Drifa zutiefst verärgerte und ihren Stolz verletzte. Um ihn zu bestrafen und zu fatalen Fehltritten zu verleiten, bedrohte sie seine schutzbedürftigen Verbündeten. Hautwechsler. Langlebige Menschen, die sich willentlich in Drachen verwandeln konnten aber auf diesen Vorteil meist aus Gewohnheit verzichteten.

Kendra schloss erschöpft die Augen und atmete gegen die eisige Angst an, die unbarmherzig die Fänge in ihr Herz grub. Selbst wenn Scatha sich nicht durch den Ehrenkodex gezwungen sähe, seine instabile, wahnsinnige und mordhungrige Mutter am Leben zu erhalten, obwohl sie eine ernsthafte Bedrohung darstellte, wäre er wahrscheinlich nicht mächtig genug um sie in einem direkten Kampf zu töten. Er konnte dieses Miststück auf Distanz und im Schach halten, da sie lieber auf essbare Marionetten zurückgriff die ihre Pläne ahnungslos durchführten als selbst direkt anzugreifen.

Angesichts dieser Entdeckungen wusste sie die plötzliche Wortkargheit ihres Ziehvaters besser einzuschätzen. Ihretwegen und um seinen Eid zu erfüllen nahm er es mit seinem persönlichen Albtraum auf. Wahrscheinlich hatte er Kendra ursprünglich deshalb zu den Feuerdrachen gebracht, um sie aus der Gefahrenzone zu wissen. Verständlich, schliesslich trachtete Drifa ihr praktisch seit ihrer Geburt nach dem Leben und sie wäre ausserstande, ihren Überlebenskampf auf gleicher Augenhöhe auszufechten.

Das Wissen um die tödliche Bedrohung, die zuhause auf sie lauerte hielt Kendra davon ab Smaugs Brüder aus Langeweile oder kindischem Groll zu quälen. Sie musste stärker, kräftiger und viel größer werden um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Mit den anderen Schlüpflingen zu üben bedeutete zwar mehr Gewalt und hinterhältige Überraschungsangriffe mit schmerzhaften Verletzungen, aber sie fühlte sie sich nicht länger hilflos und schwach.

>Mórrigan? Brauchst du Unterstützung um deine Wunden zu versorgen?< Ein schwaches Lächeln wärmte ihren Geist. Smaugs Mutter Ciarraí war ihr gegenüber erstaunlich milde und zeigte echte mütterliche Fürsorge. Um das besorgte Weibchen zu beruhigen teilte sie umsichtig ihren verbesserten Gesundheitszustand mit ohne ins Detail zu gehen. Sie würde sich nicht offen gegen die Anweisungen ihres Ziehvaters auflehnen. Scatha hatte ihr strikt untersagt, sich ohne einen erwachsenen Drachen von der Bruthöhle zu entfernen und dabei ihren Drachennamen gegen sie verwendet um ihren Gehorsam zu erzwingen. Es war gut möglich, dass er sie für ihre jüngste Dummheit bestrafen würde, indem er sie gänzlich der Gnade des Kaltdrachens auslieferte, der sich momentan selbstherrlich als ihren Mentor und Aufpasser bezeichnete.

>Der fliegende Eisklotz will dich bei seiner nächsten Jagd mitnehmen und lässt den Einwand, du könntest für solche Zwecke noch nicht genug fliegen nicht mehr gelten. Ich schätze, dieses Mal kommst du um den verhassten Flugunterricht nicht herum.<

Seit Scathas abrupten Aufbruch versuchte sie den erwachsenen Drachen, allen voran Jindra, auszuweichen und sich ihrem bevormundenden Zugriff zu entziehen. Jindra war einer der ersten Kaltdrachen, während sie selbst kaum mehr als ein Hautwechsler-Kind gefangen in einem Drachenkörper war und nichts über die Lebensweise der Kaltdrachen wusste. Etwas, das der Drache mithilfe einer strengen und engmaschigen Ausbildung zu ändern gedachte. Das jeder einzelne Schritt aufmerksam überwacht und bewertet wurde steigerte ihr Unbehagen. Es war nicht gerade leicht sich den Lektionen durch Jindra zu entziehen und im Nachhinein bereute sie den Aufschub immer. Grummelnd verließ Kendra ihren Rückzugsort und schüttelte sich energisch. Angesichts ihrer Situation und offensichtlichen Abhängigkeit musste sie ihren gekränkten Stolz verdrängen. Wenn sie wirklich überleben und zu ihrer leiblichen Familie zurückkehren wollte, kam sie nicht um das Fliegen und Jindras Unterricht herum. >Hat er den Zeitpunkt unseres Aufbruchs bereits preisgegeben?<
Ciarraí hüllte sich für einen Momen in Schweigen, ehe sie die bedeutungsvolle Nachricht weitergab: >Er will die letzten hellen Stunden des Tages nutzen. Du solltest dich also dringend beeilen.<
Entnervt nahm sie mehrere Abkürzungen um sich dem verhassten Unterricht zu stellen.


Smaug ließ seinen Schwanz vorschnellen und schlang diesen um den Hals seines Bruders Sindre, der gerade unvorsichtigerweise alleine unterwegs war. Röchelnd fuhren dessen Vorderkrallen zur abgeschnürten Kehle und versuchten panisch den muskulösen Schwanz abzuschütteln. Eigentlich hätte Sindre mit einer hinterhältigen Attacke rechnen müssen, angesichts des gewaltigen Wachstumschubes seines jüngsten Bruders. Statt seine Überlegenheit als höheres Wesen mit Vorkehrungen unter Beweis zu stellen, hatte Sindre sich zu sehr auf seinen Ruf und einschüchternde Manöver verlassen. Nun quollen seine Augen förmlich aus ihren Höhlen während sich sein Blut in ätzende Säure zu verwandeln schien. Er lechzte nach Luft und verbrannte innerlich an seinem ungezügelten Hass auf die goldene Nervensäge. Der kleine heimtückische Bastard hatte sich mit der winzigen niedergeborenen Drachin verbündet und damit seinen ohnehin erbärmlichen Charaktereigenschaften weitere unverzeihliche Makel hinzugefügt: Drachen pflegten keine Freundschaften oder erwiesen einander selbstlos Gefälligkeiten - und erst recht nicht schlossen sie Bündnissen mit artfremden Biestern, die den eigenen Angehörigen das schuppige Hinterteil fast vollständig weggeätzt hatten!
Nur war der goldene Drache im Augenblick mehr an der Umsetzung seiner Rache als dem heuchlerischen Ehrenkodex seiner Sippe interessiert. Zumal er Sindre davon abhalten wollte, den spielerischen Flugunterricht seiner weiblichen Verbündeten mit seiner bloßen Präsenz zu sabotieren. Endlich hatte er den älteren Bastard bezüglich Körpergröße und roher Muskelkraft soweit eingeholt, dass er eine echte Chance auf einen Sieg hatte ohne allzu viel Tücke anwenden zu müssen. Böse grinsend zerrte er den älteren Widerling zu den schwefelhaltigen heißen Quellen. Vielleicht konnte er der tyrannischen Herrschaft des impertinenten Bastards dort ein endgültiges Ende bereiten. Schließlich konnten junge Feuerdrachen nicht allzu lange Wasser oder Eis ausgesetzt sein, ohne dass lebenswichtige Organe verheerend beschädigt wurden. Gnadenlos warf er den zappelnden Körper seines Bruders in eines der gefüllten Becken und hielt unter vollem Körpereinsatz unter der Wasseroberfläche. Gerade als sämtliche Gegenwehr erlahmte und er sich seines Sieges sicher war, traf ihn von hinten ein kräftiger Feuerstoß in den Rücken, so dass er kopfüber ins stinkende Wasser purzelte.


Ciarraí packte ihre beiden streitlustigen Söhne mit jeweils einer Kralle im Genick und schnüffelte angewidert an ihren triefenden Gliedmaßen. Ursprünglich hatte sie diese Höhle aufgesucht, um in dem Wasser ihre frischerlegte Beute – einen ausgewachsenen Riesenwurm - von sämtlichen Giften zu befreien und energiesparend zu kochen. Stattdessen wurde sie Zeugin eines familiär-internen Todeskampfes. Wäre sie nicht so hungrig, hätte sie sich wohl kaum eingemischt. Ihre Brut war alt genug, um ihr Überleben auf sich gestellt zu sichern und sie hatte bereits die männlichen Nachkommen aus ihrer Höhle verjagt. Die drei überlebenden Weibchen ihres letzten Geleges waren von sich aus ausgezogen um ihre eigenen Territorien in Besitz zu nehmen. Intelligente Bälger.

>Statt einander bei vollem Bewusstsein eliminieren zu wollen, hättet ihr beide mehr Charakter in der Wahl eurer Methode unter Beweis stellen können. Smaug, dein Vorhaben hätte wesentlich mehr Bewunderung ausgelöst, wäre der Zeitpunkt früher gewählt. Eure Kräfte sind mittlerweile auf der gleichen Ebene und obendrein töten männliche Drachen einander nicht unnötig. Davon abgesehen ist ertränken als Tötungsmethode beleidigend unkreativ. Zur Strafe sollte ich euch beiden jede Schuppe einzeln ausreißen und eure Flügel zerfetzen, so wie ich es mit eurem Vater gemacht habe, weil er zu langsam abgehauen ist.< Ihre Sprösslinge stellten schlagartig ihr Gezappel an und warfen ihr vorsichtige Blicke von unten her zu. Genervt von ihrer eigenen Faulheit, die genannte Strafe umzusetzen, knallte Ciarraí die beiden Drachenschädel gegeneinander. >Das nächste Mal nutzt ihr gefälligst das Ding in euren Schädeln zum Denken. Diese Attacke war bestenfalls auf dem Niveau eines menschlichen Kleinkindes das zu viel Tollkirsche gefuttert hat. Ihr seid Drachen. Höhere intelligentere Wesen. Verhaltet euch entsprechend oder ich sorge persönlich dafür, dass von euch nutzlosen Kreaturen nicht einmal die Seele übrigbleibt. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Gut. Schert euch aus meiner Hör- und Sichtweite!<
Abrupt öffnete sie ihre Klauen und sofort stürmten die Brüder panisch davon. Sie hätte die Eier der zwei Männchen vor dem Schlüpfen fressen oder sich draufsetzen sollen. So viel geballte Dummheit konnte dauerhaft nur zum Tod führen.
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